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Samuel Salzborn: Antisemitismus

Cover Samuel Salzborn: Antisemitismus. Geschichte, Theorie, Empirie. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2014. 211 Seiten. ISBN 978-3-8487-1113-0. D: 39,00 EUR, A: 40,10 EUR, CH: 55,90 sFr.

Reihe: Interdisziplinäre Antisemitismusforschung - Band 1.
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Thema

Antisemitismus ist wieder gesellschaftsfähig geworden und antisemitische Äußerungen, vor allem des sekundären (und inzwischen auch tertiären) Antisemitismus reichen bis in die bürgerlichen Mittelschichten – „die Grenzen des Sagbaren in Sachen Antisemitismus haben sich verschoben.“ (S. 5) Auch die Zahl antisemitischer Straftaten hat sehr zugenommen. Samuel Salzborn wirft vielen Deutschen vor, dass sie sich gegenüber menschenverachtenden Grausamkeiten alter und neuer Nazis teilnahmslos verhielten und die NS-Vergangenheit Deutschlands gern ausblendeten oder auf die heutige Situation zwischen Israel und Palästina projizierten. Der Autor fordert deshalb zum Handeln auf: „Denn Antisemit(innen) sind feige, sie gehorchen, aber sie lassen sich nicht überzeugen, weil sie vom Antisemitismus überzeugt sind, nicht obwohl, sondern weil er irrational ist.“ (S. 6) Samuel Salzborn hat in diesem Buch verschiedene, verstreut publizierte, Aufsätze und Studien zu einem Sammelband zusammengefasst, dessen Aktualität erschrecken lässt.

Autor

Dr. Samuel Salzborn ist Professor für Grundlagen der Sozialwissenschaften am Institut für Politikwissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen und zurzeit stellvertretender geschäftsführender Institutsdirektor.

Aufbau

Das Buch gliedert sich nach einem Vorwort wie folgt:

    I. Historische Kontextualisierungen

  1. Die Genese des Antisemitismus in Europa
  2. Ausschluss auf Augenhöhe. Das Verhältnis Jean-Jacques Rousseaus zum Judentum war ambivalent
  3. Antisemitismus und nationaler Opfermythos. Zur Politischen Psychologie eines geschichtspolitischen Kontextes
  4. Antizivilisatorische Affektmobilisierung. Zur Normalisierung des sekundären Antisemitismus
  5. Aufmarsch in den Köpfen. Sollten Straßen, die an Antisemiten erinnern, umbenannt werden?
  6. Die Verstörung ertragen

    II. Theoretische Reflexionen

  7. Antisemitismus und Nation. Zur historischen Genese der sozialwissenschaftlichen Theoriebildung
  8. Antisemitismustheorien und Gender
  9. Israelkritik oder Antisemitismus? Kriterien für eine Unterscheidung
  10. Die Angst vor dem Abstrakten. Antisemitismus und Antikapitalismus
  11. Symbole kollektiver Eindeutigkeit. Zum antisemitischen Gehalt von Ungeziefer-Metaphern

    III. Empirische Befunde

  12. Halbierte Empathie. Antisemitische Schuldprojektion und die Angst vor der eigenen Vergangenheit
  13. Latenter Antisemitismus
  14. Antisemiten als Koalitionspartner? Die Linkspartei zwischen antizionistischem Antisemitismus und dem Streben nach Regierungsfähigkeit
  15. Katholischer Antisemitismus

Hinzu kommen Literaturhinweise und Drucknachweise

Inhalt

I. Historische Kontextualisierungen

Ad (1):

Salzborn unterscheidet (S. 11) fünf Antisemitismusvarianten bzw. „Artikulationsvarianten des Antisemitismus“ (S. 11):

  1. religiös-antijüdischer Antisemitismus
  2. völkisch-rassistischer Antisemitismus
  3. sekundär-schuldabwehrender Antisemitismus
  4. antizionistisch-antiisraelischer Antisemitismus
  5. arabisch-islamischer Antisemitismus

Alle fünf Typen haben gemeinsame Überschneidungsbereiche und verschiedene (sozial-) historische Kontexte, die aber durchaus auch gemeinsame Wurzeln (zumindest bei 1-4) im tradierten christlichen Antijudaismus haben. Der religiös-antijudaistische Antisemitismus hänge mit der Identitäts- bzw. Unterscheidungsproblematik des Christentums vom Judentum zusammen (S. 12). Der völkisch-rassistische Antisemitismus habe sich von tatsächlichen sozialen Gegebenheiten gelöst und baue stattdessen eine betrügerische Fama des Judentums auf, die als „Dimension der Erfahrungslosigkeit“ (S. 13) charakterisiert werden könne. Antisemitismus werde so auch zu einem „cultural code“, der sich mit „modernefeindlichen“ und „antiaufklärerischen Bewegungen“ verbinde. Der sekundär-schuldabwehrende Antisemitismus habe seinen Ursprung in der Nichtwahrnehmung des Holocaust und der Weigerung, die Beteiligung der vorangegangenen Generationen zu akzeptieren. Die Beteiligung der eigenen Eltern / Großeltern/ Urgroßeltern werde negiert, verdrängt und tabuisiert, sodass der Wunsch „nach Entlastung von der nationalsozialistischen Vergangenheit“ sich konstituieren konnte (S. 16). Jüdische Opfer würden in eine selbstverschuldete Lage gebracht. Der antizionistisch-antiisraelische Antisemitismus habe mit der grundsätzlichen Ablehnung des demokratischen Staates Israel zu tun (S. 17), die auf vorgefertigte Einstellungen gegenüber Zionismus vor allem im ehemals sozialistischen Osteuropa zurückgreifen konnte (S. 20). Dieser inzwischen wieder virulente Antisemitismus „fällt dabei auf den Boden von nichtdemokratischen politischen Kulturen, in den[sic!] gegenaufklärerische Mythen, antipartizipatorische Politikkonzepte und sozialdemagogische Desintegrationsvorstellungen abermals die politischen Agenden dominieren.“ (S. 21) Der arabisch-islamische Antisemitismus sei zwar nicht neu, werde aber in Europa so verstanden (S. 22), wobei hier die neuen Medien, vor allem das Internet, eine eminent wichtige Rolle spielten. Der arabisch-islamische Antisemitismus integriere dabei „ein gewaltförmiges und auf die physische Tötung von Jüdinnen und Juden zielendes Potential […].“ (S. 23)

Ad (2):

Jean Jacques Rousseau war in seinem Verhältnis zum Judentum wie viele seiner aufklärerischen Zeitgenossen ambivalent eingestellt (S. 24); das aufklärerische Selbstverständnis lag in der Annahme einer „natürlichen Religion“ zwischen „aufgeklärter Vernunftethik und Verklärung primitiver Natürlichkeit“ (S. 25). Rousseau strebte eine „Bürgerreligion“ jenseits aller vorhandenen Religionsgemeinschaften an: „Wichtig an Rousseaus Toleranzbegriff ist, dass er in seinem Konzept der Bürgerreligion, die immer nur für einen Staat und nicht für die ganze Menschheit gelten soll, jeder Religion das Potenzial für den Status einer Bürgerreligion zuspricht, die ihrerseits andere Religionen toleriert.“ (S. 25) Das Problem dieser Konstruktion einer zivilgesellschaftlichen Bürgerreligion liege nach Salzborn auf der Hand: Man hätte es mit einer Pendelbewegung zwischen Hegemonie und Ausgrenzung einerseits und Integration und Toleranz andererseits zu tun (S. 26).

Ad (3):

Die derzeitige mediale Präsenz des Nationalsozialismus z.B. in Spielfilmen oder in Fernsehserien, sei nach Ansicht des Autors und anderer Sozialwissenschaftler_innen nicht mit der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit zu verwechseln (S. 27), sondern sei eher „Plappern über damals“ (vgl. auch Kreimeier 2005; Salzborn S. 27). Salzborn vermutet darüber hinaus noch eine instrumentelle Nutzung der Vergangenheit zur Schuldabwehr bzw. neuerdings auch zur „Schuldumkehrung“ (S. 28) in einem sich medial neu etablierenden Kontext eines „deutschen Opfermythos“ (S. 28). So schreibt Salzborn zu diesem neuen medialen Phänomen: „Die geschichtspolitisch in diesen Versuchen zur Entlastung der eigenen Schuld zum Ausdruck kommende verleugnete Täterschaft verbindet sich mit dem Wunsch nach eigener (kollektiver) Unschuld, dem Phantasma des eigenen Opferstatus und der Eingemeindung in die internationale Opfergemeinschaft, in der beim Eintritt in den >Olymp der Opfer< … die Erinnerung an die Shoah universalisiert (und damit aus ihrem genuin deutschen Bezug gelöst) werden soll.“ (S. 28) Einher gingen diese Versuche der Schuldabwehr mit einer schrittweisen zunehmenden Bereitschaft, sich öffentlich antisemitisch zu äußern, die als „Erosion der Grenzziehungen“ bezeichnet werden können (S. 29). Auch die bewussten Inszenierungen von Tabubrüchen in medial präsentierten Skandalen passe hier ins Bild (S. 30), weil es sich dabei um Momente antisemitischer Sinnstiftung handele. Zusammenfassend stellt Salzborn fest: „Antisemitismus ist nicht nur irrational und emotional, sondern oft unbewusst. …[Es, Swe] ist davon auszugehen, dass die öffentliche Mobilisierung eines antisemitischen Ressentiments wie beispielsweise in der Möllemann- oder Walser-Debatte dadurch geprägt ist, dass die >Juden< ungeachtet des konkreten Debatteninhalts öffentlich stets als die Schuldigen gelten.“ (S. 32) Unter den Tisch falle dabei, eine kritische Auseinandersetzung mit der deutschen NS-Vergangenheit aktiv zu suchen, sodass dabei der „Mythos kollektiver Unschuld“ gleichzeitig bedient werden könne (S. 35). Diese Deckidentität müsse sich ständig neu inszenieren, um den Nationalsozialismus als entkonkretisiertes und enthistorisiertes, irreales Artefakt zu halten: „Stattdessen wird eine, …, >Deckidentität< geschaffen, die durch den Wandel der Wiederholungsmuster bei der Entsorgung der Vergangenheit unterschiedliche Formen annehmen kann: von der generell verleugneten Schuld über die Diabolisierung einzelner Tätertypen oder die Nivellierung der Täterschaft durch Opfer-Täter-Inversion bis hin zur Identifizierung mit den Opfern des Nationalsozialismus.“ (S. 39) Kernproblem bleibe die unterlassene kritische Bearbeitung und Reflexion der eigenen Vergangenheit: „… den die … zumeist seltsam anmutenden Bußrituale in der Öffentlichkeit haben oft mehr von einer Entlastung der Täterschaft der eigenen Eltern und Großeltern durch das Auflösen der konkreten Taten in abstrakte Gewaltphänomene, …, als dass sie Ausdruck des Versuches wären, die Barbarei in den jeweiligen Familiengeschichten auf- und durchzuarbeiten, sie zu reflektieren und somit dem Wiederholungszwang des rituellen Gedenkens ohne reale Erinnerung entkommen zu können.“ (S. 41)

Ad (4):

In seinem vierten Beitrag wiederholt Salzborn die Kernthese eines „neuen deutschen Opfermythos“ (S. 43) und erweitert den Grundgedanken so, dass auf der emotionalen Seite der Nutzung dieser These „antizivilisatorische und menschenfeindliche Affekte“ mitbedient würden. Der wieder abgedruckte Aufsatz stammt aus 2003 und ist damals als Prognose veröffentlicht worden und inzwischen muss man dem Autorenteam (Samuel Salzborn & Marc Schwietring) 12 Jahre später fast einen prophetischen Sinn unterstellen, denn die These des Aufsatzes ist längst Realität geworden und im sog. sekundären Antisemitismus wiederbelebt (S. 46ff): „Dies zeigt, dass ein manifester und offen-nazistischer Antisemitismus im Laufe der Geschichte der Bundesrepublik kontinuierlich abgenommen hat, während der sekundäre, häufig nicht-öffentlich verlautbarte Antisemitismus konstant blieb und sich in den letzten Jahren sogar wachsender Zustimmung erfreut.“ (S. 50) Das Autorenduo macht diese Tendenzen an Walsers Rede in der Paulskirche und an Möllemanns Aufrufe fest, der derzeitige Antisemitismus sei wegen Auschwitz entstanden (vgl. auch Broder 2002, S. 26ff) (S. 57). In Langzeituntersuchungen wurde festgestellt, dass ca. 20% der Deutschen Walsers und Möllemanns Entgleisungen folgen und diese auch bejahen (S. 61). Der Antisemitismus, so die Autoren, sei kein Problem der jüdischen, sondern der nichtjüdischen Bevölkerung (S. 63)!

Ad (5):

In diesem Aufsatz geht es um die Umbenennung von Straßennamen, die an Antisemiten erinnern. Nach Salzborn wäre die Umbenennung an sich auch schon ein starkes Symbol (S. 65).

Ad (6):

Salzborns Rede am 8.9.2013 vor der Fraktion der Bremischen Bürgerschaft wirkte verstörend, weil sie die Gewalt der Erinnerungsverweigerung benannte: „Das Sinnbild des Umgangs mit der Vergangenheit sind aber diejenigen, die rufen, ihr Opa sei doch kein Nazi gewesen – und diejenigen, die noch heute als honorige Nobelpreisträger gelten, obgleich sie als Waffen-SS-Mitglieder einer der brutalsten Gruppe des antisemitischen Weltanschauungskrieges angehörten.“ (S. 67) Die dritte und vierte Generation nach Auschwitz müssen ertragen, dass Großeltern und Urgroßeltern Mitglieder der NS-Generation waren und mehr oder weniger als Täter_innen, Mitläufer_innen, Unterstützer_innen, Profiteur_innen am Unrecht beteiligt waren und dass dieser Umstand deswegen schmerzlich ist, weil er in der eigenen Familie zu suchen ist (S. 68). Die Schlussfolgerung Salzborns klingt jedoch etwas resigniert: „Und man kann aus dem Gestern nichts lernen, man kann es nur zulassen und ertragen, zulassen, wie den Gang in den eigenen dunklen Keller, in den zu gehen man sich fürchtet – wie in der Psychoanalyse das Verhältnis zum Unbewussten und Verdrängten veranschaulicht wird.“ (S. 70)

II. Theoretische Reflexionen

Ad (7):

In diesem Aufsatz bedenkt der Autor in sozialwissenschaftlicher Perspektive das Verhältnis von Antisemitismus und Nation (S. 73). Als ein Grundelement des Antisemitismus nimmt er an, dass eine Nation homogen sein müsse, und dass zudem die Gruppe der jüdischen Bevölkerung nicht in diese Homogenität passe: „Dem antisemitischen Streben nach Homogenität liegt dabei eine spezifische Denkform zugrunde, die ihre Ursprünge in der Nationform des Politischen und deren ethnisch-völkischer Grundierung hat. Der Nationalismus … stellt ein insbesondere entlang der zugeschriebenen kollektiven Identität von Sprache, Kultur, Religion und Geschichte konstruiertes Weltbild dar, das der sozialen Kreation, politischen Mobilisierung und psychologischen Integration eines großen Solidarverbandes – eben der späteren Nation – dient.“ (S. 75) Der Antisemitismus lebe davon, dass die Projektion Homogenität aufgebaut würde und dass Heterogenität mit Störung und Judentum gleichgesetzt werde (S. 75). Juden seien in dieser Lesart nicht nur fremd, sondern vor allem anders (S. 78), d.h. das negative Prinzip an sich (vgl. Horkheimer & Adorno 1947, S. 199) (S. 79). Mit Hannah Arendt (1935, S. 265f) zusammen konstatiert der Autor, dass der „Antisemitismus … als antinationale Weltanschauung charakterisiert werden“ müsse (S. 89) und „dass der Nationalsozialismus den Nationalstaat gering geachtet und gegen das nationale Denken das völkische gesetzt“ habe (S. 83). Der Antisemitismus sei indes nichts anderes als eine wahnhafte Weltanschauung, die vom Betrug bzw. einer betrügerischen Fama beherrscht werde (S. 84).

Ad 8:

Die Reflexion eines Zusammenhangs zwischen Antisemitismus und Gender stehe, so Salzborn, noch am Anfang (S. 90). Antisemitismus sei nach Grunberger (1962) die Projektion eigener Konflikte auf „die Juden“ (S. 91), wobei zu bedenken ist, dass es eine einheitliche antisemitische Persönlichkeit nicht gebe, sondern eine Vielzahl psychischer Dispositionen (S. 92): „Bei der Frage nach der antisemitischen Persönlichkeitsstruktur handelt es sich überdies um einen historisch-affiliierenden Prozess, d.h. dass die Geschlossenheit des Weltbildes (und damit die Radikalität der Ich-Spaltung) und die Harmonie oder Disharmonie von Ich und Über-Ich konkret von individueller Biografie und sozialen wie politischen Kontexten abhängig sind und sich je nach Sozialisation und Kontext weiter stabilisieren und radikalisieren können.“ (S. 93) Die eigenen Konflikte würden dann aber nicht mehr ausgehalten und seien nur noch via Externalisierung und Projektion tolerabel: „Die Juden dienen damit wahnhaft als >dämonisierte Inkarnation der eigenen projizierten Zerstörungslust<“ (Beland 2004, S. 191f in: Salzborn, S. 95). Der antisemitische Begriff des Juden bleibe irrational und könne auch nicht durch Erfahrung bzw. Begegnung mit Juden verändert werden (S. 95). Mit Hilfe der Freudschen Unterscheidungen zu Triebverlust / Kastration / psychosexuelle Entwicklungen usw. schlägt der Autor eine Brücke zur Genderdiskussion, wobei Salzborn die Grenze der wissenschaftlichen Reichweite dieser Überlegungen anerkennt (S. 99). Gleichzeitig werden jedoch Ergebnisse neuer quantitativer Untersuchungen präsentiert, die es lohnen, den Zusammenhang zwischen Antisemitismus und Gender näher empirisch anzugehen: „In jüngeren Studien fallen die Differenzen zwischen den Einstellungen von Männern und Frauen zu antisemitischen Items – sofern signifikant vorhanden – vor allem im Bereich des gegen Israel gerichteten Antisemitismus auf … Während Frauen tendenziell den traditionellen und offen artikulierten Formen des Antisemitismus etwas weniger zustimmen als Männer, ist ihre Zustimmung zu israelbezogenen Antisemitismus-Items höher…“ (S. 101).

Ad (9):

Israelkritik lasse sich nach Ansicht des Autors sehr wohl vom Antisemitismus unterscheiden (S. 103), gleichwohl existiere jedoch auch Israelkritik, verbunden mit offenem oder verstecktem Antisemitismus. Gleichzeitig lässt sich sagen: „Denn Antisemitismus ist das Gegenteil von Kritik, in ihm hebt sich jedes Potential auf reflexive Kritikfähigkeit strukturell auf.“ (S. 105) Antisemitisches Denken ist weder kritisch noch selbstreflexiv noch Denken (S. 105). Antisemitische Israelkritik „ist hier nun eine endlose Schleife an Neudeutungen aus dem Wahnsinn der grandiosen Überhöhung des Subjektes, einer Folge der gottlos gewordenen Aufklärung – das Monströse eines Subjektes, das sich seiner eigenen Sterblichkeit, seiner eigenen Marginalität und seiner eigenen Banalität nicht mehr bewusst sein will und diese durch Anpassung der Wirklichkeit an sein Wahnweltbild zu unterdrücken versucht.“ (S. 107) Wie schon im ersten Artikel des Buches verbindet Salzborn die antisemitische Israelkritik mit den Artikulationsmustern des Antisemitismus, ohne jedoch m.E. hinreichend geklärt zu haben, wie eine politische-kritische Israelkritik aussieht, ohne antisemitisch zu sein oder zu werden. Es existiert nämlich im politischen Diskurs auch die Gefahr, jede Israelkritik sofort als antisemitisch einzuordnen und damit argumentativ zu entwerten. In diesem Fall ist dann der Vorwurf nicht mehr argumentativ, sondern strategisch eingesetzt. Gleichwohl ist dem Autor und seiner Kritik an der tatsächlich antisemitischen Israelkritik mit ihren drei „D“ recht zu geben: Delegitimation, Dämonisierung und doppelte Standards ersetzen hier die Argumente; zudem kommt es zu einer Täter-Opfer-Umkehrung und zu einer Nichtwahrnehmung historischer Fakten des Nationalsozialismus und des Holocaust (S. 113).

Ad (10):

Intensives Nachdenken über die Strukturen und Mechanismen fordert der Artikel über Antisemitismus und Antikapitalismus. Salzborn sieht in unreflektierter und verkürzter Kapitalismuskritik auch die Gefahr antisemitischer Haltungen und Einstellungen (S. 116), die sich längst überwunden geglaubter antijüdischer und antisemitischer Stereotypen bedient (S.117).

Ad (11):

In gegenwärtigen Diskussionen werden immer wieder auch Tier-Metaphern wie Ameisen, Spinnen, Läusen, Mücken, Wespen, Zecken, Heuschrecken, Mäuse u.a. genannt und dabei werden Ekel und Ablehnung, Angst und Unsicherheit evoziert, d.h. eine emotionale Dimension bemüht, aus deren Reservoir sich antisemitische Metaphern ergeben können: „Der scheinbar aufklärerische Hinweis, dass die Kenntlichmachung von Ungeziefer-Metaphoriken als antisemitisch damit der antisemitischen Rhetorik auf den Leim gehe, ist insofern auch falsch: Das Symbol funktioniert als kollektives Symbol ja überhaupt nur, wenn es unabhängig von der individuellen Intention als kommunikative Chiffre fungieren kann, also kollektiv geteilt wird.“ (S. 120)

III. Empirische Befunde

Ad (12):

Der „halben Bildung“ nach Adorno (2006) entsprechen die halbierte Empathie und die tiefgefrorene Emotion (S. 123), wie in den neuesten Studien der Antisemitismus-Forschung betont wird. Es sei ein „latenter Antisemitismus in der Mitte der Gesellschaft“ zu konstatieren, was letztlich auch der Ertrag der von Salzborn diskutierten Studie aus 2005 zur „Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“ darstelle (S. 125).

Die Studie wurde von Infratest Sozialforschung München mit 2000 Probanden erstellt; zudem existiert eine qualitative Zusatzstudie zum GMF-Survey, die die Tiefendimensionen der Befragten erfasste. Aus der verbundenen, selektiven und geschichteten Substichprobe des GMF-Survey wurden 19 Personen nach einem eingeschränkten Zufallsprinzip ausgewählt (Einschränkung war die deutsche Staatsangehörigkeit, was jedoch zuerst einmal nichts aussagt) (S. 127). Leider stellt der Autor nicht die Auswertungskriterien der Studie dar, sondern kommt sofort auf das Hauptergebnis zu sprechen. Das aber ist für den Lesenden nicht nachvollziehbar; auch der psychoanalytische Zugang, wie auch in den nachfolgenden Aufsätzen, erschließt sich nicht sofort aus einer empirisch-sozialwissenschaftlichen Perspektive. Der psychoanalytische Zugang mag aus Sicht des Autors richtig und angemessen sein, setzt aber beim Lesenden spezifische Kenntnisse voraus, die die Nachvollziehbarkeit der Argumentation erschweren. Sozialwissenschaftlich ließen sich die Ergebnisse der Studie auch anders deuten (S. 129ff). Richtig ist die Feststellung, dass die antisemitisch aufgeladenen bzw. interpretierten Interviews nie nur das jeweilige Individuum erfassen, sondern immer auch Produkte kollektiver symbolischer Interaktionen darstellen (S. 141).

Ad (13):

Der „latente Antisemitismus“ steht im Fokus dieses Aufsatzes, der von Salzborn mit dem Schuldabwehr-Antisemitismus zusammengebracht wird (S. 142). In der Studie von Heyder et al. (2005) wird ein Potenzial von 15-20% der deutschen Bevölkerung angenommen, das für den latenten Antisemitismus anfällig ist (S. 143). In diesem Aufsatz, der sich ebenfalls auf die GMF-Survey Studie von 2005 bezieht, erarbeitet der Autor mit dem Derridaschen Dekonstruktionsverfahren (1972), was sich dann wieder mit der psychoanalytischen Basishermeneutik der Interpretation verbindet. Deutlich wird dabei, dass die antisemitische Tiefenstruktur von massiver sexualisierter Gewalt geprägt ist und zudem einen starken Vernichtungsimpuls in sich trägt (S. 156): „Der Begriff der ordentlichen Gewalt wird schließlich zum alles beherrschenden Chiasma und läutet die Rhetorik der sexualisierten Gewalt im Kontext des latenten Antisemitismus in der Massenpsychologie ein.“ (S. 158)

Ad (14):

Dieser Text analysiert die Anfälligkeit für den sekundären Antisemitismus in der Partei „Die Linke“ (S. 164) – hier seien vor allem antizionistische und antiisraelische Haltungen wahrnehmbar, die sich historisch auf Marx und Kautsky zurückführen lassen (S. 167): „Der Massenmord an den europäischen Juden hat die Positionen der sozialistischen Theoretiker auf grausame Weise widerlegt. Dennoch wirken sie in der linken Diskussion bis heute fort und vor allem die antizionistische Haltung ist lange Zeit ein integraler Bestandteil linker Identität gewesen und ist dies teilweise bis heute.“ (S. 169) Problematisch sei dies alles nach 2010 (Schiffskonvoi in Richtung Gaza) geworden, weil sich linke Parlamentarier mit Hamas-Akteuren eingelassen und deren Haltung gegenüber Israel unreflektiert übernommen hätten (S. 175): „Dass eine Politikerin der Linken sich ganz offen auf die Seiten der terroristischen, antisemitischen Hisbollah schlägt, verweist auf eine grundlegende Verschiebung in der linken Ideologie und Politik.“ (S. 175)

Ad (15):

Im letzten Artikel beschäftigt sich Salzborn eingehend mit der Dreikönigspredigt 2005 von Kardinal Meisner und entsprechenden Briefen und Zuschriften an den Zentralrat der Juden. Die Predigt enthält entgleisende Äußerungen und diskriminierende Vergleiche (der Schwangerschaftsabbruch wird mit der NS-Vernichtungspolitik verglichen) (S. 183). Der damalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Lehmann, hat zwar mit dem damaligen Zentralratsvorsitzenden, Paul Spiegel, zusammen Meisners Position vehement widersprochen, was aber letztlich Meisners Predigt zwar relativieren, aber nicht ungesagt machen konnte (S. 184). Gleichzeitig wirkte Meisners Predigt als Initialzündung für weitere öffentliche antisemitische Äußerungen (S. 185).

Fazit

Salzborns Aufsatzsammlung stellt einen wichtigen Beitrag zur Klärung des Antisemitismus dar und sollte auch umfänglich rezipiert und in die politische Bildung umgesetzt werden.

Literatur

  • Adorno, Theodor W. (2006): Theorie der Halbbildung, Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
  • Arendt, Hannah (1955): Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Frankfurt a.M.: Europäische Verlagsanstalt.
  • Beland, Hermann (2004): Psychoanalytische Antisemitismustheorien im Vergleich, in: Bergmann/Körte 2004, S. 187-218.
  • Bergmann, Werner & Körte, Mona (2004) [Hg.]: Antisemitismusforschung in den Wissenschaften, Berlin: Metropol Verlag.
  • Broder, Henryk M. (2002): Deutsch oder doitsch?, in: Süddeutsche Zeitung vom 27.5.2002.
  • Derrida, Jacques (1972): Die Schrift und die Differenz, Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
  • Grunberger, Béla (1962): Der Antisemit und der Ödipuskomplex, in: Psyche. Eine Zeitschrift für psychologische und medizinische Menschenkunde, Vol. XIV (5), S. 254-271.
  • Heitmeyer, Wilhelm [Hg.] (2005): Deutsche Zustände, Band 3, Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
  • Heyder, Aribert; Iser, Julia & Schmidt, Peter (2005): Israelkritik oder Antisemitismus? Meinungsbildung zwischen Öffentlichkeit, Medien und Tabus, in: Heitmeyer, Wilhelm [Hg.]: Deutsche Zustände, Band 3, Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S. 144-165.
  • Horkheimer, Max & Adorno, Theodor W. (1947): Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente, Amsterdam: Querido Verlag.
  • Kreimeier, Klaus (2005): Plappern über »damals«, in: die tageszeitung vom 30.3.2005.

Rezension von
Prof. Dr. Wilhelm Schwendemann
Professor für Evangelische Theologie und Didaktik an der Evangelischen Hochschule Freiburg im Fachbereich II (Theologische Bildungs- und Diakoniewissenschaft)
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Zitiervorschlag
Wilhelm Schwendemann. Rezension vom 21.09.2015 zu: Samuel Salzborn: Antisemitismus. Geschichte, Theorie, Empirie. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2014. ISBN 978-3-8487-1113-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16785.php, Datum des Zugriffs 24.10.2021.


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