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Zentrum für Medizinische Bildung Bern (Hrsg.): Biografiearbeit in der Aktivierungstherapie

Cover Zentrum für Medizinische Bildung Bern (Hrsg.): Biografiearbeit in der Aktivierungstherapie. h.e.p.-verlag (Bern) 2014. 82 Seiten. ISBN 978-3-03905-958-4. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 22,00 sFr.

Reihe: Aktivierungstherapie - Band 3.
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Thema

Dass Biografiearbeit in der Arbeit mit älteren Menschen eine zentrale Funktion hat, gilt seit langem als Selbstverständlichkeit. Allerdings bestehen in der Praxis der Biografiearbeit erhebliche konzeptuelle, methodische und auch qualitative Unterschiede. Insbesondere da, wo Biografiearbeit sich als integrativer Teil eines therapeutischen Verfahrens versteht, bedarf es der Klärung, welche Ziele und Methoden die Biografiearbeit bestimmen und welche Möglichkeiten aber auch Grenzen Biografiearbeit in diesem Zusammenhang hat. Dieser Frage wendet sich das vorliegende Buch in vier unterschiedlichen Perspektiven zu.

Autorinnen

  • Dr. phil. Verena Kast, Professorin a.d. Universität Zürich, Dozentin am C.G.Jung-Institut Zürich, ist durch zahlreiche, z.T. grundlegende Veröffentlichungen – etwa zum Thema der Trauer – über den wissenschaftlichen Raum hinaus bekannt.
  • Dr. phil. Cornelia Kricheldorff, lehrt als Professorin für Soziale Gerontologie an der Katholischen Hochschule Freiburg/Br. Sie ist ausgebildete Dipl. Sozialgerontologin und Dipl. Sozialpädagogin.
  • Yolanda Kopp Viglino ist Arbeitspsychologin, Maltherapeutin und Dozentin im Bildungsgang Aktivierung HF an der medi Bern / Fachschule f. medizinische Bildung.
  • Rita Dilitz ist Diplomaktivierungsfrau HF.
  • Renate Rubin ist Poesie- und Bibliotherapeutin, Zertifizierte Gerontologin INAG und Dozentin im Bildungsgang Aktivierung HF an der medi Bern.
  • Eveline Büchli ist Dipl. Aktivierungsfachfrau HF an der medi Bern.
  • Dr. phil. Myriam Dellenbach ist Gerontopsychologin und Leiterin des Bildungsgangs Aktivierung HF an der medi Bern.

Aufbau und Inhalt

In einem „Editorial“ (S. 7-9) gibt Verena Kast einen Ausblick auf die Zielsetzung und die thematischen Schwerpunkte des Buches. Zentrale Frage ist demnach, „wie und wie weit Arbeit an biografischem Material in die Aktivierungstherapie einbezogen werden kann.“ (S. 7)

Der Beitrag „Grundlagen der Biografiearbeit – Biografie und Identität“ von Cornelia Kriecheldorff (S. 13-32) verweist auf die zunehmende Bedeutung der Biografiearbeit im Bereich der aktivierenden Pflege von Heimbewohner/-innen. Dabei werden auch Möglichkeiten der Biografiearbeit mit dementiell erkrankten Menschen aufgezeigt. Im Weiteren werden Verknüpfungsmöglichkeiten mit dem Empowerment-Ansatz, der Salutogenese, der Kontinuitätstheorie sowie der SOK-Theorie u.a. dargestellt. Ein Ausblick auf Arbeitsansätze und -methoden schließt den Beitrag ab.

Der von Yolanda Kopp Viglino und Rita Dilitz verfasste Aufsatz „Die Lebensgeschichte als Quelle für die Aktivierungstherapie“ (S. 33-42) stellt die Verbindung von Biografiearbeit, Sinnfindung und Ideen der Salutogenese in den Vordergrund. Die Darstellung von Aufgabe und Zielsetzung der Biografiearbeit in der Aktivierungstherapie verbindet sich hier mit der Frage, ob wirklich eine Rekonstruktion der Lebensgeschichte angestrebt bzw. erreicht wird und inwieweit die Versöhnung mit schwierigen biografischen Ereignissen als Ziel – auch bei Menschen mit Demenz – angesehen werden kann. Hierzu werden Fallbeispiele vorgestellt, an denen diese Fragen konkret entfaltet werden.

In dem Beitrag von Renate Rubin „Schreiben gegen das Vergessen“ (S. 43-69) geht es um die Bedeutung des Schreibens als Ressource in hohem Alter und darüber hinaus um die Bedeutung der Sprache an sich. Dabei wird auch das Erinnern an alte Gedichte ebenso wie die Möglichkeit, neue Gedichte zu schreiben angesprochen. Im Weiteren entfaltet die Autorin dann didaktische Aspekte für das Schreiben in hohem Alter gerade auch bei Menschen, die lange nicht mehr geschrieben haben. Auch hier wird der Aspekt dementieller Erkrankung in die Überlegungen der Autorin mit einbezogen.

Myriam Dellenbachs Artikel „Erfolgreiche Biografiearbeit in der Aktivierungstherapie - Abgrenzungen und Übereinstimmungen“ (S. 71-82) nimmt zunächst eine Differenzierung zwischen Biografiearbeit und biografieorientiertem Arbeiten vor, um dann zu einer Klärung der Funktion von Biografiearbeit im Rahmen der Aktivierungstherapie zu kommen. Angesichts häufiger begrifflicher Diffusionen wird hier eine methodensystematische Klärung erreicht, die sich in der Praxis immer wieder als notwendig erweist. Dies gilt umso mehr, als auch der Begriff der Therapie in der Praxis der Arbeit mit alten Menschen häufig unscharf gebraucht wird.

Jedem der vier Beiträge ist ein Literaturverzeichnis angefügt, das die Möglichkeit zu einer vertiefenden Weiterarbeit bietet.

Zielgruppe

Das Büchlein ist vor allem für professionell und ehrenamtlich in der Praxis der Arbeit mit älteren Menschen Tätige eine gute Orientierungshilfe. Es bietet einerseits konkrete Anregungen für die biografieorientierte Arbeit, vor allem aber vermittelt es eine Klarstellung hinsichtlich der Differenzierung zwischen Biografiearbeit im therapeutischen Kontext und außerhalb dieses Kontextes. Auch für Angehörige älterer Menschen, vor allem, wenn diese mit deren Betreuung und Pflege befasst sind, ist das Buch eine wertvolle Hilfe.

Diskussion

So gering das Büchlein in seinem quantitativen Umfang ist, hat es doch nicht unerhebliches qualitatives Gewicht. In der Darstellung und systematischen Eingrenzung dessen, was unter Biografiearbeit zu verstehen ist und was nicht, leistet es einen Beitrag dazu, dass in den einschlägigen Praxisfeldern terminologisch genauer mit den Begriffen umgegangen wird. Vor allem aber eröffnet es Einblicke in ein Arbeitsfeld, das einerseits tiefe menschliche Dimensionen erschließt und andererseits Möglichkeiten eines angemessenen professionellen Umgang mit diesen Dimensionen aufzeigt.

Fazit

Für die oben angezeigte Zielgruppe ist das Buch sehr empfehlenswert. Auch im Rahmen des Studiums der Gerontologie – speziell der Gerontopsychologie –, der Pflegewissenschaften und der Sozialen Arbeit ist die Lektüre überaus empfehlenswert.


Rezension von
Prof. Dr. Michael Brömse
Fachhochschule Hannover, Fakultät V (Diakonie, Gesundheit und Soziales)


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Zitiervorschlag
Michael Brömse. Rezension vom 26.08.2014 zu: Zentrum für Medizinische Bildung Bern (Hrsg.): Biografiearbeit in der Aktivierungstherapie. h.e.p.-verlag (Bern) 2014. ISBN 978-3-03905-958-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16648.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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