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Detlev Lück, Waltraud Cornelißen (Hrsg.): Geschlechterunterschiede und Geschlechterunterscheidungen in Europa

Cover Detlev Lück, Waltraud Cornelißen (Hrsg.): Geschlechterunterschiede und Geschlechterunterscheidungen in Europa. Lucius & Lucius (Stuttgart) 2014. 304 Seiten. ISBN 978-3-8282-0598-7. D: 34,00 EUR, A: 35,00 EUR, CH: 45,90 sFr.

Reihe: Der Mensch als soziales und personales Wesen - Band 24.
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Thema

Schwerpunktmäßig behandelt der vorliegende Band die Frage: Wie sehen Zuschreibungen von Männlichkeit und Weiblichkeit aus, wie kommen sie zustande, wie verändern sie sich und warum?

Aufbau und Inhalt

Im ersten Kapitel gibt Detlev Lück eine Einführung in den Stand verschiedener Ansätze und der Diskussionen um Begriffe (u. a. Gender, Intersexualität, Zweigeschlechtlichkeit, Doing-Gender, Geschlechterrollen), die Unterschiede zwischen den Geschlechtern thematisieren. Im Anschluss stellt er die folgenden Beiträge aus Sicht der Biologie, Soziologie, Psychologie, Demografie, Pädagogik, Geschichtswissenschaften u.a. kurz vor.

Im zweiten Kapitel wird ein Streitgespräch: „Geschlechterunterschiede zwischen Biologie und sozialer Konstruktion“ zwischen dem evolutionären Psychologen Harald A. Euler und dem Soziologen Karl Lenz unter der Moderation von Detlev Lück dokumentiert. Behandelt wird i. W. die alte Frage inwiefern biologische oder soziale Determinanten für die Geschlechterunterschiede verantwortlich zu machen sind. Im Fazit betont Euler das „evolutionäre Erbe“, das jedem Geschlecht „eine Grundeinstellung“ mitgibt, die veränderbar sei (S. 50) und Lenz die Notwendigkeit eines Dialogs zwischen den Disziplinen, u.a. um Vorurteile zwischen VertreterInnen der beiden Disziplinen zu revidieren (S. 50).

Waltraud Cornelißen fragt im dritten Kapitel nach Erklärungen für die Reproduktion von Arbeits- und Machtverteilungen in Familien. Sie stellt dafür vier „Theoriegruppen“ vom Geschlechtsrollenkonzept über „Theorien der rationalen Wahl“ (u.a. Gary Becker), „geschlechterkritische Strukturanalysen“ (u.a. Regina Becker-Schmidt) bis hin zum Doing-Gender-Ansatz vor. Aus ihrer kritischen Gesamtschau entwickelt sie folgendes Fazit: „In alltäglichen Interaktionen werden Geschlechterkonstruktionen hergestellt. Den Stoff dazu liefert das gesellschaftlich verankerte, jeweils milieuspezifisch ausdifferenzierte, im Alltag verfügbare ‚Geschlechterwissen‘. Für den Alltag werden aus diesem Fundus sowohl praktische Erfahrungen im Umgang der Geschlechter miteinander, als auch beschreibende Geschlechterstereotype und präskriptive Rollenerwartungen zumeist unreflektiert relevant. Dieses Können und Wissen kann unmittelbar handlungsleitend werden, es kann unter gewissen Umständen aber auch innovativ gewendet oder kritisch hinterfragt werden.“ (S. 79) Cornelißen zeigt, wie wichtig es ist strukturelle Rahmenbedingungen und zwischenmenschliche Interaktionen im Zusammenhang zu sehen, um Verflechtungen analysieren zu können (vgl. S. 81). Zu kurz kommt dabei m. E. die Frage nach der Funktion der Aufrechterhaltung von Familie als Institution bei der Reproduktion patriarchaler Strukturen insgesamt.

Im vierten Kapitel weist Claudia Opitz-Belakhal an Hand verschiedener Stationen der „geschlechtergeschichtlichen Forschung“ in den letzten knapp dreißig Jahren auf, wie wenig linear sondern vielmehr prozesshaft, dynamisch und widersprüchlich die Sichtweisen auf die Geschlechter und die Debatten um Männer und Frauen in der Geschichte (seit dem Mittelalter) waren und wie historische Forschung selbst dazu beitragen konnte Leistungen von Frauen z.B. in den Wissenschaften zu übersehen, indem sie den Fokus auf den Ausschluss von Frauen aus akademischen Institutionen gelegt hat. Der Beitrag endet mit einem Appell die komplexen „Mechanismen und Dynamiken“, die dazu beitragen Geschlechterordnungen zu bilden und zu verändern „offen zu legen“ (vgl. S. 109).

Waltraud Cornelißen und Inga Pinhard fragen im fünften Kapitel „Konstruktionen von Geschlecht in Kindheit und Jugend“ danach, wie es immer wieder gelingen kann, „Geschlecht als binäre Kategorie zu etablieren“ (S. 113). Zusammenfassend stellen sie Forschungsergebnisse zu den klassischen Sozialisationsinstanzen: Herkunftsfamilie, Kindertagesstätte und Schule dar bis hin zu Prozessen der Berufsfindung. Obwohl sie immer wieder auf Veränderungen einer starren binären Geschlechtszuschreibung stoßen, wenn z.B. Frauen in Bezug auf ihre Berufswahl das Spektrum der Berufe erweitern (S. 135 f.) oder das Risiko zu „Bildungsverlierern“ zu gehören für Jungen (insbesondere mit ausländischer Staatsangehörigkeit) größer ist als für Mädchen, bleibt „das System der Zweigeschlechtlichkeit als Einfallstor“ für die Reproduktion von Binarität und den damit verbundenen sozialen Ungleichheiten bestehen.

Bettina Hannover, Ilka Wolter, Jochen Drews und Dieter Kleiber fragen im sechsten Kapitel nach der Bedeutung von Geschlecht für Identitätsbildungen. Hierzu fassen sie Ergebnisse, vorwiegend empirischer Studien aus den Bereichen der Medizin, Biologie und Sozialisationsforschung zusammen. Eine besondere Berücksichtigung finden dabei Studien zur Selbstwahrnehmung von Homosexualität, Transgender und Intersexualität.

Birgit Pfau-Effinger zeigt im siebten Kapital an Hand ihrer Theorie des „Geschlechter-Arrangements“, inwiefern die Erwerbstätigenquote von Müttern kleiner Kinder in Dänemark, Finnland, Großbritannien, Polen, Spanien und (West-)Deutschland nicht ausschließlich von staatlichen Angeboten zur Kinderbetreuung abhängt, sondern zudem von kulturellen, sozialen und ökonomischen Bedingungen. Im Rahmen einer vielfältigen empirischen Untersuchung, ein Methoden-Mix u. a. aus Fallstudien, Sekundäranalysen, Dokumentenanalysen, Expertengesprächen, referiert sie nachvollziehbar, welche Bedeutung dabei vor allem der nationalen Vorstellung von einer „guten Kindheit“ zukommt.

Anne Busch erläutert im achten Kapitel Erklärungsansätze für das in Europa verbreitete Phänomen der Geschlechtersegregation auf dem Arbeitsmarkt. Auch in Deutschland ist, wie die Autorin auf Basis des Mikrozensus und verschiedener Indices zeigt, die Geschlechtersegregation trotz zunehmender Frauenerwerbstätigenquote seit 1993 relativ konstant geblieben. Anne Busch sieht darin eine „wichtige Dimension sozialer Ungleichheit“ (S. 225), die sich u. a. über die Präferenz von Frauen für soziale Arbeitsinhalte reproduziere. Aber nicht diese Präferenz sei problematisch, „sondern die Konsequenzen, die mit dieser Berufswahl verbunden sind (etwa geringere Einkommen durch abgewertete Arbeitsinhalte).“ Konsequenterweise unterstützt sie Forderungen nach „gleiche(n) Verdiensten“ für „gleichwertige Arbeit“ (S. 225).

„Gegenwärtig leisten Frauen in Europa noch immer den weitaus größten Teil an unbezahlter Haus- und Familienarbeit in Paaren: zwischen sechs und 16 Stunden an Hausarbeit pro Woche.“ (S. 252) So lautet ein Fazit von Daniela Grunow, die im neunten Kapitel Daten aus den europäischen Ländern im Vergleich in Bezug auf geschlechtsspezifische Arbeitsteilungen analysiert. Trotz zunehmender Partizipation von Frauen am Erwerbsarbeitsmarkt und trotz anfänglicher partnerschaftlicher Aufgabenverteilung zu Beginn einer heterosexuellen Beziehung kommt es (nach Grunow) immer wieder zur Reproduktion geschlechtsspezifischer Arbeitsteilungen. „In Ländern, die Sorgearbeit institutionell ausblenden oder als Zuständigkeit in den Familien definieren, zeigen sich die traditionellsten Muster geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung in Europa.“ (S. 254)

Im Anschluss daran analysiert Sabine Toppe die Veränderungen in den Leitbildern für Mütter und Väter, und die Anforderungen an Eltern in Bezug auf Erziehung und Vermittlung von Bildung an ihre Kinder. Neben zunehmenden Ansprüchen in Bezug auf den Umgang mit Kindern und einer weit verbreiteten Debatte um die sogenannten „neuen Väter“ hebt sie die Alltagsgestaltung, in der es vorwiegend weiterhin die Mütter sind, die sich um kleine Kinder kümmern, hervor. „Väter engagieren sich immer dort und intensiv, wo es ihnen Spaß macht und zum Feierabendvergnügen zählt.“ (S. 274)

Im abschließenden Beitrag gehen Detlev Lück und Waltraud Cornelißen noch einmal auf die Frage nach Geschlecht als sozialem Konstrukt ein, indem sie auf einige Ergebnisse der vorausgehenden Kapitel eingehen, offene Fragen formulieren und die Verantwortung der Wissenschaften betonen, „nicht ihrerseits an der Konstruktion von Geschlechterstereotypen mitzuwirken“ (S. 299). Da Geschlechterstereotype in allen gesellschaftlichen Bereichen vorkämen, halten sie die Vielfalt von Theorien und wissenschaftlichen Perspektiven für notwendig.

Diskussion

Eine Stärke des vorliegenden Bandes liegt in der Dokumentation der Pluralität von theoretischen und methodischen Ansätzen, wodurch es möglich wird Geschlechterunterschiede und -unterscheidungen aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten.

Was in der Vielfalt zu kurz kommt, ist die Frage nach den Funktionen von Geschlechterunterschieden und -unterscheidungen in europäischen Kulturen.

Veränderungen an einzelnen Unterschieden, die gesamtgesellschaftliche Strukturen unberücksichtigt lassen, laufen so Gefahr auf der anderen Seite wieder neue Ungleichheiten zu evozieren. Deutlich wird dies z.B. bei der Schaffung von Teilzeitarbeitsplätzen für Frauen, die dann Familien- und Erwerbsarbeit besser vereinbaren können. An den grundlegenden gesellschaftlichen Strukturen aber, die auf geschlechtsspezifischen Arbeitsteilungen basieren, sowohl im Privathaushalt als auch auf dem Erwerbsarbeitsmarkt, ändert sich wenig.

Fasst man als LeserIn einige Ergebnisse der unterschiedlichen Beiträge im vorliegenden Band daraufhin zusammen, so ergibt sich folgendes Bild: Trotz Veränderungen in den Geschlechterstereotypen wird über verschiedenen Sozialisationsinstanzen weiterhin Zweigeschlechtlichkeit reproduziert (vgl. Cornelißen und Pinhard). Auf der einen Seite ist die Frauenerwerbsquote in den letzten Jahren gestiegen. Die geschlechtsspezifische Segregation des Erwerbsarbeitsmarktes aber relativ konstant geblieben. Die Anzahl der Teilzeitbeschäftigten unter den erwerbstätigen Frauen ist immer noch überproportional hoch, die Stundenlöhne überproportional niedrig (vgl. Busche). Auch wenn die Männer zunehmend etwas mehr Zeit im Haushalt verwenden, ist der Anteil der Frauen an der Haus- und Familienarbeit sehr hoch (vgl. Grunow). Parallel dazu sind die gesellschaftlichen Ansprüche an die Kindererziehung gestiegen (vgl. Toppe). Aufgrund des demographischen Wandels und der gestiegenen Lebenserwartung nimmt die Sorge- und Pflegearbeit zu und kann in vielen Ländern immer noch privatisiert werden und damit weiterhin und zunehmend den Frauen als unbezahlte Arbeit im Privathaushalt aufgebürdet werden (vgl. Grunow). So betrachtet zeichnet sich auch zukünftig keine grundlegende Veränderung in den geschlechtsspezifischen Arbeitsteilungen ab und es stellt sich weiterhin die Frage nach Verflechtungen zwischen strukturellen Bedingungen und interpersonellen Interaktionen (vgl. Cornelißen), aber auch die Frage danach, wer ein Interesse an deren Aufrechterhaltung hat. Vielleicht könnte ein ergänzender Blick zurück in die kapitalismuskritischen Ansätze der neuen Frauenbewegungen und ihren Forderungen (von Frigga Haug, Maria Mies, Carola Möller, Christel Neusüß u.v.a.), die im vorliegenden Band nicht vorkommen, hilfreich sein.

Fazit

Der vorliegende Band dokumentiert verschiedene Ansätze und Perspektiven, die sich mit Fragen nach der Reproduktion von Geschlechterstereotypen in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen auseinandersetzen u. a. mit Identitätsentwicklung, Geschichte, Familie, Erwerbsarbeit.


Rezensentin
Prof. Dr. Barbara Ketelhut
Hochschule Hannover, University of Applied Sciences and Arts, Fakultät V - Diakonie, Gesundheit und Soziales, Abteilung Soziale Arbeit. Schwerpunkte: Armut/Erwerbslosigkeit, Geschlechterverhältnisse und empirische Sozialforschung und Leiterin des Masterstudiengangs Social Work.
Homepage www.hs-hannover.de
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Zitiervorschlag
Barbara Ketelhut. Rezension vom 25.09.2014 zu: Detlev Lück, Waltraud Cornelißen (Hrsg.): Geschlechterunterschiede und Geschlechterunterscheidungen in Europa. Lucius & Lucius (Stuttgart) 2014. ISBN 978-3-8282-0598-7. Reihe: Der Mensch als soziales und personales Wesen - Band 24. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16749.php, Datum des Zugriffs 22.10.2017.


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