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Hamid Reza Yousefi: Grundbegriffe der interkulturellen Kommunikation

Cover Hamid Reza Yousefi: Grundbegriffe der interkulturellen Kommunikation. UTB (Stuttgart) 2014. 126 Seiten. ISBN 978-3-8252-4127-8. D: 14,99 EUR, A: 15,50 EUR, CH: 21,40 sFr.

Reihe: UTB - 4127.
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Thema

Hamid Reza Yousefi sieht ein zentrales Anliegen interkultureller Kommunikation in der Aufhebung von Monokulturalität, der Überwindung von Ethnozentrismus, der Forderung nach dialogischer Toleranz sowie dem Schaffen einer gemeinsamen kritischen Orientierung und grundsätzlichen Bereitschaft, Anderes mit anderen Augen zu sehen. Voraussetzung dafür sei der Wille zur Verständigung. Begegnung findet jedoch nicht nur in der Interaktion statt, sondern auch in der Analyse von Text und Sprache sowie des Kontextes. Hierzu möchte er in diesem Buch Grundbegriffe der interkulturellen Kommunikation vorstellen sowie Hindernisse der Verständigung besprechen.

Autor

PD Dr. Hamid Reza Yousefi ist Privatdozent für interkulturelle Philosophie und Geschichte der Philosophie an der Universität Koblenz-Landau und Gründungspräsident des Instituts zur Förderung der Interkulturalität in Trier. Seine Forschungsbereiche sind moderne Theorien der Religionswissenschaft, Ethik, Toleranz, Hermeneutik und Kommunikation. Zudem ist er Herausgeber der Schriftenreihe „Interkulturelle Bibliothek“.

Aufbau und Inhalt

Im ersten Teil führt der Autor in die Begriffe Kultur, Kommunikation und Interkulturalität ein, um zu ergründen, wie Kommunikation möglich ist. Im zweiten Kapitel diskutiert er sieben, für ihn grundlegende Fragen aller Kommunikationsformen und erörtert im dritten Kapitel mögliche Störungen und Hindernisse erfolgreicher Verständigung. Das Büchlein endet mit einem kurzen Ausblick und der Literaturliste.

1. Wie ist Kommunikation möglich? Im Sinne Freuds versteht Yousefi Kultur als Gegenspieler menschlicher Triebe und Leidenschaften, der einerseits für soziale Ordnung sorgt, andererseits aber individuelle Entfaltungsmöglichkeiten einschränkt. Darauf hinterfragt er kritisch Konzepte gemeinsamer Lebenswelten, kulturübergreifender Merkmale, Typologien sowie Kulturstandards, die seiner Ansicht nach nur in geschlossenen Gesellschaften Sinn machen. Yousefi versteht Kulturen vielmehr als offene im Wandel begriffene Sinn-und Orientierungssysteme, die sich gegenseitig beeinflussen. Im letzten Teil diskutiert Yousefi drei aktuelle kulturelle Ansätze. Der multikulturelle Ansatz beruht auf der Idee einer „Leitkultur“, während gemäßigte Transkulturalität Grenzüberschreitung zwischen Kulturen bedeutet, ohne dabei Unterschiede zu verwässern oder Beliebigkeit zu propagieren. Interkulturalität verbindet die gemäßigten Formen der beiden Ansätze.

2. Grundbegriffe der Kommunikation. Herkömmliche Kommunikationsmuster laufen für Yousefi Gefahr, extremistische Tendenzen zu generieren. Ihnen liege ein dogmatisches bzw. differenzorientiertes Erziehungskonzept zugrunde, und deshalb benötigen wir eine neue, gewaltfreie Kommunikationstheorie, die sich an der Situation, am Kontext und am Individuum ausrichtet. Anhand von sieben Leitfragen diskutiert er seine Schlüsselbegriffe der Kommunikation:

  1. Was heißt Identität? Identität erscheint in verschiedenen Formen, mit einem hybriden Charakter, der Gruppenzugehörigkeit ebenso wie Ausgrenzung beinhalten kann.
  2. Was bedeutet kompetentes Verhalten? Der Autor unterscheidet Fachkompetenz, eigen- und anderskulturelle Kompetenz, sowie weitere, die sich aus Kontext, Situation und Individuum ergeben. Zentral dabei erscheinen Empathie und handlungsorientierte Kompetenzen.
  3. Warum sind Wortbedeutungen zu beachten? Die Wortwahl sagt einerseits etwas über Wertschätzung des Anderen, wird andererseits aber je nach Kontext und kulturellem Hintergrund sehr unterschiedlich interpretiert und unter Umständen missverstanden. In Wörterbüchern finden wir eine solche kultursensitive Darstellung selten.
  4. Wie verstehen sich das Eigene und das Andere? Verständnis ist abhängig von der Betrachtungsweise, wie beispielsweise in dem Kippbild, in dem man sowohl eine Ente als auch einen Hasen erkennen kann. Wichtig ist deshalb, sich nicht auf die eigene Sichtweise zu beschränken, sondern offen zu sein für andere und sich seiner Schlussfolgerungen aktiv zu vergewissern.
  5. Wozu sind Vergleiche gut? Auch interkulturelle Vergleiche dürfen nicht nur einem Bezugssystem folgen, sondern sollten in verschiedenen Perspektiven beleuchtet werden sollten.
  6. Wie werden wir uns gegenseitig gerecht? Interkulturelle Toleranz erscheint in verschiedenen Dimensionen und in verschiedenen kulturellen Konzepten (z.B. das afrikanische Ubuntu). Nach Yousefi muss wirksame Toleranz Anerkennung beinhalten, wobei diese durchaus auch kritisch oder ablehnend sein darf. Die Grenze zieht er dort, wo die Würde des Menschen verletzt wird.
  7. Warum brauchen wir Normen? Yousefi fordert eine neue, kontextuelle und interkulturelle Ethik, die sich auf der Universalität der Menschenwürde gründet. Das bedeutet für ihn eine Entfernung vom Kategorischen Imperativ Kants (Gesinnungsethik) hin zu einer individuellen Selbstverantwortung (Verantwortungsethik). Dabei formulieren alle kulturübergreifend gemeinsam Moralprinzipien ohne Ausgrenzung bestimmter Akteure.

3. Vom Scheitern der Kommunikation. Zwischenmenschliche Kommunikation scheitert selten auf der Sachebene, sondern vorwiegend auf der Beziehungsebene, wobei Hindernisse der Verständigung stets zusammenhängen. Yousefi stellt dazu fünf Fragen:

  1. Ist ein Wahrheits- und Absolutheitsanspruch notwendig? Am Beispiel der religiösen und der wissenschaftlichen (darwinistischen) Schöpfungstheorien zeigt Yousefi, den Unterschied zwischen inklusivem Wahrheits-und Absolutheitsanspruch, der rein persönlich für mich absolut ist, und einem exklusiven, der eine objektive Wahrheit nicht nur in die Tiefe, sondern auch in die universelle Breite beansprucht und weltumfassend durchzusetzen versucht. Im inklusiven Fall können beide Wahrheiten nebeneinander existieren, im exklusiven Falle können sie sich gegenseitig ablehnen und bekämpfen.
  2. Wie wirken Stereotype und Vorurteile? Vorurteile sind vorgefasste Meinungen, die positiv oder negativ sein können und durch Differenzerziehung (Warnungen vor Anderen) geweckt und gefördert werden. Dahinter stecken oft Angst vor Überfremdung oder Verlust der Ich-/Wir-Identität. Auch wenn Vorurteile dem Urteilenden einerseits Halt und Orientierung geben können, hält Yousefi eine solche Differenzerziehung aber für gefährlich, da sie einen Nährboden für „inneren Rassismus“ bilde. Stereotype definiert er als generalisierte, konditionierte Vorurteile. Um diese abzulegen schlägt er die Methode der Spiegelung vor, d.h. sich vorzustellen, andere hätten dieses Vorurteil über die eigene Gruppe.
  3. Gibt es eine kulturelle Eigenlogik? Yousefi übt scharfe Kritik an Theorien wie der Richard Nisbetts (The Geography of Thought, 2003), dass sich östliches und westliches Denken grundlegend voneinander unterscheiden. Für Yousefi sind Unterschiede im Denken personen- und nicht kulturabhängig und Nisbetts Theorie und Emprie bezeichnet er als kulturchauvinistisch und jeglicher Kommunikation abträglich.
  4. Warum ist Macht von Bedeutung? Yousefi erkennt Macht als Bestandteil menschlicher Existenz, die allerdings verschiedene, positive (gleichheits- und gerechtigkeitsorientiert), aber auch negative (verabsolutierend, hegemonistisch), Dimensionen annehmen kann. Macht kann auch latent ausgeübt werden, zum Beispiel in der Mode oder über „digitale Sklaverei“. Yousefi ist der Auffassung, es sei Aufgabe der interkulturellen Kommunikation mittels positiver Macht die Ausübung negativer Macht zu zügeln.
  5. Ist Egoismus dem Dialog abträglich? Egoismus und Altruismus können in gesunden Formen auftreten, in übertriebenen Formen aber eine Gefahr für menschliche Begegnungen darstellen. Yousefi weist hier wieder kritisch auf die differenzorientierte Erziehung hin, in der Menschen lernen, Ellenbogen und Zähne zu zeigen („erlernter Egoismus“). Für die Kommunikation gilt es, eine selbstrelativierende Balance zu finden.

4. Ausblick. Aufbauend auf einer kurzen Zusammenfassung der vorherigen Kapitel plädiert Yousefi für sein kontextuelles und gewaltfreies Kommunikationsmodell als möglichen Weg, die Mauer der Differenzerziehung zu durchbrechen. Ihm geht es vor allem um eine offene und empathische Begegnung zwischen den Menschen. Dabei sind Religion, Kunst und Wissenschaft wichtige Mittel, um von einem negativen zu einem positiven Bild vom Anderen zu gelangen.

Diskussion

Yousefi zeigt anhand einer Reihe kritischer Fragen, welche Einstellungen und Kompetenzen für eine gewaltfreie Kommunikation wichtig sind.

Er zeigt sich sehr kritisch gegenüber klassischen Differenztheorien und folgt seiner eigenen systematischen Betrachtungsweise, die er neben der Historischen Interkulturalität und der Vergleichenden Interkulturalität als dritten Orientierungsbereich positioniert. Die beiden letztgenannten begegnen uns in Yousefis etwas umfangreicherem (hier ebenfalls besprochenen) Werk „Interkulturelle Kommunikation. Eine praxisorientierte Einführung“ (2014) ausführlicher.

Yousefi bringt in die eher wissenschaftlich-abstrakt gehaltene Darstellung auch seine eigene Meinung ein. Es ist bereichernd, eigene Gedanken und Stellungnahmen zu lesen, allerdings unterscheidet er nicht immer deutlich zwischen seiner Meinung und empirischen Fakten.

Seine Kritik an Nisbetts „Geography of Thought“ ist sehr scharf und wird dessen Forschung nicht unbedingt gerecht. Zum einen findet Nisbett in vielen seiner Untersuchungen Kontinentaleuropäer in der Mitte zwischen der amerikanischen und der orientalischen Kultur, was für uns als Europäer manche seiner Vergleiche zwischen Ost und West tatsächlich nicht trennscharf erscheinen lassen. Des Weiteren ist ein Vergleich zwischen verschiedenen kulturellen Hintergründen, hier Denkweisen, durchaus zulässig, sofern man Verallgemeinerungen vermeidet. Durch zunehmende Globalisierung und Internationalisierung vermischen sich verschiedene kulturelle Hintergründe, so dass wir präzisieren müssen, dass es sich um geographische Wurzeln und Denktraditionen handelt. Dieser Überlegung folgt auch Yousefi, wenn er von Unterschieden und Gemeinsamkeiten der Toleranzmentalitäten der afrikanischen, asiatischen, europäischen sowie orientalischen und lateinamerikanischen Traditionen spricht und betont, dass Toleranz nicht objektiv aus nur einer dieser Mentalitäten betrachtet werden könne (S.72). Dabei weist er zu Recht darauf hin, dass wir dabei begrifflich sehr sauber und balanciert arbeiten müssen.

Fazit

Yousefis Grundbegriffe der interkulturellen Kommunikation werfen in kritischer Erweiterung klassischer Kommunikationsmuster Leitfragen zu Schlüsselbegriffen und Hindernissen der interkulturellen Kommunikation auf. Der Autor entwirft ein kontextuelles Kommunikationsmodell, das auf universeller Menschenwürde ebenso wie der Pluralität der Menschenrechte gründet und regt damit zur kritischen Reflektion über bekannte Konzepte und die eigene Praxis der Kommunikation und Interkulturalität ein. Das Büchlein liest sich wie ein wissenschaftlicher Essay, den man sich allerdings stellenweise sprachlich etwas prägnanter und einfacher wünschen würde.


Rezension von
Dipl.-Kfm. Tatjana van de Kamp
Dipl. Kauffr.; MA (Arbeits- und Organisationspsychologie)
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Zitiervorschlag
Tatjana van de Kamp. Rezension vom 18.09.2014 zu: Hamid Reza Yousefi: Grundbegriffe der interkulturellen Kommunikation. UTB (Stuttgart) 2014. ISBN 978-3-8252-4127-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16751.php, Datum des Zugriffs 30.05.2020.


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