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Kerstin Bosch: Sprachliche Bildung in der Kita

Rezensiert von ao. Prof. i.R. Dr. Franz Dotter, 10.07.2014

Cover Kerstin Bosch: Sprachliche Bildung in der Kita ISBN 978-3-589-24810-0

Kerstin Bosch: Sprachliche Bildung in der Kita. Cornelsen Verlag GmbH (Berlin) 2014. ISBN 978-3-589-24810-0. 14,95 EUR.
55 Fragen & 55 Antworten
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Thema

Wie der Titel schon besagt, enthält das Buch Antworten zu 55 Fragen bezüglich sprachlicher Bildung in Kindertagesstätten.

Aufbau

Das 85 Seiten starke Buch ist dazu in sechs Themenbereiche gegliedert, nämlich

  1. „Mehr als nur Vokabellernen – Spracherwerb ist eine anspruchsvolle Aufgabe“,
  2. „Die Welt der Sprache erobern – Kinder unter drei Jahren dabei begleiten“,
  3. „Die Macht der Sprache entfalten – Sprachliche Anregungen für Kita-Kinder“,
  4. „Merhaba & Hallo – Mehrsprachige Kinder sprachlich stärken“,
  5. „Wenn ‚Sprache‘ zur großen Herausforderung wird – Störungen in der Sprachentwicklung“ und
  6. „Forschen, Singen, Fotografieren – Sprache in verschiedenen Bildungsbereichen“.

Literaturangaben und ein Stichwortverzeichnis schließen das Buch ab. Die Antworten umfassen jeweils eine bis eineinhalb Druckseiten und enthalten auch gegenseitige Verweise.

Ausgewählte Inhalte

Die Autorin geht auf sehr viele aktuelle Fragen ein: Was Sprache ausmacht und wie sie mit der kognitiven und sozialen Entwicklung zusammenhängt; wie die Bezugspersonen die Sprachentwicklung im Alltag fördern und Entwicklungsschritte erkennen können. Auch was man nicht tun sollte (ausdrücklich verbessern oder zum Nachsprechen auffordern), wird deutlich gemacht. Die Autorin spricht sich gegen weit verbreitete Ansichten („typisch Mädchen, typisch Junge“) aus.

Ein Abschnitt des Buchs beschäftigt sich mit Strategien, wie man kleinen Kindern Schrift im Alltag nahebringen und sie mit Vorlesen und Erzählen bzw. Erzählen lassen fördern kann. Die Berücksichtigung der nichtdeutschen Muttersprachen unter Einbeziehung der Eltern wird ebenfalls illustriert.

Die verschiedenen individuellen Geschwindigkeiten des Spracherwerbs werden von möglichen Sprachentwicklungsproblemen abgegrenzt, bei denen therapeutische Förderung notwendig ist (das sind nach der Autorin entgegen verschiedenen „Schreckensmeldungen in den Medien“ nach wie vor nur etwa 5-8% aller Kinder).

Zu den einzelnen Themen werden die möglichen Beiträge der Kita-MitarbeiterInnen zur Sprachentwicklung der Kinder vorgestellt.

Diskussion

Die Inhalte des Buchs entsprechen den Erkenntnissen der Spracherwerbsforschung. Besonders wichtig erscheinen mir die Betonung von „Zeit und Freiheit geben bzw. lassen“, „erlaubt ist, was gefällt“ und von genauer Beobachtung der Kommunikationsvorgänge, die positiv-beruhigende Sicht auf die „Sprachmischung“ mehrsprachiger Kinder, ebenso auf Stottern und Lispeln, die eingrenzende Beschreibung zur „Sprachentwicklungsstörung“, eine gewisse Distanz zu Sprachförderprogrammen, sowie der Verweis auf die nötigen Ressourcen bei der Förderung in Kleingruppen. Zum letzten Punkt füge ich hinzu: Die derzeitige Fülle an Publikationen zu Sprachförderung in Kindertagesstätten lässt befürchten, dass deren schlichte Existenz die Verantwortlichen dazu verleiten könnte, anzunehmen, dass die Information der Kita-MitarbeiterInnen schon dazu ausreichen könnte, um die gewünschte Sprachförderung mit dem bestehenden Personal, quasi nur über dessen Qualifizierung, erreichen könnte. Das wäre ein schwerwiegender Irrtum. Vielmehr wären bei Übertragung systematischer alltäglicher Sprachförderaufgaben an die Kitas Gruppengrößen zu organisieren, die es den Fachkräften erlauben, tatsächlich dialogisch und per Beobachtung auf jedes einzelne Kind einzugehen.

Kritik an Einzelpunkten:

  • Die „phonologische Bewusstheit“ wird fälschlicherweise nicht auf die Muttersprache(n) von Kindern (das könnten auch Dialekte sein) bezogen, sondern nur auf die Schriftsprache. Mit diesem falschen Bezug geraten Kinder, die eine nicht standardsprachliche phonologische Bewusstheit (= Wissen um die Lautstrukturen ihrer Muttersprache) erreicht haben, leicht in den Verdacht, eine „Sprachentwicklungsstörung“ aufzuweisen.
  • Falsch ist auch die Herstellung einer praktisch ausschließlichen Beziehung von naturwissenschaftlicher Tätigkeit zu genauem sprachlichen Beschreiben. Kinder sollen dieses genaue Beschreiben gerade auch bezüglich Sprache, ihres Verhaltens und des sozialen Umfelds erlernen.
  • Auf S. 55 stellt die Autorin die Sprachwissenschaft und die Elementarpädagogik einander diametral gegenüber: Während Förderprogramme aus ersterer hauptsächlich grammatikregelgeleitet seien, bemühten sich letztere um Gemeinsamkeit und Wohlfühlen. Das ist weit übertrieben und berücksichtigt die eher kognitiv-kommunikativ orientierten LinguistInnen/AnthropologInnen nicht (beispielhaft seien Elinor Ochs und Bambi Schieffelin genannt, die schon in den 1980er Jahren dazu geschrieben haben), ebenso jüngere Ansätze der Kognitiven Linguistik (vgl. www.cogling.org).
  • Die durchgehende Verwendung der Bezeichnung „Brabbeln“ (umgangssprachlich für „undeutlich vor sich hinreden“) für die „Laut-“ bzw. „Sprechübungen“ der Kinder könnte unnötigerweise negative Konnotationen auslösen.
  • Der Begriff der „geteilten Aufmerksamkeit“ wird entgegen seiner Bedeutung in der Psychologie verwendet: Während dort die gleichzeitige Erfüllung zweier Aufgaben gemeint ist, verwendet Bosch ihn, um auf die für das Sprachlernen notwendige „gemeinsame Aufmerksamkeit“ von Kind und Bezugsperson auf Kommunikationssituation und Thema hinzuweisen. Ich füge hinzu, dass man dazu dem Kind die ungeteilte Aufmerksamkeit schenken sollte.
  • Dass vor allem in der deutschen Pädagogik – und eben auch von der Autorin (S. 33) – nun der Begriff „literacy“ anstatt „Lesen und Schreiben“ oder „Literalität“ verwendet wird (vgl. etwa das Online-Handbuch zur Kindergartenpädagogik, www.kindergartenpaedagogik.de), erstaunt schon sehr, gibt es doch für dieses Wort viele verschiedene Übersetzungsäquivalente(von „Bildung“, das hier wohl nicht gemeint ist, bis zu „Alphabetisierung“). Es schafft also keinen klareren Blick auf die Sachlage.
  • Schade ist, dass die „Baby-Zeichensprache“ sehr schnell als unnötig abgeurteilt wird. Natürlich wird dieses Urteil von der Kommerzialisierung des aus dem angloamerikanischen Raum stammenden „Baby Sign“ und den zu hohen Versprechen seiner VertreterInnen geradezu herausgefordert. Mit Vernunft und der nötigen Distanz eingesetzt, könnte diese Methode aber bei der Kommunikation mit Kindern helfen, die sich lautsprachlich langsamer entwickeln und ganz generell die frühe kommunikative Interaktion mit Kleinkindern fördern. Für hörbehinderte Kinder könnte sie auch zur frühen Kompensation der schlechten Zugänglichkeit der Lautsprache dienen (vgl. www.tinysigners.eu)
  • Bedenkt man, dass es in der EU etwa 750.000 bilingual ausgerichtete VerwenderInnen einer Gebärdensprache gibt (d.h. sie benutzen neben der jeweiligen Gebärdensprache eine der Laut-/Schriftsprachen ihrer Umgebung), ist es schade, dass dieser Sprachtyp bzw. seine Minderheitssprachgemeinschaften gänzlich aus den Erörterungen ausgeschlossen sind, während etwa gesprochene Migrantensprachen (berechtigte) spezielle Aufmerksamkeit erhalten. Manche inklusive Kita könnte wohl auch die Deutsche Gebärdensprache brauchen.

Fazit

Ungeachtet der vorgebrachten Kritikpunkte ist das Buch eine ausgezeichnete Einführung bzw. Orientierungshilfe zum Thema „Spracherwerb“. Wenn auch die Fragen bzw. Antworten teilweise auf die Situation in Kitas hin orientiert sind, gelten die meisten auch für Eltern oder andere Bezugspersonen bzw. im Generellen. Daher ist das Buch für alle Personen sehr empfehlenswert, die mit Kindern im Spracherwerbsalter zu tun haben und sich dazu strukturiert informieren wollen.

Rezension von
ao. Prof. i.R. Dr. Franz Dotter
Sprachwissenschaftler, Universität Klagenfurt
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Es gibt 80 Rezensionen von Franz Dotter.

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Zitiervorschlag
Franz Dotter. Rezension vom 10.07.2014 zu: Kerstin Bosch: Sprachliche Bildung in der Kita. Cornelsen Verlag GmbH (Berlin) 2014. ISBN 978-3-589-24810-0. 55 Fragen & 55 Antworten. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16694.php, Datum des Zugriffs 22.05.2022.


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