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Martin Becker: Soziale Stadtentwicklung und Gemeinwesenarbeit [...]

Cover Martin Becker: Soziale Stadtentwicklung und Gemeinwesenarbeit in der sozialen Arbeit. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2014. 211 Seiten. ISBN 978-3-17-023369-0. 29,90 EUR.

Reihe: Handlungsfelder sozialer Arbeit.
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Thema

Städte sind Gemeinwesen. Dass Stadtentwicklung – die Philosophie der Stadtplanung und des Städtebaus – sozial gestaltet werden soll, ist inzwischen zu einem Gemeinplatz geworden. Ja, dass die Gestaltung des Sozialen in der Stadt inzwischen die Attraktivität der Stadt und ihre Eigenlogik bestimmt, ja sogar Wohnstandortentscheidungen von Menschen beeinflusst, wird niemand mehr ernsthaft bestreiten.

Und dennoch tun sich viele Städte noch schwer, ihre Stadtpolitik auf dieses Ziel einer sozial gestalteten Stadt hin auszurichten, ihre benachteiligten Quartiere aufzuwerten und soziale Spaltungstendenzen in der Stadt zu erkennen und politisch zu steuern.

Insofern wird Gemeinwesenarbeit als Ansatz der Sozialen Arbeit in benachteiligten Quartieren auch weiterhin Bestand haben, wobei sie sich in die Stadtentwicklungspolitik zukünftig mehr einmischen muss.

Autor

Prof. Dr. Marin Becker ist Professor an der Katholischen Hochschule Freiburg und lehrt dort Soziale Arbeit mit den Schwerpunkten Handlungskonzepte und Methoden Sozialer Arbeit.

Aufbau

Nach einer Einleitung gliedert sich das Buch in acht größere Kapitel:

  1. Historische Entwicklung und Gegenstand der Gemeinwesenarbeit
  2. Stadtentwicklung und Stadtmodelle
  3. Theorien der Stadtentwicklung und Urbanität
  4. Gesellschaftliche Veränderungen und deren Auswirkungen auf Stadtentwicklung
  5. Menschen in ihrem sozialen und räumlichen Umfeld
  6. Sozialpolitik: Leitbilder, Strategien und Programme sozialer Stadtentwicklung
  7. Methodisches Handeln
  8. Herausforderung sozialer Stadtentwicklung und Gemeinwesenarbeit

Zur Einleitung

Es ist sowohl eine Einleitung in die neue Reihe Handlungsfelder Sozialer Arbeit, deren erster Band das vorliegende Buch ist, als auch in dieses Buch selbst.

Der Autor geht zunächst auf die Diskussion um Gemeinwesenarbeit und ihre Facetten und methodischen Varianten ein wie Community Organizing, Quartiersmanagement oder Solidar-Ökonomie.

Weiter begründet Becker den Begriff der Handlungsfeldorientierung im Sinne der Publikationsreihe und verweist auf das „Freiburger Modell“, nämlich die aktuellen Bedingungen und Entwicklungen in bestimmten Handlungsfeldern in der Sozialen Arbeit in den Blick zu nehmen (10). Dies wird ausführlich erörtert – auch in Blick auf die Qualifikation der Gemeinwesenarbeit und die Kompetenzen von Gemeinwesenarbeiterinnen und -arbeitern.

Zu 1: Historische Entwicklung und Gegenstand der Gemeinwesenarbeit

In diesem Kapitel gibt Becker einen Überblick über die Geschichte der Gemeinwesenarbeit aus der Settlement-Bewegung heraus über die englische Tradition der Toynbee-Hall und in den Niederlanden bis zur „Wiederbelebung“ der Gemeinwesenarbeit in den 60er und 70er Jahren in Deutschland. Dabei greift er auf die klassische Literatur zurück (Oelschlägel u. a.). Dabei geht es dem Autor auch um die Geschichte der Profession, wenn er die Geschichte der Berufsorganisationen nachzeichnet.

Es werden dann die Arbeitsprinzipien der Gemeinwesenarbeit dargelegt, die im Prinzip einen eigenen Ansatz begründen und nicht – wie so oft behauptet – eine der drei Methoden der Sozialen Arbeit neben Einzelfallhilfe und Gruppenarbeit ist.

Becker begründet diesen Ansatz auch aus den sozialstrukturellen Bedingungen gesellschaftlicher Entwicklungen heraus, wenn er die Struktur des Gemeinwesens als Bedingung des Handelns zu begründen versucht.

Dies wird auch deutlich, wenn er Soziale Stadtentwicklung und Gemeinwesenarbeit als Handlungsfeld der Sozialen Arbeit begründet. Er beschreibt dabei das Quartier, die Quartiersarbeit, das Stadtteil- bzw. Quartiersmanagement, geht dabei auf die Ebenen des Quartiersmanagement ein (Verwaltungsebene, intermediäre Ebene, Quartiersebene) und leitet daraus Anforderungen an die Soziale Arbeit im Gemeinwesen ab, die den Katalog der Leitstandards der GWA nach Hinte, Lüttringhaus und Oelschlägel ausmachen.

Sozialraumorientierung ist ein weiter Begriff und Becker fragt, was Sozialraum eigentlich meint. Die theoretischen Grundlagen der Sozialraumorientierung sind eher interdisziplinär zu verstehen. Der Autor beschreibt dann die einzelnen Arbeitsfelder, geht auf die gesetzlichen Grundlagen ein. Weiter setzt sich Becker mit weiteren Handlungskonzepten auseinander wie Lebensweltorientierung (Thiersch), Ressourcenorientierung (Schönig u. a.,) und Managementorientierung (Maelike).

Zu 2: Stadtentwicklung und Stadtmodelle

In diesem Kapitel setzt sich der Autor mit der Geschichte der Stadt auseinander, mit Entwicklungsphasen der Stadt von der Antike bis heute. Weiter beschreibt er die europäische Stadt mit ihren Spezifika der Entwicklung und ihrer Struktur. Dabei bezieht sich der Autor vorwiegend auf die klassische historische und stadtsoziologische Diskussion um die Stadt, geht auf die Amerikanisierung der europäischen Stadt kurz ein und erörtert die Besonderheiten der europäischen Stadt im 20. Jahrhundert. Die bereits von Siebel und Kaelble identifizierten besonderen Merkmale der europäischen Stadt werden kritisch unter die Lupe genommen und an Beispielen identifiziert.

Becker diskutiert die heutigen gemeinsamen Stadtplanungsvisionen der europäischen Städte als Opposition gegen die Stadt des 19. Jahrhunderts, gegen die viktorianische, die hausmannsche und die wilhelminische Stadt. Weiter geht er auf die Charta von Athen ein, die die funktionale Stadt propagiert und auf die städtebaulichen „Sünden“ der 60er Jahre.

Zu 3: Theorien der Stadtentwicklung und Urbanität

Dieses Kapitel widmet sich der Stadtsoziologie. Die soziologische Betrachtung der Städte rekurriert auf die Klassiker der Stadtsoziologie. Typische Merkmale der Stadt werden diskutiert, die Georg Simmel in seinem Aufsatz „Die Großstädte und das Geistesleben“ formuliert. Weiter wird die auf Hans Paul Bahrdt zurückgehende These diskutiert, dass die Stadt umso urbaner ist, je größer die Spannung von Privatheit und Öffentlichkeit ist.

Urbanität als Begriff und Phänomen wird auf Louis Wirth und Park bezogen, wobei die Heterogenität und kulturelle Vielfalt für die Stadt neben Dichte und Dauerhaftigkeit der Ansiedlung das zentrale Merkmal bleibt, das die ökonomische und soziale Kerndynamik der Stadt bestimmt.

Becker diskutiert dann noch die Stadtgröße und die Bevölkerungszahl, sowie die Dichte und geht dann auf die Funktionen baulicher Nutzung ein, wie sie Hans Friedrich beschreibt.

Ausführlich beschäftigt sich der Autor mit dem Raumbegriff und der Theorie des Raums, wie sie im Kontext des „spatial turn“ verstanden wird, beschreibt dies auch an einem kleinen einleuchtenden Beispiel. Wann wird ein physikalischer Raum zu einem sozialen Raum? Welche Aneignungsstrategien haben unterschiedliche Gruppen und welche Bedeutungen geben sie dem Raum? Diese Fragen kommen beim Lesen.

Zu 4: Gesellschaftliche Veränderungen und deren Auswirkungen auf die Stadtentwicklung

Wie verändert der gesellschaftliche Wandel auch die Stadt und mit welchen technologischen, ökonomischen und politischen Veränderungen müssen wir rechnen, wenn wir die Auswirkungen des gesellschaftlichen Wandels auf die Stadt diskutieren?

Diese Fragen beschäftigen Becker in diesem Kapitel.

In einem Schaubild werden die Beziehungen zwischen Technologie, Wirtschaft und Politik dargestellt und erläutert. Dabei geht der Autor auf Themen ein wie Produktivitätssteigerung und Flexibilisierung internationale Arbeitsteilung und Tertiarisierung.

Weiter diskutiert der Autor Folgen, Risiken und Chancen der Veränderung und stellt dies in einem Schema dar. Dabei geht es um Veränderung des Arbeitsmarktes, Veränderungen in der Standortpolitik und um die Polarisierung von Regionen und Arbeitsmarkt.

Die Folgen der Veränderung sieht Becker in Umstrukturierungen regionaler und kommunaler Wirtschafgefüge, in Veränderungen im Selbstverständnis und der Bedeutung lokaler Politik und in der Polarisierung und Tertiarisierung. Zum Schluss geht Becker noch auf die räumliche Mobilität ein.

Zu 5: Menschen in ihrem sozialen und räumlichen Umfeld

Dieses Kapitel geht auf die sozialräumlichen Bedingungen ein, die auch in ihrem Wandel das menschliche Handeln und Leben in der Stadt beeinflussen. Es geht um die strukturellen Bedingungen, unter denen Menschen handeln und auch leiden können.

Zunächst beschreibt der Autor Lebensstile in der Stadt „als relativ stabile Ordnungsformen des Alltags, in denen größere soziale Gruppen Lebensvorstellungen und Lebenslagen auf einen sichtbaren Nenner bringen“ (Schwengel). Dabei werden Einflüsse auf Lebensstilbildung graphisch dargestellt und beschrieben, wobei u. a. auch Veränderungen in der Bevölkerungsentwicklung, des Heiratsverhaltens, des generativen Verhaltens und die Folgen der Individualisierung und Enttraditionalisierung von Werten und Normen mit erfasst werden. Dann geht es um Lebensformen, also um Formen privaten Zusammenlebens, um die Alterung der Bevölkerung und ihre Folgen, um Migration und Zuwanderung.

Soziale Ungleichheit in der Stadt wird als ein Phänomen beschrieben, auch als ein Prozess zunehmender Polarisierung gesellschaftlicher Lagen, die auch inzwischen den für die Stadt typischen Mittelstand erreicht hat. Dies zeichnet der Autor am Beispiel der Tertiarisierung nach und auch an der sozialen Differenzierung nach benachteiligten und privilegierten Gruppen in anderen Bereichen.

Soziale Ungleichheit in den Städten spiegelt sich in der sozialräumlichen Verteilung der Bevölkerung in der Stadt wider. Auch wenn Segregation zunächst als ein eher natürlicher Prozess der Verteilung einer Bevölkerung in einem sozialen Raum beschrieben wird – es geht um negative Segregationseffekte, die z. B. durch Gentrifizierung entstehen oder durch stadtplanerische Eingriffe in Quartiere, die künstliche Barrieren aufbauen. Mit beiden Begriffen – Segregation und Gentrifizierung – setzt sich Becker ausführlicher auseinander.

Welches sind die Hintergründe für Interessen und Bedürfnisse der Bevölkerung in Stadtteilen oder Quartieren? fragt der Autor anschließend. Dabei werden Zusammenhänge hergestellt zwischen Lebenslagen und Lebensformen einerseits und den sozialen und sozialräumlichen Lebensbedingungen, die Menschen vorfinden andererseits. Dass sozioökonomische Bedingungen des Lebens den Lebensstil beeinflussen, leuchtet zunächst ein, wie aber ist es mit den strukturellen Bedingungen des Raums und seiner objektiven Gestalt, die auch die Lebensformen und die Lebensstile beeinflussen? Wie wirkt das Quartier auf das Verhalten und die Lebensstilführung von Menschen?

Denn der Lebensstil ist geprägt von nachbarschaftlicher Kohäsion, sozialer Verortung im Quartier, von Vertrauen in die Alltagsbewältigung im Kontext der sozialräumlichen Bedingungen, die das Zusammenleben im Quartier gestalten – behindern oder befördern.

Es geht aber auch um soziale Nähe und Distanz der Milieus im Quartier und um Verhaltens- und Beziehungsmuster, die auch immer sozialräumlich eingebettet sind. Und es geht um soziale Integration auf der Ebene dass man sich im Quartier zugehörig fühlt, fühlt, dass man relevant ist für andere.

Zu 6: Stadtpolitik: Leitbilder, Strategien und Programme sozialer Stadtentwicklung

Leitbilder sind Orientierungen und Ziele, die man auch erreichen möchte. Städte entwickeln im Wettbewerb mit einander solche Leitbilder, die sich auf ein gelingendes Zusammenleben in der Stadt und seinen Quartieren beziehen, aber auch auf Eigenstellungsmerkmale oder auf attraktive öffentliche Räume oder Bauten. Dadurch entstehen in jeder Stadt eine eigene Logik von Integration und Ausgrenzung und eine spezifische Form einer kollektiven Identität und eines kollektiven Gedächtnisses.

Wie kann man angesichts der vom Autor beschriebenen Prozesse der Demographie, der Erwerbsbeteiligung, der Migration und der Ökologie einer Stadtpolitik gerecht werden, die sich auch nachhaltig versteht? Der Autor geht kurz auf verschiedene Merkmale der Stadt ein wie die soziale Stadt, die sichere Stadt, die „urbane“ Stadt, die ökonomisch und ökologisch erfolgreiche Stadt. Dabei wird die ökologisch erfolgreiche Stadt ausführlicher beschrieben und an der Familienpolitik, der Bildungspolitik, der Sicherheitspolitik und der Gesundheits- und Sozialpolitik, jeweils auf lokaler Ebene festgemacht.

Danach beschreibt der Autor verschiedene Programme der Stadtentwicklung auf der globalen Ebene (z. B. Agenda 21), auf der europäischen Ebene (Leipzig Charta der EU), URBAN I und II, URBACT – (europäische Kommission) und entwickelt dann ein Instrumentarium zur Überprüfung der Stadtteilentwicklung auf der Basis der Leipzig Charta. Dies wird in einer Übersicht sehr gut veranschaulicht.

Auf nationaler Ebene ist zunächst auch das Konzept einer „Nationalen Stadtentwicklungspolitik“ aus dem Jahre 2008 zu nennen, das eine schnellere Anpassung der Programme der Städtebauförderung, an Notwendigkeiten und Herausforderungen der Städte anmahnt und die Öffentlichkeit für Probleme und Chancen der Stadtentwicklung sensibilisieren will.

Städtebauförderung wird vom Autor in ihren sieben Handlungsfeldern beschrieben:

  1. Städtebauliche Sanierung und Entwicklung
  2. Erhaltung historischer Städte
  3. Sozial benachteiligte Stadtteile (Programm Soziale Stadt)
  4. Stadtumbau Ost
  5. Stadtumbau West
  6. Lebendige Innenstädte
  7. Klimagerechte Städte

Der Autor geht dann auf das Weißbuch Innenstadt – Starke Zentren für unsere Städte und Gemeinden (2011) und auf das Bund-Länder-Programm „Soziale Stadt“ ein. Daraufhin entwickelt er ein Instrumentarium zur Überprüfung der Umsetzung dieses Programms, die sich auf die Ziele des Programms, auf die instrumentell-strategischen Handlungsfelder des Programms und auf die inhaltlichen Handlungsfelder des Programms bezieht.

Anschließend nennt und beschreibt der Autor eine Reihe anderer Programme der Quartiersentwicklung wie BIWAQ, Lernen vor Ort, Stärken vor Ort, XENOS, sowie einige weiteren Programme, die sich auf verschiedene Modelle von „Improvement Districts“ beziehen. Die Vor- und Nachteile dieser Urban-Improvement-Modelle werden von Becker kritisch diskutiert.

Im Folgenden geht es um die Finanzierungsmöglichkeiten von Gemeinwesenarbeit (Sozialraumbudgets), dabei wird ein Beispiel aus Offenburg vorgestellt. Dann beschreibt und erörtert der Autor die Rechtsgrundlagen der kommunalen Selbstverwaltung und ihre Einschränkung und geht dann auf die Perspektiven für ein Recht auf Stadt ein, die ja auch in der Leipzig Charta angedeutet werden.

Welche Empfehlungen hat der Autor für eine nachhaltige Stadt- und Quartiersentwicklung? Diese Empfehlungen werden in zehn Punkten zusammengefasst:

  1. Integriertes Entwicklungskonzept
  2. Konsequente Quartiersorientierung
  3. Kontinuierliches Stadt(teil)-Monitoring
  4. Ernsthafte Bürgerbeteiligung
  5. Gelegenheiten für Begegnung und Engagement
  6. Vernetzung und Ressourcenerschließung
  7. Transparenz und schrittweises Vorgehen
  8. Öffentlichkeitsarbeit
  9. Verstetigung durch Kooperation
  10. Anerkennungskultur

Nach einer kurzen Beschreibung der jeweiligen Punkte werden – grau unterlegt – jeweils Forderungen und Empfehlungen formuliert.

Zum Schluss formuliert Becker dann noch daran orientierte „kommunalpolitische Wahlprüfsteine“

Zu 7: Methodisches Handeln

Becker geht es nicht um ein Kapitel der Methoden der Gemeinwesenarbeit. Vielmehr möchte er Soziale Stadtentwicklung in seiner dialektischen Vernetzung mit der Gemeinwesenarbeit zu einem Handlungsfeld der Sozialen Arbeit entwickeln. Es geht schließlich um die dialektische Verschränkung von Struktur und Handeln; Gemeinwesenarbeit ist zu verstehen als im Vollzug der strukturellen Analyse und der Veränderungen der strukturellen Rahmenbedingungen des Lebens im Quartier sich veränderndes, weil sich anpassendes Handlungsfeld der Sozialen Arbeit.

Diesem Anspruch wird der Ansatz gerecht, wenn die Analyse der strukturellen Bedingungen des Lebens (Sozialraumanalyse) mit der Partizipation und dem Engagement am öffentlichen Leben verknüpft wird, wodurch Bewohnerinnen und Bewohner zu Akteuren werden, die sich als Teil einer res publica zu verstehen vermögen und daraus Modelle des gedeihlichen und integrativen Zusammenlebens unter entsprechenden Strukturbedingungen entstehen können.

Der Autor beschreibt ausführlich das Instrument der Sozialraumanalyse, um dann ebenso gründlich und ausführlich Partizipation und Bürgerbeteiligung zu diskutieren und zu analysieren.

Auch hier wird in einer Übersicht über Techniken und Methoden konzentriert veranschaulicht, um was es Becker geht.

Zu 8: Herausforderungen sozialer Stadtentwicklung und Gemeinwesenarbeit

Becker geht in diesem Kapitel auf einige konkreten Herausforderungen sozialer Stadtentwicklung und Gemeinwesenarbeit, die sich den Fachkräften der Sozialen Arbeit stellen werden.

Einmal geht es um die Gesundheitsförderung im Quartier, die sich zunächst auf eine Reihe von Projekten der Symptombehandlung bezieht. Dann geht es um Urban Gardinging und Agriculture, verbunden mit der Frage, ob dies die Lebensbedingungen nachhaltig verändert. Weiter geht es um lokale, solidarische Ökonomie, die sich vielleicht auch der üblichen Marktlogik entziehen kann. Eine gewichtige Herausforderung ist die Wohnungsfrage angesichts der Verwerfungen auf den Wohnungsmärkten in den Großstädten und Metropolen und angesichts verstärkter Segregationstendenzen. Ob damit soziale Durchmischung noch möglich ist, ist skeptisch zu bewerten, aber Wohnen muss auch in der Sozialen Arbeit mehr sein, als eine Adresse zu haben und vor der Natur geschützt zu sein.

Soziale Arbeit in ihrer intermediären Funktion hat immer größere Bedeutung. Moderationsprozesse im Rahmen der integrierten Stadtentwicklung setzten die Rolle als Vermittlerin immer mehr voraus. Wie parteilich dann soziale Arbeit sein kann, wenn es darum geht, nicht für, aber mit Benachteiligten etwas zu erreichen, wird ein Spannungsfeld bleiben.

Nach jedem Kapitel gibt es Aufgaben und Arbeitsanregungen sowie besondere Literaturempfehlungen.

Das Buch schließt mit einem Anhang ab, der ein Abbildungs- und Tabellenverzeichnis und eine ausführliche Literaturliste enthält. Wer weiterführende Literatur zu den jeweiligen Kapiteln sucht, muss dort suchen; im Literarturverzeichnis sind nicht alle weiterführenden Titel aufgelistet.

Diskussion

Stadtentwicklung ist immer auch die Entwicklung des Sozialraums; insofern bedarf es eigentlich keiner Betonung, dass eine Stadtentwicklung sozial sein muss. Und die Gestaltung des Sozialraums umfasst nach dem auch hier diskutierten Raumverständnis eines relationalen Raums auch die Menschen, die dort agieren oder interagieren und auf diese Weise dem Raum eine Bedeutung geben.

Soziale Stadtentwicklung entwickelt somit auch die Menschen in diesem Raum, weil man nicht nur in einem Raum agiert, sondern durch ihn.

Und Gemeinwesenarbeit ist ein Ansatz, der die strukturellen Bedingungen des Quartiers mit den strukturellen Möglichkeiten des Handelns einerseits und den individuellen Handlungsoptionen und -kompetenzen der Menschen in diesem Raum andererseits verbindet oder doch verbinden soll.

Becker versucht daraus ein Handlungsfeld der Sozialen Arbeit zu entwickeln, indem er die Stadtentwicklung mit den Zielen der Gemeinwesenarbeit dialektisch zu vernetzen sucht. Ziel der Gemeinwesenarbeit ist wie gesagt, Menschen zu Akteuren zu machen, die sich als Teil eines Gemeinwesens verstehen können, für das sie mit verantwortlich sind. Ziel der sozialen Stadtentwicklung ist es, mit den Bewohnerinnen und Bewohnern die sozialräumlichen Rahmenbedingungen des Lebens und Handelns in einem Quartier mit dessen Bewohnerschaft zusammen zu verändern.

Ein ambitioniertes Vorhaben für jemanden, der über viele Jahre hinweg Studierenden der Stadtplanung die sozialwissenschaftlichen Grundlagen der Stadtplanung und des Städtebaus nahezubringen versuchte und der in vielen Projekten der Gemeinwesenarbeit die Friktionen interdisziplinärer Arbeit erfahren hat, die das unterschiedliche Denken beider Disziplinen bis in die Praxis hinein prägen und die auch tradiert werden.

Was Martin Becker mit seinem Buch versucht, ist mehr als nur ein interdisziplinärer Ansatz. Ist es der Versuch, Soziale Arbeit vertraut zu machen mit der Idee, dass man soziales Verhalten nicht verändern kann, wenn man die sozialen Verhältnisse nicht verändert?

Wo Stadtentwickler inzwischen sensibel geworden sind für die Anforderungen des Sozialen hat Soziale Arbeit noch nicht ganz verstanden, welche politische Funktion sie im Kontext der Veränderung sozialräumlicher Lebensbedingungen hat. Davon gingen wir in den 70er Jahren eigentlich bei der Gemeinwesenarbeit aus. Was Becker hier ansatzweise entfaltet, ist die Reformulierung dieses politischen Anspruchs unter neuen sich weiter entwickelten Bedingungen Sozialer Arbeit einerseits und der Stadtentwicklung andererseits.

Sicher ein Studienbuch; facettenreich werden viele Aspekte des Sozialen in der Stadt und die Stadt als das Soziale diskutiert. Aber dahinter steht der Anspruch ein Handlungsfeld der Sozialen Arbeit zu konstituieren, das den klassischen Rahmen der Handlungsfelder Sozialer Arbeit sprengt.

Fazit

Ein spannendes Buch, das Studierende und Lehrende anregt, nicht über den Tellerrand ihrer Profession wegzuschauen, sondern den Teller zu vergrößern, in dem Soziale Arbeit gedacht werden muss und praktisch stattfindet.


Rezensent
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor für Soziologie mit den Schwerpunkten Soziale Probleme, Kommunale Sozialpolitik, Stadtsoziologie, insbesondere Soziale Probleme der Stadtentwicklung, Segregationsprozesse, Stadtumbau
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 16.06.2014 zu: Martin Becker: Soziale Stadtentwicklung und Gemeinwesenarbeit in der sozialen Arbeit. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2014. ISBN 978-3-17-023369-0. Reihe: Handlungsfelder sozialer Arbeit. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16656.php, Datum des Zugriffs 28.05.2017.


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