Suche nach Titel, Autor:in, Rezensent:in, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Sandra Leginovic: Heilpädagogische Familienhilfe

Rezensiert von Prof. Dr. Hiltrud Loeken, 05.09.2014

Cover Sandra Leginovic: Heilpädagogische Familienhilfe ISBN 978-3-942484-10-7

Sandra Leginovic: Heilpädagogische Familienhilfe. Ein neues Konzept für die ambulante Jugendhilfe. Berufs- und Fachverband Heilpädagogik (BHP) (Berlin) 2014. 92 Seiten. ISBN 978-3-942484-10-7. D: 12,00 EUR, A: 12,00 EUR, CH: 17,90 sFr.
Reihe: Bhp-Praxis.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Thema

Die Autorin konzeptualisiert heilpädagogische Familienhilfe als Form der Hilfe zur Erziehung nach dem SGB VIII, die unter sozialpädagogischer Familienhilfe subsumiert wird. Es ist ihr Anliegen, heilpädagogische Familienhilfe als Ergänzung zur sozialpädagogischen Familienhilfe heilpädagogisch zu konturieren. Dies beinhaltet auch die Begründung und theoretische Vertiefung. Zugleich will sie die theoretische Auseinandersetzung zum Verhältnis von Sozialpädagogik und Heilpädagogik anregen.

Autorin

Sandra Leginovic wurde 1970 geboren, sie ist staatl. anerkannte Erzieherin, staatl. anerkannte Heilpädagogin und hat einen Bachelor in Heilpädagogik. Sie ist seit 2004 „in der ambulanten Jugendhilfe mit dem Schwerpunkt Sozialpädagogische Familienhilfe/Heilpädagogische Familienhilfe tätig“ (S. 4). Ihr Schwerpunkt ist die Arbeit mit Kindern psychisch kranker Eltern.

Entstehungshintergrund

Die Veröffentlichung entstand aus dem Kontext der beruflichen Tätigkeit der Autorin und ist getragen von der Idee, in der Jugendhilfe die Auseinandersetzung mit der Heilpädagogik anzuregen und für den verstärkten Einsatz von Heilpädagogen zu plädieren. Das Buch (welches vom Format her ein Mittelding zwischen Buch und Broschüre ist) ist im Verlag des Berufs- und Fachverbandes Heilpädagogik (BHP) erschienen und verfolgt somit zugleich professionspolitische Ziele.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst 79 Seiten zuzüglich Inhalts- und Abbildungsverzeichnis und ist in sechs Kapitel unterteil. Die ersten fünf dienen der Grundlegung des Konzepts, das sechste Kapitel beschreibt eine Konzeption für die Heilpädagogische Familienhilfe als erweitertes ambulantes Jugendhilfeangebot der Hilfen zur Erziehung.

Das erste Kapitel ist (etwas irreführend) mit „Heilpädagogik und Sozialpädagogik in Deutschland – Nachbardisziplinen der Jugendhilfe“ überschrieben. Zur Bestimmung des Verhältnisses zwischen den beiden Disziplinen wird kurz auf die Historie sowie auf gemeinsame Ziele, die mit teils unterschiedlichen Methoden erreicht werden sollen, verwiesen. Unter 1.1 wird die Sozialpädagogische Familienhilfe vorgestellt, um anschließend auf das Selbstverständnis von Heilpädagogik in der Familienhilfe einzugehen. Ein Spezifikum heilpädagogischer Familienhilfe ist für Leginovic das Anstreben der Vernetzung von Jugendhilfe und Behindertenhilfe. Es folgen Unterpunkte zum Auftrag und den Auftraggebern sowie zur heilpädagogischen Haltung und dem Menschenbild. Zu letzterem bemerkt die Autorin, dass die Abgrenzung zwischen Heil- und Sozialpädagogik „nicht so leicht“ (S. 20) sei. Anschließend wird gesondert auf Familien in Zwangskontexten eingegangen und auf das doppelte Mandat verwiesen. Die Autorin spricht vom Mehrfachmandat, das Heilpädagogen im „Spannungsfeld zwischen Auftrag, Mandat und Zuständigkeit“ (S. 24) haben, und gestalten müssen. Dem produktiven Umgang mit Widerständen von Eltern ist ebenfalls ein Punkt gewidmet. Wichtige Stichworte hierzu sind: Aufrichtigkeit, Transparenz, Empathie, Motivation und Zielfindung.

Kapitel zwei beschreibt Arbeitsfelder der heilpädagogischen Familienhilfe (HPFH). Dabei geht die Autorin gesondert auf das Verhältnis zwischen heilpädagogischer Familienhilfe und Schule ein. Hier sieht sie eine Aufgabe der HPFH darin, als „Bindeglied zwischen Schule und Elternhaus“ zu fungieren, dieses in besonderem Maße bei Verhaltensauffälligkeiten. Außerdem wird auf das Verhältnis zwischen HPFH und Behindertenhilfe eingegangen. Auch hier sieht sie eine vermittelnde Aufgabe für die HPFH, die helfen kann, die Grenzen zwischen der Jugend- und Behindertenhilfe zu überwinden, vor allem, wenn es um Kinder oder auch Elternteile mit Behinderung geht. Während die Jugendhilfe bislang wenig Erfahrung mit Klienten mit Behinderung hat, ist andererseits das System der Behindertenhilfe recht geschlossen, so die Erfahrungen der Autorin. Auch in der Kooperation mit Kindertageseinrichtungen sieht sie ein Arbeitsfeld.

Kapitel drei ist den Problemlagen psychisch kranker Eltern und ihrer Kinder gewidmet.

Kapitel vier geht auf heilpädagogische Diagnostik ein und beschreibt kurz sozialpädagogische Diagnosen und psychoanalytische Heilpädagogik.

Kapitel fünf ist mit „Humor in der Heilpädagogischen Arbeit mit Familien“ überschrieben. Darunter subsumiert die Autorin neben Humor im engeren Sinne auch paradoxe Interventionen (5.1), Psychohygiene für den Familienhelfer (5.2) und Ironie als Instrument in der Familienhilfe (5.3).

Kapitel sechs schließlich stellt eine Konzeption für die HPFH vor, die sich an der Arbeit der Einrichtung, in der die Autorin tätig ist, orientiert. Einen Unterschied zur sozialpädagogischen Familienhilfe sieht sie in der Ausrichtung am Ziel der Inklusion, „Behinderung und psychische Erkrankung werden nicht als Ausschlusskriterien gesehen“ (S. 61). Im Einzelnen werden folgende Punkte aufgeführt: heilpädagogische Grundhaltung, Heilpädagogik in der Familienhilfe, Zielgruppe, Zielsetzung, methodische Ansätze und Inhalte, Verlauf der HPFH und ihrer Angebote, Kinder psychisch kranker Eltern, Schutz- und Funktionsräume in der Einrichtung, Zusammenarbeit mit dem Kostenträger, Kooperation und Vernetzung, das HPFH-Team, innere und äußere Räume für das pädagogische HPFH-Team, Abwesenheitsvertretung und Erreichbarkeit, Transparenz und Datenschutz sowie Grenzen. Abschließend wird nochmals bekräftigt, dass HPFH eine Erweiterung der bisherigen Hilfen zur Erziehung bieten könne und als Wahlmöglichkeit zur Verfügung stehen solle.

Diskussion und Fazit

Das vorliegende Buch ist programmatisch ausgerichtet und getragen von der Idee, das Konzept der heilpädagogischen Familienhilfe zu begründen und zu vertreten. Die Begründung erfolgt unter Rückgriff auf theoretische Ansätze (vor allem) der Heilpädagogik, des Öfteren auch unter Verweis auf die eigenen Erfahrungen der Autorin. Das Anliegen der Autorin ist überwiegend praktisch orientiert, ihr Buch dient also weniger der theoretischen Analyse oder der Theorieentwicklung. So wird, wer hier theoretische Klärung zum Verhältnis der Disziplinen Heil- und Sozialpädagogik sucht, eher nicht fündig, trotz der in diese Richtung weisenden Überschrift von Kapitel eins. Dort wird der Disziplinbegriff irreführend verwendet, wenn von Sozial- und Heilpädagogik als Nachbardisziplinen der Jugendhilfe gesprochen wird. Auch sind die Gliederungspunkte bzw. Überschriften nicht immer ganz passgenau.

Der Wert der Schrift liegt meines Erachtens in den Impulsen, die sie für die Kinder- und Jugendhilfe geben kann. Bereits seit längerem wird kritisch diskutiert, dass Kinder- und Jugendhilfe und Behindertenhilfe sich in ihrer Zuständigkeit und Expertise sehr getrennt entwickelt haben. Ausgehend von den Forderungen nach Inklusion wurde dies im 13. Kinder- und Jugendhilfebericht (2009) kritisch beleuchtet, und es wurden vielfältige Schnittstellenprobleme zwischen Kinder- und Jugendhilfe und Behindertenhilfe herausgearbeitet, die auch die erneute Diskussion über eine „große Lösung“ (Zusammenführen aller Eingliederungshilfen für Kinder und Jugendliche mit Behinderung) bestimmen. In dieser Hinsicht ist die Beschäftigung von Heilpädagogen im System der Kinder- und Jugendhilfe, auch jenseits der existierenden speziellen heilpädagogischen Angebote, sehr wünschenswert. Sinnvoll erscheinen z.B. gemischte Teams im Rahmen der Hilfen zur Erziehung wie der SPFH, in welchen sich die unterschiedlichen Sichtweisen und spezifischen Kompetenzen der Berufsgruppen ergänzen.

Interessant ist das Buch wohl vor allem für PraktikerInnen aus der Sozialen Arbeit und der Heilpädagogik, die ihre Angebote in die beschriebene Richtung weiter entwickeln wollen.

Rezension von
Prof. Dr. Hiltrud Loeken
Evangelische Hochschule Freiburg
Mailformular

Es gibt 13 Rezensionen von Hiltrud Loeken.

Zitiervorschlag anzeigen Besprochenes Werk kaufen

Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Sponsoren

Wir danken unseren Sponsoren. Sie ermöglichen dieses umfassende Angebot.

Über die socialnet Rezensionen
Hinweise für Rezensent:innen | Verlage | Autor:innen | Leser:innen sowie zur Verlinkung

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245