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Roland Atzmüller: Aktivierung der Arbeit im Workfare-Staat

Rezensiert von Christoph Hornbogen, 09.02.2015

Cover Roland Atzmüller: Aktivierung der Arbeit im Workfare-Staat ISBN 978-3-89691-941-0

Roland Atzmüller: Aktivierung der Arbeit im Workfare-Staat. Arbeitsmarktpolitik und Ausbildung nach dem Fordismus. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2014. 197 Seiten. ISBN 978-3-89691-941-0. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,90 sFr.
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Thema

Wie schon Karl Marx am Beispiel der aufkommenden Fabrikarbeit feststellte, „konfisziert“ die Arbeit „alle freie körperliche und geistige Tätigkeit“ (Marx, S. 445). Im fordistisch-tayloristischen Akkumulationsregime fand diese Bestimmung der LohnarbeiterInnen, „lebendige[s] Anhängsel“ eines von ihnen unabhängigen existierenden „toten Mechanismus“ zu sein, auf Grundlage einer technisch wie wissenschaftlich fundierten „Scheidung der geistigen Potenzen des Produktionsprozesses von der Handarbeit und d[er] Verwandlung derselben in Mächte des Kapitals über die Arbeit“ (ebd., f.) ihren bisher vollkommensten Ausdruck. Die zunehmende Automatisierung und Verlagerung arbeitsintensiver Industrien in andere Weltregionen markierten den Übergang zur postfordistischen Dienstleistungsgesellschaft. Welche Auswirkungen aber hat dies auf die Organisation der Arbeits- und Produktionsprozesse und die (Re-)Produktionsverhältnisse der Lohnabhängigen? Im Liberalismus kam den Arbeitshäusern die Rolle zu, ökonomisch Überflüssige und doppelt befreite Leibeigene für Manufaktur und Fabrik nutzbar zu machen. Ersetzt heute die die Despotie der Arbeitsagentur die der Fabrik für all jene, auf deren Reproduktion die „Republik des Marktes“ (Paschukanis) nicht unmittelbar angewiesen ist? In seiner vorliegenden Studie unternimmt Roland Atzmüller den Versuch, Inhalt und Form dieses neuen Produktionsparadigmas zu entschlüsseln.

Autor

Roland Atzmüller ist Assistenzprofessor in der Abteilung Theoretische Soziologie und Sozialanalysen an der Johannes-Keppler-Universität Linz. Seine Forschungsschwerpunkte sind Kapitalismus- und Gesellschaftstheorien, Sozial- und Arbeitsmarktpolitik, Theorien des (Wohlfahrts)Staats sowie (Berufs)Bildungs- und Arbeitsforschung. Er ist Herausgeber mehrerer Schwerpunktausgaben der sozialwissenschaftlichen Zeitschrift Kurswechsel und regelmäßig mit Aufsätzen in Fachpublikationen vertreten.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in sechs Kapitel unterschiedlichen Umfangs.

An die in der Einleitung vorgenommene zeitdiagnostische Kontextualisierung seines Forschungsinteresses schließen sich drei theoretisch ausgerichtete Kapitel an, in denen sich der Autor kritisch mit neomarxistischen Staatstheorie und Fordismus/Taylorismus-Forschung sowie (neo-)schumpeterianischen Theorien zu gesellschaftlichen Veränderungsprozessen auseinandersetzt.

Im fünften und mithin umfangreichsten Kapitel entfaltet Roland Atzmüller seine Gedanken zum titelgebenden Themenbereich.

Ein knappes Schlusskapitel schließt den Bogen zur Einleitung und dient der Rekapitulation und Zusammenfassung der in der Untersuchung erzielten Erkenntnisse.

Inhalt

Ausgangspunkt der vorliegenden Analyse ist die Frage nach den Zusammenhängen der „grundlegenden Veränderungen der Arbeits- und Produktionsverhältnisse wie auch der Reproduktionsbedingungen der Lohnabhängigen sowie des Wohlfahrtsstaates in den letzten Jahrzehnten“ (S. 18). Dazu schließt der Autor an die „neomarxistischen, politökonomischen Debatten zur Transformation des Staates“ (ebd.) an. Diese erforschten einerseits die Etablierung sog. Schumpeterianischer Wettbewerbsstaaten als Resultat der krisenhaften Ablösung des Fordismus, andererseits untersuchten sie die damit einhergehende Transformation der Wohlfahrts- zu Workfare-Systemen. Letzteres Konzept basiert auf der Verschiebung des öffentlichen Diskurses über Arbeitslosigkeit weg von deren gesellschaftlicher Dimension hin zu individueller Inverantwortungsnahme und äußert sich im Bereich der Arbeitsmarktpolitik in der Bindung staatlicher Transferleistungen an bestimmte Erwartungen bezüglich des Verhaltens und der Aktivitäten Arbeitsloser, die mittels Ausbaus immer restriktiverer Systeme von Kontrolle und Aktivierung durchgesetzt werden. Gegen die Überbetonung des Zwangscharakters beim Rückbau der dekommodifizierenden Effekte des Wohlfahrtsstaates in der herrschenden Forschung lenkt Atzmüller den Fokus auf die Reproduktion und Neuzusammensetzung der Ware Arbeitskraft als zentralem Feld der Durchsetzung eines umfassenden ökonomischen Strukturwandels (Vgl. S. 19). Vor dem Hintergrund der Transformation der gesellschaftlichen Arbeitsteilungen arbeitet er das Modell einer postfordistischen Regulationsweise heraus, „in der die grundlegende Instabilität und Krisenhaftigkeit dieser Entwicklungsphase der kapitalistischen Produktionsweise von den Individuen“ durch eine Dynamisierung des Gebrauchswerts ihrer Arbeitskraft selbst „bewältigt werden muss.“ (S. 20)

Anküpfend an Nicos Poulantzas, welcher die Entstehung des kapitalistischen Staats auf die spezifischen Formen der Arbeitsteilung zurückführte, versucht Atzmüller im Verlaufe seiner Untersuchung die Bedeutung der schumpeterianischen Dynamik aus einer gesellschaftstheoretischen Perspektive adäquat zu konzeptualisieren. Neben einem Rückgriff auf die entsprechenden Veränderungen der post-tayloristischen Formen einer Rücknahme der Arbeitsteilungen steht dabei die Untersuchung der „Neuzusammensetzung des Arbeitsvermögens bzw. der Bedingungen, unter denen die Ware Arbeitskraft gezwungen ist, auf den Arbeitsmärkten zu erscheinen“ (S. 21), im Vordergrund.

Entgegen aller bürgerlichen Staatstheorie bestimmte Poulantzas den Staat nicht als in sich abgeschlossene, quasi über der Gesellschaft stehende Entität, sondern als soziales Verhältnis, „genauer gesagt als die materielle Verdichtung eines Kräfteverhältnisses“ (S. 26). Die Grundlage der „institutionelle[n] Materialität des Staates und seine relative Trennung von der Ökonomie“ (Poulantzas, S. 80) sah dieser in den Produktionsverhältnissen und gesellschaftlichen Arbeitsteilungen gegeben. Damit ist diese Trennung „nur die bestimmte Form, die im Kapitalismus die konstitutive Präsenz des Politischen in den Produktionsverhältnissen und ihrer Reproduktion annimmt“, wenngleich wiederum das Politische „immer schon konstitutiv, wenn auch in unterschiedlichen Formen in den Produktionsverhältnissen und ihrer Reproduktion existiert.“ (ebd., S. 45) Atzmüller würdigt an dieser Konzeption, dass sie nicht nur die konstitutiven Zusammenhänge zwischen kapitalistischer Arbeitsteilung und Staat theoretisiert, sondern auch dessen grundlegend dynamischen Charakter und somit ihre Transformation ins Zentrum rückt (Vgl. S. 41).

Anhand wirtschaftspolitischer Strategien, die zunehmend auf die Sicherung von Innovations- und Veränderungsfähigkeit ausgerichtet sind, diskutiert Atzmüller die Veränderungsprozesse der konstitutiven Präsenz des Staates in den Produktionsverhältnissen im Übergang zum Postfordismus. Als grundlegend dafür gilt ihm die Finanzialisierung des Akkumulationsprozesses, welche in Permanenz die Anpassung der Arbeits- und Produktionsprozesse erzwinge. Die Jagd nach Extraprofit führt zu einem Bedeutungsgewinn von Innovationsprozessen, Unternehmertum und Wettbewerbsfähigkeit sowie deren staatlicher Förderung, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können. Die bei der dafür notwendigen Reorganisation des Staates (Übergang von Government zu Governance) auftretenden Gewichtsverschiebungen und Desorganisationstendenzen zwischen den einzelnen Ebenen und Apparaten möchte Atzmüller jedoch nicht als Bedeutungsverlust des Staates oder Entbettung der Ökonomie verstanden wissen (Vgl. S. 45). Vielmehr sei ein zunehmender Bedeutungsgewinn nicht-ökonomischer Faktoren zu beobachten, welche eher zur „sozialen und kulturellen Einbettung der Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit und der Nutzung sozialer und kultureller Faktoren als Ressourcen“ (S. 46) führe. Aus Sicht des Autors wird der Analyse dieses „sozialen Gehalt[s] von Innovationsprozessen […] als soziales Verhältnis bzw. genauer, als spezifische Reproduktionsweise der Produktionsverhältnisse und Arbeitsteilungen“ (S. 47) in der neueren staatstheoretischen Debatte keine oder nur sehr rudimentäre Aufmerksamkeit geschenkt. Dem entgegenstehend findet er gerade in neo-schumpeterianischen Interpretationen der Fordismus-Krise Analysen, „die eine gewisse Nähe zur Regulationstheorie aufweisen“ (S. 48), da deren evolutionistisches Verständnis der Entwicklung kapitalistischer Gesellschaften ebenfalls auf der sog. „Theorie der langen Wellen“ (Kondratiew-Zyklen) basiere. Allerdings wird auch hier der soziale und politische Gehalt von Innovationsprozessen nicht oder mit nur sehr verengtem Blick berücksichtigt, sodass diese im Endeffekt sogar entpolitisiert werden (Vgl. S. 50f.).

Ebendiesen Umstand will Atzmüller jedoch produktiv wenden, da die sozioökonomischen Analysen Schumpeters auf eine „sehr klare Art und Weise eine Reihe von Fragen zum gesellschaftlichen und politischen Gehalt von Innovationsprozessen auf[werfen].“ (S. 51) Zudem steht er mit der anerkannten Notwendigkeit einer staatlich institutionellen Einbettung von Veränderungsprozessen und der Kritik gleichgewichtstheoretischer Konzepte in Opposition zur hegemonialen Lehre der Neoklassik. Während Joseph Schumpeter noch die gesellschaftliche Willkür der unternehmerischen Führung zum Dreh- und Angelpunkt einer Entscheidung zu etwas außerhalb der Norm Stehenden betont, berücksichtigen neoschumpeterianische Ansätze unter dem Begriff der Unsicherheit auch die „nicht-intendierten und vorab nicht vorhersagbaren Auswirkungen“ von Innovationsprozessen, welche „die Reproduktion der Gesellschaft als Ganzes betreffen können.“ (S. 61). Damit wird das Verständnis innovativer Aktivitäten ausgedehnt, sodass auch die Veränderungs- und Anpassungsfähigkeit ökonomischer AkteurInnen als wesentlicher Bedingung von Innovationsprozessen in den Blick gerät. Dennoch gilt in neoschumpeterianischen Ansätzen weiterhin der technologische Wandlungsprozess als Motor der Geschichte und nicht die Klassenkämpfe, wie dies in der Regulationstheorie der Fall ist. Daher sind soziale Kämpfe in neoschumpeterianischen Konzepten „bestenfalls Medium der Anpassung an technisch induzierte Erfordernisse“ (S. 70), und die daraus resultierende Dynamik der Herrschaftsverhältnisse spielt folglich ebensowenig eine Rolle.

Im Anschluss an Karl Marx begreift Atzmüller Innovation und Veränderung aber als „spezifische Formen des Prozessierens der sozialen Verhältnisse im Kapitalismus, die sich nur in und durch Veränderungen reproduzieren können. Sie sind Medium und Ergebnisse der Bewegungen ihrer Widersprüche, die als Kämpfe um die Reproduktion des Kapitalismus aufzufassen sind.“ (S. 76) Um die vorherrschende kapitalistische Reproduktionsweise zu analysieren, bedarf es nach dem Begründer der Regulationstheorie, Michel Aglietta, weniger der „investigation of abstract economic laws“, wie Marx sie in seiner Kritik der politischen Ökonomie mit der Darstellung der „innere[n] Organisation der kapitalistischen Produktionsweise […] in ihrem idealen Durchschnitt“ (MEW 25, S. 839) vollzog, sondern einer historisch-materialistischen Untersuchung „of the transformation of social relations as it creates new forms that are both economic and non-economic, that are organized in structures and themselves reproduce a determinant structure, the mode of production.“ (Aglietta, S. 16)

Obgleich Atzmüller die krisenhafte Ablösung des fordistischen Akkumulationsregimes zum Anlass seiner Untersuchung nimmt, plädiert er dafür, die Transformation „nicht auf Phasen der Krise [zu] reduzier[en]“ und Regulation damit „nicht allein aus Perspektive einer Einhegung und Kanalisierung der sozialen Kämpfe“ (S. 78) aufzufassen. Dieser erweiterte Blick lasse nämlich den Reproduktionsprozess als generell dynamischen Entwicklungsprozess sichtbar werden, wonach denn auch unter der Krise einer Regulationsweise zuvorderst eine Krise des gesellschaftlichen Veränderungsmodus zu verstehen wäre. Folglich sei auch die gegenwärtig vorherrschende „Überbetonung der möglichen Kohärenz zwischen Regulation und Akkumulation(sregime) und der Orientierung an einer gelingenden Regulation“ aufzugeben und vielmehr „die grundsätzliche Instabilität und Offenheit der kapitalistischen Entwicklung wieder ins Zentrum zu rücken.“ (S. 79)

Im Folgenden untersucht Atzmüller den sozialen Gehalt der Veränderungsprozesse am Beispiel der Arbeit(skraft). Ausgangspunkt bilden dabei einige strukturelle Bedingungen der kapitalistischen Produktionsweise bzw. die Besonderheit einer bestimmten Ware, der Arbeitskraft, Wert zu schaffen, ohne selbst Wert zu sein. Denn mit dem Kauf der Ware Arbeitskraft erwerben Unternehmen lediglich das Potenzial der Ware, wertbildende Arbeit zu leisten. „Da aber die Arbeitskraft auch im Produktionsprozess an ihre TrägerInnen gebunden bleibt, kommt es nie zu einer eindeutigen und vollständigen Übertragung der Verfügungsgewalt über das Arbeitsvermögen an den/die UnternehmerIn, wie das in anderen Tauschakten von Waren oder Dienstleistungen der Fall ist.“ (S. 81) Ein kapitalistisches Unternehmen steht also vor dem Problem, wie das Arbeitsvermögen mehrwertbildend realisiert werden kann.

Während in der tayloristischen Produktionsorganisation des Fordismus auf die Entwicklung umfangreicher Kontroll- und Überwachungsstrategien und auf die Aneignung des ProduzentInnenwissens durch das Management gesetzt wurde, erfordert die auf permanenter Reorganisation der internen Prozessstrukturen basierende Produktion im Postfordismus von den Arbeitskräften die Fähigkeit zu anpassenden „Selbsttransformation in Lernprozessen“ (S. 94), wobei auch gezielt immaterielle, außerökonomische Fähigkeiten mobilisiert werden („Re-Subjektivierung“). Diese Wende, die den Lohnabhängigen mehr Selbstkontrolle, Selbstökonomisierung und Selbstrationalisierung im Interesse der Unternehmensanforderung und zum Erhalt bzw. zur Steigerung des Tauschwerts der eigenen Arbeitskraft abverlangt, will Atzmüller nicht einfach als Umkehrung der tayloristisch-fordistischen Dequalifikationsprozesse verstanden wissen, sondern als „Neuzusammensetzung des Arbeitsvermögens bzw. der Gebrauchswerts der Ware Arbeitskraft“ (S. 99). Dies wiederum verweist für ihn auf die Qualifikationsstruktur von Arbeitskräften als Feld sozialer Kämpfe. Atzmüller betont, dass „über den Zwang zur permanenten Anpassung des Humankapitals […] Lern- und Qualifikationsprozesse zu wesentlichen Mechanismen der aktiven hegemonialen Einbindung der Individuen“ (S. 103f.) wurden. Die soziale Rekonstruktion der Arbeitskraft stellt seines Erachtens eine „zentrale Dimension post-fordistischer Hegemonie dar“ (S. 104) und verweist nicht zuletzt auf die Transformation des Wohlfahrtsstaats.

In seiner Analyse dieses Transformationsprozesses wird für Atzmüller „notwendig, das eher statische Konzept der Reproduktion der Ware Arbeitskraft durch den Wohlfahrtsstaat einerseits zu dynamisieren, andererseits zu erweitern.“ (S. 111) Dazu knüpft er zunächst an Überlegungen Claus Offes an, welcher in Anlehnung an Karl Polanyi „auf die Notwendigkeit einer nicht-kapitalistischen Sicherung von Komplementärfunktionen zur Aufrechterhaltung der Gesellschaft“ (S. 113) insistierte. Da Offe jedoch einen intentionalistischen Erklärungsansatz von Sozialpolitik zurückweist und stattdessen auf die Konstitution bestimmter gesellschaftlicher Konfliktlinien und Kämpfe über die Warenform verweist, problematisiert für ihn gerade „die Form des Staates seine Funktionen“ (S. 115). Schließlich ist für den kapitalistischen Staat die Akkumulation, also die Sicherung und Herstellung der Warenform und v.a. des variablen Kapitals (Lohnarbeitskräfte), „zentraler Bezugspunkt seiner Aktivitäten und die Voraussetzung zur Erhaltung und Sicherung der öffentlichen Gewalten.“ (ebd.) Da im Kapitalismus durch die permanente Revolutionierung von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen eine „permanent imbalance between the job structure and individual abilities“ (Offe, S. 97) existiert, die vom Arbeitsmarkt nicht von selbst aufgehoben werden kann, bedarf es institutioneller Dispositive, die LohnarbeiterInnen „ermöglichen, zumindest zeitweilig nicht auf den Arbeitsmärkten agieren zu müssen.“ (S. 119)

Unter dreieinhalb Jahrzehnten neoliberalem Dauerfeuer sind diese in sozialen Sicherungssystemen institutionalisierten Ausnahmen zum Zwang zu Lohnarbeit stark eingeschränkt sowie damit verbundene Transferleistungen verringert worden. Dieses Fundament ist mit einem Bündel workfareistischer Restrukturierungen Arbeitsmarkt verstrickt, die Atzmüller als „Suchprozesse zur Entwicklung neuer sozialpolitischer Regulationsmechanismen“ charakterisiert, „die fähig sind, die […] Revolutionierung der Produktivkräfte einzubetten“ (S. 152) (Aktivierung, Qualifizierung). Er plädiert deshalb dafür, Workfare als eine „historisch spezifische Rekonfiguration bestimmter Funktionen von Sozialpolitik“ und damit als „Erneuerung der relativen Autonomie des Staates“ (ebd.) zu begreifen.

Dabei soll die „aktive Politik“ des Staates „nicht einfach die Folgen von Veränderungen im Nachhinein bewältigbar machen, sondern vielmehr die Veränderungsprozesse selbst gestalten und regeln“, indem die Staatsapparate so reorganisiert werden, „dass nicht prognostizierbare Erfordernisse verarbeitbar und mithin also neue Formen des Krisenmanagements und der Externalisierung der Krisenprozesse durchgesetzt werden können.“ (S. 154) Das erforderte im Ausgang des Fordismus einen „grundlegenden Umbau der staatlichen Apparate und regulatorischen Instanzen und ihrer Beziehungen zur kapitalistischen Ökonomie“ für einen Regulationsmodus, „der Kontingenz selbst zu einer Herrschaftsform macht“ und „Unsicherheit als Medium gesellschaftlicher Reproduktion“ (S. 155) etabliert. Das heißt, dass die Bewältigung „der daraus resultierenden konstitutiven Instabilität und der permanente Adaptierungsdruck im Umbau der Arbeitsmarkt- und sozialpolitischen Apparate auf die Individuen verlagert werden.“ (S. 156) Diese „Individualisierung“ sollte nach Atzmüller jedoch nicht als „Rückzug des Staates“ gedeutet werden. Vielmehr werde in diesem Zusammenhang die „Subjektivität, die Konstitution der Individuen, selbst zum Gegenstand staatlicher Politik“ (ebd.)

Mit Rückgriff auf hegemonietheoretische Überlegungen Antonio Gramscis widmet er sich abschließend der daraus hervorgehenden Subjekt(iven) Seite dieses veränderten Herrschaftsverhältnisses. Da Workfare im Gegensatz zum Wohlfahrtsstaat nicht auf Vollbeschäftigung, sondern auf „Beschäftigungsfähigkeit“ (employability) ausgerichtet ist, werden „gesellschaftliche Entwicklungstendenzen und insbesondere Krisenerscheinungen in pädagogische Fragen […] übersetz[t] und damit zu Problemen der Bildung und Qualifikation sowie der Lernfähikeit der Arbeitskäfte [… ge]mach[t].“ (S. 168) Auf der anderen Seite wird in Bildungs- und Lernprozessen das Subjekt, das im Arbeitsprozess wirkt, selbst zum Gegenstand seiner Aktivitäten. (Vgl. S. 169) Das mit den kapitalistischen Produktionsverhältnissen verbundene Herrschaftsverhältnis wird für Atzmüller damit unsichtbar und Hegemonie dynamisiert. Ansprüche auf Selbstbestimmung und Subjektivität, wie sie im Bedürfnis nach höherer Bildung zum Ausdruck kommen, werden durch die neoliberale Kommodifizierung der Ausbildungs- und Schulsysteme entpolitisiert und individualisiert. (Vgl. S. 173) Die Lohnabhängigen machen sich durch die von ihnen geforderte Verhaltensweise permanent selbst prekär. Klassenverhältnisse werden zu Medium und Ergebnis ihrer eigenen Aktivitäten. Darin besteht für ihn die „postfordistische Regulationsweise“ (S. 176).

Diskussion

Diese ausführliche theoretische Herleitung einer postfordistischen Regulationsweise hat ihre Schwachstelle in der empirischen Fundierung. Über das gesamte Buch hinweg werden behauptete Tendenzen kaum mit empirischem Datenmaterial unterlegt. An einer bedeutenden Stelle, wo dies ausnahmsweise geschieht, widerspricht es auf materieller Ebene gar dem von Atzmüller postulierten Gewicht und wird deshalb von ihm auf den zahlenmäßig kaum erfassbaren Bereich der „ideologisch[en] und politisch[en …] Auseinandersetzung um die Sozialen Sicherungssysteme“ verschoben (Vgl. S. 144f). Nicht, dass Atzmüller nicht bestehende kritische Nachfragen hinsichtlich der „Reichweite der skizzierten Veränderungen“ aufwirft, da diese „eher auf hochtechnologische Bereiche zukunftsträchtiger Industrie- und Dienstleistungen […] zuzutreffen scheinen“ (S. 101) – sie bleiben nur unbeantwortet.

Ähnlich verhält es sich mit seiner Kritik an der „technisch-deterministische[n] Lesart der wirtschaftlichen Zyklen“ (S. 71) des neoschumpeterianischen Innovationsbegriffs. Anknüpfend an Antonio Negri vertritt er dagegen die Ansicht, dass „capitalist innovation is always a product, a compromise or a response, in short a constraint which derives from workers´ antagonism.“ (Negri zit. in S. 76) Während Atzmüller also dem neoschumpeterianischen (und auch manch neomarxistischen) Verständnis von Innovation die Ignoranz seiner Einbettung in gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse vorwirft, schmälert er seinerseits die Bedeutung der technischen Produktivkraftentwicklung und lässt außerdem die Rolle des „Zwangsgesetzes der Konkurrenz“ (Heinrich, S. 106) als Motor der relativen Mehrwertschöpfung durch Produktivkraftentwicklung völlig unberücksichtigt. Dabei heißt es zumindest zum ersten Punkt noch beim jungen Marx, dass „jede neue Produktivkraft, sofern sie nicht eine bloß quantitative Ausdehnung der bisher schon bekannten Produktivkräfte ist […,] eine neue Ausbildung der Teilung der Arbeit zur Folge“ (Marx/Engels, S. 22, Hervorhebung von mir) hat. Dieses implizite Anknüpfen an die neomarxistische Strömung des Postoperaismus führt auch an anderen Stellen zu theoretischen Verschiebungen, etwa wenn aus dem von Marx einmal(!) in einem Manuskript benutzten Begriff des general intellect bei Atzmüller gleich ein „marxsche[s] Konzept“ (S. 95) wird.

Gleiches gilt auch für das Heranziehen der populären Theorie eines „finanzgetriebenen Akkumulationsregimes“, dass die Unternehmen „zur permanenten Reorganisation der internen Prozessstrukturen“ zwinge und den „Innovationsdruck erhöh[e].“ (S. 92) Dagegen machte Wolfgang Fritz Haug bereits vor ein paar Jahren stark, dass „die finanzspekulativen Begleiterscheinungen […] keine oder allenfalls ergänzende Epochenmerkmale“ hergäben. Denn „sie tauchen in allen Epochen der Geschichte des Kapitalismus auf und bezeichnen eher Phasen innerhalb der jeweiligen, qualitativ spezifischen Epoche, als dass sie diese Epoche selbst in ihrer Besonderheit fassten.“ (Haug, S. 101)

Positiv hervorzuheben sind hingegen die anschauliche Analyse des Transformationsprozesses vom Fordismus zum Postfordismus, die Kritik der Selbstabkapselung der französischen Regulationsschule und jene am Konzept des (rechts)sozialdemokratischen social investment state. Besonders instruktiv lesen sich die Einleitung und das vierte Kapitel zur Veränderung der Arbeit. Außerdem arbeitet Atzmüller gut heraus, weshalb das Politikfeld der (Aus)Bildung und der Angriff auf die Pensionssysteme wesentliche Austragungsorte gesellschaftlicher Konflikte im Neoliberalismus geworden sind. Nicht selten sind es gerade die beiläufig angeschnittenen Themen, die zum Weiterdenken inspirieren. Das Anknüpfen an das Innovationskonzept neoschumpeterianischer Analysen schärft den Blick für fortlaufende soziale Veränderungsprozesse, die im Zusammenhang mit inkrementellen Revolutionen stehen.

Stellenweise nervenaufreibend ist die sprachliche Gestaltung des Buches. Redewendungen wie „meines Erachtens“ und „nicht zuletzt“ finden sich vermutlich auf jeder Seite, des Öfteren auch mehrmals im selben Absatz. Hier täte eine Überarbeitung vor weiteren Auflagen und ein genaueres Lektorat bei zukünftigen Büchern gut.

Fazit

Mit dem Aufkommen der kapitalistischen Industrie beobachtete Karl Marx, dass „nicht mehr der einzelne Arbeiter, sondern mehr und mehr ein social combinirtes Arbeitsvermögen der wirkliche Functionär des Gesamtarbeitsprocesses“ (MEW 23, S. 369f.) werde. Da der Kapitalismus eine revolutionäre Produktionsweise sei, wälze er „beständig mit der technischen Grundlage der Produktion die Funktionen der Arbeiter und die gesellschaftlichen Kombinationen des Arbeitsprozesses um.“ (Marx, S. 511) Diese Umwälzungen benötigen wie „beding[en] daher Wechsel der Arbeit, Fluß der Funktion, allseitige Beweglichkeit des Arbeiters.“ (ebd.) Im sog. Postfordismus bricht sich diese in den fordistischen Ausnahmejahrzehnten verschüttete Erkenntnis wieder Bahn. Roland Atzmüller ist in seiner vorliegenden Studie vor allem der Frage nachgegangen, welche Auswirkungen die sich verändernden Arbeits- und Produktionsprozesse auf die Reproduktionsbedingungen der Lohnabhängigen haben. Besonderes Augenmerk widmet er in diesem Zusammenhang der Transformation vom Wohlfahrts- zum Workfare-Staat. Im Unterschied zu bestehenden Analysen betont Atzmüller dabei nicht die repressive Seite der Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik, sondern diejenige, die auf die Schaffung und Absicherung der employability von erwerbsfähigen BürgerInnen zielt. Damit eröffnet er auch das Feld der Aus- und Weiterbildung als zentralem Politikfeld, das „noch über national verfasste Politiken zu beeinflussen ist.“ (S. 160) Neben dieser Erweiterung einer neomarxistischen Staatstheorie des postfordistischen Workfare-Staats ist es besonders die daran angeschlossene Diskussion um die beiden schlechten Alternativen eines neoliberalen race to the bottom oder eine (rechts)sozialdemokratischen social investment state, die seine Untersuchung zu einer empfehlenswerten Lektüre werden lässt.

Literatur

  • Aglietta, Michel: A theory of capitalist regulation. The US experience, London 2000.
  • Haug, Wolfgang Fritz: Hightech-Kapitalismus in der großen Krise, Berlin 2012.
  • Heinrich, Michael: Kritik der politischen Ökonomie. Eine Einführung, Stuttgart 2005.
  • Marx, Karl: Das Kapital. Bd. 1 (MEW 23).
  • Marx, Karl / Engels, Friedrich: Die deutsche Ideologie (MEW 3), S. 5-530.
  • Offe, Claus: Contradictions of the Welfare State, London 1984.
  • Paschukanis, Eugen: Allgemeine Rechtslehre des Marxismus. Versuch einer Kritik der juristischen Grundbegriffe, Frankfurt am Main 1970.
  • Poulantzas, Nicos: Staatstheorie. Politischer Überbau, Ideologie, autoritärer Etatismus, Hamburg 2002.

Rezension von
Christoph Hornbogen
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Es gibt 11 Rezensionen von Christoph Hornbogen.

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Zitiervorschlag
Christoph Hornbogen. Rezension vom 09.02.2015 zu: Roland Atzmüller: Aktivierung der Arbeit im Workfare-Staat. Arbeitsmarktpolitik und Ausbildung nach dem Fordismus. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2014. ISBN 978-3-89691-941-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16843.php, Datum des Zugriffs 05.10.2022.


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