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Siegfried Frech, Olaf Groh-Samberg (Hrsg.): Armut in Wohlstandsgesellschaften

Cover Siegfried Frech, Olaf Groh-Samberg (Hrsg.): Armut in Wohlstandsgesellschaften. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2014. ISBN 978-3-89974-898-7. D: 17,40 EUR, A: 17,90 EUR, CH: 25,50 sFr.

Basisthemen Politik.
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Herausgeber

Siegfried Frech ist Publikationsreferent bei der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg.

Olaf Groh-Samberg ist Junior-Professor für Soziologie an der Universität Bremen und Forschungsprofessor des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband umfasst neben der Einführung der Herausgeber zehn Beiträge.

In seinen „Anmerkungen zum Armutsdiskurs“ stellt Stefan Hradil unterschiedliche Positionen zum Armutsdiskurs dar. Dabei hebt er insbesondere die Rede von der „Unterschicht“ hervor, die er in „vier Stufen wachsender Radikalität“ einteilt: Auf der ersten Stufe werde die Existenz einer Unterschicht bestritten, so dass die Begriffsverwendung als Diskriminierung gekennzeichnet werde. Die zweite, von Hradil als „gemäßigte Auffassung“ charakterisierte Sicht auf die Unterschicht betone hingegen die wachsende Resignation in der armen Bevölkerung, wobei sie offen lasse, ob Armut Folge oder Ursache geringer Aufstiegsbemühungen sei. Mit der dritten Sichtweise werde die Annahme vertreten, dass sich mit anhaltender Armutserfahrung eine eigenständige Kultur mit einer von der Erwerbsorientierung abweichenden Moral entwickele, die zudem durch Fehlanreize im System der Mindestsicherung (also zu hohe Leistungen, zu geringer Lohnabstand) und räumlich-sozialer Segregation von Armutsvierteln gestützt werde. Armut sei ein Problem des Verhaltens der Einzelnen und demzufolge auch nur durch Verhaltensänderungen bekämpfbar. Die vierte Sichtweise betont den individuellen Verhaltensaspekt nochmals deutlicher, indem ein Mangel an Selbstdisziplin als Ursache der Armutslage identifiziert werde. Hradil verweist darauf, dass solche Diskurse um Armut und Unterschicht nicht letztendlich im Kern auf die Mittelschicht mit der Folge zielten, dass dort Aggressionen gegen die Unterschicht und vermeintlich Integrationsunwillige entstünden.

Ernst-Ulrich Huster zeichnet mit seinem Beitrag die öffentliche Wahrnehmung und wissenschaftliche Analyse seit 1945 bis heute nach. Dabei verweist er durchgängig darauf, dass Armut stets nur die eine, Reichtum die andere Seite derselben Medaille sei.

Wie Armut so ist auch Prekarität ein relationaler, ein relativer Begriff. Das zeigt Klaus Dörre in seinem Beitrag „Diskriminierende Prekarität – ein neuer Typus unsicherer Arbeits- und Lebensformen“. Prekarisierung sei dabei ein Prozess, in dem das vormalige Normalarbeitsverhältnis sowohl hinsichtlich der Beschäftigungsform als auch hinsichtlich der Sinnstiftung, Partizipation und Anerkennung durch Arbeit erodiere, so dass von einer „Prekarität der Beschäftigung“ (71) wie auch von einer „Prekarität der Arbeit“ (71) gesprochen werden müsse.

Martin Karlsson und Sarah Okoampah geben einen Einblick in die aktuelle internationale gesundheitsökonomische Forschung zum Zusammenhang von Armut und Gesundheit. Die schlechtere Gesundheit bewerten sie dabei als wesentlichen Faktor bei der Entstehung von Armut. Gesundheitliche Beeinträchtigungen in der vorgeburtlichen und Kindheitsphase wirkten sich negativ auf den künftigen sozioökonomischen Status aus. Als wesentliche Konsequenz fordern sie „intensivere Gesundheitsförderung Schwangerer und kleiner Kinder sowie eine Erhöhung des Bildungsniveaus sowie eine Erhöhung des Bildungsniveaus und bessere gesundheitliche Aufklärung in den unteren sozialen Schichten“ (102).

Vertieft wird das Thema Kinderarmut in dem Beitrag von Christoph Butterwegge. Im Mittelpunkt seiner Ausführungen stehen dabei die gesellschaftlichen Diskurse, als auch die Frage, wie Kinderarmut problematisiert, definiert und damit politisiert wird. Anhand des Begriffs der „Bildungsarmut“ zeigt Butterwegge, wie mit dem wichtigen Aspekt des gleichen Zugangs zur Bildung in der Armutsdebatte ein ebenso wichtiger, wenn nicht fundamentaler anderer Aspekt, nämlich die Verteilung materieller Güter, an den Rand gedrängt wird.

Claudia Vogel und Harald Künemund legen dar, dass Altersarmut ein expandierendes Problem sei. Sie verweisen dabei zum einen auf steigende Armutsrisiko- und Grundsicherungsquoten von Menschen im Rentenalter. Zum anderen arbeiten sie deutlich heraus, dass die künftige Altersarmut politisch induziert ist. Ursächlich sei hier der Paradigmenwechsel in der Alterssicherung, mit dem das Ziel der Lebensstandardsicherung mit der gesetzlichen Rentenversicherung aufgegeben worden ist. Die dadurch entstehende Altersvorsorgelücke wird vor allem von Langzeiterwerbslosen und Niedriglohnbeschäftigten nicht durch wie vorgesehen durch eine betriebliche und private Vorsorge geschlossen werden können.

Selbsthilfe ist ein ambivalentes Konzept, eine ambivalente Forderung. Darauf verweisen Anna Eckert und Andreas Willisch. Auf der einen Seite ist es ein Konzept, das gerade in einer Phase gefordert wird, in der sowohl der Arbeitsmarkt als auch der Sozialstaat als Basis der Lebensführung brüchig wird. Auf der anderen Seite ist Selbsthilfe ein Konzept, dass einen anderen Blick auf Langzeiterwerbslose, Niedriglohnbezieher_innen oder Altersarme abnötigt: statt Defizitbeschreibungen könne damit der Eigensinn, statt Passivitätszuschreibungen die Aktivitäten der Betroffen in den Blick genommen werden.

Olaf Groh-Samberg macht auf der Grundlage von Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) für die Zeiträume 1984 bis 2010 (Westdeutschland) und 1992 bis 2010 (Ostdeutschland) anhand kombinierter Indikatoren aus Ressourcen (Einkommenssituation) und Lebenslage (Wohnsituation, finanzielle Rücklagen, Arbeitslosigkeit) deutlich, dass Armut langfristig sowohl zunehme als auch sich verfestige. Die „Verfestigung der Armut am unteren Rand der Gesellschaft“ (166) widerspricht jener These, die von einer Entstrukturierung und einer Entgrenzung von Armut ausgeht. Für Westdeutschland ergebe sich vielmehr „das Bild einer weitgehend stabilen klassenspezifischen Schichtung des Armutsrisikos“ (167).

Im europäischen Vergleich habe Deutschland nach wie vor „einen gut funktionierenden Wohlfahrtsstaat“, folgert Roland Verwiebe aus seinem Vergleich von EU-Staaten auf Grundlage der Daten der EU Statistics on Income and Living Conditions (EU-SILC). Dabei gebe es jedoch eine hervorstechende Ausnahme. Deutschland weise im EU-Vergleich für Arbeitslose die höchste Armutsrisikoquote aus.

Michael Opielka prüft in seinem Beitrag die Kompatibilität der drei Gerechtigkeitsprinzipien Leistung, Gleichheit, Bedarf mit der Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens und erweitert die Gerechtigkeitstrias um das Prinzip Teilhabe. Jedes der vier Prinzipien könne, so Opielka, herangezogen werden, um die Idee des Grundeinkommens zu begründen und zu rechtfertigen.

Diskussion und Fazit

Der Sammelband beleuchtet das Thema Armut durchaus von verschiedenen Seiten. Jedoch bleiben einige Aspekte leider im Dunklen.

  1. Besonders auffällig ist, dass die meisten Beiträge vollends geschlechterblind sind. Eine geschlechterdifferenzierende Darstellung findet sich explizit nur im Beitrag von Claudia Vogel und Harald Künemund zur Altersarmut.
  2. werden besonders armutsgefährdete Gruppen zwar in der Einleitung genannt, in den Beiträgen wird jedoch die Situation von Alleinerziehenden, Erwerbslosen und vor allem Armen mit Migrationshintergrund nicht gesondert behandelt.
  3. Ebenfalls werden in der Einführung politische Ursachen für eine steigende Armut erwähnt, aber bis auf den Beitrag von Vogel/Kündemund nicht systematisch einbezogen. Der Beitrag von Christoph Butterwegge muss dennoch hervorgehoben werden, weil mit ihm die diskursive Verschiebung im Bereich der Kinderarmut hin zur einem „kulturalistisch verkürzten Armutsbegriff“ (117), der vor allem um den Begriff „Bildungsarmut“ kreist, analysiert und kritisiert.

Diese drei Leerstellen machen es schwierig, den Sammelband, der ansonsten sehr aufschlussreiche und vor allem auch weitestgehend gut verständliche Beiträge enthält, als Einführung in das Thema Armut zu empfehlen. Das ändert jedoch nichts daran, dass die einzelnen Beiträge jeweils für sich sehr lesenswert sind.


Rezensent
Prof. Dr. Christian Brütt
Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit, Fachhochschule Kiel;
Homepage sozarb.h-da.de/personen/lehrende/christian-bruett/


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Zitiervorschlag
Christian Brütt. Rezension vom 27.06.2014 zu: Siegfried Frech, Olaf Groh-Samberg (Hrsg.): Armut in Wohlstandsgesellschaften. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2014. ISBN 978-3-89974-898-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16710.php, Datum des Zugriffs 21.08.2019.


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