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Nahlah Saimeh (Hrsg.): Das Böse behandeln

Cover Nahlah Saimeh (Hrsg.): Das Böse behandeln. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Berlin) 2014. 224 Seiten. ISBN 978-3-95466-057-5. D: 34,95 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 42,00 sFr.

Eickelborner Schriftenreihe zur forensischen Psychiatrie.
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Thema

Jährlich findet in der ersten Märzwoche die größte Fachtagung zur Forensischen Psychiatrie im deutschsprachigen Raum im Maßregelvollzugszentrum Eickelborn statt. Seit jeher werden die als relevant erachteten Beiträge in einem Tagungsband zusammengefasst und veröffentlich. Die früher im Psychiatrie Verlag erschienene Schriftenreihe (vgl. z. B. www.socialnet.de/rezensionen/6891.php) wird nunmehr in der Medizinisch Wissenschaftlichen Verlagsgesellschaft veröffentlicht. Tagungs- und Schriftenreihe erheben den Anspruch eines interdisziplinären Austauschs zu relevanten Themen der Forensischen Psychiatrie und wollen die Entwicklung des Faches und der damit verbundenen Diskurse abbilden. Die Fachtagung 2013 beschäftigte sich unter dem Titel „Das Böse behandeln“ aus forensischer Perspektive mit der Frage danach was „Das Böse“ ist, welche Erscheinungsformen es hat und wie diese ggf. zu behandeln sind.

Herausgeberin und AutorInnen

Dr. med. Nahlah Saimeh studierte Humanmedizin in Bochum und Essen, absolvierte eine Facharztausbildung und leitet nach Oberarzttätigkeit in der Allgemeinpsychiatrie zunächst die Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie in Bremen, seit 2004 ist sie ärztliche Direktorin der größten Maßregelvollzugsklinik Deutschlands am LWL-Zentrum für Forensische Psychiatrie in Eickelborn-Lippstadt.

Die Einzelbeiträge stammen von z. T. namhaften Vertretern des Faches.

Aufbau und Inhalt

Der thematisch nicht weiter gegliederte Sammelband beinhaltet 16 Beiträge, die sich mit unterschiedlichen Behandlungsfragen und Rahmenbedingungen der Therapie psychisch kranker Straftäter befassen.

Im Eröffnungsbeitrag beschäftigt sich Hedwig Eisenbarth mit dem Phänomen der Psychopathie bei Frauen. Sie referiert, dass hohe Ausprägungen von psychopathischer Persönlichkeit bei Frauen seltener vorkommen als bei Männern, die mittleren Psychopathie-Werte ebenfalls geringer sind, sich hochgradig psychopathische Frauen jedoch von der männlichen Vergleichsgruppe kaum unterscheiden. Auf Grundlage eigener Forschungsergebnisse beschreibt die Autorin, dass bei diesem Störungsbild vor allem ein Defizit in der Emotionsverarbeitung liegt und sich ein hoher Überschneidungsbereich zwischen der psychopathischen Persönlichkeit und der Borderline-Persönlichkeitsstörung besteht, was als Ursache für „eine Überschätzung von Borderline-Persönlichkeitsstörungen bei Straftäterinnen“ (3) gewertet wird. Die aktuellen Forschungsbefunde werden als insgesamt noch zu dürftig eingeschätzt, um daraus Ableitungen für die Gestaltung therapeutischer Angebote für diese Zielgruppe vornehmen zu können.

Hans-Ludwig Kröber nähert sich im zweiten Kapitel dem Phänomen der Empathie(forderung) in Tätertherapien. Er entlarvt den (therapeutischen) Sprachgebrauch als Modeerscheinung, die Forderung nach Empathie und entsprechenden Trainingsmaßnahmen als Fetisch, die Zuschreibung einer umfassenden Empathielosigkeit, v. a. in Bezug auf dissozial Persönlichkeitsgestörte als Annahme einer generellen Unmenschlichkeit. Seine Ausführungen legen nahe, dass die Forderung nach „mehr Empathie“ qua sprachlicher Ungenauigkeit nicht so problemlos erscheint. Straftäter können sich oft gut in die Gefühlswelt ihrer Umgebung und ihrer Opfer einfühlen. Sie haben allerdings wenig Anlass, das zu tun. Anstatt einer auf Empathiemangel konzentrierten Tätertherapie und „Reparatur an vermeintlichen Schwachpunkten der Persönlichkeit“ (19) empfiehlt Kröber eine Orientierung an positiven Merkmalen und Zielen: Selbstachtung, Selbstkontrolle, positive Emotionalität und soziale Einbindung führen, so der Autor, zu einer wesentlichen Verbesserung des Rückfallrisikos, wodurch ganz nebenbei zentrale Elemente der positiven Psychologie benannt werden.

„Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt“. Unter dieser Überschrift behandelt Monika Welzel die Anordnung besonderer Sicherungsmaßnahmen im Maßregelvollzug. Anhand zahlreicher Fallbeispiele beschreibt Sie die besonderen Bedingungen unter denen unmittelbarer Zwang und die Anordnung von Sicherungsmaßnahmen angeordnet werden können. Anlass für solche Situationen ist die Abwehr von Gefahren, die vom Patienten ausgehen. Als Leitlinie formuliert sie eine Haltung die nicht von übertriebenem Sicherheits- oder Fürsorgedenken geleitet wird.

Drei Beiträge befassen sich mit Formen ambulanter Nachsorge nach Haft bzw. Unterbringung im Maßregelvollzug und dem Verlauf der Wiedereingliederung nach Entlassung. Die Autoren belegen anhand eigener Forschungsergebnisse, dass u. a. ambulante Nachsorge ein geeignetes Mittel darstellt um erzielte Behandlungsergebnisse zu sichern und so die Rückfallgefahr zu minimieren.

„Zur Behandelbarkeit des ‚Bösen‘“ – so ist der Beitrag der Herausgeberin des vorliegenden Sammelbandes, Nahlah Saimeh betitelt. Die hier getroffenen „Anmerkungen zum ‚Bösen‘“ beziehen sich zunächst auf semantische, begrenzt philosophische und theologische Überlegungen, die nicht wissenschaftlich definierend, sondern deutlich im Sinn einer „forensisch-feuilletonistische(n) Annäherung“ (187) zu verstehen sind. „Das Böse“ wird als notwendiger Gegenpart zum „Guten“ formuliert, das allerdings eher als Frage: „Das Böse ist notwendiges Mittel, um das Gute überhaupt denken, erkennen, darstellen, erfahren zu können? Benötigen wir Böses, um besser zu werden?“ Aus medizinisch-psychiatrischer Perspektive gelingt die Definition verbindlicher. Als Böse, so Saimeh, gilt „alles, was sich dem Prinzip des Lebendigen entgegen stellt, was dem Lebendigen die Energie raubt … Böse nennen wir all das, was die Ausdrucksformen, die Möglichkeiten des Lebendigen in einem Lebewesen beschneidet, bedroht, vor der Zeit abbrechen lässt“ (193). Die Ausdrucksformen des so definierten Bösen sind Mord, Totschlag (in jeder Form), jeder Angriff auf das Leben und die Lebensgrundlagen (inkl. Vermögensdelikte). Saimeh analysiert, dass durch die Psychologisierung des Bösen als krankhafte Störung die Befreiung von moralischer Kategorisierung möglich ist, „das Böse“ das sich in normverletzenden Taten äußert behandelbar wird. Allerdings, und hier enden die Ausführungen, bleiben kriminaltherapeutische Behandlungen an der Oberfläche, fokussieren auf die Korrektur dysfunktionaler Denk- und Handlungsweisen und umgehen so den „Kern des Übels. … Zum ‚Bösen‘ vermag die Forensische Psychiatrie nicht durchzudringen“ (199).

Im Buch an letzte Stelle gesetzt, inhaltlich an den Beitrag zur Behandelbarkeit des Bösen anknüpfend befasst sich Hans Holzhaider mit dem „Menschen als Täter – dem Täter als Menschen“. Gegenstand dieser Ausführungen sind die persönlichen Frustrationserfahrungen (217) des Gerichtsreports Holzhaider der seit vielen Jahren über Gerichtsprozesse berichtet. Er bezweifelt dass abweichendes Verhalten, insbesondere das, psychisch kranker Straftäter im Rahmen einer Behandlung erreichbar ist, oder durch Strafe veränderbar ist. Denn: eine solche Behandlung „setzt Liebe voraus, und Liebe kann man nicht beliebig einfordern oder anbieten“ (221). Bestenfalls können sich Außenstehende ein Bild davon machen, wie es zu Fehlentwicklungen gekommen ist. Die Abwesenheit von Zuwendung, Liebe und Förderung, so ist aus den Zeilen des Autors und den vielen prominenten Fallbeispielen die er referiert herauszulesen, ist jedoch nicht umkehrbar. Allerdings führt Holzhaider diese Überlegungen nicht aus, deutet lediglich an, so dass der thematische Gehalt eher auf die Interpretationsfähigkeit des Lesers gestützt bleibt.

Neben den hier ausführlich besprochenen Beiträgen finden sich Kapitel zur Situation alternder Täter und Gefangener, zu Anforderungen in der strafrechtlichen Begutachtungspraxis, Finanzierung des Maßregelvollzugs, neurobiologischen Aspekten der Suchterkrankung, und zur (destruktiven) Dynamik in forensischen Institutionen und die sich daraus ableitende Notwendigkeit der Supervision.

Zielgruppe

Die Dokumentation der Eickelborner Fachtagung zu aktuellen Fragen des Maßregelvollzugs verfolgt, wie die Tagungen selbst, einen interdisziplinären Ansatz. Von den hier versammelten fachübergreifenden Themen und Beiträgen können alle Berufsgruppen die mit der Behandlung psychisch kranker Straftäter befasst sind profitieren

Diskussion

Das Böse. Der Titel des Buches suggeriert, dass es das Böse als fassbare Größe gibt. Dass das Böse, als greifbare Einheit im Menschen existiert. Für den Rezensenten ergibt sich eine deutliche Irritation: nach 25 Jahren praktischer Tätigkeit in der Forensischen Psychiatrie ist ihm „Das Böse“ bislang nicht begegnet. Vielleicht hat er es übersehen? Begegnet sind ihm: Leid, Entfremdung, Entwertung, Unsicherheit, Angst, Aggression, Gewalt, auch strukturelle Gewalt. Aber das Böse? Wir können es nicht in einer einheitlichen Theorie fassen, sie bleibt eine metaphysische Einheit, eine Metapher. Sind Metaphern behandelbar? Die Konstruktion des Bösen soll unfassbare Ereignisse und destruktives Verhalten begreifbar machen. Gleichzeitig ermöglicht eine solche Konstruktion Distanz: das ist böse. Indem Individuen solche Klassifikationen vornehmen behaupten sie für sich selbst eine positive Gegenposition: du bist böse, ich bin gut. Der Maßregelvollzug also als Kampf der Guten gegen die Bösen? Dann wäre da noch die spirituelle Draufsicht: das Böse in der Welt. Das Böse als wahrnehmbare Gestalt des Teuflischen. Das Böse also als absolute Metapher, die unsere begrenzten Vorstellungsmöglichkeiten wenigstens begrifflich fassbar machen will. Indem wir unbegreifliches in einen Begriff fassen und personifizieren (du bist böse) ermöglichen wir uns die Entlastung davon, eine real nicht existierende Macht nicht verstehen zu können.

Von diesen Themen ist im Tagungsband kaum etwas zu lesen. Die Beiträge bleiben an der Oberfläche der Konstruktion des Bösen und beschreiben, mehrheitlich differenziert und auf aktuellem Stand die Kunst der Behandlung destruktiven Verhaltens im Zwangskontext Maßregelvollzug. Einige der Aufsätze, z. B. Kröbers Überlegungen zum Empathie-Fetisch in Tätertherapien, oder Kammeiers Hinweise zur Neustrukturierung der Finanzierung des Maßregelvollzugs eröffnen neue Denkansätze. Andere Beiträge, z. B. die Befunde zur Wirksamkeit ambulanter forensischer Behandlung dokumentieren den aktuellen Stand des Wissens. Als Teil der Schriftenreihe zur Forensischen Psychiatrie erfüllt der Tagungsband die wichtige Funktion die stetige Entwicklung des Fachs zu protokollieren und der Praxis zur Verfügung zu stellen. Für diese Funktion wäre dann allerdings ein weniger polarisierender Titel ausreichend gewesen: Maßregelvollzug 3.0

Fazit

Die Schriftenreihe zur Forensischen Psychiatrie und der vorliegende Tagungsband geben einen kompakten Überblick zur aktuellen Entwicklung der Forensischen Psychiatrie, den gegenwärtigen Fragestellungen und zum Diskurs dieses Randbereichs mit der Gesellschaft. Für Fachkräfte im Bereich der Forensischen Psychiatrie ein „must have“ um die eigene Praxis kritisch zu reflektieren und neue Impulse zu bekommen.


Rezensent
Dr. phil. Gernot Hahn
Dipl. Sozialpädagoge (Univ.), Sozialtherapeut
Klinikum am Europakanal Erlangen Forensische Ambulanz
Homepage www.gernot-hahn.de
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Zitiervorschlag
Gernot Hahn. Rezension vom 05.05.2014 zu: Nahlah Saimeh (Hrsg.): Das Böse behandeln. MWV Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft (Berlin) 2014. ISBN 978-3-95466-057-5. Eickelborner Schriftenreihe zur forensischen Psychiatrie. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16829.php, Datum des Zugriffs 17.10.2017.


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