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Diego De Leo (Hrsg.): Bereavement after traumatic death

Cover Diego De Leo (Hrsg.): Bereavement after traumatic death. Helping the survivors. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2014. 208 Seiten. ISBN 978-0-88937-455-3.
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Thema

Gegenwärtig sterben in Deutschland pro Jahr etwa 10.000 Menschen durch Selbstmord, das ist etwa dreimal so viel wie die Zahl der jährlichen Verkehrstoten. Dennoch gelangt das Thema „Suizid“ hierzulande nur an die Öffentlichkeit, wenn Personen des öffentlichen Lebens daran beteiligt sind. Experten sprechen gar davon, dieses Thema werde totgeschwiegen. Andererseits betrifft jeder Selbstmord oder plötzliche Tod eines Menschen mindestens 6 Angehörige bzw. Hinterbliebene, die oftmals der Unterstützung bedürfen. Ihr Trauerprozess kann durch spezifische Faktoren erschwert werden, z.B. durch Schuldgefühle oder traumatische Störungen.

Von der Unterstützung dieser Personen, die einen plötzlichen, durch Unfall oder Selbstmord herbeigeführten Verlust eines nahestehenden Menschen zu beklagen haben, handelt das vorliegende Buch. Allerdings liegt der Schwerpunkt der Beiträge auf dem Thema Suizid. Mit dem Wort „Survivors“ sind weniger die nach der wörtlichen Übersetzung „Überlebenden“ gemeint als vielmehr die „Hinterbliebenen“, die einen Suizid oder plötzlichen Tod eines nahen Menschen zu verarbeiten haben. In diesem Sinne ist das Wort „Hinterbliebener“ eine etwas zu schwache Übersetzung des im Buch verwendeten „survivor“-Begriffes. Daher sind in den folgenden Ausführungen auch immer Komplikationen und besonderen Risiken im Trauerprozess mitgemeint, die sich aus den traumatisch erlebten Todesfällen ergeben.

Herausgeberinnen und Herausgeber

Die fünf Herausgeberinnen und Herausgeber, die gleichzeitig als Ko-Autor/innen der einzelnen Kapitel auftreten, sind Expertinnen für Suizidforschung und Trauerarbeit, die an australischen und europäischen Universitäten lehren und forschen.

Entstehungshintergrund

Unter den Herausgebern ist der Name Diego de Leo besonders mit diesem Buch verbunden, welches unter dem Titel „Lutto Traumatico“ zuerst in italienischer Sprache vom „De Leo Fund“ (http://www.deleofundonlus.org) herausgegeben wurde. Nach dem tragischen Unfalltod der beiden Söhne der Familie De Leo wurde diese gemeinnützige Organisation ins Leben gerufen. Deren Ziel ist die Suizidforschung und -prävention mit dem Schwerpunkt auf Entwicklungsländern. Der international tätige De Leo Fund möchte es jungen Wissenschaftlern ermöglichen, das Thema zu erforschen und Strategien der Prävention zu entwickeln.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in 18 Kapitel, an welchen die 9 Autorinnen und Autoren – darunter die fünf Herausgeberinnen und Herausgeber – überwiegend in wechselnden Teams gearbeitet haben:

Das erste Kapitel „The Loss of a Loved One: Theories of Adaptation“ befasst sich mit den Theorien über Trauerarbeit und bringt eine Standortbestimmung als Ausgangsbasis des Buches anhand aktueller Forschungsergebnisse. Die Autoren nehmen Abstand von den Phasenmodellen und präferieren das so genannten „Dual process model“, welches den Trauerprozess eher als langfristige Aufgabe beschreibt, die sich zwischen Verlustorientierung und Neuanfang bewegt. Obgleich die Autor/innen Trauer keineswegs als Krankheit begreifen, beschäftigen sie sich auch mit pathologischen Formen des Trauerns.

Im zweiten Kapitel „Reactions to Traumatic Death“ geht es um emotionale, verstandes- oder verhaltensmäßige Reaktionen auf einen plötzlichen Todesfall, wie z.B. Unfall oder Suizid. Risikofaktoren oder solche, die eine angemessene Bewältigung unterstützen, werden identifiziert.

Bei dem Kapitel „Surviving Suicide“ geht es um die speziellen psychischen Belastungen, mit denen Hinterbliebene nach einem Selbstmord zu kämpfen haben und die den Trauerprozess beeinflussen.

Grief in the Family“, das vierte Kapitel, stellt die Reaktion des Systems Familie auf einen Todesfall in den Mittelpunkt. Dabei erörtern die Autoren Auswirkungen auf die eheliche Partnerschaft, innerfamiliäre Kompensationsmechanismen wie auch Auswirkungen auf die Kinder, z.B. in Form von individuellen Trauerprozessen oder auftretenden schulischen Konzentrationsschwächen.

Das fünfte Kapitel mit dem Titel: „Social Network as a Source of Support“ handelt von der Unterstützungsfunktion sozialer Netzwerke, welche die Autor/innen allgemein als Gesamtheit der signifikanten interpersonalen Beziehungen (Seite 65) bezeichnen. Gute Unterstützung eines sozialen Netzwerkes zeichnet sich durch gegenseitigen Austausch mit Hinterbliebenen, nützliche Hilfe und Einfühlungsvermögen für deren Situation aus. Die Autorengruppe führt zudem aus, wie gelingende Unterstützungsangebote aussehen können.

Welchen leistungsmäßigen und emotionalen Problemen sich Hinterbliebenen nach einem Todesfall auf der Arbeitsstelle oder in der Schule gegenübersehen, darüber möchte das sechste Kapitel: „Support in the Work and School Environment“ informieren und zu einer angemessenen Einschätzung von Trauernden im leistungsorientierten Umfeld von Schule bzw. Arbeitsstelle anregen. Dazu erläutern die Autoren vor allem, wie Kinder und Jugendliche durch hilfreiche Angebote, Handlungsalternativen und Freiräume in ihrem Trauerprozess durch Schule und Arbeitsstelle unterstützt werden können. In diesem Zusammenhang findet auch die Form der Kommunikation eine besondere Beachtung.

In einem recht knappen Kapitel – „Dreams and Symbols in the Process of Mourning“ wird auf die Traumsymbolik Trauernder abgehoben. Verschiedene Typen von Träumen werden dazu erläutert, sowie auch die Rolle der Symbole im Trauerprozess – mit dem Fokus auf der Grabstätte oder individuellen Symbolbildungen.

Ob Todesfälle wiederum Selbstmorde im nahen Umfeld anregen, mit dieser Fragestellung beschäftigt sich das achte Kapitel: „Suicide After a Loss or Around Anniversary Time“. Dazu erläutern die Autoren die Ergebnisse einer australischen Studie, derzufolge unmittelbar nach einem Verlust eines geliebten Menschen sowie um den Jahrestag des tragischen Ereignisses herum eine erhöhte Gefahr von Selbstmorden besteht. Die Beobachtung, dass Suizid am Jahrestag des Selbstmordes eines geliebten Menschen erhöht vorkommt, bestätigt die Annahme, dass der Trauerprozess nach einem erlebten Suizid ein besonderes Gefährdungspotential aufweist.

Wie Therapeuten den Suizid eines Klienten erleben und verarbeiten, wird im neunten Kapitel geschildert: „Traumatic Bereavement for the Therapist: The Aftermath of a Patient Suicide“. Dabei beleuchten die Autoren den Bewältigungsprozess des Therapeuten sowohl aus Sicht des Menschen als auch des professionellen Helfers und geben Hinweise auf Verarbeitungsstrategien.

Mit der Frage, wie die Betreuung von Hinterbliebenen nach einem Selbstmord aussehen kann, befasst sich das zehnte Kapitel: „Postvention: How to organize it“. Ausgehend von der Beobachtung, dass Hinterbliebene nach einem Suizid eher selten strukturierte Unterstützung erfahren, stellen die Autoren anhand der Aufgaben des Bewältigungsprozesses dar, welchen Inhalt diese „Nachsorge“ (postvention) haben sollte und veranschaulichen dies anhand konkreter Konzepte aus Norwegen und Belgien.

Helping with Complicated Bereavement“ befasst sich mit Therapiemöglichkeiten bei einem Trauerprozess, der in seiner Intensität oder seinen Begleiterscheinungen das erwartbare Verhalten übertrifft und durch Angststörungen, Posttraumatisches Stresssyndrom oder familiäre Probleme geprägt ist. Die Autoren stellen je nach Problemlage differenzierte Fragestellungen und therapeutische Herangehensweisen vor.

Das zwölfte Kapitel „Peer Support and Self-Help-Groups“ befasst sich eher knapp mit grundlegenden Aspekten sozialer Unterstützung, während das Thema Selbsthilfegruppen im folgenden Kapitel „Support Groups for the Bereaved“ ausführlich behandelt wird. Die Autoren geben Hinweise zu Zielsetzungen dieser Gruppen, Teilnehmern und Gruppenleitern und vermitteln auch ganz praktische Tipps, derartige Gruppen zu starten.

Für die deutschsprachige Leserschaft ist das vierzehnte Kapitel „Spreading Awareness for Bereavement Support: Working With the Media“ eher ungewöhnlich, befasst es sich doch mit der Medienberichterstattung über Selbstmorde – was in Deutschland eher eine Ausnahme ist. Die Autoren stellen anhand eines funktionierenden Beispiels aus Belgien dar, wie eine verantwortungsvolle Berichterstattung in den Medien aussehen kann.

Vermutlich analog zu den bekannten zehn Grundrechten trauernder Kinder stellt das fünfzehnte Kapitel: „Spreading Awareness: The Charter of Rights of Suicide Survivors“ zehn Grundrechte vor, die Hinterbliebenen nach einem Suizid zugestanden werden sollten. Sie umfassen Informationsrechte wie auch einen vorurteilsfreien Umgang mit ihnen.

Is Suicide Grief Different?“ bildet die zentrale Fragestellung des 16. Kapitels, in welchem die Autoren empirische Befunde zu diesem Thema zusammentragen, die Untersuchungen von Hinterbliebenen in verschiedenen Nationen und vom Kindes- bis ins Erwachsenenalter umfassen. Die Autoren identifizieren besondere Risikofaktoren und spezielle Komplikationen im Trauerverhalten von Hinterbliebenen nach einem Suizid.

Ausgehend von der Beobachtung, dass der Aspekt der Selbstmordfolgen bei den Hinterbliebenen erst seit kürzerer Zeit in den Fokus der Forschung geraten ist, widmet sich das Kapitel „Suicide Postvention for Different Groups in Different Cultures: All Different, All the Same?“ dem Trauerprozess der Hinterbliebenen in verschiedenen Kulturen. Dennoch gelingt es der Autorin, drei übergreifende Komponenten zu identifizieren.

Mit der Effektivität von Unterstützungsangeboten für Hinterbliebene befasst sich das abschließende achtzehnte Kapitel „Future Perspectives on Assisting the Bereaved“. Am Ende des Buches bietet es den Versuch einer Bewertung existierender Hilfen für Trauernde nach einem Suizid und formuliert Desiderata der Forschung.

Diskussion

Wie gesagt, ist das vorliegende Buch kein herkömmliches Trauerbuch, sondern befasst sich mit Hilfestellung bei Trauer infolge eines potentiell traumatisierenden Erlebnisses eines plötzlichen Todes (kein Gewaltverbrechen), schwerpunktmäßig nach einem Selbstmord. Zwar ist letztgenanntes Thema auch in der deutschsprachigen Trauerliteratur lange kein Tabu mehr, doch bringt der vorliegende Band eine umfassende Vielfalt und Zusammenschau von Aspekten, die die Veröffentlichung bemerkenswert erscheinen lassen. Von aktuellen Erkenntnissen über den Verlauf von Trauerprozessen, seine Komplikationen durch traumatische Erlebnisse, die Hilfe durch soziale Netzwerke, individuelle und familiäre Aspekte bis hin zu den Medien: All diese Facetten finden sich in diesem Band wieder. Obgleich die Autoren ihre Erfahrung aus Australien, Norwegen und Belgien schöpfen, sind die Erkenntnisse auch auf deutsche Verhältnisse übertragbar.

In ihren Beiträgen schaffen die Autoren den Spagat zwischen einer wissenschaftlichen Fundierung einerseits – die bis zur Diskussion einzelner Forschungsbefunde geht – und einem praktischen Ratgeber andererseits, der auch Tipps bereithält. Diese tragen allerdings nie einen oberflächlichen Rezeptcharakter. Dem Leser / der Leserin steht damit ein gut fundierter Zugang zur Arbeit mit Trauernden infolge traumatischer Todesfälle zur Verfügung. Die Autoren schreiben einfühlsam und sind dabei doch sehr geradlinig. Obgleich das Buch zu einem guten Teil auf wissenschaftliche Befunde zurückgreift, gelingt es den Autorinnen und Autoren, nicht nur den wissenschaftlichen Stil zu pflegen, sondern auch die praktischen Erfahrungen aus der therapeutischen Arbeit einfließen zu lassen und so die Distanz zur Leserschaft zu verkürzen.

Die Themen und Fragestellungen der einzelnen Beiträge werden in der Regel umfassend erörtert: Nach meinem Geschmack hätte die Rolle der Symbole im Trauerprozess noch stärkeres Gewicht bekommen können, sowohl rein quantitativ als auch inhaltlich. Denn nach meiner Erfahrung sind Symbole in der Arbeit mit Trauernden keineswegs bloße „fancy notions“ (Seite 98) oder reine Übertragungsphänomene Freudscher Prägung. Diese Eindimensionalität in der Darstellung mag zu Teil der psychologisch-psychiatrischen Herkunft des betreffenden Autorenteams geschuldet sein. Eine genauere kulturelle wie auch psychologische Darstellung des Symbolbegriffes würde mit Sicherheit dazu beitragen, tiefer in das Verständnis der Trauerarbeit einzudringen und dabei helfen, die Unterstützung Trauernder zu erweitern und zu verbessern.

Nach meiner Einschätzung wird das Buch seine Leserschaft weniger unter den Betroffenen selbst finden, obgleich sie zweifellos viele wichtige Informationen über ihren Trauerprozess, ihren sozial-emotionalen Zustand sowie Hilfsangebote hierin finden können. Insgesamt ist dieses Buch meiner Ansicht nach all denjenigen nahezulegen, die mit trauernden Suizid-Hinterbliebenen professionell bzw. ehrenamtlich arbeiten (siehe Kapitel 9) oder sie einfach nur unterstützen wollen. Sie finden hier eine Quelle von fundierten Informationen, die sie zum Teil – wie bei den dargestellten Studien – im Rahmen ihrer jeweiligen Fragestellung selbst bewerten können.

Fazit

Den Autoren gelingt die Synthese von wissenschaftlichem Fachbuch und praxisorientiertem Ratgeber. Damit erhalten vor allem Personen, die beispielsweise als Therapeuten, Trauerbegleiter, Lehrkräfte oder Ehrenamtliche mit Trauernden nach einem plötzlichen Todesfall – insbesondere Suizid – arbeiten, eine ebenso gut fundierte wie praktische Hilfestellung.


Rezensent
Dr. Stefan Anderssohn
Sonderschullehrer an einer Internatsschule für Körperbehinderte. In der Aus- und Fortbildung tätig. Weitere Informationen auf der Homepage.
Homepage www.anderssohn.info
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Zitiervorschlag
Stefan Anderssohn. Rezension vom 09.12.2014 zu: Diego De Leo (Hrsg.): Bereavement after traumatic death. Helping the survivors. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2014. ISBN 978-0-88937-455-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16741.php, Datum des Zugriffs 20.08.2017.


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