Detlef Gaus, Elmar Drieschner: Strukturelle Kopplungen im Bildungssystem
Rezensiert von Prof. Dr. Fabian Lamp, 27.01.2015
Detlef Gaus, Elmar Drieschner: Strukturelle Kopplungen im Bildungssystem. Zur theoretischen und historisch-empirischen Fundierung bildungswissenschaftlicher Forschung am Beispiel des Verhältnisses von Kindergarten und Grundschule. Schneider Verlag Hohengehren (Bielefeld) 2014. 157 Seiten. ISBN 978-3-8340-1289-0. D: 16,00 EUR, A: 16,50 EUR, CH: 23,50 sFr.
Thema
Gegenwärtig wird viel darüber diskutiert, wie Kooperationen beispielsweise von Institutionen des Bildungssystems mit Institutionen der Kinder- und Jugendhilfe gestaltet werden können, beispielsweise im Kontext der Ganztagsschule, der Schulsozialarbeit, von kommunalen Bildungslandschaften oder – wie im vorliegenden Buch – im Kontext der Transition von der Kindertagesstätte in die Grundschule. Es gibt auf konzeptioneller Ebene vielfältige Vorschläge zu Gelingensbedingungen dieser Kooperationen. Häufig verbleiben diese Vorschläge jedoch auf normativer Ebene, wenn etwa Fachkräfte aufgefordert werden „auf Augenhöhe“ miteinander zu kommunizieren (wie beispielsweise in der Schulsozialarbeit) oder sie kommen in Form von Checklisten daher, die vorgeben, nach dem Abhaken der einzelnen Punkte würde die Kooperation bereits gelungen sein. Das vorliegende Buch bietet mit dem Ausgangspunkt des Begriffs der „strukturellen Kopplungen“ aus der Systemtheorie Luhmannscher Prägung eine theoretische Perspektive auf dieses Thema und sticht damit aus der häufig theorieabsent daherkommenden Diskussion um Vernetzung und Kooperation wohltuend hervor.
AutorIn oder HerausgeberIn
PD Dr. Detlef Gaus ist angestellter Professor für Erziehungswissenschaft an der Ostfalia Hochschule Braunschweig-Wolfenbüttel mit der Denomination für Pädagogische Theorien in der Sozialen Arbeit und Privatdozent an der Universität Lüneburg.
Prof. Dr. Elmar Driescher ist Professor am Institut für Erziehungswissenschaft an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg mit der Denomination für Frühkindliche Bildung und Erziehung
Aufbau
Das Buch ist in zwei Teile gegliedert:
- „Theoretische Grundlegung einer Forschungsperspektive auf strukturelle Kopplungen des Bildungssystems“ beinhaltet auf ca. 60 Seiten eine theoretische Grundlegung. Hier werden die wichtigsten Begrifflichkeiten aus dem Kontext der „strukturellen Kopplungen“ erarbeitet.
- „Exemplarische Analyse: Über die Genese und die Friktionen der strukturellen Kopplung von Kindergarten und Grundschule“ bietet einen system- und modernisierungstheoretischen Blick auf die historische Entwicklung von Kita und Grundschule sowie Perspektiven und Probleme der aktuellen Kopplungstendenzen von Kita und Grundschule.
Zu Teil 1
Im ersten Abschnitt „Autopoiesis und strukturelle Kopplung“ werden erste Grundlagen der Luhmannschen Systemtheorie dargestellt: die Ausdifferenzierung autopoietischer Funktionssysteme im Modernisierungsprozess im Allgemeinen und die Entwicklung des Bildungssystems im Besonderen, das Phänomen der Inklusion als empirisches Merkmal auf der strukturellen Ebene und als normatives Prinzip auf der Ebene der Deutungsmuster, Kommunikation als Modus sozialer Systeme, System und Umwelt, und schließlich den Begriff der strukturellen Kopplung. Komplex (und dennoch nachvollziehbar) wird unter Rückgriff auf Beispiele das Themengebiet der strukturellen Kopplungen angegangen und begründet, warum von dieser Begrifflichkeit nach Meinung der Autoren „ein Anregungspotenzial für erziehungswissenschaftliche, bildungshistorische und bildungssoziologische Perspektiven auf das Bildungssystem ausgeht“ (S.19).
Im zweiten, kurz gehaltenen, Abschnitt „Strukturelle Kopplungen auf verschiedenen Ebenen des Bildungssystems“ gehen die Autoren konkreter darauf ein, auf welchen Ebenen und in welcher Form strukturelle Kopplungen im Bildungssystem vorkommen. Hierzu wird die Unterscheidung in psychische Systeme und soziale Systeme, die sich wiederum in Interaktionssysteme, Organisationen und Gesellschaften teilen, eingeführt. Zwischenergebnis dieses Abschnitts ist, dass kooperative Kopplungen in der horizontalen Perspektive von hierarchischen Kooperationen in der vertikalen Perspektive sowie lose und feste Kopplungen unterschieden werden können.
Das Bildungssystem wird im dritten Abschnitt zunächst als lose gekoppeltes System betrachtet. Charakteristisch für das Bildungssystem sei etwa, dass es nur über mehrdeutige und unklare Zielsetzungen verfüge (z.B. Erziehung/ Bildung/ Enkulturation/ Qualifikation) und dass es nur über unklare oder gar ungenügende Technologien zur Zielerreichung verfüge.
Im umfangreicheren vierten Abschnitt gehen die Autoren dann auf kooperative und hierarchische Kopplungen ein sowie auf die Frage, wie hierarchische Kopplungen gesteuert werden. Anhand konkreter Beispiele (etwa der Lehrerausbildung oder der Entstehung der Sozialarbeitswissenschaft) verdeutlichen sie zunächst, wie strukturelle Kopplungen im Bildungssystem, die auf der Ebene der Funktionssysteme ausgehandelt wurden, auf der Ebene der Organisationssysteme für eine Steigerung der Komplexität und für Nebenfolgen sorgen. Im Anschluss stellen die Autoren dar, wie das politische System versucht, andere autopoietische Systeme zu beeinflussen, nämlich durch „dezentrale Kontextsteuerung“ (S.46ff.). Das politische System könne nicht, so die Autoren, direkt auf das Bildungssystem zugreifen, sondern nur jeweils durch Veränderung von Rahmenbedingungen im Zusammenhang politischer Initiativen (als Beispiel dient hier die politisch gewollte und angestoßene Entwicklung von Ganztagsschulen) Entwicklungsprozesse im Bildungssystem anregen. Politisch angeregte kooperative Kopplungen zwischen Organisationen des Bildungssystems und systemfremden Organisationen könnten dabei soweit führen, dass von „struktureller Integration“ gesprochen werden könne: „Strukturelle Integration bezeichnet den Prozess, in dem es zur Eingliederung von Bereichen in ein System kommt, welche vormals dessen Umwelt angehört haben“ (S. 53).
Zu Teil 2
Der Versuch einer solchen „strukturellen Integration“ wird im zweiten Teil des Buches anhand der strukturellen Kopplung von Kita und Grundschule durchgespielt. Reflektiert werden sollen dabei insbesondere mögliche Friktionen und Disbalancen, die sich bei struktureller Kopplung aus den historisch gewachsenen Eigendynamiken beider Systeme ergeben können (vgl. S. 67). Die Autoren stellen dazu die These auf, wonach Kita und Schule sowie ErzieherInnen und Grundschullehrkräfte sich in jeweils „unterschiedlichen Phasen des Modernisierungsprozesses befinden und daher gleichzeitig mit ungleichzeitigen Herausforderungen und Problemen konfrontiert sind“ (S.68). Um dieser These nachzugehen, wird die Entwicklung von Kita und Schule in Deutschland in 4 Phasen systematisiert (Erste Hälfte des 19. Jahrhunderts, Weimarer Republik, Nationalsozialismus und Nachkriegszeit, Bildungsreform der 1960er und 1970er Jahre). Mindestens für die 1960er und 1970er Jahre konstatieren die Autoren ein weitgehendes Scheitern der Versuche, Kita und Grundschule näher miteinander zu verkoppeln. Sie führen dieses Scheitern auf die Tatsache zurück, dass das politische System zu dieser Zeit versuchte, qua Durchgriffsteuerung im Zuge einer Bildungsgesamtplanung direkt auf die System Kita und Schule einzuwirken, ohne für die historischen Dynamiken und Entwicklungsstände der Systeme sensibel zu sein.
Im dritten Abschnitt des zweiten Teils des Buches konstatieren die Autoren eine gegenläufige Entwicklung im Schulsystem im Gegensatz zum vorschulischen Bereich: während das Schulsystem tendenziell weniger direkt durch das politische System reguliert wird (Stichwort etwa „autonome Schule“), wird im vorschulischen Bereich die staatliche Regulierung eher forciert. Hintergrund dieser Tendenzen sei der Versuch, die in den 1960er und 1970er Jahren gescheiterte strukturelle Kopplung beider Bereiche nun nachzuholen. Die Autoren sehen so einen Prozess der strukturellen Integration des Kindergartens in das Bildungssystem im Gange (vgl. S. 125).
Das Buch schließt mit Perspektiven und Problemen aktueller Verkopplungstendenzen von Kindergarten und Grundschule.
Fazit
Das Buch wirft einen inspirierenden Blick auf die Zusammenarbeit von Kita und Grundschule aus systemtheoretischer Perspektive. Die Gedankengänge werden schrittweise und nachvollziehbar entwickelt, es sind aber systemtheoretische Vorkenntnisse von Vorteil, um die manchmal komplexen Darstellungen nachvollziehen zu können. Unmittelbar in der Praxis umsetzbare Hinweise zur Gestaltung von Kooperationen von Kita und Schule liefert das Buch nicht. Systemtheoretisch vorgebildete Studierende sowie Lehrende und Forschende erwarten inspirierende theoretische Grundlagen zu den Herausforderungen und Möglichkeiten der Kooperation von Bildungsorganisationen.
Rezension von
Prof. Dr. Fabian Lamp
Professor für das Fachgebiet Erziehung und Bildung im Übergang von der Kindheit zum Jugendalter an der FH Kiel
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