Suche nach Titel, Autor:in, Rezensent:in, Verlag, ISBN/EAN, Schlagwort
socialnet Logo

Jeffrey Weeks: Sexuelle Gleichberechtigung

Rezensiert von Prof. Dr. Uwe Sielert, 30.05.2014

Cover Jeffrey Weeks: Sexuelle Gleichberechtigung ISBN 978-3-8353-1324-8

Jeffrey Weeks: Sexuelle Gleichberechtigung. Gender, Sexualität und homosexuelle Emanzipation in Europa. Wallstein Verlag (Göttingen) 2014. 59 Seiten. ISBN 978-3-8353-1324-8. D: 9,90 EUR, A: 10,20 EUR, CH: 14,40 sFr.
Reihe: Hirschfeld-Lectures - Band 4.

Weitere Informationen bei DNB KVK GVK.

Kaufen beim socialnet Buchversand

Entstehungshintergrund und Thema

Das kleine Bändchen, 59 Seiten, enthält in Form eines Essays, was Jeffrey Weeks im November 2013 im Rahmen des ersten Wissenschaftskongresses der „Bundesstiftung Magnus Hirschfeld“ in Berlin vorgetragen hat: Einen zeitgeschichtlichen Rückblick auf den Kampf um Anerkennung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Trans- und Intersexuellen (LSBTI) im 20. Und 21. Jahrhundert. Der Stiftung geht es darum, geschichtliche Zusammenhänge und aktuelle Fragestellungen hinsichtlich der Diskriminierung und des Alltags sexueller Minderheiten einem breiten Publikum nahe zu bringen und interdisziplinäre Debatten anzustoßen.

Autor

Jeffrey Weeks, geb. 1945, ist emeritierter Professor für Soziologie an der London South Bank University und wird von einem Mitglied der Bundesstiftung in der Einleitung als „ein postmoderner Magnus Hirschfeld“ vorgestellt. Er habe es „stets verstanden, Wissenschaft und gesellschaftliches Engagement, die kritische Diskussion objektiv gewonnener Erkenntnisse und en Aktivismus des öffentlichen Intellektuellen miteinander zu verbinden“. (S.8)

Diese Etikettierung Weeks weist darauf hin, dass er zwar – wie Hirschfeld – für die gesellschaftliche Akzeptanz sexueller Minderheiten eintritt, jedoch nicht mehr dessen Wissenschaftsgläubigkeit Hirschfelds teilt, sondern mehr auf soziale Bewegungen und die Durchsetzung der Menschenrechte vertraut.

Aufbau und Inhalt

Der Essay ist argumentativ entsprechend aufgebaut: Beginnend bei Magnus Hirschfeld, für den die Wissenschaft die Autorität im Kampf um Gleichberechtigung war, referiert er die am Lebensalltag orientierten und in der Öffentlichkeit skandalisierten Forderungen der radikalen neuen Bewegungen der 70er Jahre und im dritten Schritt deren Internationalisierung und Verankerung im Menschenrechtsdiskurs.

Ohne wissenschaftstheoretische Herleitungen und komplizierte Exkurse wird die postmoderne Kritik an den Versuchen der Sexualwissenschaftler zu Beginn des 20. Jahrhunderts zusammengestellt, ein wissenschaftlich begründetes Verständnis von Sexualität zur politischen und rechtlichen Durchsetzung von Gleichberechtigung einzusetzen. Der Traum zerplatzte im Nationalsozialismus und konnte auch durch Kinsey in Amerika nicht wirksam umgesetzt werden, weil Wissenschaft zwar neue Sichtweisen eröffnen kann, immer aber auch durch das Bestreben der Systematisierung von „Sexualitäten“ zu neuen Formen der Reglementierung geführt hat und vor allem nie mit „einer Stimme“ sprach.

Während der Frauen- sowie Schwulen- und Lesbenbewegungen der 70er Jahre wurde alternatives Wissen produziert. Es begann aufgrund gelebter Erfahrungen eine Zeit des massenhaften sexuellen Experimentierens, der Diversifizierung sexueller Lebensformen und Präferenzen einschließlich solcher Praxen (Pädophilie), die sich nicht mehr auf die Ethik der Verhandlungsmoral beziehen konnten. Mit Hilfe von Identitätspolitik wurden gleiche Rechte und staatliche Sicherheiten eingefordert. Sehr bald wurde deutlich, dass mit der Formulierung spezifischer sexueller Identitäten die tatsächliche Vielfalt und die vielen Praxen zwischen den Dualitäten von Hetero- und Homosexualität sowie Mann und Frau verloren gingen und Menschen erneut essentiell „schubladisiert“ wurden. Weeks schildert auf einfache Weise, was die Queertheorie und die Theorie der Intersektionalität auf dem Hintergrund einer multidimensionalen Machttheorie kritisch gegen die Identitätspolitik der sozialen Bewegungen einzuwenden hatte. Weeks weist auf den Neoliberalismus hin, der alles zulässt, was dem Kapital nützt wie auch auf die reaktionären Gegenbewegungen auf globaler politischer Ebene.

Wenn Wissenschaft und die Identitätspolitik der Bewegungen nur zum Teil zu mehr Gleichberechtigung geführt haben, musste Sexualität neben den Debatten um Privatheit und Familienplanung in den Menschenrechtsdiskurs eingebaut werden. Der Diskurs um Gleichberechtigung diverser sexueller Lebensstile und sexueller Orientierungen bestimmt bis heute die Debatte um zustimmungsfähige gemeinsame Maßstäbe, an denen sich individuelle und kulturell gewachsene partikularistische Bedürfnisse messen lassen müssen. Weeks spricht an, „wie schwierig es ist, über verschiedene Gesellschaften hinweg gemeinsame Bedeutungen auszuhandeln, die von unterschiedlichen Traditionen, Lebensbedingungen und Machtverhältnissen zwischen Männern und Frauen sowie zwischen Frauen und Frauen abhängen“ (S. 49).

Diskussion

Diesen Dialog im eigenen Land zu führen und das auf allen gesellschaftlichen Ebenen von der Landespolitik bis in die Institution Schule hinein, kann ein Soziologe nicht mehr bearbeiten. Das ist eine interdisziplinäre Aufgabe für alle. Vor allem angesichts der aktuell wieder aufflammenden Debatte um sexuelle Vielfalt und den neuen Eifer fundamentalistischer Bewegungen ist der Essay eine grundlegende Einschätzungs- und Argumentationshilfe für alle jene, denen Gleichberechtigung auch im Bereich des Sexuellen am Herzen liegt. Das Buch enthält trotz aller Vereinfachungen und trotz des Verzichts auf ausschweifendes wissenschaftstheoretisches Argumentieren noch genügend Hinweise auf weiterführende Literatur.

Andererseits hätte – aus aktueller Perspektive – das eine oder andere Thema noch genauer erörtert werden können. Das gilt z.B. für die Rolle der kritischen Pädophiliedebatte in den 70er Jahren sowie allgemein für die Diversifizierung der über das Akronym LGBTQ hinausgehenden sexuellen Vielfalt. Die vielen, durch Klasse, Gender, Ethnizität, Religion, Geografie, Alter, Generation, Befähigung und Behinderung geformten individuellen Identitäten wie auch potentielle Strategien zur Einschränkung dieser sexuellen Vielfalt bedürfen im Anschluss an Weeks der wissenschaftlichen Erforschung und des gesellschaftlichen Engangements.

Fazit

Das Buch ist nicht nur allen Fachleuten aus Pädagogik, Sozialwissenschaften und Journalismus zu empfehlen, sondern auch den vielen Erzieherinnen und Erziehern sowie Lehrkräften, die sexualpädagogisch und gendersensibel tätig sind oder sich dem Gedanken der Inklusion verpflichtet fühlen.

Rezension von
Prof. Dr. Uwe Sielert
Uwe Sielert, arbeitete bis 2017 als Professor für Pädagogik mit den Schwerpunkten Sozial- und Sexualpädagogik an der Christian- Albrecht-Universität zu Kiel.
Mailformular

Es gibt 14 Rezensionen von Uwe Sielert.

Zitiervorschlag anzeigen Besprochenes Werk kaufen

Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner NPO Forum e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Sponsoren

Wir danken unseren Sponsoren. Sie ermöglichen dieses umfassende Angebot.

Über die socialnet Rezensionen
Hinweise für Rezensent:innen | Verlage | Autor:innen | Leser:innen sowie zur Verlinkung

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245