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Monica Budowski, Michael Nollert: Private Macht im Wohlfahrtsstaat

Cover Monica Budowski, Michael Nollert: Private Macht im Wohlfahrtsstaat. Akteure und Instiutionen. Seismo-Verlag (Zürich) 2014. 216 Seiten. ISBN 978-3-03-777121-1. 28,00 EUR, CH: 38,00 sFr.

Reihe: Differenzen.
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Thema

Der Band greift sozialpolitische Veränderungen der letzten 25 Jahre auf. Er wendet sich gegen ein neoliberales Denken und entsprechende Reformen der Privatisierung, die sowohl bei Gegnern als auch bei liberalen oder sozialdemokratischen Befürwortern des Wohlfahrtsstaates zu finden sind. Genauer beschäftigen sich die Beiträge damit, den Einfluss von nicht-staatlichen Akteuren, insbesondere von ökonomischen, privaten und zivilgesellschaftlichen Zusammenschlüssen, in unterschiedlichen sozialpolitischen Bereichen darzustellen und zu reflektieren.

Herausgeberin und Herausgeber

Die beiden Herausgeber, Budowski und Nollert, vertreten an ihren Hochschulen (Universität Fribourg; Universität Freiburg) jeweils ein paralleles Lehrgebiet: Soziologie, Sozialpolitik und Soziale Arbeit. Dem vorliegenden Band sind schon andere gemeinsame Veröffentlichungen vorausgegangen.

Als Autorinnen und Autoren für die Beiträge haben sie jeweils ausgewiesene Experten gewonnen.

Entstehungshintergrund

Der Entstehungshintergrund ist der Rezensentin nicht bekannt, und es finden sich in dem Band dazu auch keine Angaben; wenigstens ein Artikel (s. S. 27) geht jedoch auf einen Vortrag zurück, der an der Universität Fribourg gehalten wurde.

Aufbau und Inhalt

Es handelt sich um ein Sammelwerk. Nach der Einleitung beschäftigen sich zehn Beiträge mit unterschiedlichen Gesellschaftsbereichen, in denen sich eine Privatisierung auswirkt.

Statt das Inhaltsverzeichnis hier wiederzugeben, sollen im Folgenden die Themenbereiche und deren AutorInnen genannt werden. Da es sich nicht um ein Lexikon oder ein Handbuch handelt, überwiegt nicht eine für den Leser sofort offensichtliche Vergleichbarkeit der Artikel, und es finden sich außer der Frage nach der Macht privater Akteure keine einheitlichen Fragestellungen, sondern jeweils unterschiedliche Analyseraster.

Dementsprechend werden nicht die Kapitelüberschriften, sondern die Themenbereiche wiedergegeben (hinter den Themen sind die Namen der jeweiligen AutorInnen kursiv gesetzt):

  • Erwerbsarbeit, Arbeitsbeziehungen und die Stellung der Gewerkschaften (Müller-Jentsch) (Degen),
  • Medien und ihre Fähigkeit, Themen zu setzen (Bonfadelli),
  • strukturelle, indirekte Gewalt in unterschiedlichen hierarchischen Anordnungen (Galtung),
  • Unzufriedenheit mit der demokratischen Legitimation (Keshelava & Niggli),
  • Macht in der Sozialen Arbeit am Beispiel Empowerment (Staub-Bernasconi),
  • Familienpolitik und ihr Einfluss auf das Verhalten von Familien (Gerlach),
  • Soziale Dienste und unterschiedliche Rückgriffe auf zivilgesellschaftliche Akteure (Evers),
  • Umstrukturierungen im Bildungsbereich durch Einführung von Märkten für Bildungsangebote (Oelkers),
  • Individuelle Ausgaben für Soziales und Rückwirkungen auf die Umverteilung durch den Sozialstaat (Goudswaard & Caminada).

Die Artikel variieren zwischen einer Seitenzahl von 15 bis 25 Seiten, nur der Artikel von Galtung ist mit acht Seiten kürzer. Er beschäftigt sich auch vor allem mit der Analyse unterschiedlicher Arten von Macht und nicht so sehr mit sozialpolitischen Reformen. Die Beiträge beziehen sich weiterhin auf unterschiedliche Staaten: Europäische Länder wie die Schweiz, Deutschland oder die Niederlande finden sich öfter; daneben wird zum Teil auch eine OECD-Perspektive eingenommen; andere Beiträge beschäftigen sich weiterhin mit Entwicklungen in den USA, in Chile und in Schweden. Drei Beiträge (Galtung; Keshelava & Niggli; Goudswaard & Caminada) sind auf Englisch verfasst.

Der Analyseansatz der Beiträge lässt sich – bei allen Differenzierungen durch die Autoren – zusammenfassend als soziologisch beschreiben: Zwar werden auch rechtliche oder ökonomische Veränderungen dargestellt, die Aufmerksamkeit gilt aber insbesondere dem umfangreichen sozialen Wandel der Bereiche, in denen in Wohlfahrtsstaaten private Akteure und Handlungsweisen vorhanden waren bzw. sind. Diesen Wandel mit den unterschiedlichen Strategien und Handlungslogiken der privaten Akteure zu erfassen, kann man als das Ziel des Sammelbandes beschreiben. Insgesamt werden unterschiedliche private Handlungsweisen erkannt. Sie können eine stärker ökonomische Ausrichtung haben, es kann sich aber auch um Kooperationen oder Interaktionen handeln.

Diskussion

Bei einem Sammelwerk liegt der besondere Reiz in der Zusammenstellung. Als Autorinnen und Autoren hat man hier ausgewiesene WissenschaftlerInnen aus unterschiedlichen Bereichen zusammengeführt, die ihr spezifisches Wissen in prägnanter und verständlicher Form präsentieren. Damit werden wissenschaftliche Ansätze und deren bisherige Ergebnisse zur Entwicklung des Wohlfahrtsstaates knapp zusammengetragen. Die inhaltlichen Resultate, wie sich durch Reformen in den letzten Jahrzehnten die Machtverhältnisse zwischen Gesellschaft und Staat verändert haben, fallen je nach betrachtetem Bereich unterschiedlich aus.

Die bearbeiteten Themenfelder decken eine große Bandbreite gesellschaftlicher Gruppen und Organisationen ab. Man kann fragen, ob die Bandbreite zu umfangreich ist, und gleichzeitig überlegen, ob sie umfangreich genug ist, da andere sozialpolitische Themen, wie z.B. die Privatisierung in der Altersvorsorge, im Gesundheitswesen oder bei den Sozialen Diensten, lediglich in einem Beitrag thematisiert werden.

Der Sammelband ist nicht rein national angelegt. Allerdings ist auf seiner Basis ein internationaler Blick nur begrenzt möglich, denn zu den Themenfeldern gibt es in der Regel nur jeweils einen Beitrag. Ein systematischer Vergleich zwischen unterschiedlichen Ländern wird zwar in den Beiträgen mit einer OECD Perspektive unternommen; diese Beiträge können jedoch weniger die Veränderungen auf der Mikro- oder Meso-Ebene in den einzelnen Sozialstaaten erfassen.

In der Einleitung geben die Herausgeber als Ziel des Bandes an, mikrosoziologische Machtanalysen vorzulegen (S. 7). Der Machtbegriff wird in der Einleitung zwar vielschichtig, aber extrem knapp skizziert. Es ist zu fragen, in welcher Weise jemand ohne Vorwissen diese Ausführungen voraussichtlich verstehen wird. Schwerwiegender ist, dass die Einleitung und die Beiträge relativ unverbunden sind. Zum einen verortet die Einleitung die Beiträge zu wenig in dem aufgespannten theoretischen Feld; zum anderen beziehen sich die Beiträge nicht ausdrücklich auf die theoretische Verortung, vielmehr werden dort vor allem einzelne Aspekte und jeweils spezifische Analysearten verfolgt.

Als Resultat erhält man in dem Band allerdings kurze, prägnante Einblicke und Zusammenfassungen, in welchen Bereichen sich Macht manifestiert und wie sie sich auswirkt; zum Teil werden auch Maßnahmen der Selbstorganisation dagegen beschrieben. Dies ist von Seiten der Governance-Debatte und aus Sicht der Machtbegrenzung, z.B. in Anlehnung an die Gewaltenteilung im Sinn von checks and balances, hervorzuheben.

Fazit

Es handelt sich um ein Sammelwerk, in dem wichtige Aspekte und Anregungen zur Privatisierung im Wohlfahrtsstaat dargelegt werden.


Rezensentin
Prof. Dr. Johanna Bödege-Wolf
Administrative und politische Grundlagen der Sozialen Arbeit
Fakultät I Bildungs- und Gesellschaftswissenschaften
Universität Vechta
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Zitiervorschlag
Johanna Bödege-Wolf. Rezension vom 19.09.2014 zu: Monica Budowski, Michael Nollert: Private Macht im Wohlfahrtsstaat. Akteure und Instiutionen. Seismo-Verlag (Zürich) 2014. ISBN 978-3-03-777121-1. Reihe: Differenzen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16671.php, Datum des Zugriffs 18.06.2019.


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