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Hans Georg Ruhe: Praxishandbuch Biografiearbeit

Cover Hans Georg Ruhe: Praxishandbuch Biografiearbeit. Methoden, Themen und Felder. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. 280 Seiten. ISBN 978-3-7799-3154-6. 19,95 EUR.

Reihe: Edition Sozial.
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Aufbau

Das Buch gliedert sich in 20 Abschnitte. Diese lassen sich grob folgenden thematischen Bereichen zuordnen:

  • Die ersten neun, kurz gehaltenen Abschnitte stellen theoretische Aspekte in den Vordergrund.
  • In den nächsten drei Abschnitten 10 bis 12 werden Methoden der Biografiearbeit dargestellt.
  • Im Anschluss werden in Abschnitt 13 Themen der Biografiearbeit vorgestellt.
  • Darauf folgt eine komprimierte Darstellung der Praxisfelder in Abschnitt 14.
  • In den nächsten zwei Abschnitten 15 und 16 werden Settings und Situationen thematisiert.
  • Im letzten größeren Abschnitt werden erneut Methoden in den Mittelpunkt gestellt.
  • Die letzten drei (18 bis 20) Abschnitte sind heterogen angeordnet und nehmen einzelne weitere Aspekte in Augenschein.

Die vollständige Liste der Abschnitte lautet:

  1. Eine Geschichte haben (S. 11-14)
  2. Erinnern und Vergessen (S. 15-18)
  3. Rätselhaft (S. 19-22)
  4. Was ist Biografiearbeit (S. 23-32)
  5. Das ist Biografiearbeit (S. 33-36)
  6. Können und Wollen (S. 37-40)
  7. Siegergechichten und Selbstabwertungen (S. 41-42)
  8. Gast in den Erinnerungen anderer (S. 43-45)
  9. Die neue Durchsichtigkeit (S. 46-47)
  10. Fragen sind mehr als Fragen (S. 48-58)
  11. Nach den Fragen (S. 59-63)
  12. Dem Nichtgesagten auf der Spur (S. 64-67)
  13. Die Fülle des Lebens (S. 68-117)
  14. Biografische Perspektiven im Alltag (S. 118-127)
  15. Settings (S. 128-134)
  16. Situationen (S. 135-139)
  17. Weitere Methoden (S. 140-271)
  18. Sich anregen lassen
  19. Ich bin nie allein
  20. Quellen

Inhalt

Im einleitenden ersten Abschnitt, betitelt „Eine Geschichte haben“, werden auf wenigen Seiten sozialkulturelle Betrachtungen vorgenommen. In einzelnen Absätzen werden konstruktivistische, sozialpsychologische Erörterungen zu den Themen „Ich“, „Bedürfnisse“, „Beziehungen“, „Familie“, „Umfelder“ und „Gesellschaft“ dargestellt und verortet.

Im 2. Abschnitt zum Gedächtnis mit der Überschrift „Erinnern und Vergessen“ werden in kompakter Form laienverständlich die Themen Gehirn (im wesentlichen Struktur / Funktion), Gedächtnis, Erfahrungsgedächtnis, Vergessen und Verdrängung aufbereitet.

Biographische Reflexionen und deren Effekte stehen im dritten Abschnitt mit dem bezeichnenden Titel „Rätselhaft“ im Vordergrund. Darin werden in stark verkürzter Form konstruktivistische Positionen eingenommen (wie in den Absätzen zu Wirklichkeit wahrnehmen und Wirklichkeit konstruieren aufzufinden), aber auch subjektive und intersubjektive Positionen dargestellt, wie z.B. in den Absätzen zu gesellschaftlichem Gedächtnis und zur Verstärkung bzw. Schwächung von Effekten.

Im nachfolgenden Abschnitt, betitelt Was ist Biografiearbeit? werden verschiedene Modelle und Denkrichtungen von Biografiearbeit vorgestellt, so z.B. als intentionale Lernprozesse, aber auch als Erinnerungstherapie. Der nachfolgende Abschnitt mit dem kurzen Titel „Das ist Biografiearbeit“ greift die vorangegangenen Betrachtungen kurz auf. Ruhe erläutert dazu: „Biografiearbeit wird hier nicht als Fachrichtung, als Unterrichtsfach verstanden, ist kein eigener Therapie- oder Beratungsansatz. Biografiearbeit wird hingegen verstanden als interdisziplinärer Ansatz, der quer zu den Themen, Feldern, Settings und Situationen steht“ (S. 36). Im Abschnitt (oder Kapitel) zur biografischen Kompetenz wird auf fachliche Haltungen verwiesen, zu denen z.B. Wertschätzung, entspanntes Zuhören, aber auch Korrekturfähigkeiten gehören. Auf geschlechtsgetrennte Betrachtungen wird im nächsten Abschnitt mit dem (wertend vorwegnehmenden) Titel Siegergeschichten und Selbstabwertungen eingegangen. Auf wenigen Seiten wird zudem kurz auf das Problem der ethischen Haltungen (Grenzen achten, Freiwilligkeit, Vertraulichkeit etc.) eingegangen. Im Abschnitt zum Datenschutz wird zudem die Frage des Vergessens aufgeworfen und kritisch beleuchtet.

Fragetechniken werden im nächsten Abschnitt kurz angerissen und vorgestellt. Systematisch aufgereiht beschreibt Ruhe lineares, zirkuläres, strategisches und reflexives Fragen. Daran schließt sich eine kurze Betrachtung zum Umgang an. Einzelne Kommunikationsweisen werden gesondert betrachtet, so z.B. Verbalisierung, Spiegelung, Feedback etc. Im Abschnitt zum Subtext (oder Metaebenen) des Gesagten werden Lösungen bzw. Anregungen für problematische Grenzen gereicht, z.B. zum Umgang mit Penetranzgeschichten.

Themen der Biografiearbeit ist der erste umfassende Abschnitt in diesem Buch. Darin listet Ruhe der Reihe nach interessierende Themen der Biografiearbeit mit möglichen Fragen dazu auf: Ahnen, Herkunftsfamilie, biografische Phasen wie Kindheit, Jugend, biografische Prozesse wie Partnerschaft und Familiengründung, aber auch auf Selbstgestaltungsprozesse wie Wohnen, Arbeit, Freizeit. Makrosoziale Themen wie Gesellschaft und materielle Sicherheit (abstrahierend: der Sozialstaat) werden ebenso aufgelistet wie biografische Strukturen, so Z.B. Sinn und Tod.

Im Abschnitt zu den Praxisfeldern, betitelt Biografische Perspektiven im Alltag, werden 12 einzelne Praxisfelder dargestellt, die sich teilweise überlappen, so z.B. Altenpflegeheim, Demenz und Einzelarbeit. Zusätzlich werden Bildungsinstitutionen beleuchtet, je nach Altersspanne aufgelistet. Beginnend mit der Kindertagesstätte und fortgesetzt mit Grundschule und Schule, werden sodann allgemeinere Themen bzw. Praxisfelder angeschnitten, z.B. Bildung, Therapie, Beratung. Praxisfelder wie Migration und Seniorenarbeit werden ebenso beleuchtet wie z.B. Behindertenarbeit. Settings der biografschen Arbeit werden im darauffolgenden Abschnitt fokussiert. Die darin unterschiedenen Settings allerdings beziehen sich ausschließlich auf die Anzahl der KlientInnen biografischer Arbeit. Analytisch davon unterschieden werden Situationen der Biografiearbeit diskursiv im nächsten Abschnitt hervorgehoben. Differenziert geht Ruhe dabei auf spontane, provozierte und geplante Situationen ein und unterscheidet darin noch einmal nach situationsspezifischen Gegebenheiten (z.B. Moment des Anfangs).

Methoden stehen im Zentrum des letzten größeren Abschnitts des Buches. Unter dem Titel „Das Mögliche ermöglichen“ stellt Ruhe dabei verschiedene Möglichkeiten vor. Das Spektrum möglicher Methoden reicht dabei von A wie Archive (als Recherchieren und Fundieren) bis Z wie Zeitlauf (als Systematisieren und Vergleichen).

Eine Auswahl an Medien zur biografischen Arbeit beschließt – vor einem Gedicht – den Band.

Diskussion

Der vorgestellte Ansatz des Buches grenzt sich deutlich vom Lern- und Wissenschaftsbetrieb ab, wenn Ruhe betont, dass er Biografiearbeit ausdrücklich nicht als Fachrichtung und nicht als Unterrichtsfach verstanden wissen will. Hingegen fasst er Biografiearbeit als „fokussierte Art des Schauens, Reflektierens, Aktualisierens“ (S. 36), kurz, als „eine von vielen Weisen, Leben zu betrachten“ (S. 36). Der ausdrücklich nicht-wissenschaftliche Charakter des Buches drückt sich ebenfalls in den verwendeten Quellen aus – Wikipedia als Quelle zu zitieren erscheint da nur konsequent. Der Abschnitt zu geschlechtsgetrennten Betrachtungen weiblicher und männlicher Biografiearbeit lässt zum einen diejenigen weit außen vor, die entsprechend mit männlichen / weiblichen KlientInnen arbeiten, zum anderen wird hier ein Modell als allgemeingültig für alle übertragen: Männer gehen außerhäusig arbeiten, Frauen „arbeiten“ nur daheim. Dieses Modell galt nie für diejenigen Menschen, die sich ein einziges Einkommen gar nicht leisten konnten – oder wollten. Problematisch bleibt daran jedoch der Anspruch der Allgemeingültigkeit, nochmals unterstrichen in der abschließenden Bemerkung Ruhes: „Wenn mehr Menschen Erwerbs- und Familienarbeit erlebt und geteilt haben werden, werden sich auch die biografischen Blicke auf das eigene Leben verändern: Geschlechtsspezifisches verliert an Bedeutung“ (S. 42). Dieser einseitige Blickwinkel lässt zudem die Berufs- und Familienbiografien von Millionen ehemaliger DDR-BürgerInnen außer acht.

Im Abschnitt zu den Praxisfeldern fällt auf, dass mit biografischer Chronologie begonnen wird, indem die Themen beginnen mit Kindertagesstätten, Grundschulen und Schulen, dann übergeleitet wird auf allgemeinere Themen wie Bildung, aber auch Migration. Insgesamt fällt hier eine Vermischung von Settings und Themen auf, die etwas unkoordiniert wirken, insbesondere vor dem Hintergrund des nächsten Abschnitts, der sich auf spezifische Settings (Einzel-, Misch- und Gruppenarbeit) konzentriert. Hier wäre eine durchdachtere Darstellung, z.B. Einzel- und Gruppenarbeit im Bereich Migration vorteilhafter gewesen.

Die Darstellung der Situationen befremdet zunächst, wenn Anfänge als generell (oder zumindest für viele, wenn nicht die Mehrheit zutreffend) angstbesetzt dargestellt werden – und dies kritiklos und undifferenziert auf die Empfänger der biografischen Arbeit übertragen wird. Hier wäre eine sachliche Herangehensweise doch eher begrüßenswert gewesen.

Positiv hingegen fällt die Fülle der vorgestellten Methoden auf: 143 einzelne Methoden werden vorgestellt und kurz erläutert. Hierin liegt wohl die eigentliche Stärke des Buches und der Abschnitt hätte eine ausführlichere Darstellung durchaus verdient. Ruhe selbst stellt es verkürzt dar als Übersetzungsarbeit: „ Die Leser und Leserinnen sollen sie nicht als fertige Rezepte lesen, sondern in das jeweilige Feld, Setting oder die Situation ‚übersetzen‘“ (S. 140, Hervorh. d. Ruhe).

Fazit

Abgesehen von den wissenschaftlichen Schwächen des Buches – das Ruhe selbst durchaus nicht als wissenschaftlich aufgefasst verstanden wissen will – empfiehlt sich der Band vorrangig als Quelle zum Nachschlagen und für Anregungen von Methoden der Biografiearbeit.


Rezension von
Dr. Miriam Damrow
Hochschule Magdeburg-Stendal
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Zitiervorschlag
Miriam Damrow. Rezension vom 13.04.2015 zu: Hans Georg Ruhe: Praxishandbuch Biografiearbeit. Methoden, Themen und Felder. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. ISBN 978-3-7799-3154-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16796.php, Datum des Zugriffs 28.11.2021.


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