Mathias Blanz, Arnd Florack u.a. (Hrsg.): Kommunikation
Rezensiert von Dr. Thorsten Naab, 25.08.2014
Mathias Blanz, Arnd Florack, Ursula Piontkowski (Hrsg.): Kommunikation. Eine interdisziplinäre Einführung. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2014. 290 Seiten. ISBN 978-3-17-021992-2. 39,90 EUR.
Thema
Der Sammelband gibt einen interdisziplinären Überblick über das Forschungsfeld verbaler und nonverbaler Kommunikation.
Herausgeber und Herausgeberin, Autorinnen und Autoren
Der Herausgeberkreis, Mathias Blanz, Arnd Florack und Ursula Piontkowski, konnten AutorInnen aus Psychologie, Sozialpsychologie, Psychotherapie, Kommunikationswissenschaft, Wirtschaftswissenschaft, Marketing, Erziehungswissenschaft, Linguistik, aus Design und Management sowie Wissenserwerb und Wissenskommunikation gewinnen.
Aufbau und Inhalt
Der Sammelband gliedert sich in zwei Teile. Durch die Beiträge im ersten Teil des Sammelbands werden die theoretischen Grundlagen verbaler und nonverbaler Kommunikation zwischen Personen und Gruppen, in Face-to-Face-Interaktionen und in unterschiedlichen Medien aus Perspektive unterschiedlicher Disziplinen dargestellt:
Mathias Blanz erläutert im ersten Kapitel definitorische und deskriptive Aspekte von Kommunikation. Der einführenden Einordnung der Kommunikationswissenschaft als wissenschaftliche Disziplin folgt die definitorische Analyse des Kommunikationsbegriffs. Hierbei ist hervorzuheben, dass der Autor den Kommunikationsbegriff sowohl positiv ein-, als auch negativ von verwandten Phänomenen abgrenzt sowie zwischen verbaler und nonverbaler Kommunikation differenziert. Im dritten Abschnitt des Kapitels vertieft der Autor die deskriptiven Charakteristika menschlicher Kommunikation indem er die Notwendigkeit der Bedeutung von Kommunikation sowie ihre Zeitlichkeit thematisiert und eine Systematisierung der Formen menschlicher Kommunikation vorschlägt. Schließlich werden in zwei weiteren Abschnitten die theoretischen Grundlagen zur Erschließung interpersonaler und medialer Kommunikation dargelegt.
Monika Schwarz-Friedel und Konstanze Marx geben im zweiten Kapitel einen Einblick in die linguistischen Grundlagen sprachlicher Kommunikation. Als Ausgangspunkt ihrer systematischen und gut zu erschließenden Darstellung beschreiben sie zunächst Sprache als geistiges Kenntnissystem mit dem es Menschen gelingt, sich selbst und anderen Gegenstände und Phänomene der Umwelt durch Zeichen begreifbar zu machen. Im Anschluss daran erläutern die Autorinnen, wie Menschen Sprache als kommunikatives Handlungsinstrument einsetzen. Dabei zeigen sie neben der grundsätzlichen Funktionsweise die Unterschiede zwischen indirekten und direkten Sprechakten auf. Im dritten Abschnitten geben Schwarz-Friedel und Marx schließlich einen Überblick über das Zusammenspiel von Sprache und Kognition. Neben den Passagen zu Spracherwerb, Sprachproduktion und Sprachrezeption findet sich hier einen kurzen Abschnitt zum Verhältnis von Sprache und Relalitätsrepräsentation.
Im dritten Kapitel stellen Klaus Fiedler und Tobias Krüger zwei zentrale Ansätze zur Beschreibung und Erklärung der Beeinflussung durch Sprache vor. Nach zwei einleitenden Abschnitten erläutern sie im Kontext des lexikalischen Ansatzes das Zusammenspiel von lexikalischem Priming, linguistischen Kategorien als Prädikate der Bedeutungsvermittlung sowie der Bedeutung von Glaubwürdigkeit im Zusammenhang mit dem Abstraktionsgrad der Wortwahl beim Sprechakt. Den Abschnitt zum konversationslogischen Ansatz leiten die Autoren mit dessen zentralen Grundannahmen ein, ehe sie sich ausführlich jedoch eher phänomenologisch geleitet mit den Grenzen der Umfrageforschung, der Beeinflussung durch Werbung sowie Framing-Effekten auf Entscheidungen befassen. In einem kurzen fünften Abschnitt thematisieren Fiedler und Krüger die Bedingungen wirksamer Beeinflussung. Das Kapitel schließt mit einem knappen Fazit.
Nicole C. Krämer, Sabrina Sobieraj, Sophia Grundnig und Leonie Rösner befassen sich im vierten Kapitel mit dem Phänomen der nonverbalen Kommunikation. Im ersten Abschnitt nehmen die Autorinnen eine Definition des Begriffs vor und geben einen kurzen Überblick über das entsprechende Forschungsfeld. In den nachfolgenden Abschnitten werden die Funktionen und Eigenschaften sowie die automatische Produktion und Rezeption nonverbalen Verhaltens vor dem Hintergrund des aktuellen Forschungsstands thematisiert. Im fünften Abschnitt diskutieren die Autorinnen die Bedeutung der Personenvariablen Alter, Kultur und Geschlecht als Einflussfaktoren auf Produktion und Rezeption nonverbalen Verhaltens. Schließlich werden exemplarisch einige Anwendungsfelder dargestellt sowie ausgewählte methodische Probleme (und mögliche Lösungen) dargestellt.
Im Kapitel 5 zur Interpersonalen Kommunikation systematisieren Margarete Boos und Martin Riethmüller zunächst die möglichen Interaktionsprozesse zwischen zwei Personen. Anschließend beschreiben sie ausführlich und kenntnisreich die Mechanismen des Zusammenspiels von sozialer Kontrolle und Affiliation. Nach einer Typologisierung inteersonaler Beziehungen folgt ein zusammenfassender Abschnitt zur kommunikativen Kompetenz, mit dem die Autoren die vorhergehenden Ausführungen nochmals bündeln und um eine kommunikativ-strategische Komponente ergänzen.
Ursula Piontkowski erläutert im sechsten Kapitel die theoretischen Grundlagen der Gruppenkommunikation. Dazu nimmt sie, analog zur Vorgehensweise der anderen Autoren, im ersten Abschnitt eine Definition des Gruppenbegriffs vor. Anschließend geht Piontkowski der Frage nach, wie Sympathie und Statusrelationen die Gruppenstruktur prägen und wie diese Strukturen durch soziometrische Verfahren sichtbar gemacht werden können. Die Autorin verknüpft dies schlüssig und gut nachvollziehbar mit der Ausbildung von Kommunikationsnetzen innerhalb einer Gruppe und zeigt im nachfolgenden Abschnitt auf, wie Gruppen Informationen verarbeiten, „merken“ und auf dieser Basis Entscheidungen treffen. In einem abschließenden Abschnitt gibt Piontkowski einen kurzen Überblick über die Kommunikation zwischen Gruppen, indem sie zum einen auf Prozesse der Bildung sozialer Identitäten verweist, zum anderen die Mechanismen zur Kategorisierung durch Sprache beschreibt.
Im siebenten Kapitel, welches den ersten Teil des Sammelbandes zu den theoretischen Grundlagen abschließt, betrachten Dagmar Unz und Mathias Blanz die mediale und Massenkommunikation. Einer kurzen Einleitung und Begriffsbestimmung in den ersten beiden Abschnitten folgt eine Darstellung der gängigen Modelle zur Beschreibung (massen)medialer Kommunikationsprozesse. Die Autoren strukturieren die weiteren Abschnitte des Kapitels dabei anhand von Fragen, welche sie an die Struktur des Modells der Massenkommunikation anlehnen: Wie kommen Nachrichten zustande? Was beinhalten Nachrichten? Wie verbreiten sich Nachrichten? Das Kapitel schließt mit einer Darstellung des Modells der Massenkommunikation von Maletzke anhand dessen die Autoren das Zusammenspiel von Kommunikator und Rezipient im (massen)medialen Kommunikationsprozess erläutern.
Im zweiten Teil des Bandes werden die Grundlagen am Beispiel praktischer Anwendungsfelder vertieft. Dabei wird in vier Abschnitten mit jeweils zwei bis drei Beiträgen auf Kommunikation im gesellschaftlichen Kontext, Kommunikation und Medien, Kommunikation in der Wirtschaftspraxis sowie Kommunikation in der Beratungspraxis ein Einblick in die entsprechenden Anwendungsfelder gegeben.
Im ersten Beitrag zu Kommunikation im gesellschaftlichen Kontext (Kapitel 8) beschreiben Katrin Wodzicki und Ulrike Cress Kommunikationsprozesse in sozialen Netzwerken. Nach einem kurzen historischen Überblick, erläutern sie die Mechanismen der Selbstdarstellung, systematisieren den Aufbau von und die Austauschprozesse in sozialen Netzwerken. Die zentralen Argumente fassen sie in einem abschließenden Fazit zusammen.
Daniela Lange und Ralf Schwarzer setzen sich im neunten Kapitel mit gesundheitsbezogener Kommunikation auseinander. Hierbei erläutern sie zunächst Gesundheitskommunikation und Gesundheitsförderung aus einer eher am Kommunikator orientierten Perspektive sowie Risikowahrnehmung und Risikokommunikation aus einer eher am Rezipienten orientierten Perspektive. Nach einer Beschreibung von Darstellungsformen und möglicher Effekte diskutieren die Autoren das Spannungsverhältnis von Risiko- und Ressourcenkommunikation. Anhand des Health Action Process Approach zeigen die Autoren einen idealtypischen Prozess der Gesundheitskommunikation auf, bevor sie das Kapitel mit einem kurzen Fazit schließen.
Das Kapitel zur Interkulturellen Kommunikation von Anette Rohmann und Agostino Mazziotta ist der dritte Beitrag zu Kommunikation im gesellschaftlichen Kontext. Nach einer kurzen Verortung des Kulturbegriffs diskutieren die Autoren ausführlich die Herausforderungen und Besonderheiten interkultureller Kommunikation. Sie zeigen anschließend die Bedingungen für eine positive Beziehung zwischen Mitgliedern verschiedener Gruppen auf und erläutern, inwieweit Akkulturationsprozesse ein geeigneter Rahmen zum Verständnis der Kommunikation zwischen Mitgliedern verschiedener Kulturen sein können. Das Kapitel schließt mit einem Überblick über die Möglichkeiten zur Förderung interkultureller Kommunikation.
Im Anwendungsfeld Kommunikation und Medien stellt Dagmar Unz in Kapitel 11 die zentralen Forschungsergebnisse der Mediennutzungsforschung dar. Sie erläutert dabei die Bedeutung die von Massenmedien im (Freizeit-) Alltag, die Determinanten der Medien- und Programmwahl sowie den Selektionsprozessen während der Medienrezeption. Das Kapitel schließt mit einem kurzen Überblick über die Nichtnutzerforschung.
Holger Schramm und Johannes Knoll geben in Kapitel 12 einen Überblick über die Medienwirkungsforschung. Nach einer kurzen Einführung, in der sie die grundlegenden Kriterien zur Beurteilung und Einteilung von Medienwirkungen erläutern, präsentieren sie die zentralen Forschungsergebnisse zu kognitiven, emotionalen, konativen und Einstellungswirkungen.
Im ersten Beitrag zum Anwendungsfeld Kommunikation und Wirtschaft setzen sich Peter Kenning und Marion Steffen mit der Kommunikationspolitik im Handel auseinander. Nach einem kurzen Überblick über die historische Entwicklung erläutern die Autoren die Grundzüge des handelsbetrieblichen Kommunikationskonzepts, wobei sie zunächst Ziele, Strategien und Instrumente darstellen und diese anschließend anhand von Kommunikationsträgern im Einzelhandel sowie die Messung der Kommunikationseffizienz vertiefen.
Oliver B. Büttner, Arnd Florack und Martin Scarabis befassen sich in Kapitel 14 mit Werbekommunikation. Nach einer kurzen Verortung der Werbekommunikation in die Maßnahmen unternehmerischer Kommunikationspolitik stellen die Autoren zunächst ein Rahmenmodell sowie die zentralen Instrumente der Werbekommunikation vor. Anschließend erläutern sie anhand des Consumer Information Processing sowie des Merh-Routen-Prinzips den Einsatz dieser Instrumente.
In Kapitel 15 gibt Sonja Öhlschlegel-Haubrock einen systematisch aufbereiteten Einblick in Kommunikationstrainings für Mitarbeiter und Führungskräfte. Zuerst erläutert sie die Bedeutung von Kommunikation in der Führung und als Grundlage der Mitarbeiterführung. Anschließend arbeitet sie sowohl für Führungskräfte als auch Mitarbeiter Kommunikationsanforderungen heraus, um daraus Regeln für das Training der jeweiligen Kommunikationskompetenz abzuleiten.
Die Beiträge des abschließenden Anwendungsfeld befassen sich mit Kommunikation in der Beratungspraxis. Im ersten Beitrag erläutert Dieter Schmelzer das Beratungsgespräch mit Klienten (Kapitel 16), wobei er zunächst die Beratungssituation nach allgemeinen Aspekten, Beziehungsaspekten und Inhaltsaspekten systematisiert. Anhand eines 7-Phasen-Modells gibt Schmelzer einen Orientierungsrahmen anhand dessen die zentralen Schritte eines Beratungsprozesses nachvollzogen werden können. Das Kapitel schließt mit einem Ausblick auf weitere wichtige Aspekte der Beratung wie der Bedeutung kommunikativer Kompetenz und den Umgang mit schwierigen Beratungssituationen.
In Kapitel 17 befassen sich Mirjam Kessler und Guy Bodenmann mit Kommunikationstrainings für Paare. Ausgehend von einer kurzen Reflexion der Bedeutung von Kommunikationstrainings erläutern die Autoren die Funktionen des Kommunikationstrainings in Konfliktsituationen, im Kontext des dyadischen Copings sowie in der Prävention. Anschließend diskutieren sie das Potential von Kommunikationstrainings für Familien sowie deren Wirksamkeit insgesamt.
Im den Sammelband abschließenden 18 Kapitel beschreiben Rainer Bromme und Regina Jucks die Psychologie der Experten-Laien-Kommunikation. Nach einem Überblick über die zentralen Konzepte zum Expertentum und den Funktionen von Experten im Kommunikationsprozess erläutern die Autoren unter welchen Bedingungen Wissensunterschiede zu Kommunikationsproblemen werden können. Schließlich geben sie einen Überblick, wie Experten das Wissen von Laien für eine erfolgreiche Kommunikation berücksichtigen können und welche Determinanten die Vertrauensbildung zwischen Experte und Laie beeinflussen.
Alle Kapitel enthalten am Ende einen Verweis auf weiterführende Literatur sowie Übungsfragen zum jeweiligen Thema.
Diskussion
Bei dem vorliegenden Buch handelt es sich um einen Sammelband und leider merkt man dies dem Werk auch an. Zwar erhebt Mathias Blanz im ersten Kapitel den Anspruch, dass dieses als Einordnung der nachfolgenden Kapitel dienen möge, allerdings bleibt es den Leser_innen selbst überlassen, diese Leistung zu übernehmen. Dies gilt sowohl für die theoretischen Grundlagen im ersten Teil des Buches, deren Abfolge sich implizit erschließt, vor allem aber für die Anwendungsbereiche: Hier lässt sich trotz der zahlreichen durchaus sehr interessanten Beiträge zum einen kaum eine Systematik hinter der Auswahl erkennen. Zum anderen bleibt es den Leser_innen überlassen die Verortung der theoretischen Grundlagen des ersten Teils des Sammelbands im jeweiligen Anwendungsbereich selbst vorzunehmen. Darüber hinaus arbeiten die Anwendungsbereiche selbst ebenfalls einen Theoriekorpus auf, der wiederum nur wenig explizit Bezug auf die in den ersten sieben Kapiteln dargestellten theoretischen Grundlagen nimmt. Dem Konzept des Sammelbands ist es ebenfalls geschuldet, dass die argumentative Struktur zwischen den einzelnen Beiträgen deutlich variiert, wodurch sich der Eindruck einer inkonsistenten Sammlung verstärkt.
Zusammenfassend fällt es schwer zu beurteilen, ob sich der Sammelband als eine Einführung zur Erforschung von Kommunikation eignet: Auf der einen Seite gehen die Darstellungen der theoretischen Grundlagen in den meisten Fällen nicht über einen einleitenden Überblick hinaus, so dass erfahrenere Leser hier in den meisten Fällen Altbekanntes finden werden. Andererseits ist die Leserführung – dem Format des Sammelbands geschuldet – so sparsam, dass eine gewisse inhaltliche Kompetenz innerhalb der Thematik notwendig ist, um die notwendige Konsistenz der Beiträge gewissermaßen zu ko-produzieren.
Fazit
Der vorliegende Sammelband gibt eine interdisziplinäre Einführung zur Erforschung von Kommunikation. Als Sammelband erfordert er jedoch die Mitarbeit der Leser_innen da die einzelnen Kapitel nur implizit miteinander verknüpft werden und die Bezüge untereinander sich zwar ergeben, jedoch selbst erarbeitet werden müssen. Für Leser_innen die bereits Vorkenntnisse im Bereich Kommunikation haben, lohnt sich der Blick in einige der Beiträge zu den Anwendungsfeldern.
Rezension von
Dr. Thorsten Naab
Wiss. Mitarbeiter am Institut für Medien, Wissen und Kommunikation der Universität Augsburg
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Zitiervorschlag
Thorsten Naab. Rezension vom 25.08.2014 zu:
Mathias Blanz, Arnd Florack, Ursula Piontkowski (Hrsg.): Kommunikation. Eine interdisziplinäre Einführung. Verlag W. Kohlhammer
(Stuttgart) 2014.
ISBN 978-3-17-021992-2.
In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16636.php, Datum des Zugriffs 11.03.2024.
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