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Martha Friedenthal-Haase (Hrsg.): Fritz Borinski. The German Volkshochschule

Cover Martha Friedenthal-Haase (Hrsg.): Fritz Borinski. The German Volkshochschule. An Experiment in Democratic Adult Education under the Weimarer Republic. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2014. 286 Seiten. ISBN 978-3-7815-1968-8. D: 18,90 EUR, A: 19,50 EUR, CH: 27,50 sFr.

Reihe: Klinkhardt forschung.
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Volkshochschule – Schule der Demokratie

Im Diskurs um die Frage, wie im gesellschaftlichen Bewusstsein und in der alltäglichen Praxis der Demokratiegedanke lebendig, beständig und überzeugend etabliert werden kann, kommt der Erwachsenenbildung, als zweites gesellschaftspolitisches Standbein neben der schulischen Bildung, eine besondere Bedeutung zu. Die Forderungen nach „Demokratiepädagogik“ (vgl. dazu, neben zahlreichen weiteren, in Socialnet vorgestellten Arbeiten: Hans Berkessel / Wolfgang Beutel / Hannelore Faulstich-Wieland. / Hermann Veith, Hrsg., Jahrbuch Demokratiepädagogik 2013, www.socialnet.de/rezensionen/15225.php) umfassen den Bildungsanspruch für alle gesellschaftlichen Individuen und Gruppen.

Entstehungshintergrund und Herausgeberin

Im Klinkhardt-Verlag wird von den Sozialwissenschaftlerinnen an der Philosophisch-Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Augsburg, Elisabeth Meilhammer und Eva Matthes die (neue) Reihe „Beiträge zur internationalen, interkulturellen und historischen Erwachsenenbildung“ herausgegeben, um die theoretische Grundlegung und systematische Erforschung der Erwachsenenbildung zu intensivieren. Die Herausgeberinnen wollen mit der Reihe zum einen „eine überholte – und auch historisch äußerst fragwürdige – nationale Zentrierung durch eine Perspektive ersetzen, die internationale Verflechtungen im Gebiet der Erwachsenenbildung, wie auch Entwicklungslinien und Ansätze der Erwachsenenbildung außerhalb Deutschlands systematisch zur Kenntnis nimmt“, zum anderen „dazu beitragen, eine Sicht der Erwachsenenbildung zu überwinden, die diese verkürzt als eine monokulturelle begreift“, und schließlich „den Blick auf die historischen Wurzeln gegenwärtiger Strukturen und Prozesse von Erwachsenenbildung lenken“. Damit werden bereits die Defizite benannt, die nach Meinung der Herausgeberinnen der wissenschaftlichen Reihe in der deutschen Erwachsenenbildung erkennbar sind.

Der 1903 in Berlin geborene und 1988 in Bremen verstorbene Rechtswissenschaftler und Soziologe Fritz Borinski war Assistent von Theodor Litt („Führen oder wachsen lassen“, Leipzig 1927) und bis 1933 Leiter des Seminars für Erwachsenenbildung an der Universität Leipzig. Als Jude wurde er seines Amtes enthoben, und er konnte nach England emigrieren. Dort schrieb er 1944/45 ein Werk, das sich mit der Entwicklung der Erwachsenenbildung in der Weimarer Republik befasste und „die demokratische Tradition deutscher Erwachsenenbildung vor der Zeit des Nationalsozialismus“ aufzeigte. Er kehrte nach dem Krieg nach Deutschland zurück und widmete sich dem Wiederaufbau der Erwachsenenbildung, als Leiter der niedersächsischen Heimvolkshochschule in Göhrde und ab 1954 als Direktor der VHS in Bremen. Er war Mitglied des Deutschen Ausschusses für das Erziehungs- und Bildungswesen, engagierte sich im Deutschen Volkshochschulverband und war von 1956 bis 1970 als Erziehungswissenschaftler an der Freien Universität in Berlin tätig.

Er überließ 1988 der Herausgeberin seine Aufzeichnungen über die Erwachsenenbildung, die er in englischer Sprache vor allem für britische und internationale Leserschaft verfasste, jedoch nicht publizieren konnte. Es war sein Anliegen, im Exil „die Stimme eines ‚anderen Deutschlands‘ in der englischsprachigen Öffentlichkeit zur Geltung (zu) bringen“. Die Frage, warum die Schrift in England nicht veröffentlicht wurde, beantwortet die Herausgeberin damit, dass Borinski als überzeugter Sozialdemokrat und in dem 1943 von ihm mitgegründeten Britisch-Deutschen Pädagogen-Bund („German Educational Reconstruction“) bestimmte Aspekte der britischen „Reeducation“ kritisierte und deshalb nicht die offizielle Förderung erfuhr. Die Herausgeberin Martha Friedenthal-Haase war von 1991 bis 2007 Professorin der Erwachsenenbildung an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena und von 2007 bis 2009 Gastprofessorin an der Boston University. Sie lebt in Brookline/USA. Erst nach ihrer Emeritierung konnte sie die kommentierte Herausgabe von Borinskis Aufzeichnungen veröffentlichen.

Die Herausgeberin stellt sich auch der Frage, welche Bedeutung heute die Schrift für den Demokratiediskurs in Deutschland haben könnte. Sie benennt dabei zwei Gründe: Zum einen handelt es sich um „eine zeitnah verfasste konzise Geschichte der vielgestaltigen Erscheinungsformen der Volkshochschule und volkshochschulähnlicher Bestrebungen der Epoche, ein frühes Zeugnis einer sozialwissenschaftlich fundierten Erwachsenenbildungswissenschaft, erarbeitet auf der Grundlage reichen Quellenmaterials unter Einbeziehung persönlicher Erfahrungen eines jungen professionellen Erwachsenenbildners“; zum anderen zeigt es „die Perspektive eines rassisch verfolgten politischen Emigranten nicht nur auf die Volksbildungsbewegung der Weimarer Zeit, sondern auch den Neubau demokratischer Bildung nach 1945“.

Aufbau und Inhalt

Martha Friedenthal-Haase hat das in englischer Sprache verfasste Originalmanuskript hinsichtlich der Sprache und Stil redigiert, die Quellen- und Literaturverzeichnisse dem heutigen Format angepasst, die vom Autor benutzten Kürzungen, Auslassungen für den heutigen Leser verständlich gemacht und ergänzende Sachanmerkungen vorgenommen. Besonders interessant dürften auch die im prosopographischen Anhang aufgeführten Kurzinformationen über Personen der Zeitgeschichte, der deutschen Volkshochschulbewegung und der kulturellen Reformbewegungen sein, die im Borinskis Text genannt werden. Die von der Herausgeberin vorgenommene Rekonstruktion seiner persönlichen und familiären Entwicklung – „Er war von Geburt Berliner und blieb Berliner in seinem Herzen, unabhängig vom Ort seines Aufenthalts“ – und die Darstellung seines Denkens und Handelns als Homo politicus charakterisieren seine Existenz „zwischen Pädagogik und Politik“. Die von der Herausgeberin recherchierten und aus vielen Quellen zusammengetragenen Informationen zeigen auch, dass es Fritz Borinski in seiner fachgeschichtlichen Darstellung nicht um persönliche Erzählungen ging, sondern um eine Analyse und Herausarbeitung, dass „die Volkshochschulbewegung ( ) eine schreibende, publizierende und kommunizierende Reformbewegung (war), die im Prozess der Kodifizierung ihrer Ziele, der Professionalisierung, der Verwissenschaftlichung und Akademisierung eine Fülle von Schriften hervorgebracht hat“. Der Verweis auf andere, bedeutsame Arbeiten jener Zeit, wie etwa die von Paul Steinmetz (1904 – 1992), Werner Picht (1887 – 1965) und anderen, stellt Parallelen und Kontroversen im wissenschaftlichen Diskurs und in der praktischen Handhabung dar: Entstanden ist eine Geschichte der deutschen Volkshochschule, die in einem „… über die Fachdisziplinen hinausreichenden Austausch inspiriert ist“. Die Auseinandersetzungen mit den demokratischen Regenerationsansätzen in der Nachkriegszeit und dem Holocaust verweisen auf Entwicklungen, wie sie beim Wiederaufbau und der Etablierung von demokratischem Gedankengut im Nachkriegsdeutschland vorfindbar sind. Der Aufbau einer lebendigen Demokratie in Deutschland und – im Schlusskapitel – der Blick über den nationalen Gartenzaun, hin zur Versöhnung und europäischen Integration, liest sich wie eine aktuelle Vision, „in building German democracy and European unity“, nämlich mit Hilfe der Volkshochschule. „However, while the Volkshochschulen belonged to the bravest and most constructive efforts of demoractic Germany after 1918, the political crisis and deterioration associated with the great shump after 1930, culminating in the collapse of 1933, exposed all the weak spots of this adult-educational adventure…“.

Borinski gliedert seine Arbeit in sechs Kapitel. Das erste „The German Volkshochschulbewegung – A Demorcatic and Spiritual Movement“, das zweite „The Abendvolkshochschule (Evening Folk High-School)“, das dritte „Redidential Colleges“. Im vierten Kapitel thematisiert er „Some problems of the German Volkshochschule Movement“, im fünften geht es um „The Fatal Shamp“, mit der „Spiritual Opposition = A Hope for the Future“ und im sechsten und letzten Kapitel um „Some Reflections on the Future of German Adult Education“.

Im prosopographischen Anhang stellt die Herausgeberin rund 130 Personen vor, die in Borinskis Schrift genannt werden, bzw. im Zusammenhang mit der zeitgeschichtlichen Darstellung bedeutsam sind. Das sind zum Teil bekannte, aber auch mittlerweile vergessene Personen, deren Wirken in der Zeit der Weimarer Republik wichtig war. Das umfangreiche Literaturverzeichnis und der alphabetische Index erleichtern den Lese- und Forschungsumgang mit der Thematik.

Fazit

„Those who speak in the name of adult education should remember that whoever would fight the devil must himself be immune from the devil´s temptations“: Erwachsenenbildung, die eingebunden ist in dem Bewusstsein, dass „Bildung für alle“ eine lokale und globale gesellschaftliche Herausforderung darstellt (Willehad Lanwer, Hg., Bildung für alle. Beiträge zu einem gesellschaftlichen Schlüsselproblem, Psychosozial-Verlag, Bielefeld 2014, 305 S.), macht historische Kenntnisse darüber, wie wir geworden sind, was wir sind, notwendig; und erfordert ein aktives, demokratisches Engagement. Bei den von Martha Friedenthal-Haase vorgelegten, redigierten und ergänzten, bisher unveröffentlichten Aufzeichnungen von Fritz Borinski über die Geschichte und Wirklichkeit der deutschen Volkshochschule in der Weimarer Republik und ihrem Neuanfang nach dem Zweiten Weltkrieg, sind wichtige, zeitgeschichtliche Quellenmaterialien, die gleichzeitig Anstöße geben können, Erwachsenenbildung als grundlegende, individuelle und gesellschaftliche Aufgabe in der sich immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden (Einen?) Welt zu begreifen und bei der Realisierung mitzuarbeiten.

Der Band sollte beim Theoriediskurs über Erwachsenenbildung, bei der Aus- und Fortbildung von Erwachsenenbildnern präsent sein und einen Platz in den Bildungsbibliotheken einnehmen!


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 23.06.2014 zu: Martha Friedenthal-Haase (Hrsg.): Fritz Borinski. The German Volkshochschule. An Experiment in Democratic Adult Education under the Weimarer Republic. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2014. ISBN 978-3-7815-1968-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16725.php, Datum des Zugriffs 21.01.2020.


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