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Ludwig Haag, Doris Streber: Individuelle Förderung

Cover Ludwig Haag, Doris Streber: Individuelle Förderung. Eine Einführung in Theorie und Praxis. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2014. 224 Seiten. ISBN 978-3-407-25698-0. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.

Reihe: "Bildungswissen Lehramt" - Band [24]. Pädagogik.
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Thema

Die Inklusion geht mit individueller Förderung einher. Lehramtsanwärter/innen und Lehrer/innen sollten wissen, was damit „theoretisch fundiert und praktisch wirksam“ (Klappentext) gemeint ist. Zudem werden weitere zentrale Begriffe wie Heterogenität, Individualisierung und Differenzierung erläutert. Neben der Klärung psychologischer und didaktischer Theorien der Förderung werden konkrete Handlungsempfehlungen gegeben und mögliche Widerstände benannt.

Autor und Autorin

Ludwig Haas ist Professor für Schulpädagogik an der Universität Bayreuth. Sein Forschungsschwerpunkt ist die empirische Unterrichtsforschung.

Doris Streber arbeitet als akademische Rätin am Lehrstuhl für Schulpädagogik in Bayreuth und ist Geschäftsführerin des Zentrums für Lehrerbildung.

Entstehungshintergrund

Das Buch (Band 124) ist in der Reihe „BildungsWissen Lehramt“ von Eiko Jürgens herausgegeben worden. Eiko Jürgens ist Professor für Schulpädagogik an der Fakultät für Erziehungswissenschaft der Universität Bielefeld. Seine Arbeitsschwerpunkte sind u.a. Schulqualität, Unterrichtsentwicklung und Pädagogische Diagnostik.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst sechs Kapitel auf 224 Seiten.

  1. Individuelle Förderung im Kontext der Unterrichtsforschung

  2. Begriffliche Klärung:

  3. Theoretische Begründungen

  4. Umgang mit Widerständen

  5. Praktischer Umgang

  6. Sinnvolle Bildungsgänge

Im ersten Kapitel wird die individuelle Förderung im Kontext der Unterrichtsforschung unter Zuhilfenahme der Studie zur Schul-und Bildungspolitik (2011) gegeben. Zudem gewähren die Autoren Einblicke in die Übersichten von Hatties und Walberg, das Angebot-Nutzungs-Modell von Helmke (2003) sowie Merkmale guten Unterrichts von Meyer (2004). Vorgestellt werden Standards in der Lehrerbildung von Oser (2001), der KMK (2004) und Terhart (2006). Es wird ein Zwischenfazit schulpädagogischer Argumente mit Begründungen von Kunze (2008), Klafki und Stöcker (1982) formuliert. Die Autoren wenden sich gegen einen eingeschränkten Bildungsbegriff und vertreten die Differenzierung und Individualisierung als Unterrichtsprinzip.

Das 2. Kapitel beinhaltet eine begriffliche Klärung in Bezug auf das Fachklassen- versus dem Jahrgangsklassen – System, Heterogenität, Individualisierung, Differenzierung und individueller Förderung. Diese Klärung ist wichtig, um den Gegenstand des Buches deutlich zu machen.

Im 3. Kapitel findet man theoretische Begründungen, die die zahlreichen Facetten betonen z.B. werden einschlägige didaktische Modelle und Aspekte der Übertragbarkeit auf die individuelle Förderung dargestellt, wobei Klafkis didaktische Analyse (1958) und Heimanns sog. Berliner Didaktik (1962) Meilensteine bilden. Weiter werden psychologisch orientierte Didaktiken (Aeblis und Oser) und psychologische Ansätze sowie Wirkfaktoren erfolgreichen Lernens betrachtet. Die vorgestellten Theoriebausteine stehen für eine gelingende individuelle Förderung.

Im4. Kapitel “Umgang mit Widerständen“ werden Antinomien des Lehrerhandelns im Hinblick auf die Nähe-Distanz Antinomie, die Antinomie von Person und Sache, von Einheitlichkeit und Differenz bzw. Homogeniät vs. Heterogenität, Organisation und Interaktion und Autonomie und Heteronomie aufgerufen, die die Spannungsfelder des Lehrerhandelns diskutieren. Trotz einer Fülle von Materialien zur individuellen Förderung fällt die Umsetzung vor Ort schwer. Kritisch werden Vorbehalte gegen individuelle Förderung sowie Lösungsansätze, Wege vom Wissen zum Handeln und Möglichkeiten der Implementierung von neuen Wissens- und Handlungsbausteinen beleuchtet.

Das 5. Kapitel “Praktischer Umgang“ im Sinne von „Das alles bedeutet…“ hat den größten Umfang im Buch und widmet sich der Praxis in Hinblick auf die individuelle Förderung, auf motivationale Bedingungsfaktoren und dem sog. Claasroom Management. Es erläutert weite didaktische Zugänge und die individuelle Förderung und Leistungsüberprüfung. Die Unterrichtsdiagnostik (EMU), Förderpläne, die adaptive Lehrkompetenz, Merkmale gelingender individueller Förderung bei Nachhilfe sowie der Umgang mit Heterogenität schließen das Kapitel ab.

Das Buch endet mit dem 6. Kapitel “Sinnvolle Bildungsgänge“. Vorgestellt wird das jahrgangsübergreifende Lernen, die flexible Grundschule, die Zusammenlegung von Haupt- und Realschule, der Gemeinschaftsschule und der Ganztagsschule.

Diskussion

Das Buch ist sehr gut strukturiert. Zur besseren Übersichtlichkeit und Orientierung ist auf jedem linken oberen Seitenrand das Kapitel und auf jedem oberen rechten Seitenrand der jeweilige Abschnittstitel, um den es geht, abgedruckt. 17 Abbildungen und 24 Tabellen veranschaulichen die Inhalte, vergleichen Sachverhalten oder fassen zusammen.

Der Fließtext ist nach innen eingerückt und am Rand sind in Fettdruck Stichworte vermerkt. Der Fließtext ist in Abschnitte und zahlreichen Aufzählungen gegliedert, was die Übersichtlichkeit unterstreicht. An vielen Stellen werden Modelle vorgestellt bzw. übersichtlich gegenübergestellt. Diese Art der Darstellung erlaubt das Querlesen. Das umfangreiche Literaturverzeichnis komplementiert die Erläuterungen.

Dieses Buch ist längst überfällig, da es gilt, die Komplexität und Differenziertheit der individuellen Förderung zu verstehen. Individuelle Förderung basiert nicht nur auf einem didaktischen Theorieansatz und ist mehr als ein Maßnahmenkatalog oder Instrumentenkoffer. Zentraler Einfluss hat die Haltung der Lehrkräfte. Deshalb werden pädagogische Grundüberzeugungen mit wissenschaftlichen und empirischen Grundlagen verbunden. Der Bezug zur Praxis ist evident und wird in diesem Buch stets mitgeliefert, sodass Theorie und Praxis in verständlicher Form miteinander verbunden werden.

Es mangelt in Deutschland nicht an Forschungsergebnissen und Wissen. Die Autoren bringen eine Erkenntnis provokant aber treffend auf den Punkt „Individualisierung ist keine Technik, sondern findet im Kopf der Lehrperson statt“ (S.12). Hier wird klar, dass subjektive Theorien den Schlüssel des Lehrerhandelns darstellen (S.127) und es eben nicht allein das Wissen anderer Techniken des Unterrichtens und Förderns geht. Die Veränderung der Haltung der Lehrperson ist der Kern und dieser wirkt auch auf die eigene Person und auf die Weiterentwicklung der eigenen Berufsauffassung. Manche Fortbildung und Diskussionen um die individuelle Förderung berücksichtigt diesen Umstand viel zu wenig, was dringend verändert werden muss.

Fazit

Im Zuge der Inklusionsdebatte wird der Ruf nach individueller Förderung immer lauter. Die Schülerinnen und Schüler von heute sind keine homogene Gruppe mehr. Lehramtsanwärter/innen und Lehrer/innen sind auf das passende Handwerkszeug angewiesen. Sie sind aber vor allem drauf angewiesen, eine inklusionsbejahende Haltung zu entwickeln. Dieses Buch hat den Anspruch die individuelle Förderung in Theorie und Praxis verständlich zu erläutern. Darüber hinaus werden notwendige weitere zentrale Begriffe wie Heterogenität, Individualisierung und Differenzierung erläutert. Neben der Klärung psychologischer und didaktischer Theorien der Förderung werden zahlreiche Forschungsergebnisse verständlich vorgestellt sowie konkrete Handlungsempfehlungen gegeben. Durch die gut strukturierte und äußerst übersichtliche Darstellungsweise ist dieses Buch nicht nur gut zu lesen, es ist auch verständlich geschrieben, benennt die wichtigen Kernthemen und beleuchtet die individuelle Förderung aus verschiedenen Perspektiven. Mein Gesamturteil: Sehr empfehlenswert!


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 23.06.2014 zu: Ludwig Haag, Doris Streber: Individuelle Förderung. Eine Einführung in Theorie und Praxis. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2014. ISBN 978-3-407-25698-0. Reihe: "Bildungswissen Lehramt" - Band [24]. Pädagogik. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16665.php, Datum des Zugriffs 22.03.2019.


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