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Marita Krist, Adelheid Wolcke u.a.: Herausforderung Trauma

Cover Marita Krist, Adelheid Wolcke, Christina Weisbrod, Kathrin Ellermann-Boffo: Herausforderung Trauma. Diagnosen, Interventionen und Kooperationen der Erziehungsberatung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. 350 Seiten. ISBN 978-3-7799-0775-6. D: 24,95 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 34,60 sFr.

Reihe: Veröffentlichungen der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung.
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Entstehungshintergrund

Der vorliegende Band geht auf Beiträge der Wissenschaftlichen Jahreskonferenz der bke 2012 zurück. Um die „wichtigsten Themen der Tagung und noch einige Beiträge darüber hinaus“ (S. 7) einem breiten Publikum vorzustellen, wurde dieser Band herausgegeben.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in vier Teile.

  1. Nach einer kurzen Einleitung wird im ersten Teil auf Diagnosen fokussiert. Darin versammeln sich fünf Beiträge: Michael Hipp diskutiert Trauma, Traumafolgestörungen und ihren Einfluss auf die Erziehungskompetenz (S. 14-39). Andreas Krüger stellt Kinder, Jugendliche und ihre Eltern nach seelischer Extrembelastung in den Mittelpunkt seiner Ausführungen (S. 40- 56). Martin Sack erörtert in seinem Beitrag ressourcenorientierte Traumatherapie (S. 57-66), während Inge Liebel-Fryszer neurobiologische Aspekte in der Beratungsbeziehung erläutert und Trauma als Wirrung zwischen Bindung und Verteidigung versteht (S. 67- 87). Uwe Hemminger führ in seinem Beitrag in das Thema dissoziativer Störungen und Konversionsstörungen im Kindes- und Jugendalter ein (S. 88-103).
  2. Im zweiten Teil wird auf Interventionen abgehoben: Thomas Hensel beschreibt Traumapsychotherapie mit Kindern und Jugendlichen (S. 106-132), während er im nachfolgenden Beitrag spezifisch auf EMDR mit Kindern und Jugendlichen eingeht (S. 133- 159). Alexander Korittko beschreibt in seinem Beitrag die Situation traumatisierter Familien als erstarrtes Mobile (S. 160-180).Christine Utecht zeigt Einsatzmöglichkeiten transgenerationaler Traumabehandlung im Sandspiel (S. 181-207), Bernd Reiners zeigt Einsatzmöglichkeiten des Spielgesprächs zum Darstellen traumatischer Ereignisse (S. 208-222), während Svenja Lessing, Anne Loschky, Olga Minulina-Sasse, Christine Nolte & Ines Schäferjohann ein Gruppenprogramm für Eltern und Kinder zur Bewältigung traumatischer Lebensereignisse darstellen (S. 223-242). Im zweiten Beitrag Alexander Korittkos werden Kinder als Zeugen elterlicher Gewalt in den Mittelpunkt gerückt (S. 243-260). Maria Große Perdekamp hingegen zeigt Onlineberatung als Chance für traumatisierte Jugendliche (S. 261-277).
  3. Im dritten Teil werden Kooperationen stärker in den Blick genommen. Gaby Markert und Markus Göpfert widmen sich dem Thema Flucht und Trauma (S. 280-293). Gustav Wirtz zeigt in seinem Beitrag die Notwendigkeit, Schnittstelle zu überwinden, auf (S. 294-307). Annelie Wagner beschreibt in ihrem Beitrag das Psychotraumanetzwerk Trier (S. 308-322).
  4. Der vierte Teil, überschrieben mit Selbstfürsorge, besteht aus nur einem Beitrag. Rita Freihaut betitelt ihren Beitrag mit „This could be heaven for everyone!“ (S. 323-333).

Ausgewählte Inhalte

Rezensiert werden aus diesem Sammelband alle Beiträge des ersten Teils und je ein zufällig ausgewählter Beitrag aus dem zweiten und dritten Teil sowie der einzige Beitrag des vierten Teils.

Michael Hipp stellt in seinem Beitrag mit dem Titel Trauma, Traumafolgestörungen und ihr Einfluss auf die Erziehungskompetenz traumatisierte Familiensysteme im multiinstitutionellen Versorgungskontext, so auch der Untertitel seines Beitrags, in den Mittelpunkt. Nach einer kurzen Einführung wird im ersten Abschnitt auf Pathogenese und Klassifikation der Traumafolgestörungen eingegangen. Hipp definiert hier Traumata (und folgt dabei seinerseits der Klassifikation von Maercker und Karl) und Traumafolgestörungen entsprechend den Diagnosekriterien der ICD-10. Im darauffolgenden Abschnitt werden neurobiologische Veränderungen unter Traumaeinwirkung beschrieben, die im komplexen Zusammenspiel traumaassozierte neuronale Netzwerke bilden, die durch entsprechend korrespondierende sensorische Schlüsselreize triggern. Er geht anschließend auf Mentalisierung als Grundlage von Stressregulation ein und zeigt Mentalisierungsmuster nach Bindungstraumatisierungen. Im Abschnitt zur strukturellen Dissoziation der Persönlichkeit wird auf die neurobiologischen Sollbruchstellen eingegangen und nach Emotionalen Persönlichkeitsanteilen (EP) und Anscheinend Normalen Persönlichkeitsanteilen (ANP) differenziert. In nachfolgenden Abschnitten wird damit genauer auf Bewältigungsstrategien des ANP eingegangen. Im Abschnitt zu sicherer Bindung als Ergebnis gelungener Eltern-Kind-Bindung werden Schritte der Entwicklung des Bindungssystems nachgezeichnet, u.a. beim Spiel (Explorationsverhalten), bei strukturierten, zielgerichteten Situationen (Waschen) und die Leitungstätigkeit der Eltern hervorgehoben. Hipp zeichnet dabei kurz und knapp nach, dass Eltern zum einen die Versorgungsbasis hinter der Front bilden (Schutz) und von dort aus als Unterstützung bei der Weltaneignung des Kindes wirken, zum anderen Leitungsmomente übernehmen bei den zielgerichteten Situationen, die durch ihre Vorhersehbarkeit Struktur gewinnen und Kooperationsbereitschaft beim Kind unterstützen. Die mitunter dramatischen Folgen traumatisierter Eltern zeigen sich in den Auswirkungen unverarbeiteter Traumata auf die elterliche Erziehungskompetenz, von denen Hipp vier benennt: die Schädigung der Stressbewältigungssysteme mit Fehlalarmierungen des Bedrohungszentrums und den entsprechenden Notfallzentren, Mentalisierungsdefizite mit Einschränkungen von Selbstreflexionsfähigkeit, Feinfühligkeit und Responsivität, desorganisierte Bindungsmuster mit den ihnen inhärenten Annäherungs-Vermeidungs-Konflikten und Identitätsfragmentierung mit der ständigen Bedrohung des Ich-Bewusstseins durch trauma-assoziierte Persönlichkeitsanteile. In nachfolgenden Abschnitten erläutert Hipp die Konsequenzen der Auswirkungen (für z.B. Mutter und Kind), wenn zum einen Kontaktvermeidung als Traumabewältigungsstrategie von Seiten der Mutter gewählt wird oder Ersatzhandlungen als Vermeidungsverstärker zur Verfügung stehen. Eine weitere Option der Traumabewältigung seitens der traumatisierten Mutter, die Externalisierung des Täterintrojektes in Form des bösen Kindes, kann in der Folge zu Äußerungen destruktiver Impulse, also Misshandlungen des Kindes führen: „Besonders gefährlich wird die Situation, wenn die Bedrohung personalisiert wird, die Mutter im Verhalten des Kindes eine konkrete Person in ihrer Vorgeschichte, z.B. den gewalttätigen Vater des Kindes, wiederzuerkennen glaubt. Die Wege zu Vernachlässigung, emotionalen Misshandlungen oder gewalttätigen Übergriffen werden dadurch gebahnt“ (S. 33). Traumatisierte Eltern rufen durch ihre traumaassoziierten Reaktionen auf (vermeintliche) Bedrohungen co-traumatische Prozesse zwischen Eltern und Kindern hervor, die sich in manchen Fällen durchgängig von Beginn bis zum Ende der Partnerschaft der Mutter zeigen können. Hipp geht dabei neben der Täter-Opfer-Konstellation auf eine weitere Variante der Partnerwahl ein, die ebenfalls schädigende Einflüsse auf die in dieser Partnerschaft lebenden Kinder haben kann: ein Partner, der in seiner Ursprungsfamilie Parentifizierungsfunktionen der Versorgung zu erfüllen hatte, die Rolle des guten Kindes angenommen hatte und jetzt in die Rolle des co-abhängigen Mannes gerät und bei Dysfunktionen in der Versorgung der Kinder in schwere Loyalitätskonflikte gerät, die unauflösbar erscheinen: „Er bagatellisiert die Gefährdung seiner Kinder, weist ihnen die Verantwortung zu oder entzieht sich durch Rückzug auf den Arbeitsplatz der Zeugenschaft. Vereinbarungen mit der Jugendhilfe werden unterstützt, ihre Einhaltung bei Widerstand der Partnerin jedoch nicht sichergestellt“ (S. 36). Im letzten Abschnitt appelliert Hipp in seinen institutionellen und konzeptionellen Schlussfolgerungen, systemübergreifende Zusammenarbeit zwischen Institutionen des Gesundheitswesens, der Jugendhilfe, der Sozialhilfe und des Bildungswesens zu etablieren.

Andreas Krüger diskutiert in seinem Beitrag zu Kindern, Jugendlichen und ihren Eltern nach seelischer Extrembelastung zum einen Entstehungsbedingungen traumatischen Stresses, mögliche Folgen, aber auch Anzeichen bzw. Symptome eine Trauma-Folgestörung. Krüger bezieht darin vor allem Übererregungszeichen, überwältigende Erinnerungen (also Flashbacks), Vermeidungsverhalten, Dissoziationen und assoziierte Symptome wie z.B. selbstverletzendes oder retardiertes Verhalten ein. Im nachfolgenden Abschnitt wird auf die Beratungsgestaltung bei Verdacht auf Traumatisierung rekurriert und Hinweise für Laien zur Aufrechterhaltung der Beratungsbeziehung mit traumatisierten Klienten gegeben: „Es ist nicht nachvollziehbar, warum sich nicht auch psychologische Laien eine orientierende diagnostische Auffassung von Trauma-Folgestörungen verschaffen und diese auch im Beratungskontext einsetzen sollten“ (S. 50). Sinnvoll erscheint an dieser Stelle dennoch der Hinweis, dass bei Nichtvorliegen einer psychotherapeutischen Ausbildung auf entsprechende Fachkollegen verwiesen wird. Krüger plädiert zudem für den Einsatz einfacher testpsychologischer Verfahren, von denen er einige benennt (z.B. CROPS / PROBS, IES-R, TPSR). Zudem verweist er auf notwendige Qualifikationen im Umgang mit trauma-assoziierten Störungsbildern, weist auf die Notwendigkeit vertieften Grundlagenwissens hin und auf die Verwendung einer einfachen, kindgerechten Sprache. Er benennt erste Themen der Psychoedukation, die im Rahmen der Beratung erfolgen kann (und vielleicht auch sollte). Den Abschluss seines Beitrags widmet er der Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen und streicht den (möglichen) Beitrag von Beratungsstellen heraus: „Es bedarf einer im Kontext von Beratung, Pädagogik, Jugendhilfe, Schule sowie Traumatherapie handlungsorientierten, engen Kooperation, bei der die Akteure der verschiedenen Professionen sich persönlich austauschen. Den Beratungsstellen kann hier wegen ihrer Niederschwelligkeit des Angebots eine erste Screening- und frühe Hilfefunktion zukommen, bevor Traumatherapeuten die ersten Versorgungsschritte der Beratungsstelle sinnvoll fortsetzen“ (S. 53).

Martin Sack erörtert in seinem gleichnamigen Beitrag ressourcenorientierte Traumatherapie. Ausgehend von der Notwendigkeit von Ressourcen zur Traumabewältigung erläutert er die Folgen von Ressourcenverlust infolge Traumatisierungen und leitet zu seinem nächsten Abschnitt über, den Zielen von Ressourcenaktivierung in der Behandlung von Traumafolgestörungen. Darin beschreibt Sack insbesondere die Aktivierung selbstregulativer Funktionen bei PatientInnen mit Traumafolgestörungen und zeigt an konkreten Beispielen auf, wie vorhandene Potentiale genutzt werden können (z.B. durch das Ressourcendiagramm). Sack rekurriert in nachfolgenden Abschnitten auf weitere Maßnahmen der Ressourcenaktivierung, die u.a. helfen, den Gegenwartsbezug zu fördern, da gerade der Verlust des Bezugs zur Gegenwart vielen TraumapatientInnen zu schaffen macht (geradezu ein Teufelskreis, wenn gerade Dissoziationen helfen, der als unerträglich empfundenen Gegenwart zu entfliehen). Als weitere Symptomentlastung (und Aktivierung der Potentiale) dient der Abbau von Vermeidungsverhalten. Ein eigener Abschnitt ist der Selbstfürsorge gewidmet, die komplex traumatisierten KlientInnen helfen kann, blockierende Selbstüberzeugungen und Ängste zu reduzieren. Daraus leitet Sack nachfolgend die Notwendigkeit ab, Bewältigungserfahrungen den KlientInnen möglich und erfahrbar zu machen, um selbst kontinuierlich eine Verbesserung der Symptomatik herbeizuführen. Im vorletzten (und etwas längeren) Abschnitt rekurriert Sack auf Ressourcenaktivierung während der konfrontativen Behandlung, in der er gleich zu Beginn mit weitverbreiteten Missverständnissen aufräumt und für eine Hierarchisierung von Therapiezielen eintritt. In diesem Abschnitt werden zudem Voraussetzungen für konfrontative Therapien (wie etwa Expositionsverfahren innerhalb kognitiver Verhaltenstherapien) erklärt und ihre Ziele knapp erläutert. Eine Checkliste zur Abklärung der Bedingungen für den Beginn traumakonfrontativer Verfahren wird ebenso dargestellt wie nötige Anpassungen des therapeutischen Vorgehens. Der letzte Abschnitt vor dem Fazit stellt übersichtlich dar, inwieweit (und in welcher Form) Reifungserlebnisse und -erfahrungen nach Traumatisierungen (und entsprechender Therapie) möglich sind, zeigt also deutlich den möglichen Gewinn auf. Sacks Fazit geht zudem auf ethische Aspekte wie Respekt vor PatientInnen ein. Inge Liebel-Fryszer thematisiert neurobiologische Aspekte in der Beratungsbeziehung und geht dabei vertieft auf Aspekte der Handlungssysteme von Verteidigung und Bindung ein, die den Aufbau einer Arbeitsbeziehung zwischen BeraterIn und KlientIn erschweren können. Im ersten Abschnitt nach der Einleitung fokussiert sie die Entwicklung emotionaler Handlungssysteme und folgt dabei der Einteilung von Panksepps vier primären emotionalen Motivationssystemen sowie Proges´ System der Neurorezeption. Liebel-Fryszers nachfolgende Abschnitte rekurrieren vorrangig auf Aspekte des Verteidigungssystems, wobei die Verteidigungshandlungen der KlientInnen im Mittelpunkt stehen, gefolgt von Abschnitten zu Bindungshandlungen der KlientInnen. Beide Handlungssysteme betreffen ebenfalls den Beratungskontext, in dem die BeraterInnen mit den traumatisierten KlientInnen in Kommunikationsprozessen arbeiten, ohne dass die BeraterInnen die von den KlientInnen aktivierten Verteidigungssysteme annehmen bzw. beantworten. Zwei Fallbeispiele und entsprechende Reflexionen beschließen den Beitrag Liebel-Fryszers. Uwe Hemmingers Ausführungen diskutieren dissoziative Störungen und Konversionsstörungen im Kindes- und Jugendalter. Nach einer kurzen Einleitung werden theoretische Inhalte und Kenntnisse differenziert nach dem Klassifikationsschema der ICD-10 dargestellt, die diskursiv geordnet zuerst die Symptomatik einzelner Störungen, dann sehr knapp Komorbidität, Epidemiologie und Ätiologie abhandeln. Im Abschnitt zum Verlauf dissoziativer Störungen geht Hemminger kursorisch auf Kurz- und Langzeitprognosen ein, prognostisch günstige und ungünstige Bedingungen sowie auf den Verlauf ein. Der Umsetzung in die klinische Praxis sind Unterabschnitte zur Diagnostik und Therapie gewidmet. Innerhalb des Diagnostikabschnitts werden entsprechend die diagnostischen Leitlinien der Fachgesellschaft und das multiaxiale Klassifikationsschema herangezogen und das klinisch psychiatrische Syndrom, umschriebene Entwicklungsstörungen, Intelligenz, körperliche Symptomatik, psychosoziale Umstände eingeschätzt sowie eine Globalbeurteilung psychosozialer Anpassung vorgenommen. Selbstbeurteilungsverfahren können ergänzend hinzugezogen werden. In mehreren Tabellen werden zum einen Schwerpunkte der störungsspezifischen Exploration, zum anderen positive Kriterien für das Vorliegen einer dissoziativen Störung und wichtige Differenzialdiagnosen erläutert. Im Abschnitt zur Therapie dissoziativer und Konversionsstörungen werden unter anderem übersichtlich in Tabellenform Interventionsschritte, Regeln für den Umgang mit Kindern und Jugendlichen, Störungen in stationärer Behandlung sowie Indikationen für stationäre Behandlung vorgestellt. Im Anschluss werden in verknappter Form Schlussfolgerungen für Beratungsstellen nachgereicht.

Christine Utecht zeigt transgenerationale Traumabehandlung im Sandspiel in ihrem gleichnamigen Beitrag zu „Spuren im Sand“. Nach einer kurzen Einleitung und Erklärung zur Methode der Sandspieltherapie leitet sie über zur Fallbeschreibung eines 10jährigen Junges mit afrikanischen Wurzeln. Sie beginnt mit den Rahmenbedingungen und der Problematik zu Beginn der Therapie, erläutert den familiären Hintergrund, der mit Fotos illustriert wird. In der Beschreibung des Therapieverlaufs werden die Fortschritte des Jungen in elf Sandbildern, teilweise mit Fotos, illustriert. Gerade transgenerationale Zusammenhänge werden immer wieder thematisiert (und im Verlauf der Therapie bearbeitet) und weitere Personen aus dem Nahbereich des Kindes einbezogen (z.B. die Lehrerin). Im Anschluss an die Fallbeschreibung werden von Utecht Aspekte der transgenerationalen Weitergabe kriegsbedingter Traumatisierungen ihres Fallbeispiels thematisiert, da die Familie, insbesondere die Eltern des Jungen wegen religiös und politisch motivierter Verfolgung und Bürgerkrieg aus Angola geflohen sind. Hintergrund ihres Ansatzes sind ressourcenorientierte Überlegungen.

Gaby Markert und Markus Göpfert erörtern den Themenkomplex Flucht und Trauma unter dem Aspekt der Hilfen für Kinder und Familien. Sie beginnen mit flüchtlingsspezifischen Merkmalen bei der Entstehung von Traumata und definieren traumatogene Prozesse mitsamt politischen Schlussfolgerungen. Im Abschnitt zu Traumatisierung und Retraumatisierung wird insbesondere auf den Komplex der „Late-Onset-PTBS“ verwiesen. Flüchtlingsspezifische Merkmale bei der Behandlung von Traumata werden in nachfolgenden Abschnitten dargestellt, beginnend mit kollektiven Vorerfahrungen und kulturspezifischen Merkmalen, die u.a. durch Fragen festgestellt werden können wie: „Ist das Land durch ständig wiederkehrende eskalierende Konflikte und Kriege geprägt? Wie funktionieren die Medien und welchen Zugang zu Informationen hat man? Gibt es einen allgemeinen Zugang zu Bildung? Wie ist die gesundheitliche Versorgung?“ (S. 283). In diesen sensiblen Bereich fallen ebenfalls Tabuisierungen aus Schamgründen, z.B. nach Erlebnissen sexueller Gewalt mit Schweigegebot im familiären Umfeld zur Aufrechterhaltung erwarteter und eingeforderter Ehrgefühle. Merkmale des Flüchtlingsstatus insbesondere vor dem Hintergrund deutscher Asylpolitik wird hier zudem hinterfragt, wenn aufgrund dieser Besonderheiten eine Aufrechterhaltung des Krankheitsstatus einen Aufenthaltstitel erwirkt, eine Gesundung dem aber entgegensteht. In nachfolgenden Abschnitten werden Auswirkungen von Traumata auf den Familienverband und die Kinder charakterisiert. Möglichkeiten der Hilfe für Flüchtlingskinder in sozialpädagogischen Handlungsfeldern werden anhand eines Fallbeispiels dargestellt. Darin wird insbesondere auf das STOP-Modell rekurriert, entwickelt im Rehabilitationszentrum für Folteropfer in Kopenhagen. Beide Autoren geben an, dass darin der Übergang von sozialpädagogischer zu psychotherapeutischer Arbeit fließend sei und ineinandergreifende Ansätze beinhalte. Zudem wird auf Resilienzförderung verwiesen. Eine Maßnahmenbeschreibung des Psychosozialen Zentrums für Flüchtlinge beschließt vor einem kurzen Fazit den Beitrag.

Im letzten Beitrag des Bandes wird die Selbstfürsorge der BeraterInnen fokussiert. Rita Freihaut entwirft darin einen Himmel für jedermann – so auch der Titel ihres Beitrags: „This could be heaven for erveryone“. Sie verweist zu Beginn auf den Entstehungshintergrund ihres Beitrags, der ursprünglich als Workshop auf der bke-Jahrestagung konzipiert war. Unter praxisorientierten Bezügen werden die LeserInnen animiert, sich in Selbstfürsorge zu üben. In mehreren kleinen aufeinanderfolgenden Abschnitten werden Überlegungen zum Heilbleiben (so der gemeinsame Titel aller Abschnitte) in Einflussmöglichkeiten, lichte Momente, Körpercodes und Selbstwahrnehmung vorgestellt. Hilfreiche Rituale für Pausen und die Wahrnehmung von Bedürfnissen (wie z. B. Schokolade als Trost) finden ebenso Erwähnung wie Themen der Übertragung und Gegenübertragung, der eigenen Psychohygiene, aber auch praktische Übungen wie z.B. Imagination.

Diskussion

Hipp kritisiert in seinem Beitrag, dass Aussagevermeidungen zu Kausalzusammenhängen der beschriebenen Syndrome häufig vorkommen und dazu führen, dass die aktuell zuständigen Hilfesysteme nach Belieben entscheiden, welche Diagnose (der komorbiden Störungen) handlungs- und therapiebestimmende Bedeutung erhält. Neben den grundlagentheoretischen Betrachtungen und Erläuterungen fällt hingegen auf, dass Beziehungskontexte traumatisierter Eltern grundsätzlich auf der heterosexuellen Ebene angesprochen werden, daneben aber auch, dass zahlreiche Forschungs- und Modellprojekte wie z.B. Guter Start oder Frühe Hilfen nicht angesprochen werden. Beides limitiert Hipps Beitrag unnötig. Krüger diskutiert in seinem Artikel den möglichen Beitrag von Beratungsstellen und, was positiv hervorzuheben ist, betont die Notwendigkeit entsprechender Qualifikationen des Personals. Einschränkend ist jedoch hinzuzufügen, dass nur Eltern und ihre Kinder als Traumatisierte Erwähnung finden (obwohl die transgenerationale Weitergabe erwähnt wird), aber nicht weitergehende Familienzyklen wie traumatisierte Großeltern. Hier wäre eine generationenübergreifendere Berücksichtigung angeraten gewesen. Sack erörtert in seinem Beitrag ressourcenaktivierende Traumatherapie und ist gleichzeitig der erste, der ethische Aspekte eindeutig formuliert. Sowohl Hipp als auch Krüger formulieren zwar die Notwendigkeit der Anerkennung des Leids der PatientInnen, jedoch hebt sich Sack mit der Forderung von Respekt vor den PatientInnen darüber hinaus deutlich ab. Liebel-Fryszer diskutiert Aspekte des Verteidigungs- und Bindungssystem im Kontext der Beratung. Gerade ihre eingängigen Fallbeispiele verdeutlichen den theoretischen Hintergrund, hätten aber deutlicher Bezug nehmen können auf Hintergründe der Super- und Intervision. Uwe Hemminger zeichnet in seinem Beitrag Diagnostik und Intervention von dissoziativen und Koversionsstörungen nach, geht allerdings erst auf der letzten Seite und im letzten Abschnitt seines Beitrags auf Schlussfolgerungen für die Arbeit der Beratungsstellen ein. Hier wäre eine deutliche Fokussierung doch wünschenswert gewesen, zumal Aussagen über Lebenszeitprävalenzen fast völlig fehlen. Christine Utecht zeigt anhand eines Fallbeispiels Auswirkungen transgenerationaler Weitergabe, aber auch Möglichkeiten transgenerationaler Traumabehandlung auf, lässt aber kaum erkennen, welche übergreifenden Ressourcen gefordert waren (z.B. Helferkonferenzen in der Schule etc.) und welches Engagement bei den Beteiligten. Selbstverständlich bleibt das Ergebnis einer erfolgreichen Intervention wünschenswert und zu erstreben, jedoch ist dies (und das möglicherweise vorrangig) eher auf Kontextfaktoren zurückzuführen denn auf die eigentliche Intervention.

Der Beitrag von Gaby Markert und Markus Göpfert verschränkt Aspekte der Beratung, Intervention, Kooperation mit politischen Aspekten wie auch politischen Forderungen. Eindringlich und anhand ausgewählter Fallbeispielsequenzen werden Probleme im Zusammenhang von Flucht, Vertreibung, Gewalt und oftmals daraus resultierenden Traumata dargestellt und (eher implizit) deutsche Asylpolitik kritisiert. Angesichts dramatischer Situationen (Syrien, mehrere afrikanische Staaten, Ukraine) hätte die Kritik bedeutend expliziter ausfallen können und vielleicht auch müssen.

Rita Freihaut diskutiert in ihrem Beitrag Maßnahmen, Möglichkeiten, Potentiale, aber auch Grenzen der eigenen Psychohygiene unter dem Stichwort Selbstfürsorge. Positiv sind die eher praktisch angelegten Übungen zu betrachten, allerdings hätten auch kritische Hinweise sicherlich hier berücksichtigt werden können (steigende Arbeitsbelastungen der BeraterInnen z.B. strukturelle Defizite und Unsicherheiten wie fehlende finanzielle Absicherung der Beratungsstellen).

Fazit

Der Sammelband informiert in individuellen Beiträgen zu einzelnen Aspekten im Themenkomplex von Beratung und Trauma. Neben theoretisch fundierten Artikeln werden Fallbeispiele, Institutionen, aber auch praktische Übungen zur Selbstfürsorge vorgestellt.


Rezension von
Dr. Miriam Damrow
Hochschule Magdeburg-Stendal
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Zitiervorschlag
Miriam Damrow. Rezension vom 05.12.2014 zu: Marita Krist, Adelheid Wolcke, Christina Weisbrod, Kathrin Ellermann-Boffo: Herausforderung Trauma. Diagnosen, Interventionen und Kooperationen der Erziehungsberatung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. ISBN 978-3-7799-0775-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16797.php, Datum des Zugriffs 28.11.2021.


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