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Gabriele Goettle: Haupt- und Nebenwirkungen

Cover Gabriele Goettle: Haupt- und Nebenwirkungen. Zur Katastrophe des Gesundheits- und Sozialsystems. Verlag Antje Kunstmann GmbH (München) 2014. 251 Seiten. ISBN 978-3-88897-935-4. D: 19,95 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 28,50 sFr.
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Thema

Das Gesundheits- und Sozialsystem gehört zu den wesentlichen Bestandteilen des bundesrepublikanischen Sozialstaates. In über 60 Jahren von ihnen selbst nach dem Krieg wieder aufgebaut, fortentwickelt und weitgehend finanziert, vertrauen die Bürgerinnen und Bürger darauf, dass dieses System ihnen verlässliche und ausreichende Hilfen bietet und die Risiken ihrer Existenz dauerhaft und angemessen absichert. Es geht dabei insbesondere auch um den Ausgleich im Interesse der schwächeren Teile unserer Gesellschaft. Vor allem wird erwartet, dass von allen Beteiligten nach dem Maßstab der Gerechtigkeit gehandelt wird, was immer darunter im Einzelfall verstanden werden kann. Wenn sich in diesem System wesentliche Bedarfslücken und Mängel zeigen und die soziale Gerechtigkeit auf der Strecke bleibt, dann werden die Grundlagen unseres staatlichen Selbstverständnisses berührt.

Autorin und Entstehungshintergrund

Gabriele Goettle – so der Klappentext – schreibt seit den 80er Jahren Reportagen über den Alltag in der BRD, vor allem für die taz. Von ihr sind verschiedene Bände in der „Anderen Bibliothek“ erschienen: „Deutsche Sitten“, „Deutsche Bräuche“, „Deutsche Spuren“ u. a., und sie wurde u. a. mit dem nach dem gleichnamigen Journalisten und Schriftsteller benannten und von ihm selbst gestifteten Ben-Witter-Preis ausgezeichnet. Die im vorliegenden Buch geführten und dokumentierten Gespräche mit den „Experten“ hat die Autorin gemeinsam mit Elisabeth Kmöliger geführt. Die jeweiligen Gespräche fanden zwischen 2011 und 2014 statt und sind in der taz erschienen. Es handelt sich also bei dieser Veröffentlichung um eine (keineswegs zu beanstandende) Zweitverwertung; denn nicht jeder liest die taz.

Aufbau und Inhalt

Insgesamt sind 18 Gespräche dokumentiert. Die Gesprächspartner beschäftigen sich beruflich mit den angesprochenen Problemen oder haben besondere Erfahrungen auf dem jeweiligen thematisierten Gebiet gesammelt und sind also durchweg als Experten anzusehen.

Aus dem Gebiet des Gesundheitssystems werden folgende Themen behandelt: Lobbyarbeit der Gesundheitsindustrie, Werbung der Pharmakonzerne, Kritik am Gesundheitssystem unter besonderer Berücksichtigung der niedergelassenen Ärzte, eine Patientengeschichte, Beschreibung eines Gesundheitszentrums für Obdachlose und einer Augenklinik, die ihre Patienten kostenlos behandelt (beide Behandlungszentren sind von Ärzten initiiert und getragen), Leukämie durch Radioaktivität und die Gefahren radioaktiver Strahlung, Fragen der Organtransplantation, Autonomie und Sterbehilfe sowie Perspektiven der Versorgung: Poliklinik und Kommunalisierung.

Folgende Themen werden aus dem Bereich des Sozialsystems aufgegriffen:

  • Umwandlung des Sozialstaates und Agenda 2010,
  • Situation und Lage der Putzfrauen,
  • soziales Ehrenamt als kostenlose Ressource,
  • Altersarmut, Renten und Pensionen – der Beamtenstaat,
  • Tricks der Demographie und das Interesse an bevölkerungspolitischen Negativ-Szenarien,
  • Abwertung sozial schwacher Gruppen durch rohe Bürgerlichkeit – Rechtspopulismus.

Ohne Zweifel gibt es in den einzelnen Beiträgen viele und aufschlussreiche Informationen, Beobachtungen und Überlegungen. Hier einige Beispiele:

  • So gibt es Alternativen zur Werbung der Pharmaindustrie: die Zeitschrift „Arzneiverordnung in der Praxis“, „Arzneimittel-Telegramm“, „Arzneimittelbrief“ und Pharmabrief.
  • Die wirtschaftlichen und profitorientierten Aktivitäten der Gesetzlichen Krankenkassen reichen von Reiseunternehmen über Mediengesellschaften bis hin zu IT-Beratungs- und Entwicklungshäusern.
  • Beispielsweise wurden vom Krankenhauskonzern Rhön-Klinikum aus Kostengründen die Sterbezimmer und die Kühlräume für Verstorbene abgeschafft.
  • Wo früher 43 Frauen festangestellt putzten, sind es heute auf derselben Fläche 14 Frauen mit 400-Euro-Jobs.
  • Nur durch die Verwendung falscher Werte für Renten und Pensionen und zu versteuerndes Zusatzeinkommen konnte das Bundesverfassungsgericht seine Auffassung der „steuerlichen Benachteiligung der Pensionäre“ gegenüber den Rentnern stützen.
  • Die Aufteilung der Bevölkerung auf die verschiedenen Altersversorgungssysteme führt zu einer Zweiklassengesellschaft – es müssen endlich alle Bürger in ein wirkliches Solidarsystem eingebunden werden.
  • Es ist nicht zu belegen, dass eine für hirntot erklärte Person tatsächlich über keinerlei Wahrnehmungsvermögen, insbesondere Schmerzempfindlichkeit, verfügt.
  • Verantwortungsvolle Begleitung beim Sterben heißt auch, dass ich jemanden „gehen lasse“ und nicht alles medizinisch Mögliche ausschöpfe.

Fazit

Das Buch behandelt wichtige gesundheitliche und soziale Themen auf anschauliche und kurzweilige Art und Weise. Es beleuchtet die gesundheitspolitische Landschaft und weist auf soziale Fehlentwicklungen und Missstände hin. Obwohl es eine sicherlich notwendige intensivere Beschäftigung mit den angesprochenen Themen nicht ersetzen kann, darf es durchaus zur Lektüre empfohlen werden.


Rezension von
Dr. Alexander Brandenburg
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Zitiervorschlag
Alexander Brandenburg. Rezension vom 18.07.2014 zu: Gabriele Goettle: Haupt- und Nebenwirkungen. Zur Katastrophe des Gesundheits- und Sozialsystems. Verlag Antje Kunstmann GmbH (München) 2014. ISBN 978-3-88897-935-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16769.php, Datum des Zugriffs 06.07.2020.


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