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Alexander Trost: Bindungsorientierung in der Sozialen Arbeit

Cover Alexander Trost: Bindungsorientierung in der Sozialen Arbeit. Grundlagen - Forschungsergebnisse - Anwendungsgebiete. verlag modernes lernen Borgmann (Dortmund) 2014. 192 Seiten. ISBN 978-3-86145-342-0. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 32,30 sFr.
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Entstehungshintergrund

Das Buch ist die Dokumentation der Beiträge einer Fachtagung zum Thema „Bindungsorientierung in der Sozialen Arbeit“ und enthält einen weiteren Beitrag (von U. Lammel). Die Tagung fand im Januar 2013 in Aachen statt, veranstaltet vom Fachbereich Sozialwesen der Katholischen Hochschule Aachen.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in fünf Abschnitte:

  1. im ersten Abschnitt geht es um die Grundlagen,
  2. der zweite Teil hat die Frühen Hilfen zum Gegenstand,
  3. der dritte Abschnitt nimmt die Jugendhilfe in den Blick,
  4. dem schließt sich der thematische Blick auf die Psychiatrie an und
  5. im fünften Abschnitt geht es um Bindungsaspekte bei Studierenden und Professionellen.

Das Buch schließt mit der Dokumentation einer Podiumsdiskussion ab, die auch die Beiträge aus dem Publikum enthält.

Inhalt

Im ersten Abschnitt (Grundlagen) ist der erste Beitrag von Karl-Heinz Brisch betitelt mit „die Bedeutung von Bindung in Sozialer Arbeit, Pädagogik und Beratung“. Er weist in seinem Beitrag u.a. besonders auf die Bedeutung der Person hin, geht aber auf den Mitarbeiter als pädagogische Person nicht weiter ein.

In dem zweiten Beitrag unter dem Titel „Die anthropologische und ethische Dimension der Bindungsorientierung“ kommt Joachim Söder zu dem Schluss, dass die menschliche Natur auf Sozialität angelegt ist (S. 52) und weist damit auf die besondere praktische Dimension hin.

Silke Birgitta Gahleitner schlägt in ihrem Aufsatz „Bindung psychosozial: Professionelle Beziehungsgestaltung in der Klinischen Sozialarbeit“ den Bogen von der dyadischen Beziehung zur Bindung zwischen Klient und Professionellem im jeweiligen Umfeld, wobei der besondere Fokus auf biopsychosozial liegt.

Sabine Trautmann-Voigt beschließt mit ihrem Beitrag „Hilfen für jugendliche Mütter und ihre Babys – Aspekte bindungsorientierter Vernetzung zwischen Psychotherapie und Sozialer Arbeit“ die Grundlagen dieses Buches. Sie beschreibt die Notwendigkeit der Vernetzung der Hilfs- und Unterstützungsmaßnahmen für junge Mütter, die die „intuitive Elternschaft“ verloren haben.

Den zweiten Abschnitt (Frühe Hilfen) leiten Ann-Kathrin Knüver und Alexander Trost mit ihrem Beitrag „Bindungsorientierung im Praxisfeld der frühen Hilfen – das Aachener Modell“ ein. Darin wird ein Beispiel praxistauglicher Umsetzung beschrieben, wie die Vernetzung und Kooperation zwischen verschiedensten Berufsgruppen aus dem Gesundheitswesen und der Jugendhilfe funktionieren und positive Wirkung zeigen kann (S. 99).

Kerstin Stich und Roland Schleiffer haben sich die Frage gestellt: „Bindungsaspekte von Unterstützungsangeboten im ersten Lebensjahr: Welchen Einfluss haben Hilfebeziehung und Bindungsrepräsentationen auf die Effektivität früher Hilfen?“ Dazu haben sie Ergebnisse aus einer Pilotstudie mit Fokus auf den Einfluss eines desorganisierten bzw. unverarbeiteten Bindungshintergrundes der Mutter im Hinblick auf die Qualität der Hilfebeziehung dargestellt (S. 101). Ein Ergebnis ist, dass die Bindungsrepräsentation der Helfer(in) nicht ausschlaggeben für die Beziehungsqualität der Mutter-Kind-Dyade ist.

Jessica Carlitscheck und Rüdiger Kißgen beschließen mit ihrem Beitrag „Bindungsorientierte präventive Begleitung von Hochrisikofamilien – Das STEEPTM-Programm“ diesen Abschnitt. Darin wird dieses spezielle Programm zur Förderung von Hochrisikofamilien vorgestellt.

Elisbath Möller leitet den dritten Abschnitt (Jugendhilfe) mit ihrem Beitrag: „Bindung schaffen in der Individualpädagogik… das ist das tägliche Flechten dünner Fäden zu einem haltbaren Seil“ ein und beschriebt darin Erfahrungen aus sozialpädagogischen Lebensgemeinschaften mit Kindern und Jugendlichen, die nicht gruppenfähig sind und einer besonderen Betreuung und Begleitung bedürfen.

Klaus Esser stellt in seinem Aufsatz „Bindungsaspekte in der stationären Jugendhilfe – Lernen aus der Erfahrung ehemaliger Heimkinder“ Ergebnisse aus der Befragung ehemaliger Heimkinder vor. Der entscheidende Wirkungsfaktor in der Heimerziehung ist demnach die Bindung an eine(n) Mitarbeiter(in). Das hat in seiner Bedeutung bis heute nichts verloren, weshalb der Autor damit auch auf die heutige Jugendhilfe verweist.

Das sozialpädagogische Arbeitsfeld Sucht wird von Uta Antonia Lammel in ihrem Beitrag „Die zweite Chance nutzen! Bindungsorientierte pädagogisch-therapeutische Arbeit mit suchtgefährdeten Jugendlichen“ aufgegriffen. Der Schwerpunkt liegt in diesem Arbeitsfeld erst einmal in „in-Kontakt-kommen“ und „in Kontakt-bleiben“ (S. 167f.) als Grundlage für Vertrauensaufbau und Gewährung eines sicheren und verlässlichen Halts. Damit endet der Abschnitt Jugendhilfe.

Im vierten Abschnitt (Psychiatrie) gibt es zwei Beiträge, die thematisch fast aufeinander aufbauen und deshalb in dieser Reihung hintereinander stehen. Johannes Jungbauer macht den Anfang mit „Partnerschaft und Bindung bei schizophren erkrankten Menschen“ und stellt Ergebnisse einer DFG-geförderten Studie zu Paarbeziehungen und stabiler Partnerschaft dar, während ein Partner an Schizophrenie erkrankt ist. Die wesentliche Erkenntnis ist, dass eine bestehende Paarbeziehung für schizophrene Patienten eine sehr bedeutsame Ressource ist (S. 181). Darüber hinaus weist die Studie auf ein notwendiges Umdenken in der Akutbehandlung hin: weg von einer intensiven Pharmakotherapie hin zu einer maximalen Bindungsorientierung (S. 182).

Hier schließt inhaltlich der Beitrag von Wassili Hinüber unter dem Titel: „Psychose und Beziehungsarbeit in der Akutpsychiatrie – Das Soteria-Konzept“ an. In dem Soteria-Konzept geht es u.a. um eine kontinuierliche Begleitung eines Patienten durch eine Bezugsperson von der Aufnahme bis zur Entlassung, eingebettet in ein spezielles Milieu. Nachdem der Autor diverse Erfahrungen in bestehenden Soteria-Einrichtungen aufgenommen hat, begann ein solches Projekt in Gangelt in 2013.

Der fünften Abschnitt (Bindungsaspekte bei Studierenden und Professionellen) ist mit fünf Beiträgen der umfangreichste. Alexander Trost, Anne Bochynek, Diana Kreutz und Stephanie Weisleder leiten diesen mit „Ein Aachener Bindungsblick auf Herz und Verstand – Bindungsstile von Studierenden des Maschinenbaus und der Sozialen Arbeit“ ein. Hier handelt es sich um Forschungsergebnisse während des Masterstudiums klinisch-therapeutischer Sozialarbeit. Das Fazit daraus lautet: „Entsprechend den (Klischee-)Erwartungen bezüglich der Verschiedenheit in den Bindungsstilen von Maschinenbauern und Sozialarbeitern fanden sich in unserer Untersuchung folgende Unterschiede:

  • Maschinenbaustudenten zeigen signifikant ausgeprägter vermeidende Bindungsstrategien
  • Studierende der Sozialen Arbeit sind signifikant sicherer gebunden“ (S. 207).

Paul Krappmann ist unter dem Titel „Emotionsregulation, Empathiefähigkeit und bindungsrelevante Einstellungen bei Studierenden der Sozialen Arbeit und der Frühpädagogik“ in einer Untersuchung mit Studenten der Frage nachgegangen, „ob unterschiedliche Bindungsstile mit verschiedenen Strategien der Emotionsregulation und Aspekten der Empathiefähigkeit assoziiert sind“ (S. 219). Ein wesentliches Fazit ist, „dass die Beziehung zwischen Empathie und Bindungsmuster eher emotionaler als kognitiver Art ist“ (S. 221). Ähnlich wie in dem vorangegangenen Beitrag plädiert Krappmann dafür, dass die Kompetenz zur Beziehungsgestaltung auch Raum und Erfahrung im Studium haben muss.

Diana Kreutz und Alexander Trost haben in ihrem Beitrag „Bindungsstile bei Professionellen der Sozialen Arbeit“ Studierende und Professionelle mittels Befragung miteinander verglichen. Interessant daran ist, dass Studierende deutlich andere und tendenziell sichere Bindungsstile als die Professionellen zeigen (S. 235). Gründe hierfür könnten z.B. die Belastungen durch das Arbeitsspektrum sein. Notwendig sind „nicht nur regelmäßige (!) Supervisionen und Fortbildungen mit bindungstheoretischer Fundierung, sondern die Institution, der Arbeitsgeber muss selbst eine „sichere Basis“, einen Container, eine haltgebende Struktur für ihre Professionellen bieten, damit diese sich in ihrer Beziehungs- und ihrer Explorationskompetenz weiter entwickeln können“ (S. 236).

Matthias Berg und Alexander Trost haben die Praxis im Blick, wenn sie unter „Bindungswissen in der Erziehungsberatung – Befunde und Perspektiven für die diagnostische und therapeutische Arbeit mit Familien“ untersuchen, inwiefern sich Bindungstheorie im Arbeitsfeld Erziehungsberatung niedergeschlagen hat. Die Ergebnisse deuten auf ein uneinheitliches Bild hin, weisen aber auch auf, dass manche tätige Professionellen hier ein (größeres) Desiderat aufweisen, was angesichts des Arbeitsfeldes eigentlich nicht sein kann und darf. Wenn aber die Erziehungsberatungen die einzelnen Bindungsmuster zumindest reflektiert und bewusst zuordnen könnten, dann ergeben sich daraus Beratungs- und Interventionsansätze und damit „könnte der Erziehungsberatung ein wichtiger Schritt zur Prävention von (pathologischen) Verhaltensstörungen gelingen“ (S. 254).

Diskussion

Das Buch greift ein wichtiges Thema auf, dass im Kontext der Sozialen Arbeit bisher eher eine Randerscheinung war, gleichwohl aber von großer Relevanz für gelingendere Soziale Arbeit ist. Die einzelnen Beiträge spiegeln ein großes Spektrum wider und so gibt es für die unterschiedlichsten Arbeitsfelder interessante Erkenntnisse. Manche davon sind quasi Bestätigungen von „Lehrsätzen“, aber das ist auch schon eine gute Erkenntnis. Wichtig ist, dass die Erkenntnisse des Buches über die Fachwelt hinaus auch zu Entscheidungsträgern gelangen und diese dann auch ihren Niederschlag in die Systematik Sozialer Arbeit finden.

Fazit

Ein lesenswertes Buch, das an manche Selbstverständlichkeiten (zu Recht) erinnert und manche Einsichten bestätigt oder offenbart. Die Debatte innerhalb der Sozialen Arbeit, was wirkt wie, wird hierdurch bereichert und kann damit fortgeführt werden – zugunsten der Klienten.


Rezension von
Prof. Stefan Müller-Teusler
Homepage www.uelzen.paritaetischer.de
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Zitiervorschlag
Stefan Müller-Teusler. Rezension vom 05.09.2014 zu: Alexander Trost: Bindungsorientierung in der Sozialen Arbeit. Grundlagen - Forschungsergebnisse - Anwendungsgebiete. verlag modernes lernen Borgmann (Dortmund) 2014. ISBN 978-3-86145-342-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16738.php, Datum des Zugriffs 03.12.2020.


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ISSN 2190-9245

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