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Hermann Staats: Feinfühlig arbeiten mit Kindern

Cover Hermann Staats: Feinfühlig arbeiten mit Kindern. Psychoanalytische Konzepte für die Praxis in Kita und Grundschule. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2014. 156 Seiten. ISBN 978-3-525-70167-6. 17,99 EUR.
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Autor

Dr. med. Hermann Staats ist Arzt für Psychotherapeutische Medizin und hat eine Stiftungsprofessur für psychoanalytisch orientierte Entwicklungspsychologie an der FH Potsdam inne. Darüber hinaus arbeitet er als ausgebildeter Gruppenanalytiker, Paar- und Familientherapeut und leitet die Elternberatungsstelle „Vom Säugling zum Kleinkind“ an der FH Potsdam.

Entstehungshintergrund

Der Begriff der Feinfühligkeit hat Konjunktur. Im vorliegenden Buch wird die Fähigkeit zur Feinfühligkeit aus einer entwicklungspsychologisch-psychoanalytischen Perspektive reflektiert. „Feinfühlig zu sein, sich auf einen anderen Menschen einzustellen, nicht genau zu wissen, wie und was der andere denkt und fühlt, sich aber dafür zu interessieren und ihn ‚im Sinn‘ zu haben, ist eine zentrale Kompetenz in der pädagogischen Arbeit. Sie hilft dabei, Beziehungen förderlich zu gestalten – eine Grundlage für emotionales und kognitives Lernen“ (S. 7). Hermann Staats bündelt das Wissen über die sogenannte Feinfühligkeit, geht den theoretischen Wurzeln des Konzeptes nach, und fügt Beispielen aus Seminaren hinzu.
Mary Ainsworth prägte den Begriff, als sie mit John Bowlby in den 1970er-Jahren Mutter-Kind-Beziehungen empirisch untersuchte. Die psychoanalytischen Konzepte zur frühen Interaktion zwischen Müttern und Kindern von Donald W. Winnicott, „good enough mothering“, und Daniel Sterns Beschreibungen des „expliziten und impliziten Beziehungswissens“ sowie die neurobiologische Emotionsforschung ergänzen das Wissen über Feinfühligkeit. „Dieses Buch zeigt die Aufgaben, stellt Theorien zu ihrem Verstehen vor und verdeutlicht beides anhand vieler Beispiele aus der Praxis von Krippe, Kindergarten und Grundschule. Es ist entstanden in Vorlesungen und Seminaren an einem der ersten frühpädagogischen Studiengängen in Deutschland, in Praxisbegegnungen und Fortbildungen mit Erzieherinnen und Erziehern, Lehrerinnen und Lehrern und in Diskussionen mit wissenschaftlich arbeitenden Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichen Forschungsfeldern“ (vgl. ebd. S .7).

Der Autor differenziert die Fragen des Buches.

  • Ist es möglich, Feinfühligkeit zu erwerben, wenn die neurowissenschaftliche Forschung feststellt, dass Feinfühligkeit vom Hormon Oxytocin abhängt?
  • Wie erkennen wir eine feinfühlige Beziehung zwischen Eltern und Kindern?
    Welche Konsequenzen hat die feinfühlige Beziehung?
  • Ist die Mentalisierung und Triangulierung sowie die Reflexionskompetenz, über Gefühle sprechen zu können, notwendige Basis für Selbstsicherheit?
  • Kann Feinfühligkeit auch außerhalb der Eltern-Kind-Beziehung erworben werden?
  • Tragen Seminare und Theoriewissen dazu bei, Feinfühligkeit zu erlernen?
  • Können psychologische Theorien eine professionelle Haltung prägen?

So interessant diese Fragen sind, im Buch werden vor allem die psychoanalytischen Konzepte aufgegriffen, die als Orientierungswissen für die Praxis in der Kita und im Hort Geltung finden können.

Aufbau

Das Buch ist in elf Kapitel gegliedert, manche davon beinhalten Untergliederungen. Vorgestellt werden der Begriff Feinfühligkeit, zentrale psychoanalytische Konzepte der Persönlichkeitsentwicklung und das psychoanalytische Grundverständnis über die Wirkung des Unbewussten in Bezug auf die Entwicklungsaufgaben und die Beziehungsgestaltung von Menschen. Das Konzept der Trieb-, Konflikt- und Objektbeziehungstheorien wird der Leserschaft vorgestellt, ebenso werden die handlungsrelevanten Konzeptionen der Übertragung und Gegenübertragungsanalyse sowie die Narration (freie Assoziation) und der Umgang mit Widerstand aufgegriffen.

Zwei abschließende Kapitel beschäftigen sich mit dem Nutzen des Orientierungswissens für das pädagogische Handeln und die Beratung von Familien im Familienzentrum.

Die Gliederung wird nicht eigens systematisch erläutert. Verbindungen zwischen den Kapiteln müssen von den Leserinnen und Lesern selbst hergestellt werden.

Inhalt und Diskussion

Das Unbewusste, Konflikte und ihre psychodynamische Wirkung, aber auch das Zuhören werden als die zentralen Anliegen der psychoanalytischen Theoriebildung identifiziert. Das psychoanalytische Denken verbindet körperliche und seelische Prozesse. Dies wird innerhalb der Trieb- und Ich-Psychologie, den Objektbeziehungstheorien, der Selbstpsychologie sowie der Bindungsforschung aufgegriffen. Mithilfe psychoanalytischer Persönlichkeitstheorien können die Macht des Unbewussten auf unser Verhalten und die Bedeutung der körperlichen Bedürfnisse bzw. Wünsche besser verstanden werden. Das Wissen um die Wirkung von Abwehrmechanismen wird von anderen Verhaltenstheorien nicht berücksichtigt.

  • Warum handeln Menschen nicht rational?
  • Warum machen sie oft das Gegenteil von dem, was sie eigentlich wollten?
  • Warum wollen Menschen über ihre Erlebnisse sprechen oder auch nicht sprechen?
  • Warum kommen Trainingsprogramme zur Verhaltensänderung an ihre Grenzen?
  • Warum kann die Nichterfüllung einer sozialen Norm subjektiv Sinn machen?
  • Wie kommt es, dass die innere Realität eines Menschen nicht identisch ist mit der, die von der Umwelt wahrgenommen wird?
  • Wie kommt es zu Konflikten?

Konflikte spielen im Zusammenleben von Menschen eine Rolle. Innerhalb der Psychoanalyse wird zwischen inneren, äußeren und unbewussten Konflikten, interpersonellen und intrapsychischen Konflikten, entwicklungsförderlichen und neurotischen Konflikten, ödipalen Konflikten und Autonomie-Abhängigkeits-Konflikten unterschieden. Emotionen sind beteiligt und verschiedene Abwehrmechanismen. Die psychische Strukturbildung beginnt von Geburt an. Strukturen werden als innere Bilder repräsentiert und führen dazu, dass ein Mensch bestimmte Erlebnisse mit bestimmten Gefühlen verbindet. Die Ich-Psychologie geht von einem Ich als Persönlichkeitskern aus, von dem Verhalten gesteuert wird. Mithilfe der verschiedenen Modellannahmen können Verhaltensweisen verstanden werden, pädagogisches Handeln bekommt ein Ziel. Eltern und Fachkräfte sind in besonderer Weise darauf angewiesen, Verhalten zu verstehen, denn Kleinkinder sprechen noch nicht. Sie drücken ihre Empfindungen in unterschiedlichen Handlungsweisen aus. Ob ihr Gegenüber Stimmungen, Bedürfnisse und Notwendigkeiten feinfühlig aufnimmt, hängt von der Kompetenz der Erwachsenen ab.

Die Fachkraft sollte zwischen der Selbst- und Fremdwahrnehmung unterscheiden. Hermann Staats stellt das psychoanalytische Konzept der Übertragung und Gegenübertragung vor. Die Fähigkeit, sich in einen Menschen einzufühlen, erwerben wir bereits im Kleinkindalter. In der dyadischen Beziehung zwischen Kind und Mutter oder Kind und Vater erlebt das Kind sich im Spiegel des Anderen. Je älter das Kind wird, kann es erkennen, dass sowohl Vater und Mutter als auch Vater, Mutter und das Kind eine Beziehung zueinander haben, die sich unterschiedlich anfühlen und die auf der Eigenständigkeit der Person beruhen. Diese triadische Erfahrung ermöglicht uns die Wahrnehmung, dass der andere anders ist, und mich in einer bestimmten Weise sieht. Nun beginnen neue Anpassungsprozesse. Diese komplexen und extrem störanfälligen Wahrnehmungsprozesse werden als Triangulierung bezeichnet.

Die Neurowissenschaften entdeckten die Spiegelneuronen. Wenn jemand eine Handlung eines anderen Menschen beobachtet, wird im Gehirn eine ähnliche Hirnaktivität ausgelöst, wie bei dem, der die Handlung ausführt. Auf diese Weise ist das Miterleben möglich. Die Qualität des Miterlebens hängt von biologischen Voraussetzungen und Erfahrungen ab. Auch Erzählungen lösen in uns innere Bilder und Gefühle aus, die es uns ermöglichen, uns in andere hineinzuversetzen.

Das Erzählen und das Zuhören dienen dazu, dem Erlebten einen Sinn zu geben. Die Psychoanalyse weist dem Zuhören eine methodische Qualität zu (freischwebende Aufmerksamkeit). Innerhalb der Psychoanalyse werden gerade die Sinnkonstruktionen der beteiligten Personen beachtet. Erzählungen haben einen Sinn, und so wird mithilfe der Erzählung deutlich, worum es einem Menschen geht.

Das Buch sammelt zwar wichtige Beiträge zum professionellen Verstehen, ist jedoch für die Leserschaft nicht logisch nachvollziehbar aufgebaut. Überleitungen zwischen neuen Gliederungsaspekten fehlen. Der Text wirkt deshalb redundant, obwohl immer neue Gesichtspunkte hinzukommen. Die Beispiele tragen aus meiner Sicht nur teilweise zum besseren Verständnis der komplexen Theorien bei. An manchen Stellen hinterlassen sie Irritation, weil sie mehrdeutig interpretiert werden können.

Fazit

Keine Frage, eine am Verstehen orientierte Pädagogik braucht das Fachwissen der Psychoanalyse. Der Autor versucht einen Überblick über die Bedeutung der psychoanalytischen Theoriebildung für die Pädagogik anzubieten. Der Begriff der Feinfühligkeit wird von Hermann Staats in einem größeren Kontext diskutiert. Feinfühligkeit bezieht sich auf das Verstehen von menschlichem Verhalten und die Reflexion von Verhalten, auf die konkrete Wahrnehmung einer Situation und auf die Interpretation dieser wahrgenommenen Ereignisse. Feinfühligkeit kann somit erworben werden. Ob die theoretische Bildung der Fachkräfte während ihrer Ausbildung dazu ausreicht, bleibt fraglich, denn es handelt sich eben doch um eine Kompetenz, die mit der persönlichen Fähigkeit zur Kontaktaufnahme unmittelbar verbunden ist. Sie kann vor allem in der Interaktion erlebt und geschult werden.


Rezensentin
Prof. Dr. Christiane Vetter
Leiterin der Studienrichtung Soziale Arbeit in der Elementarpädagogik an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart
Homepage www.dhbw-stuttgart.de/themen/studienangebot/fakulta ...
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Zitiervorschlag
Christiane Vetter. Rezension vom 26.05.2014 zu: Hermann Staats: Feinfühlig arbeiten mit Kindern. Psychoanalytische Konzepte für die Praxis in Kita und Grundschule. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2014. ISBN 978-3-525-70167-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16798.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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