socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Michiko Mae, Britta Saal (Hrsg.): Transkulturelle Genderforschung

Cover Michiko Mae, Britta Saal (Hrsg.): Transkulturelle Genderforschung. Ein Studienbuch zum Verhältnis von Kultur und Geschlecht. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2014. 2., vollst. überarb. und erweiterte Auflage. 305 Seiten. ISBN 978-3-531-19437-0. D: 34,95 EUR, A: 35,93 EUR, CH: 43,50 sFr.

Reihe: Geschlecht & Gesellschaft - Band 41.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Beiträge aus verschiedenen Fachdisziplinen behandeln die Verknüpfung – „der diskursiven Kategorien“ (Umschlagtext) – von Kultur und Geschlecht. Die kultur- und geisteswissenschaftliche Perspektive dominiert und wird ergänzt durch Beiträge, die empirisches Material vorstellen und aufarbeiten, das in weiten Teilen sozialwissenschaftlicher Genderforschung unbekannt sein dürfte.

Herausgeberinnen

Michiko Mae ist Inhaberin des Lehrstuhls „Modernes Japan I“ der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Britta Saal ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an diesem Lehrstuhl.

Entstehungshintergrund

Es handelt sich um die 2. Auflage eines 2007 erstmalig erschienen Buches, das aus einem Seminar „Interkulturelle Kompetenz und Gender in der Globalisierung“ hervorging, welches im Wintersemester 2003/04 an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf stattfand. Laut Aussage der Herausgeberinnen im Vorwort wurden alle Beiträge für die zweite Ausgabe vollständig überarbeitet und aktualisiert. Ein Beitrag zu China (von Nicola Spakowsky) wurde neu verfasst.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in zwei Teile.

  1. In Teil I entwickeln die Herausgeberinnen mit je einem Beitrag die theoretischen Grundlagen zu „Transkulturalität und Genderforschung“.
  2. In Teil II „Das Verhältnis von Kultur und Geschlecht in transkulturellen Perspektiven“ fokussieren 9 Beiträge das Genderthema und Genderproblematiken in verschiedenen Kulturräumen.

Inhalt

Der erste Teil des Buches ist ein theoretischer Aufriss, in dem die Herausgeberinnen erläutern, warum eine Dekonstruktion des europäischen Kulturbegriffs notwendig ist und weshalb Konzeptualisierungen von Transkulturalität sich zur Theoretisierung kulturübergreifender Phänomene auch im Genderbereich am besten eignen.

Britta Saal diskutiert den Transkulturalitätsbegriff unter Rückgriff u.a. auf Herder, Homi Bhabha, Stuart Hall und den Philosophen Wolfgang Welsch. Sie schlägt vor, Konzepte von Multi- und Interkulturalität zwar nicht als synonym zu Transkulturalität aufzufassen, sie aber auch nicht – wie Welsch – als hinfällig zu erachten. Mit dem Zusammenwirken der drei „Begriffe“ werde man „sowohl der Durchlässigkeit von Kultur(en) als auch der intrakulturellen Heterogenität sowie schließlich der interkulturellen Unterschiede und Überlappungen mit der Möglichkeit des Austausch, also der Komplexität gegenwärtiger Verhältnisse, am ehesten gerecht“ (44) – im deutschen Sprachraum, wie die Rezensentin nach einer Internetrecherche in italienischer, englischer und französischer Sprache hinzufügen würde.

Auch Michiko Mae beschäftigt sich in ihrem Beitrag mit Begriffen bzw. Begriffshoheitlichkeit, sieht das Konzept der Transkulturalität als „Paradigma“ (S. 52) an, geht aber insbesondere auf die Verbindung („Nexus“) von Nation, Kultur und Gender ein und erläutert den „Weg zu einer transkulturellen Genderforschung“ (im Beitragstitel), die nationale Grenzen resp. kulturelle Schranken überwinden muss. Transkulturalität zum Bezugsrahmen für Genderforschung zu machen, würde, so Mae, bedeuten, dass Solidarität und zivilgesellschaftliches Engagement „quer durch die nationalstaatlichen Grenzen hindurch möglich“ sei (S. 65). Ein interessantes Beispiel für o.g. „Nexus“ gibt Michiko Mae aus Japan: Hier tauchte Mitte der 1990er Jahre das Konzept gender-free auf, dessen Grundgedanke, dass Männer und Frauen unabhängig von gesellschaftlich konstruierten Genderzuschreibungen ihre Fähigkeiten entfalten und Lebensweisen realisieren können, konservative Kreise empörte, die die Grundlagen der japanischen Gesellschaft bedroht sahen.

Die transkulturellen Perspektiven:

Vittoria Borsò und Vera Elisabeth Gerling, beide Romanistinnen, setzen sich mit der Wirkung der Kolonialisierung auf die Frauen in Lateinamerika auseinander, die – in der Vorstellung der Europäer – mit ‚Sexualität‘ und ‚Barbarei‘ dem entsprachen, was abendländische Vernunft aus dem Kanon von ‚Kultur‘ ausschloss. Borsò und Gerling beschreiben beispielhaft für die von den Kolonisatoren vergewaltigte Frau die Malinche, die den spanischen Eroberern durch Übersetzungen und Kulturvermittlung zum Sieg über die Azteken verhalf und damit in der indigenen Bevölkerung als Verräterin galt. Zwei Bilder von Frida Kahlo präsentieren die Autorinnen als Beispiele ironischer Hybridität: Frida Kahlo ironisiere und dekonstruiere offizielle Identitätsdiskurse. Sie stellt in diesen Bildern die Frau in den Mittelpunkt und stellt sich – in bzw. mit dem Bildhintergrund – gegen offizielle Kulturmodelle: Sie synthetisiert die indigene Kultur und die der Eroberer bzw. ihrer Nachfolger (USA – „Selbstbildnis auf der Grenze zwischen Mexiko und den USA“) keineswegs, sondern belässt sie in Widerstreit.

Der Blick von Elisabeth Schäfer-Wünsche und Nicole Maruo-Schröder, Anglistinnen, richtet sich auf Gender, Race (laut Aussage der Autorinnen nicht mit Rasse übersetzbar) und Kultur in den USA. Sie diskutieren Stereotype für schwarze Frauen und zeigen auf, dass für diese die Geschlechternormen des 19. Jahrhunderts aufgehoben waren. Großen Raum nimmt auch in diesem Beitrag die Theorie- bzw. Begriffsdiskussion ein. Interessant ist, dass hier auch eine empirische Methode erwähnt und kritisch hinterfragt wird: Unter Rückgriff auf James Clifford erläutern die Autorinnen die Fragwürdigkeit ethnographischen Schreibens. Im ‚Gepäck‘ haben „der Ethnograph“ (S. 117) und vielleicht auch die Ethnographin immer auch ihre eigenen kulturellen Prägungen oder ihren kulturellen Raum, der „eine objektive, neutrale und unmittelbare Darstellung kultureller Fakten unmöglich macht“ (S. 117).

Susanne Kröhnert-Othman, Soziologin und Ethnologin, fokussiert den arabisch-islamischen Raum und befasst sich mit der „symbolischen Ordnung der globalen Moderne“ (im Beitragstitel) und damit auch mit dem Verhältnis von Okzident zu Orient, so wie von Edward Said in den 1970er Jahren in „Orientalismus“ postuliert. Sie untersucht die Geschlechterkonstruktionen und problematisiert selbst die politische Instrumentalisierung von Kultur und Geschlecht im arabisch-islamischen Raum durch den Okzident bzw. Westen. Die Genderperspektive besitzt ihrer Einschätzung nach „das besondere Potenzial, dass in ihr die symbolische Ordnung der Moderne und das othering mit Abgrenzungsprozessen in nationalen und erweiterten kulturellen Selbstbehauptungsdiskursen verknüpft werden kann“ (S. 150) – der theoretische Diskurs zweifellos, aber auch der konkrete Diskurs zwischen Frauen aus dem Okzident und Frauen aus dem Orient? Diese Frage bleibt offen.

Dorothea E. Schulz, Ethnologin, beschäftigt sich in ihrem Beitrag, dem sie im Oktober 2012 ein Postskriptum zur Situation in Mali beigefügt hat, mit der zunehmenden öffentlichen Rolle von Frauen als Wortführerinnen in muslimischen Missionierungsaktivitäten in islamischen Gesellschaften in Afrika. Dieses Phänomen stellt aus westlich-feministischer Perspektive ein Dilemma dar, sind die Leitvorstellungen dieser Aktivistinnen, die sich für moralische Erneuerung im Sinne des Islam einsetzen, doch mitnichten ‚emanzipatorisch‘ im westlichen Sinne. Wie Schulz am Beispiel der Ergebnisse einer Feldforschung zeigt, die sie zwischen 1998 und 2004 in Mali durchgeführt hat, werden diese Frauen gleichwohl ähnlich angefeindet wie die Vorkämpferinnen für die Emanzipation der Frauen im Westen: Blockiert werden sie sowohl durch männliche Vertreter der islamischen Erneuerungsbewegung wie auch durch ältere Frauen. Dorothea Schulz belässt die LeserInnen in dem Dilemma, bemüht keine theoretischen Konstruktionen zu seiner Auflösung – und das wirkt, zumindest auf die Rezensentin, nachhaltig. Schulz konfrontiert die deutschsprachige Leserschaft außerdem mit einer weiteren Erkenntnis, mit der man oder Frau wahrscheinlich nicht gerechnet hat: Für muslimische Frauen (und Männer) nicht nur in Westafrika ist eine translokale ideelle Ausrichtung ein grundlegender Bestandteil ihres Selbstverständnisses. Von Anbeginn (des Islam) an, und das heißt lange vor der Entdeckung der Bedeutung von Süd-Süd-Beziehungen durch die Sozial- und Politikwissenschaften, spielten diese Beziehungen eine konstitutive Rolle. In Mekka begegnen sich Menschen aus Südasien und aus Westafrika – und dies tatsächlich schon seit sehr langer Zeit. Die Pilgerreise stellte eine Möglichkeit dar, den ökonomischen und politischen Folgen der Kolonialherrschaft zuhause zu entgehen, und sie bot und bietet auch Frauen noch immer die Eröffnung neuer Handlungsspielräume ebenso wie Zuwachs an Status und Entscheidungsmacht.

Anhand einer empirischen Untersuchung junger Muslime in deutschen Stadtteilen und französischen Vororten beschreibt Nikola Tietze, Soziologin, muslimische Religiosität und islamische Identitäten junger Männer. Empirische Grundlage sind narrative Interviews, die zwischen 1995 und 1998 durchgeführt wurden – und das kann im Jahr 2014, d.h. nach den Ereignissen von September 11, nach dem Sturz bzw. der Stürzung etlicher Diktatoren in islamischen Ländern, nach arabischem Frühling und der Stärkung des Jihads, zu dessen Anhängern insbesondere junge Männer gehören, einfach keine adäquate Grundlage mehr sein. Tietze thematisiert allerdings ein Thema, das noch älter ist, in deutschen Diskursen über den Islam aber durchgängig ausgeblendet wird: die religionsrechtliche Verfassung Deutschlands, die die beiden größten christlichen Kirchen als Körperschaften des öffentlichen Rechts anerkennt. Tietze sieht- anders als die Rezensentin – darin einen Grund dafür, dass Muslime sich als „Anhänger einer der großen Weltreligionen“ (192) in Deutschland als ‚AusländerInnen‘ sozial aufgewertet fühlen könnten – anders als im laizistischen Frankreich. Das AGG trat in Deutschland im Jahr 2006 in Kraft und räumt mit seinem Paragraphen 9, der so genannten Konfessionsklausel, den beiden großen christlichen Kirchen ein Diskriminierungsrecht ein – ein Sachverhalt, der in Frankreich undenkbar ist. Dass nicht nur geschiedene Erzieherinnen, sondern auch Musliminnen und Muslime, sofern sie nicht in Verwaltung, Pflege oder Reinigung arbeiten, von dieser Diskriminierung durch die Kirchen und insbesondere deren Wohlfahrtsverbände Caritas und Diakonie, die zu den größten Arbeitgebern Deutschlands gehören, betroffen sind, sollte Tietzes Optimismus (von 2001?) eigentlich dämpfen? Dieser Beitrag bedarf nach Einschätzung der Rezensentin einer Aktualisierung.

Mit dem postsowjetischen Russland beschäftigt sich die Soziologin Martina Ritter. Hier erfahren Frauen durch den Zusammenbruch der sowjetischen Versorgungsinstitutionen für Kinder und Familien eine besondere Art der ‚Privatisierung‘: Ihre Anliegen sind nicht mehr gesellschaftsrelevant. In Interviews, die Ritter mit zwei Paaren durchgeführt hat, zeigen sich soziale Ungleichheiten, die sowjetische Elemente mit neuen marktwirtschaftlich begründeten Elementen verknüpfen. Die neue Privatheit des postsowjetischen Russlands wird, so Ritter, zum transkulturellen Raum, in dem neue Deutungen ausgehandelt werden.

Nicola Spakowsky, Sinologin, zeichnet die Entwicklung der Frauenbewegung in China seit den Reformen von Deng Xiaoping von 1978 nach, als chinesische Frauen sich gegen ‚maoistische Gleichmacherei‘ von Frauen und Männern wandten. Die transnationale Wende erfolgte laut Spakowsky allerdings erst im Kontext der Vierten Weltfrauenkonferenz, die 1995 in Peking stattfand. Sie referiert unter Bezugnahme u.a. auf Nancy Fraser und ihre These eines Bündnisses zwischen Feminismus und Neoliberalismus die Wirkung der „Importe“ des westlichen Feminismus nach China, die ihrer Einschätzung nach in diesem Zusammenhang stattfanden und schreibt selbst (Zitate eigener Arbeiten) „dem zentralen Importprodukt“ (S. 239), dem Begriff gender, die größte irritierende Wirkung zu. Sie verkennt aber nach Einschätzung der Rezensentin Charakter und Rolle der international community, d.h. der Vereinten Nationen – die einfach nicht „der Westen“ sind. Die Volksrepublik China ist Gründungsmitglied der UN; sie hat einen ständigen Sitz im Sicherheitsrat; und Chinesisch ist eine der sechs Amtssprachen der UNO. Die gender Debatte wurde in der international community geführt; in Peking wurde 1995 Gender Mainstreaming als Strategie der internationalen Gleichstellungspolitik eingeführt und von hier aus top-down auf national levels, auch dem Level der EU, implementiert. Die Diskussion zwischen Frauen aus vielen Ländern der Welt war lebhaft; und die ‚West-Frauen‘ waren in der Minderzahl. Ein Vertreter der Volksrepublik China gehörte zu den Delegierten aus 189 Ländern, die 1995 die Pekinger Erklärung und die Pekinger Aktionsplattform zur Gleichstellung von Frauen und Männern in zwölf Themenfeldern unterzeichneten. Wenn „Standardisierungsdruck“ (S. 246) ausgeübt wird, dann ist es dieser: der Druck auf die Staaten, für die Umsetzung der Ziele der Aktionsplattform zu sorgen. Der review of implementation Beijing + 20 im nächsten Jahr wird zeigen, inwieweit dieser Druck erfolgreich war. Spakowsky konstatiert in ihrem Fazit, dass sich der chinesische Feminismus als „… wandelbar, plural, national geprägt und international eingebunden“ (246) erweist. Gar nichts sagt sie zum gender gap in China und zu den Tötungen weiblicher Föten und Neugeborener, auch nichts zu den Quantitative Findings from the United Nations Multi-Country Study on Men and Violence in Asia and the Pacific von 2013, die u.a. ergaben, dass 80 % der Männer in China (und in ländlichen Gebieten von Bangladesh), die Frauen vergewaltigt haben, glauben, dazu berechtigt zu sein. Zu hoffen bleibt, dass die ‚internationale Einbindung‘, s.o., des chinesischen Feminismus (in das „Menschenrechtsregime“, s.u., Rezension des Beitrags von Pfaff-Czarnecka) es den chinesischen Frauen erlaubt, sich dagegen zur Wehr zu setzen.

Der Beitrag von Joanna Pfaff-Czarnecka behandelt die „Menschenrechte und kulturelle Positionierungen in asiatischen Frauennetzwerken“ (im Beitragstitel). Die Autorin, Soziologin bzw. Sozialanthropologin, zeigt auf, wie die internationale Frauenrechtsbewegung ungeachtet interner Debatten über die Dominanz des Westens bzw. die Werte der westlichen Moderne dazu beigetragen hat, „… dass das Menschenrechtsregime, wie ich das komplexe Gebilde aus Gesetzestexten, Instanzen, wo Rechte eingeklagt werden, sowie Menschenrechtsbewegungen und -netzwerke nenne, in den letzten beiden Jahrzehnten eine bedeutende Expansion und Ausdifferenzierung erfahren hat“ (S. 256). Sie gibt einen Überblick über die Bereiche, in denen diese Expansion und Ausdifferenzierung feststellbar ist, und über die „kulturellen Positionierungen“, die sich insbesondere auf den Universalismus der Menschenrechte als Produkt und Ergebnis der europäischen Aufklärung beziehen. Besonders interessant ist der Bericht über die Debatte, die die sri-lankische Menschenrechtlerin Radhika Coomaraswamy, UN Under-Secretary-General und unter Kofi Annan die erste Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen zu Gewalt gegen Frauen, führt. Sie stört die implizite Annahme, „… dass der Mensch der Aufklärung ein Mann ist, begriffen als rational, ungebunden und den anderen Männern gegenüber gleichgestellt“ (S. 271) und dass diese Konstruktion der Realität den meisten Instrumenten der internationalen Gesetzgebung der Menschenrechte zugrunde liege. Coomaraswamy vermutet eine enge Kausalität zwischen der europäischen Aufklärung und der – ebenfalls europäischen – Kolonialisierung. Sie verstrickt sich, so Pfaff-Czarnecka „in sichtliche Widersprüche“ (S. 273) in ihrem Versuch, dem philosophischen Dilemma zu entkommen, in das sie mit ihrer Kritik an der ‚paternalistischen Unternehmung‘ (paternalistic enterprise) Aufklärung und, als Senior UN Official, als Repräsentantin eben dieses Projektes gerät. Pfaff-Czarnecka selbst entkommt dem Dilemma – angenommen, dass auch sie vor einem solchen steht – durch Beispiele aus asiatischen Frauennetzwerken, die belegen, wie die externe kulturelle Botschaft – des Aufklärungsprojektes bzw. der Menschenrechte – in den einheimischen Kanon inkorporiert wird und bezieht sich – ganz deutsche Soziologin? – auf die These von Ulrich Beck, „… wonach Reflexion eine notwendige Begleiterscheinung der weltweiten Diffusion von Institutionen ist, die mit der Moderne assoziiert werden“ (S. 275).

Michiko Mae analysiert im letzten Beitrag die Wechselwirkungen zwischen Nation, Kultur und Genderordnung in Japan. Sie zeigt auf, wie Japan mit der Begründung der ‚Asienwissenschaft‘ mit der Macht von Wissen und Wissenschaft Asien zu beherrschen versucht – ähnlich dem Versuch der EuropäerInnen, mit dem Orientalismus (siehe Edward Said) die – von Europa aus gesehen – östlichen Länder zu beherrschen. Am Beispiel der Kriegsverbrechen an koreanischen Frauen, die während des Zweiten Weltkrieges durch die JapanerInnen als Prostituierte für das japanische Militär versklavt wurden, und ihrer Aufarbeitung im „Internationalen BürgerInnentribunal“ in Tokyo zeigt sie auf, wie die Japanerinnen, die sich – wie ihre männlichen Mitbürger – durch den Atombombenabwurf in Hiroshima und Nagasaki über viele Jahre als Opfer des Krieges gesehen hatten, ihre Mit-Täterinnenschaft und sich selbst als Subjekte der Geschichte erkannten und grenzüberschreitende Solidarität und Empathie zwischen japanischen und koreanischen Frauen möglich wurde.

Diskussion

Die Beiträge dieses Buches sind, wie in den kurzen Einzelrezensionen schon angedeutet, heterogen, zu heterogen, um zusammenfassend kommentiert werden zu können. Was sich sagen lässt, ist, dass der Überblick, den sie bieten, interessant ist, dass allerdings die theoretische Diskussion – und in Teilen tatsächlich die definitorische oder auch ‚begriffshoheitliche‘ Diskussion – dominiert und dies auch in den „transkulturellen Perspektiven“, die keineswegs alle transkulturell i.S. der von den Herausgeberinnen gesetzten Definition sind.

Fazit

Ein Buch, dessen Herausgeberinnen Geistes- bzw. Kulturwissenschaftlerinnen sind und in dessen Beiträgen weniger empirisches Material vorgestellt wird, als nach dem Titel erwartet werden könnte. Nichtsdestotrotz lohnt sich die Lektüre insbesondere einiger der Beiträge – auch für WissenschaftlerInnen, die in anderen als geisteswissenschaftlichen Disziplinen beheimatet sind und sich hier mit Transkulturalität (oder Interkulturalität oder Multikulturalität) und Gender beschäftigen.


Rezensentin
Prof. Dr. rer. soc. Angelika Groterath
Diplom-Psychologin und Psychologische Psychotherapeutin, Professorin für Psychologie und Leiterin des Studiengangs Soziale Arbeit Plus - Migration und Globalisierung am Fachbereich Soziale Arbeit der Hochschule Darmstadt.
E-Mail Mailformular


Alle 12 Rezensionen von Angelika Groterath anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Angelika Groterath. Rezension vom 23.09.2014 zu: Michiko Mae, Britta Saal (Hrsg.): Transkulturelle Genderforschung. Ein Studienbuch zum Verhältnis von Kultur und Geschlecht. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2014. 2., vollst. überarb. und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-531-19437-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16756.php, Datum des Zugriffs 21.08.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung