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Anthony D. Kauders: Der Freud-Komplex (Geschichte Psychoanalyse)

Cover Anthony D. Kauders: Der Freud-Komplex. Eine Geschichte der Psychoanalyse in Deutschland. Berlin Verlag (Berlin) 2014. 399 Seiten. ISBN 978-3-8270-1198-5. D: 23,99 EUR, A: 24,70 EUR, CH: 34,90 sFr.
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Thema

Der Verkaufsprospekt des Verlages nennt in Fettschrift und als Überschrift fungierend: „Freud und die Deutschen“. Das ist nicht falsch, aber wenig präzise. Im Vorwort benennt der Autor seinen spezifischen Zugang mit den Worten: „… dann möchte ich aus dem Studium der Freud-Rezeption wertvolle Hinweise zum Verständnis der deutschen Gesellschaft erhalten“ (S. 11). Einen „soziologischen Lackmustest“ ex post factum vorzunehmen, hat der Autor also im Sinn. Dem liegt folgende Überlegung, die als methodisches Postulat anzusehen ist, zu Grunde: „Anhand der Freud-Rezeption können wir die Leit- und Menschenbilder, die Ideale und Utopien, die Ängste und Hoffnungen einer Gesellschaft erforschen.“ (S. 11)

Autor

Im Verkaufsprospekt des Verlags ist über den Autor zu lesen: „Er lehrt an der Keele University in England“. Ausgewiesen ist er auf der Homepage als Lecturer (Dozent). Die im Verkaufsprospekt zu findende Angabe „forscht an der Universität München“ fordert zunächst einmal den (bayerischen) Widerspruch heraus: Die gibt es gar nicht! In München gibt es gleich zwei Universitäten: die TUM und die LMU. An der zweiten, der Ludwig-Maximilians-Universität, ist der Autor präsent – allerdings nur als E-Mail-Adresse. Seine von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekte „Juden in der Bundesrepublik Deutschland zwischen Schuldgefühlen und Rechtfertigungsstrategien, 1945-1989“ (Research Fellowship) sowie „Die Untersuchung gesellschaftlicher Vorstellungen von Identität, Rationalität und Sexualität anhand der Auseinandersetzung mit der Psychoanalyse in Deutschland (1900-1985)“ (Research Grant) sind abgeschlossen (nach Angaben unter www.keele.ac.uk/history/people/anthonykauders/ 2013). Das erste o.g. Forschungsprojekt bildete wohl die Basis für sein früheres Buch „Unmögliche Heimat. Eine deutsch-jüdische Geschichte der Bundesrepublik“ (Kauders, 2007), das in der Fachwelt auf positive Resonanz stieß (vgl. insb. die Rezension von Zuckermann, 2008).

Sein Publikationsverzeichnis auf der Homepage der Keele University (www.keele.ac.uk/history/people/anthonykauders/) weist ihn als einen Historiker aus, dessen Forschungsschwerpunkt mit „Juden im Deutschland des 20. Jahrhunderts“ zu kennzeichnen ist. Geschichte studiert hat der 1967 in Zürich geborene Autor an der London School of Economics (M.A) und am St. Antony´s College der Oxford University (D.Phil.).

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch ist nach Kriterien der literarischen Gattung wohl am ehesten als „historisches Sachbuch“ anzusprechen, das vom Autor wohl selbst – nichts spricht dagegen, vieles dafür – in deutscher Sprache abgefasst wurde. Angaben im Dank ist zu entnehmen, dass es sich beim vorliegenden Buch um eine zusammenfassende Darstellung der Ergebnisse des zweiten o.g. DFG-Projekts handelt (vgl. S. 393). Des Autors Publikationsverzeichnis auf der Homepage der Keele University weist eine Reihe von Artikeln aus, deren Titel vermuten lassen, in ihnen sei Material des vorliegenden Buches schon früher veröffentlicht worden und auf S. 361 des Buches werden insgesamt acht Artikel bzw. Buchbeiträge genannt, die nach Autorenwort, im vorliegenden Buch Material „in veränderter Form und in einem neuen Kontext wiedergeben“. Und überhaupt: Wer „Juden im Deutschland des 20. Jahrhunderts“ als Forschungsschwerpunkt hat, der hat keinen langen Weg zur (Wirkungs-)Geschichte der Psychoanalyse in Deutschland; ja man darf wohl sagen, dass man mit diesem Forschungsschwerpunkt auf die Dauer um dieses Thema nicht herum kommt.

Der Autor lässt uns in seinen Dankesworten aber ergänzend zu solchem Grund auch noch den entsprechenden Anstoß wissen: „Den Ausgangspunkt nahm das Projekt bei meiner Frau Miriam Gebhardt, deren Familie aus lauter Psychologen (aber keinen Psychoanalytikern!) besteht. Es war nur eine Frage der Zeit, bis ich mich dieser Tatsache stellen musste.“ (S. 394) Man darf annehmen, dass Miriam Gebhardt noch in anderer Weise inspirierend für das Projekt war. Die jetzige Professorin für Neuere und Neueste Geschichte hatte im Jahre 2002 ein Buch mit dem Titel „Sünde, Seele, Sex. Das Jahrhundert der Psychologie“ (München: DVA) vorgelegt. Und ihr 2010 erschienenes Buch „Rudolf Steiner. Ein moderner Prophet“ (München: DVA) hat die Methodik des „soziologischen Lackmustests“ doch auch schon verwendet.

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht aus einem einseitigen Inhaltsverzeichnis (nur Überschriften der elf Buchbausteine mit jeweils erster Seitenzahl), einem Vorwort, sechs annähernd gleich langen Sachkapiteln, einem sehr umfangreichen Teil mit Anmerkungen, einem mit Bibliographie überschriebenen Buchteil (der aber auch anderes enthält, als was die Überschrift erwarten lässt), einem zweiseitigen Dank (die allgemein interessierenden Angaben wurden schon oben aufgeführt) und einem fünfseitigen Register, das faktisch allerdings nur ein Personen- (und nicht zugleich Sach-)register ist. Ich fange für eine vertiefte Betrachtung an bei der Darstellung von Anmerkungen, Bibliographie und Register, weil sie wichtige Werkzeuge bei der Erarbeitung des Sachtextes (Vorwort und Kapitel) sind; mit diesen hinteren Teilen anzufangen, empfehle ich auch anderen Leser(inne)n des Buches.

Das Register erfasst nur Personen, die (auch) im Sachtextteil vorkommen – nicht etwa dort nicht genannte Autor(inne)n, die in den Anmerkungen oder im Literaturverzeichnis genannt werden. „Personen“ meint: neben Autor(inne)n werden auch relevante Figuren der Zeitgeschichte genannt. Was in den Anmerkungen steht und was unter Bibliographie (genauer: unter Literatur), muss man zusammen im wechselseitigen Bezug der beiden Buchteile betrachten.

Die vierzehnseitige Einleitung ist weit mehr als nur eine „Hinführung zum Thema“. Das ist sie auch. Ferner enthält sie eine Zusammenfassung der nachfolgenden sechs Kapitel. Vor allem aber, und deshalb sollte man die Einleitung vorab und mit einiger Gründlichkeit lesen, enthält die Einleitung grundlegende methodologische Überlegungen und methodische Festlegungen. Unter „Thema“ wurde ein Teil davon oben bereits angesprochen. Jedes der nachfolgenden sechs Kapitel ist eine längsschnittliche Betrachtung die jeweils mit einer Jahreszahl und einem Stichwort versehen ist. „Jedes Jahr steht stellvertretend für einen Prozess, in dem Aspekte einer alten Vorstellungswelt mit denen einer neuen konfrontiert werden, was zu einer gewissen geistigen Instabilität führt.“ (S. 11) Was die mit einzelnen Jahren und Stichworten markierten Zäsuren anbelangt, so muss man sich über deren erkenntnistheoretischen Status im Klaren sein: „Hierbei geht es um ‚Deutungszäsuren‘, nicht um zeitgenössische ‚Erfahrungszäsuren‘.“ (S. 12) Zu den in der Einleitung genannten Axiomen gehören drei, an die man sich bei der Lektüre immer wieder erinnern sollte. Das erste beinhaltet: Deutschland geht „in Sachen Seele“ einen Sonderweg, der „mit der Rolle der Romantik im deutschen Denken über die Psyche“ (S. 16) zusammenhängt. Zum Zweiten fasst der Autor die Psychoanalyse als „Denkstil“ im Sinne Ludwik Flecks (vgl. den Wikipedia-Eintrag zu ihm) auf. Und schließlich: „Nun stellt sich aber sogleich die Frage, ob es immer dieselbe Psychoanalyse war, auf die man sich im 20. Jahrhundert bezog. Für Deutschland kann man sagen: im Großen und Ganzen ja.“ (S. 12)

1913: Sexualität (45 Seiten). In diesem ersten Kapitel werden uns im Wesentlichen drei Reaktionen auf Freud dargestellt: die der – sich 1913 auf dem Breslauer Kongress versammelnden – „herrschenden“ Psychiatrie (damals noch von der Neurologie ungetrennt im ärztlichen Fachbereich Nervenheilkunde), der Wandervogelbewegung und den anacharchisten Bewegungen des wilhelminischen Kaiserreichs, namentlich Otto Gross (vgl. den Wikepedia-Eintrag zu ihm).

1930: Seele (45 Seiten). Im Jahre 1930 erhält Freud den Goethepreis der Stadt Frankfurt am Main, die einzige Auszeichnung die er zu Lebzeiten überhaupt erfuhr. Die Auszeichnung war im Kuratorium und außerhalb umstritten; schon im Vorfeld wurde Pro und Contra ausgetauscht und nach der Preisverleihung gab es Kritiken. Umstritten war damals (und das seit Ende des 1. Weltkriegs) die Art und Weise, wie Freud die Seele betrachtete: als „Unbewusstes“ im topographischen und als „Es“, im strukturellen Modell. Der Bericht über den Streit, seine Hintergründe und seine Bedeutung macht den Großteil des 2. Kapitels aus.

1938: Rasse (43 Seiten). Die Novemberprogrome von 1938 markieren den Übergang von der Diskriminierung der deutschen Juden seit 1933 zur systematischen Verfolgung, der im Holocaust enden würde. Der Antisemitismus trat sowohl in einer „rationalen“ als auch in einer „emotionalen“ Gestalt auf; für die zweite steht etwa Carl G. Jung in seiner Freud-Kritik. 1938 markiert aber nicht das Ende der – seit 1933 „judenfreien“ – deutschen Psychoanalyse; sie kann sich in jenem Jahr, weil auch das Nazi-Regime nicht ohne effektive Psychotherapie auskommt, unter Abstreifung der Bezeichnung „Psychoanalyse“ sowie Kappung der internationalen Verbindung unter das schützende Dach des „Göring-Instituts“ flüchten.

1956: Wiedergutmachung (42 Seiten). Im Mai 1956 findet in Frankfurt am Main im Beisein bedeutender Persönlichkeiten eine Feier zu Freuds 100. Geburtstag statt – zur besten Frühlingszeit der Bundesrepublik (der man sich am besten nähert, wenn man Rainer Werner Fassbinders „Lola“ anschaut). In dem hier betrachteten Zeitraum, der mit Kriegsende beginnt und Mitte der 1960er endet, kann man „von einer doppelten Form von ‚Wiedergutmachung‘ sprechen. Die eine war der Versuch, durch die Psychoanalyse Anschluss zu finden an Entwicklungen außerhalb Deutschlands und teilzuhaben an der ‚jüdischen‘ Wissenschaft. Die andere verfolgte das Ziel, durch eine Rückkehr zu ‚bürgerlichen‘ Idealen den Nationalsozialismus zu überwinden.“ (S. 166)

1967: Kindheit (45 Seiten). 1967 wird die tiefenpsychologisch fundierte und analytische Psychotherapie (auch die für Kinder) Kassenleistung, Benno Ohnesorg wird erschossen, was die Verbreitung und Radikalisierung der Studentenbewegung (eine ihrer Ideen: der Kinderladen) beförderte, und die Verhandlungen gegen den 21-jährigen (nicht 17-jährigen, wie es auf S. 204 heißt) Jürgen Bartsch beginnen; er hatte als Jugendlicher vier Jungs missbraucht und umgebracht. Mit seinem Revisionsprozess wird ein neues Kapitel in der bundesrepublikanischen Rechtsgeschichte aufgeschlagen: die Psychoanalyse bekommt Gewicht vor Gericht und die Kindheit Bedeutung für die verhängte Strafe. In den Kinderläden wird damit experimentiert, wie man Freud und dem Freud-Schüler wie -Dissident Wilhelm Reich folgend antiautoritäre Erziehung – ihr Nachhall findet sich als „kindgerechte“ Erziehung bis heute – realisieren kann.

1985: Vergangenheit (38 Seiten). 1985 war die Deutsche Psychoanalytische Vereinigung Gastgeberin des 34. Kongresses der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung in Hamburg. Es war ein Zeichen der „Normalisierung“ der deutschen Psychoanalyse; ermöglicht dadurch, dass sie in den Jahren zuvor – spät, aber endlich – begonnen hatte, ihre Rolle im Nazireich aufzuarbeiten. Als weitere Anzeichen der Normalisierung sind zu werten, dass sie jetzt von außen als ein Psychotherapieverfahren neben anderen betrachtet wurde und sie in zuvor nicht bekannter Weise ihre inneren Konflikte auch öffentlich austrug.

Im letzten Abschnitt dieses Kapitels stellt der Autor in einer zusammenfassenden Rückschau dar, was seinen spezifischen Blick auf eine Geschichte der Psychoanalyse charakterisiert: Nirgendwo sonst als in Deutschland sei bis in die 1960er der Umgang mit Freud bestimmt gewesen vom Konflikt zwischen einer bürgerlichen und einer romantischen Tradition.

Diskussion

Ob das im Buch ausgebreitete Material und die dort vorgebrachten Überlegungen diese These wirklich überzeugend begründen (der Rezensent Rathgeb, 2014 bezweifelt das), ist eine Frage, die für den Rezensenten offen bleibt; möglicherweise bedarf es zu ihrer Beantwortung mehr fachhistorischer Kenntnis. Fraglich erscheint, wie fruchtbar die mit einzelnen Jahren und Stichworten markierten Deutungszäsuren sind. „Von sich aus“ drängen sich die im Buch angegebenen Deutungszäsuren jedenfalls nicht auf und es bleibt bei den einzelnen Kapiteln mehr oder weniger unklar, was sie denn im Innersten zusammenhält. In der Globalbeurteilung kann ich mich nur der Einschätzung anschließen, die Eberhard Rathgeb (2014) in seiner FAZ-Rezension in folgende Worte gekleidet hat: „Richtig glücklich, im Sinne von ‚Genau so wird es gewesen sein‘, macht einen das Buch von Kauders nicht. Das Über-Ich des Autors verlangt zu viel – der Kampf um die Seele in Deutschland –, das Ich wiederholt, wie in einem Akt der Selbstbehauptung seiner Methode, immer wieder die guten Absichten, die es verfolgt – es geht hier nur um Freud bei den Deutschen –, und das Es versucht bei jeder Gelegenheit auf seine ideellen Kosten zu kommen: hundert Jahre deutsche Gesellschaft im Spiegel der Seele nach Freud.“

Ohne Zweifel aber bietet das Buch eine Gesamtdarstellung der Geschichte der Psychoanalyse im Deutschland des 20. Jahrhunderts, wie es sie zuvor nicht gab. Eine Darstellung, die aus fachhistorischer Sicht geschrieben wurde und zudem aus einer Perspektive von außen (Nicht-Psychoanalytiker, Nicht-Deutscher). Das macht den großen Unterschied zu anderen Darstellungen der Geschichte in Deutschland aus; die aus deutscher Sicht und/oder unter psychoanalytischer Perspektive nur eine historische Teilstrecke und/oder eine bestimmte Persönlichkeit in den Blick nehmen. Beispielhaft zu nennen wäre etwa Karin Zienert-Eilts´ (2013) Abraham-Biographie (vgl. Heekerens, 2014). Das vorliegende Buch ist in einem anregenden Stil und allgemeinverständlicher Sprache verfasst und es gewährt einen fortlaufenden Lesefluss, weil der Text von jeglicher Art (Literatur-)hin- oder -nachweis (oder gar Quellendiskussion) frei ist.

Allzu unkritisch sollte man dem Buch aber auch dann, wenn man es lediglich als „Gesamtdarstellung der Geschichte der Psychoanalyse im Deutschland des 20. Jahrhunderts“ liest, nicht begegnen; es gibt doch Fehler und Ungenauigkeiten sowie Fragwürdiges und Widersprüchliches. Fangen wir bei den kritischen Anmerkungen dieser Art mit den Formalien an. Nach welcher Logik wird eine im Text genannte Person denn im Register eigentlich erfasst? Nach keiner mir erkennbaren. So werden auf S. 27 vier Personen genannt, die schon vor Freud sexuelle Störungen verortet und Variationen sexuellen Verhaltens katalogisiert haben; das Register nennt von den vieren aber nur Alfred Binet. Zwei der anderen Personen, Henry Havelock Ellis und Richard von Krafft-Ebing scheinen mir (und nicht nur mir) in vorgenannten Punkten als weitaus mehr bemerkens- und erwähnenswert. Und nach welcher Logik richtet sich denn die (Seiten-)Häufigkeit der Nennung? Auch hier nach keiner mehr erkennbaren. Nimmt man die faktische Nennung, so scheint für die Geschichte der Psychoanalyse in Deutschland der Anwalt Rolf Bossi ebenso bedeutsam zu sein wie die Psychoanalytiker Felix Boehm oder Horst-Eberhard Richter; spiegelt das die Meinung des Autors wider?

Wenden wir uns dem Abschnitt „Bibliographie“ zu. Was im so überschriebenen Buchteil zu finden ist, hat mit Bibliographie als einer bestimmten Gattung wissenschaftlicher Literatur (als Beispiel vgl. Heekerens, 1989) - wenig zu tun. „Bibliographie“ meint im vorliegenden Buch etwas Anderes: Die Türaufschrift zu einer Art Rumpelkammer, in der recht beziehungslos und ohne erkennbare Ordnung herum steht, für das man draußen / anderswo keinen rechten Platz fand. Da werden zunächst (rechtlichen Bestimmungen folgend?) und ohne dass – wie bei den zwei folgenden Bestandteilen – eine Abschnittüberschrift zu finden wäre, die acht oben erwähnten Publikationen einzeln in Form eines Quellennachweises aufgeführt. Danach finden sich unter der Abschnittsüberschrift „Archive (mit Abkürzungen)“ dreizehn derselben, ohne dass ersichtlich würde, welchem Zweck diese Auflistung dient und weshalb sie gerade hier steht. Dann folgt ein dreißigseitiges Literaturverzeichnis: Aber nicht für die gesamte Literatur, die im Sachtext Verwendung fand; die Abschnittsüberschrift lautet nämlich „Literatur (kleinere zeitgenössische Beiträge in den Anmerkungen)“. Was an Literatur nicht hier, sondern nur in den Anmerkungen zu finden sei, weiß vielleicht der Autor mit einiger Sicherheit, nicht aber der Leser. Dem nämlich bleibt ein Doppeltes verborgen: was mit „kleinere“ einer- und „zeitgenössisch“ andererseits denn genau gemeint sei. Was der Autor nicht als „kleineren zeitgenössischen Beitrag“ ansieht, darf man also hier suchen. Viel Glück!

Hat man einen bestimmten Titel gefunden, begegnet man ihm auch in den 73 Seiten langen Anmerkungen. Dort nämlich befinden sich, Einleitung und die sechs Kapiteln separat nummeriert, zu Merkzeichen im Text in Form hochgestellter Ziffern Angaben, die Literaturhin-, -nach- und verweise sowie inhaltliche Ausführungen enthalten. Von der Erwartung, man würde bei gleichem Buchtitel in den Anmerkungen und im o.g. Literaturverzeichnis auch schon auf ein und dasselbe Buch treffen, sollte man sich schnellstens verabschieden. Zur Illustration: Die erste Anmerkung der Einleitung enthält den Titel „Henry Ellenberger, Die Entdeckung des Unbewussten …, Zürich 1973“ (S. 287), die dritte Anmerkung des 1. Kapitels führt „Henri F. Ellenberger, The Discovery of the Unconsciuos…, New York, 1970“ auf und im Literaturverzeichnis findet sich „Ellenberger, Henri F, Die Entdeckung des Unbewussten…, Zürich 1996“. Sind alle drei Bücher desselben Inhalts? Und welchen Vornamen hat dessen Autor denn nun wirklich: Henry, Henri F. oder gar doch – wie es auf dem Cover einer Diogenes-Ausgabe zu lesen ist – vielleicht Henry F.?

Bei den kritischen Anmerkungen beschränke ich mich auf das 1. Kapitel und auch dort auf Ausführungen zu Otto Gross, um die Rezension nicht allzu sehr ausufern zu lassen. Da gibt es zunächst Falsches. Zum Vater von Otto merkt der Autor an, er sei „der Sohn eines der berühmtesten Psychiaters seiner Zeit, des Grazer Kriminologen Hans Gross“ (S. 55). Wie kommt der Autor zu der Ansicht, Hans Gross sei Arzt gewesen? Allen dem Rezensenten verfügbaren Quellen zufolge, war der Kriminologe und Begründer der Kriminalistik Jurist. Ferner werden zu Gross Aussagen gemacht, die mir historisch nicht belegt scheinen. Auf S. 57 berichtet der Autor, Gross habe auf dem Salzburger Kongress 1908 Freud mit Friedrich Nietzsche verglichen, wollten doch beide „alte Vorurteile“ überwinden und die „Grenzen der Psyche“ sprengen, woraufhin Freuds Diktum gewesen sei: „Wir sind Ärzte, und Ärzte wollen wir bleiben“. Es gibt kein belastbares Indiz dafür, dass Gross auf jenem Kongress überhaupt anwesend war. Als Redner ist er jedenfalls nicht ausgewiesen: weder durch den Einladungsprospekt noch durch Otto Ranks Protokolle der Vorträge. Der Autor nennt als Quelle „Gross´ Bericht aus dem Jahr 1913“ (S. 57); aber ist der glaubwürdig?

War Gross auf dem Salzburger Kongress 1908 überhaupt anwesend? Ausschließen kann man das nicht, weil die damalige Gästeliste des Kongresshotels Bristol nach Auskunft aus Salzburg vernichtet sei und mögliche Gäste auch in anderen Unterkünften Platz gefunden haben könnten. Und wenn er denn anwesend war, im Auditorium wohlgemerkt, hat er sich denn dann nicht einfach in einer dem Vortrag von Sándor Ferenczi anschließenden Diskussion angehängt an dessen Idee, wonach eine durch Freuds Erkenntnisse ermöglichte „innere Revolution“ - im Unterschied zur „äußeren Revolution“ – erstmalig eine Revolution sei, die der Menschheit wirklich Erleichterung brächte? Ferenczi, der sich zunehmend als Vertreter der „inneren Revolution“ erweisen sollte (vgl. Heekerens, 1914b) referierte (laut damaligem Programm-Prospekt) am Kongressnachmittag über „Welche praktischen Winke ergeben sich aus den Freud´schen Erfahrungen für die Kindererziehung?“ Diesen Ausführungen – Freud wollte kein Pädagoge sein! – galten doch (nach Anschauung der psychoanalytischen Geschichtsschreibung) die tradierten Freudschen Worte: „Wir sind Ärzte, und Ärzte wollen wir bleiben“.

Im Zusammenhang der Erörterung von Gross´ Wirken an der von Emil Kraepelin geleiteten Psychiatrie in München merkt der Autor an: „Erstaunlicherweise wirkten viele zukünftige Psychoanalytiker an der Münchener Klinik…“ (S. 297, Anm. 122) Was an dem Umstand, dass eine Reihe von (angehenden) Psychiater(inne)n, die in ihrer Ausbildungszeit (auch) für kürzere oder längere Zeit bei Kraepelin waren und in den 1910ern bis 1930ern (auch mit einschlägigen Publikationen) als Psychoanalytiker(innen) in Erscheinung treten sollten, erstaunlich ist, erstaunt den Rezensenten. Wenn man wirklich als Psychoanalytiker arbeiten, forschen und publizieren wollte, brauchte man dazu Patienten, genauer: Patienten mit psychischen Störungen. Und die finden sich bis heute bei Psychiatern. Dass es nichtärzliche („Laien“-)Analytiker gab, ist nicht verkannt; die wenigen, die es damals gab - Rank etwa oder Theodor Reik - konnten einer heilkundlichen Tätigkeit aber doch nur nachgehen, weil sie nahe bei den Mächtigen der damaligen Psychoanalyse (Ärzten, in der Regel Psychiater) agierten konnten. Der „normale“ Laie, der sich vom tiefenpsychologischen Gedankengut angesprochen, inspiriert oder überzeugt fühlte, der Literat, darstellende Künstler, Journalist, Anarchist oder Jugendbewegte, mag Irgendetwas zwischen „Freudianer“ und „freudianisch angehaucht gewesen sein, Psychoanalytiker war er nicht“.

Die Freudsche Lehre sprach, wie alle großen gedanklichen Neuerungen, vor allem die „hellen Köpfe“ an. Die (angehenden) Psychiater unter ihnen fanden sich Anfang des 20. Jahrhunderts verstärkt in den beiden psychiatrischen Kliniken und Ausbildungsstätten, die damals die besten der Welt waren: in München (Kraepelin) und in Zürich (Eugen Bleuler). In Zürich hatten noch mehr der künftig bedeutsamen Psychoanalytiker gearbeitet (Zienert-Eilts, 2013). Das hat damit zu tun, dass Bleuler der Freudschen Lehre (bis auf die Libidotheorie) wesentlich aufgeschlossener gegenüber stand als Krapelin. Deshalb haben die „hellen Köpfe“ der bei Kraepelin arbeitenden (angehenden) Psychiater, die Psychoanalyse erst nach ihrer Münchener Zeit (wirklich) kennen gelernt. Im Übrigen: der vom Autor an o.g. Stelle mit genannte Erich Fromm kann schwerlich in der Münchener Klinik gearbeitet haben. Er war überhaupt kein Mediziner, er war Soziologe (Promotion bei Alfred Weber in Heidelberg).

Fazit

Ja, das Buch hat Schwächen. Und ja, ob das Buch seinen eigenen Ansprüchen gerecht wird, ist fraglich. Aber es hat viele und große Stärken. Deshalb sei es all jenen, die sich für die Geschichte der Psychoanalyse im Deutschland des letzten Jahrhunderts interessieren, zur Lektüre empfohlen. Und wo dieses Thema Lehrgegenstand ist, sollte es in der Bibliothek stehen.

Ergänzende Literaturnachweise

  • Heekerens, H.-P. (1989). Wiederheirat und Stieffamilie. Eine Bibliographie deutsch-, englisch- und französischsprachiger Literatur der Jahre 1889 - 1988. Wiesbaden: Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung.
  • Heekerens, H.-P. (2104). Rezension vom 05.05.2014 zu Zienert-Eilts, K. (2013). Karl Abraham. Bevölkerungsforschung. Eine Biografie im Kontext der psychoanalytischen Bewegung. Gießen: Psychosozial-Verlag. (www.socialnet.de/rezensionen/16718.php).
  • Kauders, A. (2007). Unmögliche Heimat. Eine deutsch-jüdische Geschichte der Bundesrepublik. München: DVA.
  • Rathgeb, E. (2014). Wie geht es mir, wie fühle ich mich, wie finde ich zu mir selbst? FAZ vom 12.3.2014, S. 12.
  • Zienert-Eilts, K. (2013). Karl Abraham. Eine Biografie im Kontext der psychoanalytischen Bewegung. Gießen: Psychosozial-Verlag.
  • Zuckermann, M. (2008). Rezension vom 20.2.2008 zu Kauders, A. (2007). Unmögliche Heimat. Eine deutsch-jüdische Geschichte der Bundesrepublik. München: DVA. H-Soz-u-Kult (http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de).

Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 26.05.2014 zu: Anthony D. Kauders: Der Freud-Komplex. Eine Geschichte der Psychoanalyse in Deutschland. Berlin Verlag (Berlin) 2014. ISBN 978-3-8270-1198-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16690.php, Datum des Zugriffs 19.11.2019.


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