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Fritz Reheis: Politische Bildung

Rezensiert von Prof. Dr. Klaus Hansen, 03.11.2014

Cover Fritz Reheis: Politische Bildung ISBN 978-3-658-02647-9

Fritz Reheis: Politische Bildung. Eine kritische Einführung. Springer VS (Wiesbaden) 2014. 158 Seiten. ISBN 978-3-658-02647-9. D: 14,99 EUR, A: 15,41 EUR, CH: 19,00 sFr.

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Autor

Der promovierte Soziologe und habilitierte Erziehungswissenschaftler Fritz Reheis ist Akademischer Direktor für Didaktik der Sozialkunde am Lehrstuhl für Politische Theorie der Universität Bamberg. Er war viele Jahre Sozialkundelehrer und Referent in der außerschulischen Jugend- und Erwachsenenbildung. 2011 legte er sein Buch „Wo Marx Recht hat“ vor, das bei socialnet rezensiert wurde: www.socialnet.de/rezensionen/11923.php

Aufbau und Inhalt

Das Buch enthält fünf Kapitel. Das vierte Kapitel, zugleich das umfangreichste, kann als das Herzstück der „kritischen Einführung“ bezeichnet werden.

  1. Was ist Politische Bildung?
  2. Übergeordnete Ziele
  3. Ausgangsbedingungen der Politischen Bildung
  4. Mündigkeit als Prozess
  5. Themenfelder und Herausforderungen der Politischen Bildung

Durch einige Bemerkungen in Einleitung und Schlusswort wird das Buch von einem gewissen Klageton eingerahmt. Der Verfasser bedauert den geringen Stellenwert der politischen Bildung in unserer Gesellschaft: sie friste auf den Stundentafeln öffentlicher Schulen nur ein Schattendasein und in der außerschulischen Jugend- und Erwachsenenbildung vegetiere sie als staatlich alimentierter Zuschussbetrieb vor sich hin. Gründe genug, wenn das stimmt, um eine Lanze für die politische Bildung zu brechen! Ob es jedoch ihrem Ansehen zuträglich ist, wenn man, wie im Buch durchgängig der Fall, das Adjektiv „politisch“ mit großem P schreibt: „Politische Bildung“?

Politische Bildung – was ist sie, wann beginnt sie?

Politische Bildung ist die faire (also den „Beutelsbacher Konsens“ beherzigende) Hinführung der durch Familie, Schulen, Cliquen, Milieus und Massenmedien prädisponierten Heranwachsenden zur Anerkennung, Durchsetzung und Wahrung der Menschenrechte in einer sozial- und rechtsstaatlichen Demokratie, die die Achtung der Würde des Menschen an die erste Stelle ihrer Verfassung gesetzt hat. Der politisch gebildete Mensch ist ein aktiver Verfechter eines menschenwürdigen Gemeinwesens. Seine politische Bildung ist Teil seiner Allgemeinbildung.

„Wann beginnt politische Bildung eigentlich?“, fragt der Verfasser auf Seite 52. Und antwortet dem Sinne nach so: Sie kann gar nicht früh genug beginnen! In Familie, Hort, Krippe, Kindergarten; denn auch diese Orte sind Formen der „Polis“, in denen man lernt, nach bestimmten, von Menschen gemachten Regeln zusammenzuleben und die „Basiskategorien des Politischen“ am eigenen Leibe zu erfahren: „Streit“ und „Einigung“. Der Mensch ist von Geburt an ein Zoon politikon.

Mündigkeits-Kompetenz

Inkarnation des politische Gebildeten ist der „mündige Bürger“: ein Citoyen mit aufrechtem Gang, aufgeklärtem Kopf, weichem Herz und mutiger Hand. Was sollen mündige Bürger wissen, verstehen und können? Gleich mehrere Kataloge mit „Kompetenzen“ (nicht „Qualifikationen“, darauf legt der Autor mit gutem Grund wert) werden aufgeblättert. Ja gut, möchte man sagen, der Mündige sollte sich selbst kennen und „Identitätskompetenz“ besitzen, – aber wer sollte das nicht? Der politisch Mündige sollte über ein erhebliches ökonomisches, ökologisches und historisches Fakten- und Zusammenhangswissen verfügen, – aber ist das nicht eine Forderung an die Allgemeinbildung überhaupt? Vielleicht hätte man sich, da es ja doch um politische Bildung im demokratisch verspäteten Deutschland geht, auf die Ausbuchstabierung einer „Demokratiekompetenz“ beschränken sollen. Aber politische Bildung auf „Demokratiepädagogik“ reduzieren zu wollen, erscheint dem auf „ganzheitliche Ansätze“ bestehenden Autor eine zu schmalspurige, zu funktionale Herangehensweise zu sein.

Besonders aufschlussreich in diesem Kapitel sind die Überlegungen zu einer „Didaktik der Mündigkeit“: Auf welchen Wegen, in welchen Lehr-Lern-Prozessen kann Mündigkeit am besten befördert werden? Sieben didaktische „Orientierungen“ werden vorgestellt, wobei die „Fall-Orientierung“ des Unterrichts, verbunden mit einer wertegeleiteten Handlungs- und Aktionsorientierung eine Art Königsweg zu sein scheint.

Wiederholt bringt der Verfasser die Begriffe Mündigkeit und Widerstand zusammen, so dass man geneigt ist zu postulieren: Mündigkeit ist Widerstandsfähigkeit gegenüber herrschenden Gemeinplätzen, Vorurteilen und Legitimationsideologien.

Exemplarische Themen der politischen Bildung

Das Buch schließt mit der Vorstellung von fünf für die kritische Bewusstseinsarbeit der politischen Bildung exemplarischen Themenfeldern: „Gesellschaft und Ungleichheit“; „Wirtschaft und Staat“; „Europa und die Welt“; „Friede und Umwelt“; „Politische Grundströmungen“. Beim letzten Themenfeld werden nicht nur die obligatorischen Hochideologien des Liberalismus, Konservativismus und Sozialismus behandelt, sondern auch die neuzeitlichen Tendenzen des Ökologismus und Digitalismus.

Fazit

Das Buch versteht sich als „Einführung“, die sich an die Praktiker der politischen Bildung innerhalb und außerhalb der Schule richtet. Es setzt also kein spezielles Vorwissen, sondern nur die Neugier des Lesers voraus. Als „kritisch“ versteht sich diese Einführung, weil sie im Geiste der „Kritischen Theorie“ und namentlich von Oskar Negt politische Bildung immer von zwei Seiten beleuchtet: von der Seite des Politischen, also der soziokulturellen Verhältnisse wie sie sind, aber nicht bleiben müssen, und von der Seite des einzelnen Menschen und seines konkreten Verhaltens, das seinen Werdegang hat, aber zeitlebens beeinflussbar bleibt. Die „Verhältnisse“ misst es dabei konsequent am Maßstab der Menschenwürde; das „Verhalten“ des Einzelnen am Maßstab der Mündigkeit. – Eine engagierte Einführung mit klar definierten Begriffen auf einer erfreulich übersichtlichen Seitenzahl!

Rezension von
Prof. Dr. Klaus Hansen
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Zitiervorschlag
Klaus Hansen. Rezension vom 03.11.2014 zu: Fritz Reheis: Politische Bildung. Eine kritische Einführung. Springer VS (Wiesbaden) 2014. ISBN 978-3-658-02647-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16642.php, Datum des Zugriffs 25.02.2024.


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