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Thomas Olk, Thomas Gensicke: Bürgerschaftliches Engagement in Ostdeutschland

Cover Thomas Olk, Thomas Gensicke: Bürgerschaftliches Engagement in Ostdeutschland. Stand und Perspektiven. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2014. 266 Seiten. ISBN 978-3-658-03787-1. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 50,00 sFr.

Reihe: Bürgergesellschaft und Demokratie - Band 43.
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Thema

Wie entwickelt sich die Zivilgesellschaft in Ostdeutschland? Im Rahmen von Organisationen und Institutionen sich über persönliche und materielle Interessen hinaus für das Gemeinwohl oder andere Menschen einzusetzen ist keine selbstverständliche Sache. Bundesweit waren 2009 36% der Bevölkerung in dieser Weise engagiert. Die Engagierten in den ostdeutschen Ländern machen da grundsätzlich keine Ausnahme. Während in Ostdeutschland viele gesellschaftliche Entwicklungsprozesse zunächst weitgehend übereinstimmend verliefen, ist aber für den Bereich des bürgerschaftlichen Engagements eine zunehmende Differenzierung zu beobachten: Die Ergebnisse verweisen zwischen 2004 und 2009 „auf ein Auseinanderdriften der Entwicklungen in den neuen Ländern“ (S. 11). Zwar lässt die seit 2004 durchschnittlich weitgehend konstante Beteiligung am freiwilligen Engagement in Ostdeutschland den Eindruck eine gewisse Stabilität vermuten, „aber unter der Oberfläche gab es Umschichtungen, die von großer Bedeutung sind“ (S. 13) und eine besondere Dynamik vermuten lassen: So hat z. B. das Engagement junger Menschen zwischen 14 und 30 Jahren z. B. in Ostdeutschland deutlich zugenommen und dem in den westdeutschen Ländern (rein quantitativ) weitgehend angepasst.

Angesichts der Herausforderungen des sozialen und des demographischen Wandels in den neuen Bundesländern besteht also Bedarf an einer differenzierten Darstellung der Entwicklung bestimmender Indikatoren der Zivilgesellschaft im Vergleich zu Westdeutschland, aber auch in den einzelnen neuen Bundesländern untereinander. Thomas Olk und Thomas Gensicke gehen in der vorliegenden Studie den damit verbundenen Fragen unter Nutzung quantitativer und qualitativer Daten nach. Die Studie wurde im Auftrag des Bundesministeriums des Innern (BMI) bereits zum zweiten Mal durchgeführt und schließt unmittelbar an die Vorgängeruntersuchung aus dem Jahr 2009 an (vgl. Gensicke, Thomas, u. a.: Entwicklung der Zivilgesellschaft in Ostdeutschland, VS-Verlag [Wiesbaden] 2009).

Autoren

Dr. Thomas Olk ist Professor für Sozialpädagogik und Sozialpolitik an der Martin Luther-Universität Halle-Wittenberg; mit dem von ihm herausgebrachten Band „Engagementpolitik. Die Entwicklung der Zivilgesellschaft als politische Aufgabe“ (Wiesbaden 2010; vgl. die Rezension) und dem gemeinsam mit Birger Hartnuß herausgegebenen „Handbuch Bürgerschaftliches Engagement“ (Weinheim 2011; vgl. die beiden Rezensionen Rezension 1 und Rezension 2) ist er im Bereich der hier besprochenen Veröffentlichung einschlägig hervorgetreten.

Dr. Thomas Gensicke ist Senior Consultant im Bereich „Familie, Bildung und Bürgergesellschaft“ bei TNS Infratest Sozialforschung München und war Projektleiter des Freiwilligensurveys. Gemeinsam mit Sibylle Picot und Sabine Geiss hat er die Sammlung „Freiwilliges Engagement in Deutschland. 1999 – 2004“ (Wiesbaden 2006; vgl. die Rezension) veröffentlicht.

Aufbau und Inhalt

Die Veröffentlichung vereint die qualitative Studie „Stand und Entwicklung des bürgerschaftlichen Engagements in Ostdeutschland“ mit der Zusammenfassung der Ergebnisse der Studie „Bürgerschaftliches Engagement in Ostdeutschland – Stand und Perspektiven“; sie gliedert sich in sechs Abschnitte:

  • Nach einem Einstieg (Abschnitt I, S. 11 – 16)
  • werden im zweiten Abschnitt (S. 17 – 100) Zivilgesellschaft und freiwilliges Engagement in den neuen und alten Bundesländern auf der Grundlage des Mess(zeit)punkte des Freiwilligensurveys 1999, 2004 und 2009 beschrieben und (vergleichend zwischen Ost- und Westdeutschland) die ostdeutsche Zivilgesellschaft auf der Grundlage der repräsentativen Bevölkerungsbefragungen (zu Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und Bürgerschaftliches Engagement) quantitativ analysiert.
  • Im dritten Abschnitt (S. 101 – 194) werden die empirischen Befunde der qualitativen Untersuchung vorgestellt, die 2011 durchgeführt wurde und bei der leitfadengestützt 40 Schlüsselpersonen zu Wort kamen, die seinerzeit auf der Landes-, regionalen und lokalen Ebene für die Förderung des bürgerschaftlichen Engagements verantwortlich waren. Nach Klärungen zum methodischen Vorgehen stehen die Strukturen und Handlungsformen zur Förderung des bürgerschaftlichen Engagements in Ostdeutschland im Fokus, werden Engagementpolitik als neues Politikfeld (z. B. die Förderung des bürgerschaftlichen Engagements durch Kommunalpolitik und Verwaltung) diskutiert und Entwicklungen des bürgerschaftlichen Engagements in ostdeutschen Organisationen und Netzwerken der Zivilgesellschaft sowie die Förderung des bürgerschaftlichen Engagements durch ostdeutsche Wirtschaftsunternehmen analysiert. Die Vorstellungen hinsichtlich der Rolle und Bedeutung des bürgerschaftlichen Engagements kommen zur Sprache, geklärt wird, welche zivilgesellschaftlichen Strukturen und Vernetzungsformen in den Untersuchungsregionen bestehen und welche Formen und Inhalte des bürgerschaftlichen Engagements sich nach ihrer Auffassung auf lokaler Ebene etablieren bzw. welche Programme, Instrumente und Infrastruktureinrichtungen der Engagementförderung regional entwickelt werden konnten. Zwar merken die Autoren relativierend an, dass von ihrer qualitativen Studie „zwar keine repräsentativen Ergebnisse“ zu erwarten seien, die Studie aber durchaus „einen kleinen Beitrag“ zum Beispiel zur Schließung der Forschungslücke in Bezug auf die Rolle ostdeutscher Wirtschaftsunternehmen bei der Förderung bürgerschaftlichen Engagements leisten könne (S. 14).
  • Der folgende Abschnitt (S. 195 – 223) dient der Zusammenführung und Zusammenfassung der zentralen Ergebnisse beider (Teil-) Studien.
  • Zehn Handlungsempfehlungen für die Förderung bürgerschaftlichen Engagements speziell in Ostdeutschland werden im fünften Abschnitt vorgestellt (S. 225 – 242): zum Beispiel die Entwicklung von Programmen und Maßnahmen der Engagementförderung durch Bund und Länder, die Sensibilisierung der politisch administrativ Verantwortlichen ([Ober-] Bürgermeister, Landräte, Dezernent/inn/en) für Fragen der Engagementförderung und der Entwicklung der Zivilgesellschaft; regional angepasste Formen der Engagementförderung gelte es zu entwickeln und die Akteure zu vernetzen, Beteiligungsmöglichkeiten von Bürger/inne/n seien zu erweitern und die Mitbestimmung der Engagierten zu stärken. Auch den Aufbau und die Weiterentwicklung lokaler Infrastrukturen zur Förderung des Engagements sowie die gezielte finanzielle Förderung des Engagements diskutieren die Autoren. Diese Handlungsempfehlungen seien „selbstverständlich auch in anderen Regionen Deutschlands umsetzbar“; zu beachten sei allerdings, dass es besondere Bedingungen und Akteurskonstellationen gebe, „die in den neuen Bundesländern zumindest in spezifischer bzw. verstärkter Form anzutreffen sind. Hierzu gehören Besonderheiten in der Verbreitung und Zusammensetzung zivilgesellschaftlicher Organisationen (ziviIgeselIschaftliche Infrastruktur) ebenso wie die relative Ressourcenschwäche sowohl der kommunalen Gebietskörperschaften als auch der mehr oder weniger etablierten Vereine und Verbände in den Regionen“ (S. 15).
  • Der Anhang umfasst (kurze) Informationen über den Freiwilligensurvey (S. 243 – 247), stellt (auf der Basis des Allensbacher Jahrbuchs Nr. 12 [2003 – 2009: Die Bonner Republik]) die neuen und alten Länder im Spiegel der Statistik und repräsentativer Umfragen zur Demografie und Lebenskultur bzw. den Einstellungen zum Gemeinwesen vor (S. 247 – 257) und enthält eine Übersicht der Interviewpartner/innen, aufgeschlüsselt nach Ebenen, Bereichen und Bundesländern (S. 257f). Ein achtseitiges Literaturverzeichnis (mit Nachweisen vor allem aus dem Zeitraum 2005 bis 2011) rundet die Veröffentlichung ab.

Zielgruppen

Ganz zweifellos richtet sich der Band (grundlegend gelesen) vor allem an die für die Engagementförderung in Wohlfahrtverbänden, (Sozial-) Politik und (vor allem) Kommunalverwaltungen Verantwortlichen sowie an Dozent/inn/en und Student/inn/en der Sozialwissenschaften (Letzteren schon anempfohlen wegen des „Musterfalls“ der Kombination von quantitativen und qualitativen Verfahren). In der Arbeit mit Freiwilligen und Ehrenamtlichen unmittelbar tätige Fachkräfte werden vor allem aufgrund der Handlungsempfehlungen und des Anhangs Nutzen gewinnen können.

Diskussion und Fazit

Zentrales Ziel der Veröffentlichung ist es, so das Autorenduo, „die spezifischen Entwicklungen im Bereich des bürgerschaftlichen Engagements in den neuen Bundesländern vertiefend und systematisch zu analysieren und erstmalig auch die spezifischen Rahmenbedingungen und Erfahrungen derjenigen Akteurinnen und Akteure zu erfassen, die auf der örtlichen bzw. regionalen Ebene mit der Förderung des bürgerschaftlichen Engagements betraut sind“ (S. 11). Dabei bestätigt sich einmal mehr der – durch Thomas Olk und Thomas Gensicke erneut genau und umfassend herausgearbeitete – Befund, dass freiwilliges, bürgerschaftliches Engagement mit den Stichworten „Motivation“, „Kompetenzen“ und „Ressourcen“ beschrieben werden kann: „Unabdingbar ist ein Interesse an den öffentlichen Dingen, wozu sich prosoziale Werte gesellen, die eine Person dazu motivieren, sich freiwillig zu engagieren“. Freiwilliges Engagement erfordert unterschiedlichste Kompetenzen, Organisationstalent und eine hohe Einsatzbereitschaft, Ideenreichtum und Kreativität, die Fähigkeit zum Zeitmanagement bis hin zu (durchaus spezialisiertem) Fachwissen. Freiwilliges Engagement ist „ein anspruchvolles Konzept …, das mehr als den guten Willen erfordert, um auf Dauer sinnvoll und befriedigend ausgeübt werden zu können“ (S. 18). Ressourcen (Geld, Beratung u. a.) müssen dieses Handeln unterstützen; zivilgesellschaftliches freiwilliges Engagement muss ein förderndes Setting vorfinden, das Freiwillige nur selten selbst bereitstellen und ausgestalten können.

Diese (im Engagement selbst Tätigen allfällig geläufigen) Einschätzungen führen zum eigentlichen Kern: Auch der vorliegende Band kann dazu beitragen, an der Beseitigung des hieran anschließenden (insbesondere in [kommunal-] politischen Zusammenhängen gegebenen) Missverständnisses zu arbeiten, bürgerschaftliches Engagement sei (im Übrigen nicht bloß in Ostdeutschland) eine jederzeit abrufbare Ressource, die Lücken in sozialen Systemen zu schließen, die durch Politiken des Ab- und Rückbaus, der De-Regulierung und rein fiskalischer Konsolidierung hervorgerufen werden. Das gründlich aufbereitete Datensample gibt hinreichend Gelegenheit, zu begreifen, dass bürgerschaftliches Engagement stattdessen an spezifische Voraussetzungen geknüpft ist, wie sie im fünften Abschnitt in Form von zehn Empfehlungen dargelegt werden: zum Beispiel die Berücksichtigung besonderer Bedingungen des ländlichen Raumes sowie regional angepasste Formen der Engagementförderung, die Sensibilisierung politisch-administrativer Entscheidungsträger/innen, die Klärung von Verantwortlichkeiten, Zuständigkeit und Ressourcen, die Entwicklung eines Freiwilligenmanagements oder die Erweiterung von Beteiligungs- und Mitbestimmungsmöglichkeiten für Bürgerinnen und Bürger.

Der von Thomas Olk und Thomas Gensicke bereitgestellte reichhaltige Infopool für Engagementförderung mit seinen differenzierten Handlungsempfehlungen könnte also ein hilfreicher Beitrag sein für einen Wandel in der Engagementförderung weg von Sonntagsreden hin zu einer wirklichen Engagementpolitik, die freiwilliges und ehrenamtliches Engagement als Kern von Daseinssicherung und -gestaltung insbesondere auf kommunaler Ebene begreift, stärkt und unterstützt.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 17.02.2015 zu: Thomas Olk, Thomas Gensicke: Bürgerschaftliches Engagement in Ostdeutschland. Stand und Perspektiven. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2014. ISBN 978-3-658-03787-1. Reihe: Bürgergesellschaft und Demokratie - Band 43. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16764.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


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