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Marc Diebäcker: Soziale Arbeit als staatliche Praxis im städtischen Raum

Cover Marc Diebäcker: Soziale Arbeit als staatliche Praxis im städtischen Raum. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2014. 295 Seiten. ISBN 978-3-658-03411-5. D: 34,99 EUR, A: 35,97 EUR, CH: 44,00 sFr.

Reihe: Sozialraumforschung und Sozialraumarbeit - Band 13.
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Thema

Der politikwissenschaftliche Zugang zum Raum ist der Staat, der Nationalstaat in seinen Grenzen. Der sozialraumorientierte Zugang Sozialer Arbeit zum Raum sind die unmittelbaren lokalen Lebenszusammenhänge ihrer Klientel: das Wohngebiet, der Stadtteil, das Dorf als Handlungs- und Funktionsräume, vielleicht als Erlebnisräume. Die staatlichen Rahmenbedingungen des Handelns in der Sozialen Arbeit sind die sozialstaatlichen Bezüge einerseits und die für die Handlungszusammenhänge der Sozialen Arbeit geltenden legitimatorischen und rechtlichen Rahmenbedingungen andererseits.

Nachdem wir in der Sozialen Arbeit die Sozialraumorientierung weitestgehend als selbstverständlich ansehen und die Bedingungen des Raums als sozialen Handlungsrahmen mitbedenken, ist sicher auch die Frage interessant, inwieweit Soziale Arbeit einerseits den Zusammenhang zwischen der Konstitution sozialer Probleme und dem Raum sieht und andererseits welche ordnungspolitischen Vorstellungen sie hat, um soziale Integration durch Räume und in Räume zu sichern. Hier kann ein politikwissenschaftlicher Zugang hilfreich sein.

Autor

Prof. Dr. Marc Diebäcker arbeitet an der Fachhochschule FH Campus Wien.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in neun größere Kapitel:

  1. Einleitung
  2. Soziale Arbeit und Staat
  3. Soziale Arbeit, Raum und Staat
  4. Transformationsperspektiven auf Staat und Gesellschaft
  5. Staat Raum und Soziale Arbeit denken mit Foucault
  6. Der empirisch-qualitative Forschungsprozess und seine Methoden
  7. Der öffentliche Diskurs zum Wiener Praterstern
  8. Die sozialarbeiterische Praxis des Projekts SAM2 am Wiener Praterstern
  9. Sozialarbeit als staatlich-räumliche Praxis

Die Arbeit schließt einmal mit einem Anhang, der Erhebungsleitfäden und Abbildungen enthält, und zum anderen mit einer ausführlichen Literaturliste.

Zu 1: Einleitung

In seiner Einleitung erläutert Diebäcker die theoretischen Perspektiven und die Zielsetzungen seiner Arbeit. Einmal geht es dem Autor um eine Theoretisierung Sozialer Arbeit, zum anderen um eine Theoretisierung von Staat als staatliche Praxis. Es geht nämlich nicht um die Funktion Sozialer Arbeit im Rahmen sozialstaatlicher Gewährleistungen und Hilfen, sondern um eine Interventionsform, in der über die Gewährung oder Nichtgewährung von Hilfen und Unterstützungen Herrschaft ausgeübt wird und bestimmte „staatstragende“ Ordnungsvorstellungen

durchgesetzt werden. Hier lehnt sich der Autor an Michel Foucaults Konzept der Gouvernementalität an, der in seinem Ansatz Macht und Praxis auf einander bezieht.

Nach einer kritischen Auseinandersetzung mit der Sozialraumorientierung in der Sozialen Arbeit und ihrem theoretischen Defizit und der Frage, wie autonom oder abhängig Räume als Stadträume sein können, widmet sich der Autor seinen Vorüberlegungen zu einem empirischen Projekt, dessen Forschungsgegenstand der Wiener Praterstern ist, ein Raum, in dem staatliche Intervention durch Soziale Arbeit mit strukturiert wird und Soziale Arbeit selbst Bestandteil eines komplexen räumlichen Regulierungssettings wird.

Zu 2: Soziale Arbeit und Staat

In diesem Kapitel beschäftigt sich der Autor hauptsächlich mit den Defiziten einer politikwissenschaftlichen und staatstheoretischen Reflexion Soziale Arbeit. Zwar konzediert er, dass im Rahmen sozialpolitik-theoretischer Diskussionen die Funktion der Sozialen Arbeit im Kontext einer kritischen Diskussion der Funktion der Sozialpolitik in kapitalistisch verfassten Gesellschaften mit bedacht wurde, aber aus seiner Sicht eher einseitig (neo)marxistisch. Dann entfaltet Diebäcker Skizzen des staatstheoretischen Diskurses, um dann auf die Ansätze Foucaults einzugehen, dessen Begriff der Gouvernementalität von ihm dann begründet ersetzt wird durch den Begriff der staatlichen Praxis. Insoweit ist Soziale Arbeit dann staatliche Praxis, als sie relational verstanden wird und ihre Funktion nicht nur aus Ökonomie und Politik ableitbar ist. Deshalb ist sie selbst als Handlungsfeld zu verstehen, das Herrschaft konstituiert, Machtkonstellationen kreiert und Ordnungsvorstellungen durchsetzt.

Zu 3: Soziale Arbeit, Raum und Staat

Einleitend diskutiert Diebäcker die Debatte der Sozialraumorientierung in der Sozialen Arbeit, wobei er feststellt, dass es eine typisch deutsche Debatte ist. Die gängige Literatur wird herangezogen, die Sozialraumorientierung und Aneignung von sozialen Räumen diskutiert und die Rolle bestimmt, die Soziale Arbeit dabei hat.

Im weiteren Verlauf wird der sozialwissenschaftliche Begründungsrahmen von Raum und Staat skizziert; auch hier wird auf die gängige Literatur Bezug genommen und auch die Geschichte der Raumdiskussion in den Sozialwissenschaften spielt dabei eine Rolle. Dabei nehmen vor allem die materialistischen Ansätze z. B. eines Lefebvre einen zentralen Platz in der Diskussion ein.

Welche raumrelationalen Herausforderungen werden an die Soziale Arbeit gestellt? Diese Frage führt zu ersten Annäherung einer Begriffsbestimmung von Sozialer Arbeit als staatliche Praxis im städtischen Raum. In Blick auf die Relationalität von gesellschaftlichem und physisch-territorialem Raum, die beide sozial konstruiert sind, geht der Autor davon aus, dass soziale Lagen auch im physisch-territorialen Raum ihren Ausdruck finden.

Was haben wir denn bislang in der Sozialen Arbeit gedacht und in der soziologischen Begründung des Raumbezugs sozialer Probleme bzw. in der Stadtsoziologie versucht zu begründen? (vergl. Baum, Die Stadt in der Sozialen Arbeit (2007), Baum, Soziale Arbeit in: F. Eckardt, Handbuch Stadt, 2013)

Zu 4: Transformationsperspektiven auf Staat und Gesellschaft

Hier geht es um zentrale Aspekte einer gesellschaftlichen Transformationsperspektive von Staat und Stadt, darum, den Gegenstand der empirischen Studie in einer postfordistischen bzw. neoliberalen Übergangsphase zu skizzieren. Zunächst geht es um die Ökonomisierung des Sozialen im Kontext der Entwicklung eines neoliberalen Staats. Im klassischen Liberalismus stand der Staat der (Wirtschafts-)gesellschaft gegenüber; der neoliberale Staat mischt sich ein in die gesellschaftlichen und ökonomischen Prozesse, ist selbst Akteur, reguliert selbst. Der Autor setzt sich mit dem veränderten Sozialpolitikverständnis des aktivierenden Sozialstaats des Forderns und Förderns kritisch auseinander und in Anschluss an Wacquant auch mit dem Übergang von welfare zu workfare und prisonfare. Denn es geht auch um eine Neubestimmung des Devianten im Kontext der Durchsetzung spezifischer „integrativer“ Ordnungs- und Wertvorstellungen. Diese Neubestimmung des Devianten hat seine Widerspiegelung in den Sicherheitsvorstellungen, die die Städte entwickeln, was deutlich wird z. B. in der Verschärfung der Gefahrenabwehrsatzungen der Städte. Der Autor macht bei Wacquant einen Zusammenhang von Sozial- und Strafpolitik aus, der zu einer verstärkten Überwachung, Verfolgung, Kontrolle und Stigmatisierung der sozial Schwachen führt, was auch mit der Individualisierung und Biographisierung sozialer Probleme korrespondiert. Hier wird eine Reihe relevanter Autoren diskutiert, ausführlich dann auch David Garland, der stärker auf die diskursiven Prozesse abhebt, die die gesellschaftliche Akzeptanz der Strafe begünstigen. Nun war es für die Stadt und ihre Urbanität schon immer typisch, dass in ihr unterschiedlichste Gruppen wohnten und sich begegneten – auch solche, die sich abweichend verhielten oder präsentierten. Das Leben mit und in der Differenz (Baumann) hat die Stadt schon immer ausgemacht und auch Unsicherheiten, bzw. Unsicherheitsgefühle erzeugt. Wenn dies eher problematisiert wird, dann mit der Absicht, diese Unsicherheitsgefühle zu verstärken, um zu legitimieren, warum man sich schützen muss. Dies wird ausführlich erörtert.

Weiter geht der Autor auf die Wettbewerbspolitiken und Rekonstruktionsprozesse in postfordistischen Städten ein. Dies wird an Hand weitreichender Veränderungen der Stadtpolitik in liberal-kapitalistischen Gesellschaften beschrieben. Mit der Globalisierung der Städte wurde befürchtet, dass die Stadt als Ort verloren ging. Man kann aber nicht überall zuhause sein, also bedarf es der Orte, wo man zuhause ist. Das gilt offensichtlich auch für die Ökonomie. Der Standortfaktor für konsum- und investitionsfreudige Gruppen gewinnt wieder an Bedeutung. Und Standorte sind an Räume gebunden, deren symbolisch-repräsentative und strategische Bedeutung wieder erkannt wird.

Diebäcker geht dann auf die Polarisierung sozialer Ungleichheit ein und diskutiert sie vor dem Hintergrund der Sicherheits- und Ordnungspolitiken. Die sozialräumliche Segregation hat negative Folgen für die soziale Lage von Menschen, wenn sie in benachteiligten Quartieren leben. Die räumliche Entmischung macht irgendwann ein benachteiligtes Quartier zu einem benachteiligenden Quartier. Damit setzt sich der Autor kritisch auseinander und bringt diese Diskussion zusammen mit kriminologischen Sicherheitskonzepten und Ordnungsvorstellungen.

Zum Schluss dieses Kapitels geht der Autor auf die Spannungsfelder Sozialer Arbeit im städtischen Raum ein. Da der Wunsch nach einer erhöhten Attraktivität und einer verbesserten Aufenthaltsqualität von öffentlichen Räumen gestiegen ist und da benachteiligte Quartiere verstärkt in das Blickfeld einer kommunalen Sozialraumpolitik geraten sind, werden Handlungsfelder der Sozialen Arbeit wie Gemeinwesenarbeit, aufsuchende Sozialarbeit, sozialraumorientiere Stadtteilarbeit und Street Work eine Aufwertung ihrer Bedeutung erfahren. Dabei werden auch sicherheits- und ordnungspolizeiliche Vorstellungen als Begründungsrahmen tragfähig.

Zu 5: Staat, Raum und Soziale Arbeit denken mit Foucault

Dieses Kapitel beschäftigt sich mit Foucault, indem Soziale Arbeit als staatliche Praxis im städtischen Raum in drei Schritten konzipiert wird:

  • Die Theoretisierung von Staat als Praxis, indem Wissen, Macht und Strategie sowie politische Technologien als zentrale Konzepte, sowie die Steuerung gesellschaftlicher Differenzen und Ungleichheiten über Normalität und Abweichung diskutiert werden und die Gesamtsicht Foucaults wird dann auf die Perspektiven Sozialer Arbeit als staatliche Praxis bezogen.
  • Mit Foucault wird dann staatliche Praxis auf den städtischen Raum bezogen, indem Foucaults Zugang zum Raum und seine politische Strukturierung dargelegt wird, um dann staatliche Praxis in der Stadt theoretisch zu fassen.
  • Der hier entwickelte Forschungsansatz wird dann in Blick auf seine empirische Anwendung konkretisiert.

Im weiteren Verlauf des Kapitels werden die einzelnen Schritte ausführlich diskutiert. Zunächst werden die Begriffe Wissen, Macht und Strategie als Konzepte staatlicher Praxis vorgestellt, dann werden politische Technologien als Verfahrensweisen diskutiert, also die Frage erörtert, wie Regierungen strategisch versuchen, erwünschte Ordnungsvorstellungen durchzusetzen.

Des Weiteren geht es um Grenzziehungen zwischen Normalitäten und Abweichungen als strategischer Ordnungsmodus. Dabei wird die Debatte um Exklusion und Inklusion, um die Entbehrlichen und Unnützen oder Überflüssigen kritisch diskutiert, wobei der Autor beklagt, dass in dieser Debatte Foucault kaum vorkommt. Dabei wäre die Auseinandersetzung um die Funktion der Norm oder um das Verständnis gesellschaftlicher Ausschließung bei Foucault auch hilfreich für eine differenziertere Argumentation.

Die vorangegangene Auseinandersetzung mit den Begrifflichkeiten und Konzepten werden nunmehr auf die Soziale Arbeit als staatliche Praxis bezogen. Es geht einmal um Soziale Arbeit als umkämpfte staatliche Praxis, um das Wissen Sozialer Arbeit und eine politische Kontextualisierung, um Machtbeziehungen in der Sozialen Arbeit zwischen Fremd- und Selbstregierung; dann geht es aber auch um Strategien und um das Sicherheitsdispositiv und die Positionierung von und mit Sozialer Arbeit und um die politischen Technologien und Soziale Arbeit als Verfahrensweisen der Macht. Schließlich geht der Autor noch einmal auf die Soziale Arbeit im strategischen Ordnungsmodus von Normalität und Abweichung ein.

Im zweiten Teil des Kapitels beschäftigt sich Diebäcker mit Raum und Staat bei Foucault. Wie ist der Raum politisch strukturiert ist die einleitende Frage, wobei Raum und Heterotopien – andere Räume – zum Dreh- und Angelpunkt des Foucault´schen Ansatzes wird. Der Autor entfaltet diese Gedanken ausführlich und gründlich, um dann vor diesem Hintergrund Strategien staatlich-räumlicher Regulierung zu diskutieren.

Wie ist dieses Raumverständnis auf die Soziale Arbeit als staatliche Praxis zu beziehen? Eine Frage, die in der Sozialen Arbeit selten auf Foucault bezogen wird. Zunächst geht es um die Relationalität des Raums und um die politische Strukturierung des inneren Raums. Weiter betrachtet der Autor die Stadt als Ganzes und als Mosaik, um dann zur Sozialen Arbeit und ihre politisch-technologische Einbettung im städtischen Raum zu kommen.

Schließlich diskutiert der Autor seinen Forschungsansatz, wobei er übergreifende Forschungsfragen formuliert:

  • Wie kann die Praxis Sozialer Arbeit als staatliche Praxis im städtischen Raum gefasst werden?
  • Daraus folgt: Wie kann Soziale Arbeit als Praxis in den theoretischen Konzepten von Wissen, Macht und Strategie gefasst werden?
  • Wie ist die Interventionspraxis durch das Konzept der politischen Technologien strukturiert?
  • Wie ist Soziale Arbeit als raumrelationale Praxis in der Stadt zu konzipieren?
  • Wie ist die Praxis Sozialer Arbeit auf Differenzrelationen von Normalität und Abweichung bezogen und wie ist sie in ein raumbezogenes Sicherheitskonzept eingebunden?

Diese Fragen werden ausführlich erörtert.

Zu 6: Der empirisch-qualitative Forschungsprozess und seine Methoden

Ziel der Forschung ist es, Erkenntnisse zu diskursiven Praktiken über einen Raum – Wiener Praterstern – sowie der dort praktizierten aufsuchenden Sozialen Arbeit zu gewinnen. Zunächst wird der politische Kontext dargelegt, in dem der Forschungsgegenstand beheimatet ist: die Stadt Wien und ihre Stadtpolitik.

Daran schließen sich dann leitende Forschungsfragen an:

  • Wie kann die Praxis der Sozialen Arbeit als staatliche Praxis gefasst werden?
  • Wie wird der Wiener Praterstern in den öffentlich-parlamentarischen und -medialen Diskursen im Raum konstituiert und welche Bedeutung wird dabei der Sozialen Arbeit eingeräumt?
  • Wie ist die staatlich-räumliche Praxis Sozialer Arbeit am Praterstern ausgestaltet?

Der Autor stellt dann die Methoden vor, wie die Textanalyse, die Erhebungsmethoden und die Aufbereitung und Auswertung der Daten und geht dann auf die Analyse der Fallstudie ein, wobei der interpretativ-analytische Zugang zur Einzelfallstudie erörtert wird sowie die Erhebung, Aufbereitung und Auswertung der Daten.

Zu 7: Der öffentliche Diskurs zum Wiener Praterstern

Die städtebauliche Gestaltung des Pratersterns gleicht vielen großstädtischen Quartieren und ihrer typischen Begrenzungsstruktur durch Straßenzüge, Bahnkörper und natürliche Grenzen. Im Inneren scheint das Quartier durch Geschäfte und einige Institutionen einem durchschnittlichen Quartier zu gleichen.

Zunächst wird der öffentlich-parlamentarische Diskursausschnitt vorgestellt. Dabei wird deutlich, dass das Quartier den Ruf eines Entwicklungs- oder Aufwertungsquartier hat; dies wird ausführlich auch mit dem entsprechenden lokalen Bezugsrahmen erörtert.

Danach wird der öffentlich-mediale Diskursausschnitt dargelegt, wobei hier das Quartier im Kontext der Stadtentwicklung in seiner Mobilitätsfunktion und als Verkehrsknotenpunkt diskutiert wird.

Weiter werden typische Problemlagen wie Obdachlosigkeit und Alkohol- und Suchtproblematik erwähnt.

Das Fazit des Autors: Der Wiener Praterstern steht im öffentlichen Diskurs zwischen Aufwertung und Problematisierung von Devianz.

Zu 8: Die sozialarbeiterische Praxis des Projekts SAM2 am Wiener Praterstern

In der qualitativ-explorativen Einzelfallstudie zum Projekt am Wiener Praterstern liegt der Schwerpunkt auf der Rekonstruktion der Praxis aufsuchender Sozialarbeit. Dazu wird zunächst die programmatische Ausrichtung des Gesamtprojektes erläutert, der Entstehungskontext und die Organisationsstruktur vorgestellt, um dann zu Problematisierungen, Zielsetzungen und soziale Interventionen zu kommen. Diese Problematisierungen und Zielsetzungen beruhen auf dem „Konzept für Mobile Soziale Arbeit im öffentlichen Raum für ‚soziale Problemzonen‘ in Wien“. Als soziale Probleme werden Beschaffungsprostitution, Drogenkonsum, verbale und körperliche Gewalt sowie Konflikte zwischen Bewohnern und Klienten identifiziert. Die Interventionsstrategien beziehen sich nicht nur auf die Hilfen und Unterstützungen für hilfsbedürftige Personen, sondern auch auf die Sicherheit gegenüber anderen. Marginalisierung führt auch zur Verletzung der Ordnung und der Sicherheit. Dies stellt der Autor in seinem Fazit ausführlich dar.

In einem weiteren Abschnitt diskutiert Diebäcker den Wiener Praterstern als Raum, geht auf Raumwahrnehmungen der dort handelnden Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter ein und diskutiert erneut in diesem Kontext die medialen und politischen Problematisierungen. Der Praterstern wird als polarisierter und territorial fragmentierter Raum wahrgenommen und dargestellt.

Der Autor beschreibt dann die sozialen Probleme und die Kientel- und Gruppenstrukturen wie sie in den Interviews deutlich gemacht werden. Die meisten der Klienten sind multifaktoriell marginalisiert; man hat es mit multiplen und auch komplexen sozialen Problemlagen zu tun. So bleibt für die Soziale Arbeit im Fokus die Gefahr sozialer Ausschließung durch mangelnde Kontakte, und einem fehlenden Zugang zu integrationssichernden Institutionen und identitätsstiftenden und integrierenden Interaktionszusammenhängen.

Wie und mit welchem Ziel soll interveniert werden? Dieser Frage geht Diebäcker nach, indem er die Interventionspraxis der Projektmitarbeiter detailliert beschreibt.

Es geht um klientenorientierte Fall- und Konfliktarbeit mit all den damit verbundenen Schwierigkeiten, die ausführlich beschrieben werden. Es geht aber auch um die Interaktionen mit anderen Nutzergruppen, die als Aufklärungsarbeit verstanden wird. Die Soziale Arbeit wird charakterisiert als fachliche Arbeit, aber auch als Arbeit mit einer gewissen Allparteilichkeit, was auch zu Ambivalenzen in der Praxis führt.

In einem weiteren Abschnitt diskutiert der Autor das Regulieren und Herstellen von Ordnungen, wobei die Beziehungsrelationen zur Polizei von Bedeutung sind, sowie die Beziehungen zu Vertretern des öffentlichen Nahverkehrs und zu einer Sicherheitsfirma. Alle drei Adressaten erfordern unterschiedliche Interventionspraxen, die zum Teil auch widersprüchlich sind.

Gibt es Indizien einer Neuausrichtung aufsuchender Sozialer Arbeit im städtischen Raum, die über die Fallstudie hinausweisen?

Eine stärkere räumlich-territoriale Ausrichtung aufsuchender Sozialer Arbeit ist zwingend, führt aber auch durch Diversifizierung der Adressatengruppen im sozialen Raum zu Ambivalenzen. Der Legitimationsdruck steigt in dem Maße wie Soziale Arbeit im Raum durch Allzuständigkeit entgrenzt wird und gleichzeitig dem Kontrollmuster der Bevölkerung im öffentlichen Raum unterliegt. Es geht mehr um die Konfliktbearbeitung zwischen Klienten und Nutzern der Räume. Dieses und andere Probleme werden identifiziert und auch in Bezug auf Foucault ausführlich diskutiert.

Zu 9: Sozialarbeit als staatlich-räumliche Praxis

In diesem Kapitel werden die Ergebnisse und bisherigen Überlegungen in Bezug gesetzt zur Sozialen Arbeit als staatliche Praxis.

Zunächst wird bezugnehmend auf die Interventionspraxis Sozialer Arbeit im Sinne Foucaults Soziale Arbeit als ein Komplex von Wissen, Macht und Strategie begriffen. Soziale Arbeit interveniert und erzeugt damit eine Machtbeziehung, sie interveniert, „weil sie es besser weiß“ und sie tut dies mit besonderen methodologischen Strategien. Die strategisch gewünschte (Wieder-)herstellung der Ordnung bedarf einer Interventionspraxis, die politisch-technologisch strukturiert ist; das Herstellen von Sicherheit für die anderen und Disziplinierung bedürfen spezifischer Techniken der Kontrolle und Überwachung. Dazu nimmt Diebäcker ausführlich Stellung.

Aufsuchende Soziale Arbeit als raumrelationale Praxis versteht sich mittlerweile so, dass sie den Raum überwacht, in den die Beziehungen der Klienten eingebettet sind und nicht mehr die Klientel alleine. Es geht um die Herstellung einer guten territorialen Ordnung und solange die Klienten in Bewegung sind, bedarf es keiner individualisierten Kontrolle – die tritt erst ein, wenn sich Klienten „festsetzen“.

Dies wird vom Autor auch noch einmal unter dem Aspekt des strategischen Ordnens sozialer Beziehungen im Sicherheitsdispositiv diskutiert.

Der Autor setzt sich dann mit der Sozialen Arbeit als staatlich-räumliche Praxis im Postfordismus auseinander, wobei er auf drei Aspekte besonders eingeht:

  • Eine wettbewerbs- und investitionsorientierte städtische Standortpolitik setzt auf die symbolisch-repräsentative und strategische Bedeutung des Raums.
  • Verschiebungen in den Besitzverhältnissen städtischen Raumes verändern die Nutzungs- und Mitbestimmungsmöglichkeiten und die Organisations- und Interventionsweisen.
  • Beim Herstellen und Stabilisieren der gesellschaftlichen Ordnung wird die Grenzziehung von würdigen und unwürdigen Armen zu einem zentralen Ordnungsmuster staatlicher Praxis. Dies hat zur Folge, dass im Zugriff auf die als moralisch problematischen Armen eine staatliche Doppelstrategie von Sozialer Arbeit und polizeilicher Intervention verfolgt wird.

Zum Schluss geht es Diebäcker noch einmal um ein Plädoyer, Soziale Arbeit und Staat mit Foucault zu denken. Dies wird an mehreren zentralen Punkten noch einmal verdeutlicht.

Diskussion

Städte sind räumlich begrenzte und innerlich strukturierte Sozialzusammenhänge, städtische Räume sind gesellschaftliche Konstruktionen; der geographische und physische Raum wird dann zum sozialen Raum, wenn Menschen ihm eine Bedeutung geben.

Die innere Struktur städtischer Räume wird bestimmt durch die ökonomische, kulturelle und soziale Kerndynamik der Stadt und die Stadt erfüllt eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe als Wirtschaftsstandort, als kultureller Mittelpunkt einer Region oder in ihrer sozialen Funktion, Menschen unterschiedlichster kultureller Herkunft und sozialen Status zusammen zu bringen.

Der Städter lernt, dass er mit Widersprüchen, Ambivalenzen und Ambiguitäten lebt und diese aushalten muss, dass er mit Überraschungen und nicht Erwartetem konfrontiert sein kann. Die Stadt integriert ihn ohnehin nur unvollständig, jeder ist jedem fremd und man ist insoweit integriert, wie man sich im öffentlichen Raum angemessen verhalten kann.

Das alles wissen wir und die Soziale Arbeit hat sich bisher eigentlich schwer getan, die Stadt als einen solchen Sozialzusammenhang theoretisch zu durchdringen. Dass also die Stadt andere soziale Probleme produziert und anderer Strategien ihrer Bearbeitung bedarf, weil sie Stadt ist und nicht Dorf, war eigentlich nie Gegenstand der Theorie Sozialer Arbeit.

Wenn jetzt aus einer politikwissenschaftlichen Perspektive angemahnt wird, Staat, Stadt und Raum, Politik des Staates und die Bearbeitung sozialer Probleme im städtischen Raum zusammenzubringen, mag dies aus einer theoretischen Perspektive ein gewichtiger Ansatz sein – nur wie verändern wir damit die Praxis Sozialer Arbeit und ihrer Begründung?

Das Plädoyer, dies mit Foucault zu tun und die empirisch-praktischen Ergebnisse der vorgelegten Studie sind überzeugend und die Analyse sozialarbeiterischen Handelns in einem bestimmten Raum bringt viele Aspekte zutage, die die Soziale Arbeit weiter entwickeln können.

Und für die kritische Auseinandersetzung mit der Funktion Sozialer Arbeit im Kontext eines sozialstaatlichen Leistungsrahmens, nämlich einerseits den Klienten zu helfen und anderseits mit dieser Hilfe eine bestimmte gesellschaftliche Ordnung und wirtschaftliche Verfasstheit der Gesellschaft zu stabilisieren und Herrschaft zu sichern, was dann bis in die Praxis der Sozialen Arbeit hineinwirkt und diese formt – all dies bringt die Theoriediskussion in Gang, für die Methodendiskussion ist dies viel schwieriger.

Aber der Anfang ist mit dieser Arbeit gemacht.

Fazit

Auf der Suche nach der Weiterentwicklung der Theorie der Sozialen Arbeit im Kontext der Sozialraumdiskussion findet man in diesem Buch eine Reihe anregender und weiterführender Gedanken.


Rezensent
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor für Soziologie mit den Schwerpunkten Soziale Probleme, Kommunale Sozialpolitik, Stadtsoziologie, insbesondere Soziale Probleme der Stadtentwicklung, Segregationsprozesse, Stadtumbau
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 16.06.2014 zu: Marc Diebäcker: Soziale Arbeit als staatliche Praxis im städtischen Raum. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2014. ISBN 978-3-658-03411-5. Reihe: Sozialraumforschung und Sozialraumarbeit - Band 13. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16655.php, Datum des Zugriffs 23.11.2017.


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