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Hans-Christoph Koller, Markus Rieger-Ladich: Vom Scheitern. Pädagogische Lektüren zeitgenössischer Romane

Cover Hans-Christoph Koller, Markus Rieger-Ladich: Vom Scheitern. Pädagogische Lektüren zeitgenössischer Romane. transcript (Bielefeld) 2013. 294 Seiten. ISBN 978-3-8376-2576-9. D: 33,80 EUR, A: 34,80 EUR, CH: 44,40 sFr.

Reihe: Theorie Bilden - Band 32.
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Thema

Im Sammelband, der von Hans-Christoph Koller und Markus Rieger-Ladich herausgegeben wurde und der 2013 im transcript Verlag erschien, gehen die Autor_innen anhand der Lektüre und Interpretation verschiedener zeitgenössischer Romane dem Phänomen des Scheiterns in der Pädagogik nach. Das Spektrum möglicher Formen des Misslingens und In-die-Krise-Geratens ist dabei sehr weit: es reicht vom Scheitern biografischer Erzählungen über das Scheitern von Erziehungs- und Bildungsinstitutionen sowie generationeller Beziehungen bis hin zum Scheitern in der Lektüre selbst.

Herausgeber und Autor_innen

Hans-Christoph Koller ist seit 1989 Professor für „Allgemeine Erziehungswissenschaft unter besonderer Berücksichtigung der Interaktions- und Bildungsforschung, Schwerpunkt: Qualitative Methoden“ an der Universität Hamburg. Markus Rieger-Ladich ist aktuell Professor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Allgemeine Pädagogik an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Auf die beiden Herausgeber gehen bereits die Veröffentlichungen der pädagogischen Lektüren zeitgenössischer Romane zu „Grenzgängen“ (2005) und zu „Figurationen der Adoleszenz“ (2009) zurück. Unter den Autor_innen des hier rezensierten Sammelbandes sind vor allem Erziehungswissenschaftler_innen aus den Bereichen Allgemeine Pädagogik und Historische Bildungsforschung aber auch Literaturwissenschaftler_innen vertreten.

Entstehungshintergrund

Der Sammelband geht auf eine gleichnamige Tagung zurück, die im Jahr 2011 in Hamburg durchgeführt wurde. Den meisten der im Band versammelten Beiträge gingen Vorträge auf der Tagung voraus.

Aufbau

Nach einer Einführung in das Themenfeld und einer Schilderung der Begründungszusammenhänge für das Erscheinen des Bandes, die durch die Herausgeber verfasst ist, folgen zwölf Beiträge, in denen anhand verschiedener zeitgenössischer Romane dem Scheitern allgemein und dem Scheitern in der Pädagogik im Speziellen nachgegangen wird. Ausgewählt wurden Romane von englischen, amerikanischen, deutschen und israelischen Autor_innen. Die einzelnen Beiträge sind zumeist in der Art konzipiert, dass auf eine Hinführung und theoretisierende Einleitung eine Vorstellung der Romanautor_innen und eine Zusammenfassung der Romanhandlung folgen. Daraufhin werden ausgewählte Textfragmente aus dem jeweiligen Roman an- und deren Interpretation ausgeführt.

Inhalt

In der Einleitung des Sammelbandes umreißen die Herausgeber den Problemhorizont des Gegenstandsbereiches. Sie verdeutlichen, dass, obwohl das Scheitern resp. Misslingen pädagogischer Anstrengungen als konstitutiv für Erziehungshandeln und für Bildungsprozesse erscheint und gleichsam deren riskanter Charakter (S. 10) als bekannt angenommen werden kann, in der gegenwärtigen Bildungs- und Erziehungstheorie die Auseinandersetzung mit dem Scheitern eher randständig ist. Man könne, so die Herausgeber, möglicherweise von einem „blinden Fleck“ (S. 11) sprechen. Aus dieser Zustandsanalyse schließen Koller und Rieger-Ladich, dass eine Auseinandersetzung mit literarischen Quellen das konstatierte Defizit ein wenig auszuräumen erlaube und einen Gewinn für die Theoriebildung erwirken könne. Die Einleitung des Bandes deutet bereits den Tenor an, in dem auch die folgenden Beiträge verfasst sind: Die Annäherung an das Scheitern als Merkmal pädagogischer Handlungen wird weder naiv-erfahrungsresistent umgedeutet und ins Positive gewendet („Scheitern als Chance“), noch gilt sie hier als ahistorisches Moment, das Pädagogik immer und zu allen Zeiten schon figuriert habe. Vielmehr merken die Herausgeber in der Einleitung an, dass die Inszenierung des Scheiterns möglicherweise eine spezifische Narration moderner Gesellschaften ist, in denen man sich, ob der Krisenhaftigkeit und der Vielzahl an Risiken, nicht mehr sicher sei, ob es in ihr noch vernünftig zugeht (vgl. Fach, 1999).

In den folgenden zwölf Beiträgen gehen die Autor_innen dann der Frage nach, welche Erkenntnisse für die Eigenlogik erziehungswissenschaftlicher Texte aus der Analyse der Eigenlogik literarischer Texte gewonnen werden können (S. 11). Untersucht werden dafür unter anderem Romane von T.C. Boyle, Philip Roth, Sadie Jones, Jeffrey Eugenides, von David Grossmann und von Herta Müller sowie Christa Wolf. Methodische und methodologische Ausführungen nehmen in den Beiträgen einen geringeren Raum ein. Vielmehr stehen die Ergebnisse der Analysen ausgewählter Romanpassagen im Vordergrund.

So unterzieht beispielsweise Jörg Zirfaß den Roman „Das wilde Kind“ („Wild Child“) von T.C. Boyle einer erziehungswissenschaftlichen Lektüre. Er reflektiert ausgewählte Textstellen vor dem Hintergrund pädagogischer Fragen und Theorien und arbeitet so bedeutsame pädagogische Momente heraus (S. 35). Diese Analysestrategie nennt Zirfaß Pädagogische Szenografie. Mit Hilfe derer zeigt er beispielhaft auf, welche Funktion die Problematisierung des enfant sauvages in der Literatur und in der Erziehungswissenschaft hat. Der Autor macht deutlich, dass die Erzählungen von wilden Kindern, die nicht zuletzt aufgrund ihrer Sprachlosigkeit einer erziehenden Einflussnahme entzogen sind, einen pädagogischen Mythos konstituieren. Die Maßnahmen der sich um Erziehung und Bildung mühenden Pädagog_innen verifizieren diesen Mythos lediglich (S. 41). Verantwortung für das Scheitern der Erziehungsmaßnahmen tragen allein die Kinder in ihrer idiosynkratischen Natürlichkeit und nicht die Erzieher. Leitende Erziehungsideen bleiben unhinterfragt.

Markus Rieger-Ladich stellt in seinem Beitrag eine pädagogische Lesart des Romans „Nemesis“ von Philip Roth vor. Rieger-Ladich geht dabei von einem Scheiternsbegriff aus, der durch Relationalität gekennzeichnet ist. Beim Scheitern handele es sich um eine Zuschreibungspraxis, die immer auch auf soziale Zusammenhänge verweist (S. 87). Scheitern könne somit nicht allein aus Handlungen heraus verstanden werden, sondern müsse vor dem Hintergrund des Wissens um gesellschaftlich situierte Akteure und deren Urteile gedeutet werden. Damit kämen notwendig Auseinandersetzungen, Kämpfe und Konflikte um Interessen sowie Wahrheitspolitiken einher. An diese Gedanken anknüpfend richtet Rieger-Ladich seine Aufmerksamkeit bei der Romananalyse vor allem auf Prozesse der Selbstzuschreibung (und Selbsttäuschung) im Scheitern, also auf Geschehen, in denen die Verantwortung für das Misslingen von Erziehung und Bildung allein der eigenen Person übertragen wird und externale Begründungen nicht gelten gelassen werden. In diesem, für die westliche Moderne typischen Verständnis von Subjektivität, sei das Scheitern bereits unvermeidbarer Bestandteil. Das moderne Subjekt müsse, in der Verkennung seines Selbst als souveräne, handlungsmächtige Monade, notwendig scheitern (S. 107).

Auch Sabine Reh greift einen ähnlichen Grundgedanken in ihrer Lektüre von Herta Müllers „Niederungen“ auf. Ausgehend von der Annahme, dass die Idee vom Scheitern immer auch an die Idee intentionaler Subjekte geknüpft ist und die Vorstellung des Misslingens pädagogischer Maßnahmen immer auch das Misslingen pädagogischer Intentionen impliziert – wie auch die prinzipielle Verfügbarkeit der Adressat_innen pädagogischen Ansinnens – räumt Sabine Reh ein, dass unter der Voraussetzung pädagogischer Differenz – hier verweist die Autorin auf entsprechende Ausführungen bei Klaus Prange – jedes pädagogische Handeln zumindest graduell zum Scheitern verurteilt ist. Dieser graduellen Form des Scheiterns könne noch eine zweite Form gegenübergestellt werden: das absolute Scheitern (S. 172), das Generationalität und die Möglichkeit eines pädagogischen Verhältnisses an sich in Frage stellt und destruiert. Letzterer Form des Scheiterns geht die Autorin dann in ihrer Analyse der „Niederungen“ nach und stellt ausführlich dar, wie es Herta Müller mittels verschiedener Texttechniken (Auslassungen, Wiederholungen, Rhythmisierungen etc.) gelingt, das „Scheitern vor dem Pädagogischen“ (S. 191) literarisch zu (re-)inszenieren.

Einen eher literatur- und weniger erziehungswissenschaftlichen Zugang wählt Georg Mein, wenn er sich Martin Mosebachs „Was davor geschah“ und Philip Roths „Die Demütigung“ („The Humbling“) vornimmt und diese Erzählungen einer Analyse unterzieht. Georg Mein geht von der Annahme aus, dass Scheitern ein Bestandteil der conditio humana ist, das unser Alltagshandeln immerfort bestimmt und existential an das Sein des Menschen knüpft. Zugleich weist er auf eine zweite, weniger existenzphilosophische als semiotisch-linguistische Möglichkeit des Scheiterns hin: dem Scheitern in der Lektüre durch die konstitutive Differenz zwischen Autor_in und Leser_in (S. 266). Daraus leitet Mein nun aber nicht, und das ist die Pointe seines Textes, eine Indifferenz gegenüber der Literatur ab. Im Gegensatz dazu verweist er auf die Möglichkeit eines kunstvoll-produktiven Zugangs zur Welt, der literarisches Schaffen in sich birgt und der nicht nur Vorlagen für das Leben zu bilden erlaubt, sondern auch dessen Überwindung mitsamt seinen Momenten des Scheiterns.

Diskussion

Die zwölf Beiträge des Sammelbandes bieten in vielerlei Hinsicht Anregungen für die erziehungswissenschaftliche Theoriebildung. Gerade aufgrund der unterschiedlichen Zugänge zum Romantext und zum Phänomen des Scheiterns wird aufgezeigt, welche vielfältigen Möglichkeiten des Erkenntnisgewinns eine pädagogische Lektüre zeitgenössischer Romane haben kann. Dabei provozieren die Autor_innen immer auch alternative Lesarten und regen dazu an, herkömmliche Verständnisse zu hinterfragen und Scheitern in seiner Ambivalenz und den Umgang damit in seiner historischen Kontingenz in den Blick zu nehmen.

Leider werden methodologische und methodische Aspekte nur sehr grob umrissen und beschränken sich auf stichwortartige Verweise (Literarische Ethnografie, Pädagogische Szenographie). Wünschenswert wäre es gewesen, wenn in den einzelnen Beiträgen auch Analysestrategien und Ausführungen zum konkreten Vorgehen der Autor_innen einen größeren Raum eingenommen hätten. Damit wären Interpretationen an einigen Stellen überzeugender gewesen, und es hätte neben den Gewinnen eines solchen Bandes für die Erziehungstheorie auch methodologische Fragen, die sich notwendig stellen, zu diskutieren erlaubt. Hilfreich für Leser_innen wäre zudem die Begründung für die Auswahl der Romantexte gewesen. Damit eröffneten die Herausgeber die Möglichkeit, in einer kulturvergleichend-diachronen Perspektive das Typische der Imaginationen und Narrationen vom Scheitern der einzelnen Romane deutlicher zu konturieren.

Fazit

Der Sammelband knüpft an die beiden bereits erschienen „Pädagogischen Lektüren“ an. Diese gelesen zu haben stellt jedoch keine Voraussetzung für das Verständnis des vorliegenden Bandes dar. Dessen Texte als gänzlich voraussetzungsfrei zu charakterisieren, griffe indes zu kurz, stehen sie doch im Zusammenhang mit strukturalistischen und poststrukturalistischen Ansätzen, für die Leser_innen ein gewisses Vorverständnis und Vorwissen mitbringen sollten. Die Analysen zum Scheitern in und vor der Pädagogik sind allesamt stilistisch auf hohem Niveau verfasst und eröffnen Blickwinkel auf den Gegenstandsbereich, die das Potential haben, herkömmliche Verständnis- und Erklärungsweisen in der Erziehungswissenschaft zu irritieren und zu einem „anderen“ Weiterdenken anzuregen.


Rezensent
Daniel Diegmann
M.A., Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig
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Zitiervorschlag
Daniel Diegmann. Rezension vom 25.06.2014 zu: Hans-Christoph Koller, Markus Rieger-Ladich: Vom Scheitern. Pädagogische Lektüren zeitgenössischer Romane. transcript (Bielefeld) 2013. ISBN 978-3-8376-2576-9. Reihe: Theorie Bilden - Band 32. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16815.php, Datum des Zugriffs 20.02.2019.


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