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Hermann Staats: Feinfühlig arbeiten mit Kindern

Cover Hermann Staats: Feinfühlig arbeiten mit Kindern. Psychoanalytische Konzepte für die Praxis in Kita und Grundschule. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2014. 156 Seiten. ISBN 978-3-525-70167-6. 17,99 EUR.
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Autor

Hermann Staats ist Professor für psychoanalytisch orientierte Entwicklungspsychologie und Leiter des Familienzentrums an der FH Potsdam.

Aufbau

Das Buch führt zunächst in den Begriff der Feinfühligkeit ein (Kapitel 1) und begründet die Auseinandersetzung mit der psychoanalytischen Perspektive (Kapitel 2). In mehreren Kapiteln (4-9) wird diese Perspektive erläutert, um dann konkret auf das Pädagogische Handeln (Kapitel 10) und die Beratung von Eltern und Familie (Kapitel 11) einzugehen.

Inhalt

In der Einleitung beschreibt der Autor die Eigenschaft, um die es ihm geht: „Feinfühlig zu sein, sich auf einen anderen Menschen einzustellen, nicht genau zu wissen, wie und was der andere denkt und fühlt, sich aber dafür zu interessieren und ihn ‚im Sinn‘ zu haben, ist eine zentrale Kompetenz in der pädagogischen Arbeit.“

Im ersten Kapitel bringt er Forschungsergebnisse zur Frage, ob und inwieweit Feinfühligkeit angeboren oder erlernt ist und gibt allen Menschen Hoffnung, die in ihrer Kindheit nicht das Glück hatten, selbst ausreichend Feinfühligkeit zu erleben: Man kann sie auch, wenigstens zum Teil, erlernen.

Im zweiten Kapitel weist er darauf hin, wie psychoanalytische Konzepte die Kluft zwischen dem beschreibend kategorisierenden Ansatz der Entwicklungspsychologie und dem verstehenden Ansatz in der Pädagogik überwinden helfen. Schon dieses Kapitel, obgleich wie das erste eigentlich eine Präliminarie, enthält zwei praktische Beispiele, an denen der Autor seine These konkretisiert.

Im dritten Kapitel geht der Autor auf die Bedeutung des Unbewussten für persönliche Entscheidungen ein. Neben einer ganzen Reihe von Beispielen fügt er auch Fragen ein, die die Selbstreflexion fördern können.

Das vierten Kapitel behandelt „Konflikte und Strukturen“. Konflikte gehören zum Leben, Strukturen beschreiben „ein zeitlich überdauerndes, individuell ausgestaltetes Repertoire an inneren Bildern … und Ich-Funktionen“ (S. 33). Anhand dieser Unterscheidung werden Lernentwicklung, Beziehungen und Beziehungsmuster erläutert.

Im fünfte Kapitel „Biografisches Verstehen oder biologisches Verständnis“ geht der Autor auf die durch die neuen neurologischen Erkenntnisse reduzierte Kluft zwischen Genetik, Neurologie und psychischem Erleben ein.

Im sechsten Kapitel schlägt er die Brücke von der Entwicklungspsychologie zur Psychoanalyse.

Im siebten Kapitel werden die Vermeidung von Schmerz und Unlust und damit Abwehr und Widerstand diskutiert.

Wie Erzählungen Übertragung und Gegenübertragung enthalten, zeigt Staats im achten Kapitel, im neunten Kapitel führt er aus, wie Regression und Spiel zusammenhängen.

In allen Kapiteln benennt der Autor eine Vielzahl von Beispielen für die praktische Pädagogik, auch in der Kita. Und in jedem Kapitel gibt es Fragen an die LeserInnen, die ihnen klar machen, was der theoretische Inhalt für sie praktisch bedeuten kann. So auch in den beiden dezidiert auf das pädagogische Handeln und die Beratung von Eltern zielenden Kapiteln.

Diskussion

Feinfühligkeit ist noch nicht sehr lange ein Thema in der Pädagogik, bis vor kurzem waren es vor allem die Inhalte, die in der Ausbildung vermittelt werden sollten. Feinfühligkeit jedoch ist eine Fähigkeit, die nicht direkt erlernt, sondern mit großer Mühe geübt werden muss, wenn man sie nicht in der Kindheit selbst erlebt hat. Sie sollte Teil der pädagogischen Haltung sein, die die Entwicklung und Bildung in der frühen Kindheit erst möglich macht.

Der Autor, ein anerkannter Wissenschaftler, sieht die unterschiedlichen Bedingungen für die Entwicklung von Feinfühligkeit. In seinen Beispielen macht er auch das Unglück von Kindern deutlich, die durch wenig feinfühlige Reaktionen der PädagogInnen oder Eltern in ihrer Entwicklung behindert werden.

Er verbindet entwicklungspsychologische und psychoanalytische Theorieelemente so, dass auch theoretisch versierte LeserInnen neue Aspekte erkennen können. AnfängerInnen haben die Chance, theoretische Grundlagen geradezu spielerisch zu erlernen. Zum anderen wird jede/r LeserIn zu einer feinfühligen Haltung gegenüber Kindern angeregt. Die Didaktik des Buches ist menschenfreundlich und erkenntnisfördernd. Jeder und jede kann die eigene Erfahrung – als Kind oder als Professionelle – in dem einen oder anderen Beispiel wiederfinden.

Ein weiterer didaktischer Vorteil des Buches sind die Fragen, die der Autor den LeserInnen stellt. So wird jede theoretische Einsicht durch praktische Beispiele und durch Selbstreflexion vertieft.

Man könnte kritisch einwenden, dass der Aufbau nicht unbedingt logisch ist – er könnte auch anders, didaktisch zielgerichteter sein. In dieser Form hat das Buch jedoch den großen Vorteil, dass man in jedem Kapitel anfangen kann zu lesen und später wieder ein anderes aufblättern kann.

Fazit

Ein bemerkenswertes Buch auf hohem Niveau, für jeden und jede verständlich, der oder die die Entwicklung, das Verhalten, die Verletzbarkeit und die Widersprüchlichkeiten von Kindern und sich selbst besser verstehen will, um pädagogisch oder beratend tätig sein zu können. Ein idealer Begleiter für Studierende in Studiengängen und an Fachschulen, aber auch ein wertvoller „Reflexionsassistent“ für frühpädagogische Fachkräfte in der Praxis.


Rezensentin
Prof. Dr. Hilde von Balluseck
Sozialwissenschaftlerin, emeritierte Hochschullehrerin an der Alice Salomon Hochschule Berlin mit den Arbeitsschwerpunkten Sozialisation, Geschlecht und Sexualität, Migration, Frühpädagogik, etablierte 2004 den ersten Studiengang für ErzieherInnen in Deutschland und war von 2008 bis Ende 2015 Chefredakteurin des Internetportals ErzieherIn.de


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Zitiervorschlag
Hilde von Balluseck. Rezension vom 24.06.2014 zu: Hermann Staats: Feinfühlig arbeiten mit Kindern. Psychoanalytische Konzepte für die Praxis in Kita und Grundschule. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2014. ISBN 978-3-525-70167-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16791.php, Datum des Zugriffs 18.09.2019.


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