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Helmut Willems (Hrsg.): Konzepte und Methoden der Jugendberichterstattung

Cover Helmut Willems (Hrsg.): Konzepte und Methoden der Jugendberichterstattung. Wissenschaftliche Herausforderungen und Perspektiven. Springer VS (Wiesbaden) 2014. 222 Seiten. ISBN 978-3-658-04300-1. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 50,00 sFr.

Reihe: Research.
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Thema

Die Veröffentlichung geht auf einen Workshop an der Universität Luxemburg im WS 2011/2012 zurück und fokussiert auf (neue) konzeptionelle und methodische Fragen der Jugendberichterstattung als Teil der Sozialberichterstattung. Als Ausgangspunkt wird ein Mangel an theoretischer, konzeptioneller wie methodischer Beschäftigung mit Fragen der Jugendberichterstattung konstatiert. Jugendberichterstattung wird dabei verstanden als wissenschaftliche Bestandsaufnahme wie auch als Grundlage der Orientierung und Entscheidungsvorbereitung in entsprechenden politischen Rahmen. Im Blick der Veröffentlichung sind insbesondere Auftragsforschungen, mit denen Hochschulen bzw. Forschungsinstitute von Politik bzw. Verwaltung beauftragt werden.

Herausgeber, Autor_innen und Entstehungshintergrund

Herausgegeben wird der Band von Prof. Dr. Helmut Willems der an der Universität Luxemburg eine Professur für Soziologie und Jugendforschung innehat. Am Sammelband mit Beiträgen beteiligt sind Autor_innen, die in Luxemburg, Österreich, der Schweiz und Deutschland an Hochschulen bzw. Forschungsinstituten arbeiten.

Aufbau und Inhalt

Die Veröffentlichung ist in vier Kapitel gegliedert.

Nach einer kurzen Einleitung (Kapitel A) des Herausgebers, bildet das Kapitel B „Konzepte und Methoden nationaler, regionaler und kommunaler Jugendberichte“ mit acht Beiträgen auch vom Umfang her den Schwerpunkt innerhalb des Bandes. Aus verschiedenen Ländern wird auf Berichterstattungen auf unterschiedlicher Ebene eingegangen: auf die Länderebene mit z.T. europäischen Bezügen (Luxemburgische und österreichische Jugendberichte und deren partizipativen Vorgehensweisen) sowie auf die Ebene der Bundesländer, hier die an Luxemburg angrenzenden Bundesländer Saarland und Rheinland-Pfalz. Es variieren dabei auch die inhaltlichen Foki (z.B. Kinderschutzfragen im Saarland/Schäffer, Child well-being in Rheinland-Pfalz/Schrapper und in der Schweiz/Perrig-Chiello und Hutchison), Des Weiteren wird in diesem Kapitel B in einem Beitrag auf die kommunale Jugendberichterstattung als Politikberatung fokussiert (Bitzan) und dabei auch das Verhältnis von Jugendberichterstattung und Jugendhilfeplanung bestimmt. Filsinger geht in seinem Beitrag auf Fragen des Zusammenspiels von Integrationsberichten und Jugendberichterstattung und nach wie vor fehlenden Verknüpfungen ein.

Das Kapitel C „Forschung als Grundlage der Jugendberichterstattung“ umfasst zwei Beiträge von Mitarbeiter_innen des Deutschen Jugendinstituts. Alt und Bien zeigen Möglichkeiten und Probleme der Nutzung von Surveydaten und beschreiben dabei insbesondere, wie als Ergänzung zu den amtlichen Daten die spezifischen subjektiven Lebenslagen und Lebensverhältnisse von Kinder und Jugendlichen abgebildet werden können. Auf Fragen der internationalen Partizipations- und Längsschnittforschung gehen im Anschluss Wächter/de Rijke, Gille und Gaiser am Beispiel der EUYOUPART-Studie ein.

Im letzten Kapitel D „Jugendberichterstattung als Herausforderung für die Wissenschaft“ erläutert zunächst Lück-Filsinger aus einer qualitativen Studie mit drei Fallbeispielen Konstellationen im Dreieck von Verwaltung/Politik, Adressaten und Institutionen und arbeitet Erkenntnisse zur Rolle der Wissenschaft heraus. Abschließend resümiert Lüders die Geschichte, die Resonanz und die Leistung der Kinder- und Jugendberichte in der Bundesrepublik Deutschland: „Kinder- und Jugendberichte inklusive ihrer Materialien, fungieren bislang als unabhängige fachliche Autorität und belastbare Berufungsinstanz. Sie bündeln und koefizieren den jeweils als gültig erachteten verlässlichen Stand der Dinge. Sie verstehen sich als öffentliche Darstellung und rücken so dicht an die Repräsentationsformen heran, welche die amtlichen Statistik für sich behauptet: den allgemeinen offiziellen Standpunkt, also die „Zentralperspektive“ inne zu haben und offiziell zu berichten.“ (Lüders S.211).

Diskussion

Das Thema ist mit den verschiedenen Länderperspektiven und den unterschiedlichen Ebenen umfassend angelegt. Dies eröffnet die Möglichkeit, einen breiten Einblick in die Rahmenbedingungen der unterschiedlichen Länder zu erhalten. In der Vielfalt besteht jedoch auch die Gefahr der fehlenden Vertiefung. Nicht ganz deutlich wird im Sammelband die Gesamtkontur, das Profil, der Fokus dieser Veröffentlichung. Hier hätte aus meiner Sicht ein stärker konturierender einleitender Beitrag oder ein abschließender bewertender Beitrag gut getan.

Die Veröffentlichung bzw. die einzelnen Beiträge bewegen sich im System der Hochschule bzw. der Wissenschaft, damit in einer spezifischen Form der Wissensgenerierung. Die Veröffentlichung bewegt sich damit vor allem im selbstreferenziellen System. Bezüge zu den Berufsfeldern der kommunalen und z.T. auf Bundesländerebene tätigen Sozial- bzw. Jugendhilfeplaner_innen und deren Wirkungsfeld sowie Schnittstellenthematiken sollten in weiteren Überlegungen und Debatten stärker einbezogen werden. Dies könnten auch interessante Perspektiven für den Ausbildungskontext sein.

Fazit

Mit Jugendberichterstattung kann der gesamte Prozess bezeichnet werden, der dazu führt, dass öffentlich und in Gremien systematisch und planvoll über Jugendfragen berichtet wird – und idealiter auf dieser Grundlage Maßnahmen getroffen werden. Der Sammelband, als Material für Lehre und Ausbildung im Bereich der Soziologie bzw. der empirischen Sozialforschung, leistet einen Beitrag, Studierende in der Ausbildung zu Fragen der Berichterstattung in Bezug auf die fachliche und politische Gestaltungsaufgabe der Jugendhilfe zu qualifizieren. Hier wird es für Weiterentwicklungsfragen in den nächsten Jahrzehnten notwendiger denn je sein, empirische Daten zum gesellschaftlichen Wandel zu erzeugen, Partizipationsverfahren zu entwickeln und Erkenntnisse politisch zu vermitteln. Diskurse und Reflexivität zur Methodik, Rolle und Profil der Jugendberichterstattung und der Jugendhilfeplanung sind dabei zwingend notwendig.

Ein interessanter Band mit vielfältigen Aspekten der empirischen Sozialforschung im Bereich der Jugendberichterstattung auf der Ebene von Bund und Länder. Die Veröffentlichung eignet sich für die Zielgruppe der Dozierenden und Studierenden und knüpft – längst überfällig – an Fragen der 1980er und 1990er Jahre zur Sozialberichterstattung als Teil der (Mit)Gestaltung von Sozialpolitik wieder an.

Die kommunale Jugendberichterstattung und damit Fragen und Herausforderungen von kommunaler Sozialplanung und Jugendhilfeplanung bleiben dagegen – bis auf einen Beitrag – unterbelichtet.


Rezension von
Prof. Dr. Claudia Daigler
Professorin für Integrationshilfen und Übergänge in Ausbildung und Arbeit an der Hochschule Esslingen
Homepage www.hs-esslingen.de/de/mitarbeiter/claudia-daigler.html
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Zitiervorschlag
Claudia Daigler. Rezension vom 27.06.2014 zu: Helmut Willems (Hrsg.): Konzepte und Methoden der Jugendberichterstattung. Wissenschaftliche Herausforderungen und Perspektiven. Springer VS (Wiesbaden) 2014. ISBN 978-3-658-04300-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16651.php, Datum des Zugriffs 23.01.2021.


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