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Kurt Hekele: Sich am Jugendlichen orientieren

Cover Kurt Hekele: Sich am Jugendlichen orientieren. Ein Handlungsmodell für subjektorientierte Soziale Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. 776;llig überarb. Neuaufl.], 2. Auflage. 207 Seiten. ISBN 978-3-7799-2686-3. D: 17,95 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 25,40 sFr.

Reihe: Basistexte Erziehungshilfen.
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Thema

„Sich am Jugendlichen orientieren“ wirkt zunächst wie eine Übertragung des Bonmots, wonach Soziale Arbeit da zu sein habe, „wo der Klient steht“ – ein missverstandener Anspruch, der in der Regel die Beziehung zwischen Sozialarbeiter/inne/n und Subjekten ausschließlich in den Mittelpunkt rückt und sich dabei deutender/interpretativer Spielarten (wie diagnostische Verfahren und Zugänge) bedient, die der Lebenswirklichkeit der Gesprächspartner/innen allenfalls ausschnitthaft gerecht werden (können). Auch Kurt Hekele gelangt zu der Auffassung, dass „pädagogische Institutionen sich oft all zu sehr auf Pädagogik zentrieren und die gesellschaftlichen Bedingungen des Aufwachsens und Lernens vernachlässigen“; daher habe sich „die Einbeziehung der ‚äußeren Bedingungen‘ als bedeutsamer Konzeptteil herausgestellt“, z. B. um Teilhabe und Selbstbestimmung der Adressat/inn/en zu gewährleisten (S. 10). Im Konzept „Sich am Jugendlichen orientieren“ bietet er dazu ein Handlungsmodell für Kontexte der Kinder- und Jugendhilfe (insbesondere ambulanter und stationären Hilfen), das „aus und in direkter Reflexion einer Praxisentwicklung“ (11f) entstanden ist. Es ermögliche „einen prinzipiell neuen und ‚anderen‘ methodischen Zugang zum professionellen Handeln im Betreuungsalltag erzieherischer Hilfen und darüber hinaus. Wichtig ist nicht primär eine diagnostische Erkenntnis oder das herausfinden von ‚Störungen‘ oder ‚Persönlichkeitsdefiziten‘, sondern wie Menschen unter gegebenen persönlichen Voraussetzungen und ihren äußeren Bedingungen ihre Situation begreifen, damit umgehen und Perspektiven entwickeln helfen“ (S. 17).

Die Herausgeber/innen der Reihe (es handelt sich um Band 4 der von Josef Koch und anderen im Auftrag der IGfH herausgegebenen Reihe „Basistexte Erziehungshilfen“) ergänzen dazu, dass der Text „Grundmuster des Handels, Arbeitsprinzipien und Kernelemente des ‚Wie‘ methodischen Handels“ repräsentiere, „ohne einzelne Elemente oder das Konzept selbst zu verabsolutieren oder als schlichte Technologie anzubieten“ (S. 6).

Autor

Kurt Hekele, Dipl.-Psychologe, war als Fachberater im „Verbund sozialtherapeutischer Einrichtungen (VSE) Celle e.V.“ und als Moderator im INTEGRA-Projekt in Celle tätig.

Aufbau und Inhalt

Der vorliegende Band (es handelt sich um die unveränderte Wiederauflage der Fassung aus dem Jahr 2004) besteht aus zwei Teilen:

Der erste Teil der Veröffentlichung („Konzeptionelle Grundlagen“) führt in die zu Grunde gelegten Annahmen und Positionen ein. Der Autor zeigt wie (als „methodisches Prinzip“) auf Grundlage eines positiven Menschenbildes (S. 21ff) „verbale Äußerungen“, „Verhaltensäußerungen“ und „äußere Bedingungen“ (als Rahmenbedingungen des jeweiligen pädagogischen Handelns) situationsspezifisch und gleichberechtigt berücksichtigt werden können. Die daraus entstehenden oder sichtbar werdenden Widersprüche bilden dann als sogenannte „Zentralorientierungen“ (S. 69ff) für die Mitarbeiter/innen die Ansatzpunkte für das pädagogische Handeln - prinzipiell auf allen Ebenen der Praxis.

Der Autor grenzt sein Modell nachhaltig von diagnostischen Konzepten ab: Diagnostik suche nach ursächlichen, grundsätzlichen Erklärungen und Zusammenhängen, womit aber immer die Gefahr diagnostischer Pauschalisierungen und Fehlschlüsse verbunden sei. Es erfolge zudem eine Fokussierung (d. h. Beschränkung) auf Einzelpersonen, gepaart mit oft nur einer geringen Beteiligung der Betroffenen. Zu kurz kämen äußere Bedingungen (S. 33ff). Die Frage nach dem „Warum?“ hält Hekele für unwichtig; zentral seien vielmehr die Fragen nach dem „Wie?“ und „Wohin?“ (mit welchem Ziel). An die Stelle von Diagnosen habe die „Zentralorientierung“ zu treten. Sie verlange, sich an dem zu orientieren, was der/die Jugendliche durch seine/ihre verschiedenen Ich-Äußerungen als Aussagen über das, was gegenwärtig sein/ihr Thema ist bzw. was in Zukunft sein soll, zum Ausdruck bringt (S. 49ff). Das lässt sich als durchaus radikale Subjektorientierung lesen, eingelassen in ein Verständnis von gleichzeitiger und gleichwertiger Berücksichtigung verbaler Äußerungen Jugendlicher, ihren Verhaltensäußerungen und den äußeren Bedingungen ihres (Er-) Lebens (S. 69).

Dies verlange eine „innere Suchhaltung“, „um Zusammenhänge aufzudecken, Annahmen zu bilden, aufmerksam hin zu schauen, zu fragen und Zentralorientierungen zu formulieren“ (S. 51). Voraussetzungen seien dafür unter anderem „Vertrauen und Zutrauen“, d. h. eine „positive Grundhaltung“, die „Sichtweise, dass das mitgebrachte ‚persönliche Konzept‘ und die ‚naive Grundhaltung‘ nichts Falsches und Schlechtes ist“, die Grundhaltung, eine „Bereitschaft, sich kritisch verunsichern zu lassen“ und das „Vertrauen, dass es über den kurzfristigen Nachteil einer kritischen Verunsicherung zu einem längerfristigen Vorteil“ kommen werde (S. 29). Verknüpft wird dies mit der „methodische(n) Empfehlung“, „offen (zu) lassen“, d. h. „halte dich zurück, lass zu, traue zu, stelle öffnende Fragen (Wie-/Was-Fragen), lass Gedankengänge und Entwicklungen zu (auch wenn sie nicht mit Deinen übereinstimmen), unterstütze solche Entwicklungen durch Nachfragen“ (S. 79). Um in diesem Sinne erfolgreich sein zu können, müsse diese Handlungsorientierung zwei Bedingungen, eine doppelte Stimmigkeit, erfüllen: „persönlich stimmig: für mich durchführbar“, und „inhaltlich stimmig: etwas Sinnvolles bewirken wollen“ (S. 86). Dies herzustellen sollen vor allem kollegiale Beratung als „offene Runde“, um die Stimmigkeit zu überprüfen, und das Team als Methode, d. h. das Team als „kollegiale Fachöffentlichkeit“ systematisch zu nutzen, helfen.

Im zweiten Teil („Sozialpädagogische Anwendungsbereiche“) erläutert der Autor das methodische Konzept „Kollegiale Beratung“ (neben Grundvoraussetzungen vor allem Aufbau und Ablauf sowie Variationen [S. 113ff]), Teamarbeit (S. 133ff), die Verfahren der Qualitätsentwicklung und Steuerung (S. 145ff) und die sozialpolitischen Auswirkungen seines Konzepts (vor allem im Blick auf die Sozialraumorientierung und lokale Ökonomie [S. 185ff]).

Ein Literaturverzeichnis mit knapp 40 Titeln (vor allem mit Nachweisen zu Literatur aus den 1990er Jahren) vervollständigt den Band.

Zielgruppen

Die vorliegende Veröffentlichung kann sowohl von Studierenden als auch an Praktiker/inne/n genutzt werden.

Diskussion und Fazit

Der Band bleibt einerseits 2004 stehen; die unveränderte Wiederauflage kann die seitdem beobachtbaren (Weiter-) Entwicklungen (sog. neue Steuerung, Qualitätsentwicklung, Ökonomisierung, Sozialraummanagement, Gespräch zur Wirkung sozialen Handelns etc.) nicht berücksichtigen. Aktualisierungsbedarf besteht z. B. bei den Überlegung zum Konzept und dem Bezug zur Sozialraumorientierung (S. 187ff). Gleichungen wie z. B. „Eine gute sozialräumliche Arbeit ist gleichbedeutend mit einer guten Ressourcennutzung“ vernachlässigen, dass Sozialräume heute oft auf Planungsräume reduziert werden, nicht aber als Orte gemeinwesenbezogener Interaktion und Vernetzung verstanden und entwickelt werden.

Andererseits ist die Ausrichtung am Subjekt und dessen Zugängen zu seiner/ihrer Wirklichkeit eine unhintergehbare Perspektive Sozialer Arbeit; dies wird in dem kleinen Band durchaus schlüssig argumentativ hinterlegt und immer noch überzeugend von diagnostischen Zugängen und Attitüden, wie sie auch in der Sozialen Arbeit verbreitet sind, abgegrenzt. Auch die Hinweise zur Kollegialen Beratung und zur Ausgestaltung von Teamarbeit bleiben richtig, wenngleich auch hier neuere Aspekte sicher einzubeziehen wären, käme es nochmals zu einer (dann überarbeiteten) Neuauflage.

Zwischen diesen Polen des einer- und andererseits bewegt sich das Fazit: Der Band ist hilfreich, um auf der Ebene von Haltung an einer nachdrücklichen Subjektorientierung zu arbeiten. Der Band ist in weiten Teilen als überholungsbedürftig anzusehen, was die Anschlussfähigkeit an die aktuellen Umwelt- und Arbeitsfeldbedingungen Sozialer Arbeit, insbesondere in der Kinder- und Jugendhilfe, angeht.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 22.12.2014 zu: Kurt Hekele: Sich am Jugendlichen orientieren. Ein Handlungsmodell für subjektorientierte Soziale Arbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. 776;llig überarb. Neuaufl.], 2. Auflage. ISBN 978-3-7799-2686-3. Reihe: Basistexte Erziehungshilfen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16780.php, Datum des Zugriffs 27.07.2017.


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