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Jan Kruse: Qualitative Interviewforschung

Cover Jan Kruse: Qualitative Interviewforschung. Ein integrativer Ansatz. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. 712 Seiten. ISBN 978-3-7799-2901-7. 34,95 EUR.

Reihe: Grundlagentexte Methoden.
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Aufbau

Das Buch mit einem Umfang von 711 Seiten gliedert sich in acht Kapitel. Jedes Kapitel ist in mehrere thematische Abschnitte unterteilt. Einige dieser Unter- und Inter-Unterkapitel sind von Gastautoren und -autorinnen verfasst und entsprechend gekennzeichnet. Den Abschluss des Buches bildet ein textlinguistisches Glossar.

Inhalt

Das Buch beginnt mit der Einleitung auf Seite 15.

Das erste Kapitel (S. 21-148), betitelt Grundlagen, nimmt in 6 Unterkapiteln grundlegende Überlegungen zur Differenzierung und Abgrenzung qualitativer Forschung auf und entfaltet sie auf insgesamt 127 Seiten. Im ersten Unterkapitel werden verschiedene theoretische Bezüge und methodologische Konsequenzen dargestellt. Im 2. Unterkapitel werden quantitative und qualitative Sozialforschung vergleichend gegenübergestellt, während im dritten Unterkapitel ein erstes (vorläufiges) Fazit zu Qualitätskriterien gezogen wird. Das 4. Unterkapitel widmet sich den 3 Säulen qualitativer Sozialforschung und vertieft diese in je eigenen Abschnitten, so u.a. Fremdverstehen, Indexikalität und Prozessualität. Das 5. Unterkapitel geht auf die Komplexität von Erkenntnisprozessen ein. Rekonstruktive Sozialforschung als eine spezifische Haltung stellt als Resümee das 6. Unterkapitel dar.

Das zweite Kapitel (S. 149-211) gibt einen Überblick über Interviewformen. In 11 Abschnitten werden je einzelne Interviewformen kurz erläutert, s u.a. das fokussierte Interview, Gruppendiskussionsverfahren, Leitfadeninterviews etc. Ein kurz gehaltener Überblick zur Wahl der Interviewform bzw. zur methodologischen Ausrichtung von Interviewkommunikation rundet das 2. Kapitel ab.

Im dritten Kapitel (S. 213-240) werden Überlegungen zur Entwicklung von Interviewleitfäden vorgestellt und in 5 Abschnitten entfaltet. Das erste Unterkapitel nimmt Grundlegendes in den Blick. Im 2. Unterkapitel sind Anforderungen an die Formulierung von Stimuli in Interviewleitfäden zusammengefasst. Das dritte Unterkapitel bietet einen Überblick über Fragestile und Stimulus-Techniken. Ein Fazit zu Strukturierung und Offenheit wird im 4. Unterkapitel gegeben, während das 5. Unterkapitel die Entwicklung von Interviewleitfäden genauer in den Blick nimmt.

Im 4. Kapitel (S. 241-263) werden in 3 Unterkapiteln Handlungslogiken des qualitativen Samplings diskutiert. Im ersten Unterkapitel werden Ausführungen zur grundlegenden Logik qualitativen Samplings dargelegt, während das 2. Unterkapitel die Frage der Rekrutierung von Interviewpersonen in den Mittelpunkt stellt. Im 3. Unterkapitel werden Grundlagen der Erstkontaktaufnahme eingehend dargestellt.

Die Grundzüge qualitativer Interviewdurchführung werden im 5. Kapitel (S. 265-348) in insgesamt 5 Unterkapiteln entfaltet. Das sechste Unterkapitel behandelt biografische Kontexte qualitativer Interviewforschung, während das 7. Unterkapitel eine Metatheorie qualitativer Interviewkommunikation entwirft. Ein Resümee, vorgestellt als reflexiv revised, beschließt das 5. Kapitel.

Das 6. Kapitel (S. 349-368) ist der Transkription gewidmet. In 5 Unterkapitel werden Überlegungen zum Für und Wider dargelegt. Im ersten Unterkapitel wird der Sinn der Transkription verbaler Daten erläutert. Die Konstruktivität von Transkripten wird im 2. Unterkapitel aufgegriffen, während im 3. Unterkapitel 5 moderate Grundregeln des Transkribierens vorgestellt werden. Das 4. Unterkapitel gibt Tipps und Verfahrenshinweise für Erstellung und Aufbereitung von Transkripten, während das 5. Unterkapitel grundlegende Fragen zum Sinn des Vorgehens beantwortet.

Das ausführlichste Kapitel des Buches stellt das 7. Kapitel (S. 369-661) dar. Auf ca. 300 Seiten wird zur rekonstruktiv-hermeneutischen Analyse Stellung bezogen. In 7 Unterkapitel werden zunächst Grundvoraussetzungen geklärt, forschungspraktische Ebenen des Sinnverstehens übersichtlich vorgestellt, Grundbegriffe erläutert (Kode und Kodieren etwa) sowie Analyseansätze vergleichend betrachtet. Im 6. Unterkapitel werden Überlegungen zum integrativen Basisverfahren erörtert, während im 7. Unterkapitel technische Mittel der QDA-Software vorgestellt werden. Das 7. Unterkapitel enthält auch die angekündigten 3 kurzen Gastkapitel (analytisch betrachtet handelt es sich hierbei eher um Inter-Unterkapitel) von Christian Schmieder (Zur Wahl von QDA-Software S. 585), Kristina Maria Weber (Computergestützte Datenauswertung mit quintexA S. 604-605) und Thorsten Dresing und Thorsten Pehl (computergestützte Analyse mit f4Analyse S. 614-615).

Im 8. Kapitel (S. 625-661) wird im Diskurs in 4 Unterkapiteln Stellung genommen zu Strukturierung, Dokumentation und Darstellung qualitativer Forschungsarbeiten. Im ersten Unterkapitel stehen grundlegende Verfahrensmöglichkeiten zur Strukturierung und Dokumentation der Analysearbeit im Mittelpunkt. Längs- und Querauswertung werden im 2. Unterkapitel behandelt, während das 3. Unterkapitel sich ausführlich der Darstellung qualitativer Forschungsarbeiten widmet. Im 4. Unterkapitel stellt Kruse in einer abschließenden Betrachtung die Logik rekonstruktiver Forschung ins Zentrum.

Ein textlinguistisches Glossar (S. 663-685) folgt darauf.

Bibliographische Angaben beschließen den Band (S. 687-711).

Diskussion

Das erste Kapitel entfaltet die Grundlagen rekonstruktiver Forschung mit der Eröffnungsfrage der Gemeinsamkeiten (und immanent natürlich der Unterschiede) heterogener theoretischer Zugänge. Neben erkenntnistheoretischen Betrachtungen werden methodologische wie gesellschaftstheoretische Grundlagen rekonstruktiver Sozialforschung in den Blick genommen und als Überblick dargestellt. Kritisch (und diskussionswürdig) zu würdigen, gleichfalls aber zu hinterfragen ist die Begründung de Autors, die Auswahl der dargestellten Ansätze nach der eingeschätzten Eigenlogik vorzunehmen – ohne eben zu begründen, worin die Eigenlogik denn liegen möge.

Im 2. Kapitel werden Interviewformen im Überblick knapp umrissen. Die Auswahl der dargestellten Formen folgt subjektiven Kriterien, die nur teilweise bzw. überhaupt nicht exmanent dargelegt werden: „…die Auswahl fokussiert auf die in der Forschungspraxis wohl gängigsten Interviewformen, bleibt aber auch diesbezüglich selektiv“ (S. 149). Worin die diesbezügliche Selektivität liegen werde, wird nicht vorgestellt – dies bleibt den Lesenden als Ratespiel offensichtlich überlassen. Kruse beginnt mit dem Paarinterview und begründet diesen Eröffnungszug mit eigenen Forschungsarbeiten und -bezügen, legt jedoch auch kritisch mangelnde Literatur zugrunde. Experteninterviews als zweite zentrale Kategorie werden ausführlich behandelt und durchleuchtet, wobei insbesondere die ausgefeilte Kritik am Modell von Meuser und Nagel Gewicht hat und methodisch hätte ausführlicher besprochen werden können. Überraschend bleibt in Kruses Ausführungen zum Experteninterview die Nichtbeachtung (oder Ignoranz?) der Überlegungen von Gläser und Laudel. Positiv hervorzuheben ist die genderbezogene Perspektive der Darstellung von Experteninterviews – eine bislang eher unterbeleuchtete Perspektive, die zumindest zukünftig in der Methodenforschung mehr Beachtung verdient. Kruse selbst stellt bereits in der Einleitung zum Kapitel fest, dass Gruppendiskussionsverfahren an sich nicht zu den Interviewformen zählen – eine diskussionswürdige Einschätzung, die methodisch und methodologisch in künftigen Werken zu vertiefen wäre.

Im dritten Kapitel geht Kruse auf die zentralen Prinzipien qualitativer Forschung ein, die er in Kontrast bringt (Offenheit vs. Strukturierung), exemplarisch dargelegt in Leitfadeninterviews. Neben methodologischen Betrachtungen wird das kontrastive Strukturprinzip in den praktischen Erwägungen zur strukturellen Form von Interviewleitfäden, der Entwicklung derselben und der Fragenformulierung entfaltet: „Auch wenn das Dilemma zwischen Strukturierung und Offenheit in Leitfadeninterviews eine – unlösbare – Problematik darstellt …“ (S. 218).

Das vierte Kapitel ist dem qualitativen Sampling gewidmet. Kruse reflektiert die methodischen Prinzipien, die qualitativer Forschung zugrunde liegen und nach denen die Fallauswahl bestimmt ist, kontrastiv zur quantitativen – was erstens allen Forschenden bekannt sein dürfte – ja bekannt sein müsste und sich daher von selbst versteht und daher an dieser Stelle eher redundant erscheint. Er vertieft zudem forschungspraktische Aspekte vorrangig in Bezug auf Rekrutierung der Interviewpartner und -partnerinnen und der Kontaktaufnahme.

Im fünften Kapitel werden Grundzüge qualitativer Interviewdurchführung nach Kruses eigenen Schwerpunkten gesetzt. Er beschreibt in diesem Kapitel zudem die seines Erachtens relevantesten Dimensionen und Anforderungen der Gestaltung qualitativer Interviews. Problematisch – zumindest aber diskussionswürdig – erscheinen hier folgende Aspekte: Die Herleitung der eigenen Schwerpunkte bzw. die Begründung derselben fehlt bzw. wird nicht geliefert. Zweitens bleibt diskussionswürdig, inwieweit sich Relevanz steigern kann, die Verwendung des Superlativs („relevanteste“) erscheint vor diesem Hintergrund unkonturiert, da auch hier Herleitung und Begründung fehlen. Positiv hervorzuheben sind jedoch die Checklisten und die Darstellung der forschungspraktischen Aspekte.

Das sechste Kapitel beinhaltet Diskussionen und kritische Einschätzung bisheriger forschungspraktischer Zugänge (Kürzung der Transkripte bzw. normative Abschriften). Kruse schlägt Strategien für qualitätsorientierte sozialwissenschaftliche Forschung vor, die als Synthese der Kritik gelten können, da sie „… in kompromissartiger Weise sowohl methodologische Erfordernisse als auch praktische Probleme berücksichtigen“ (S. 349) – auch wenn sich über Ausdruck wie Verwendung von „kompromissartig“ trefflich streiten ließe. Kruse schlägt in diesem Kapitel 5 moderate Grundregeln des Transkribierens vor und unterbreitet zusätzlich einen Vorschlag für ein Transkriptionssystem.

Im siebten Kapitel, von Kruse als Herzstück des Methodenbuches angesehen, wird auf gut 300 Seiten ein integratives Basisverfahren zur Analyse der gewonnenen Interviewdaten vorgelegt. Kruse beschreibt dieses Verfahren, „ … dessen Anspruch es ist, über die Integration verschiedener methodischer Prozessebenen sowie analytischer Perspektiven einen integrativen Grundansatz zu liefern … Das Verfahren soll einen Gestaltungsrahmen dafür bereitstellen, dass man sich von den Daten aufzeigen lässt, wie jene analysiert werden wollen. Zugleich benötigt man einen basalen Verfahrensansatz, der einen hierauf sensibilisiert. Das Verfahren soll in diesem offenen Analyseprozess auch eine strukturierende Unterstützung bieten – allerdings wiederum eine Strukturierung, die das Ziel hat, Offenheit so weit und so lang wie möglich aufrechterhalten zu können“ (S. 371). Abgesehen von der Subjektpositionierung und der volitiven Attribuierung der Daten (sich von den Daten aufzeigen lassen, wie diese analysiert werden wollen) wird in späteren Arbeiten zu prüfen sein, inwieweit sich Kruses Ansatz bewährt.

Im achten Kapitel werden in reflexiven Schleifen Fragen der Darstellung rekonstruktiver Forschungsarbeiten bearbeitet, die bereits zu Anfang des Buches aufgeworfen wurden, oder poetischer ausgedrückt: jedes Ende ist ein neuer Anfang…

Im textlinguistischen Glossar werden alphabetisch wichtige Grundbegriffe lexikalisch aufgeführt.

Fazit

Die Stärke des vorliegenden Buches liegt sicherlich zum einen in der theoretischen Aufarbeitung methodischer Schwächen bereits etablierter Verfahren, zum andere in den profunden praktischen Darstellungen, die als Handreichung fungieren können. Kleinere Schwächen sind dem subjektivierten Zugang des Buches geschuldet. Als Gesamtfazit: Ein unverzichtbares und empfehlenswertes Werk zum Einsatz in Lehre und Forschung.


Rezensentin
Dr. Miriam Damrow
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Lehrstuhl für Pädagogik mit dem Schwerpunkt Diversity Education und Internationale Bildungsforschung
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Zitiervorschlag
Miriam Damrow. Rezension vom 06.05.2015 zu: Jan Kruse: Qualitative Interviewforschung. Ein integrativer Ansatz. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. ISBN 978-3-7799-2901-7. Reihe: Grundlagentexte Methoden. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16795.php, Datum des Zugriffs 19.09.2017.


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