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Jörg Helbig, Arno Rußegger u.a. (Hrsg.): Visuelle Medien

Cover Jörg Helbig, Arno Rußegger, Rainer Winter (Hrsg.): Visuelle Medien. Herbert von Halem Verlag (Köln) 2014. 255 Seiten. ISBN 978-3-86962-060-2.

Reihe: Klagenfurter Beiträge zur visuellen Kultur - Band 1.
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Visuelle Identität

Die faktische und real existierende Visualisierung der Welt wird in der Spannweite von „Kulturverlust“ und „Kulturgewinn“ diskutiert. Die Fragen, ob Äußerlichkeit ein Wert an sich ist ( siehe dazu: www.socialnet.de/materialien/179.php), sich zur „Verwertbarkeit“ aufmandelt oder schrumpft (www.socialnet.de/materialien/168.php) oder die anstrengende wie gleichzeitig notwendige Frage nach der Identität des Individuums und anthropischen Gemeinschaftswesens (www.sozial.de/index.php) – immer geht es um die Auseinandersetzungen darüber, welchen Einfluss visuelle Medien im alltäglichen und gesellschaftlichen Denken und Handeln der Menschen einnehmen.

Entstehungshintergrund und Herausgeberteam

Über den „cultural turn“ wird in den Kultur- und Sozialwissenschaften seit einiger Zeit intensiv nachgedacht; und zwar sowohl in der textlichen Auseinandersetzung mit den Fragen und Veränderungsprozessen von Kultur, als auch als „visual turn“. Bilder, das ist eine Tautologie, sind wirkmächtige Einflussfaktoren, die menschliches Dasein in allen Lebensbereichen umfassen (Rudolf W. Keck / Sabine Kirk / Hartmut Schröder, Hrsg., Bildungs- und kulturgeschichtliche Bildforschung, 2006, www.socialnet.de/rezensionen/4005.php). Die kulturellen Bilderwelten, die alltäglich als visuelle Medien auf das Leben der Menschen einströmen, bedürfen in der sich immer interdependenter, entgrenzender und visueller entwickelnden Welt unserer besonderen Aufmerksamkeit; und zwar in zweierlei Hinsicht: Zum einen, um die Bedeutung von visuellen Wahrnehmungen für ein gutes und gelingendes Leben der Menschen überall in der Welt zu erkennen; zum anderen, um gegen die manipulativen und hegemonialen Wirkungen gewappnet zu sein (Alice Pechriggl / Anna Schober, Hrsg., Hegemonie und die Kraft der Bilder, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/15903.php).

An der Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Alpen-Adria-Universität in Klagenfurt besteht seit 2005 die Arbeitsgemeinschaft „Visuelle Kultur / Bild- und Filmwissenschaft“, die sich seit dem Frühjahr 2008 als „Arbeitskreis Visuelle Kultur“ als interdisziplinärer Forschungsschwerpunkt entwickelt hat. Die Forschungsfragen und -ergebnisse werden in regelmäßig stattfindenden Ringvorlesungen präsentiert und diskutiert. Mit der Herausgabe des ersten Sammelbandes legen der Literatur- und Kulturwissenschaftler Jörg Helbig, der Germanist Arno Rußegger und der Medien- und Kulturtheoretiker Rainer Winter kultur-, film-, literaturwissenschaftliche und psychologische Beiträge vor, mit denen ein Überblick über die wesentlichen Konzepte der Visuellen Kultur in den einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen gegeben wird. Sie sollen es ermöglichen, im Wissenschaftsdiskurs den notwendigen, fächerübergreifenden Blick zu ermöglichen.

Aufbau und Inhalt

Es sind, neben der einleitenden Positionierung des Forschungs- und Themenbereichs durch die Herausgeber, elf Beiträge, die im Sammelband präsentiert werden: Der Medien- und Kommunikationswissenschaftler Matthias Wieser skizziert mit seinem Vortrag „Visual turn und Visual Culture Studies“ die wissenschaftliche und Forschungsentwicklung, wie sie sich in den Kultur- und Sozialwissenschaften als „visual“ –, „iconic„- und „pictorial turn“ darstellen. Er verweist auf Perspektiven und Fallen, die sich durch „das Visuelle als eigenen Modus neben dem Schriftlichen und Mündlichen“ zeigen. Er macht deutlich, dass es einer besonderen Aufmerksamkeit bedarf, um Visualität nicht isoliert zu betrachten, sondern „das Visuelle in Beziehung zum Taktilen, Auditiven, Sprachlichen und Körperlichen zu setzen“.

Der Psychologe und Psychotherapeut Axel Krefting stellt mit seinem Beitrag “ Bildwahrnehmung und die Arbeit des Unbewussten“ Überlegungen zur Psychoanalyse des Visuellen an. Er diskutiert die ikonologischen und ikonografischen Bilddeutungen, wie sie sich aus den Konzepten zum psychoanalytischen Bildverständnis ergeben und verweist auf die als unbewusste Dimensionen der Bildwahrnehmung wirkenden, ästhetischen und schöpferischen Erfahrungen. Die Diskrepanz wie auch die Mächtigkeit und Wirklichkeit, dass Bilder „Wahrheit“ konstruieren, und zwar „innerhalb bestehender Vorstellungen von der Welt und konkreter Machtverhältnisse“, macht es aus psychoanalytischer Betrachtung notwendig, sich für die „ästhetische Erfahrung“ zu öffnen und so die wirkungsmächtige Analyse durch eine dialogische Betrachtung zu erweitern.

Jörg Helbig definiert den Film „als dynamisches, zeitlich determiniertes Medium“, wenn er mit seinem Beitrag „First Impressions“ auf die Bedeutung des ersten Bild in Spielfilmen hinweist und mit seinen medialen Forschungen die Relevanz des ersten Bildeindrucks thematisiert. An verschiedenen Filmbeispielen zeigt er auf, „Wie sich durch einen hybriden Ansatz Methoden der Bild- und Filmanalyse gegenseitig befruchten können“, gleichzeitig aber durch die Dynamik des Filmverlaufs und -inhalts Grenzen und ganzheitliche Betrachtungsweisen ins Spiel kommen.

Arno Russegger reflektiert mit seinem Beitrag „Filmgeschichte, resycelt“ die Ästhetik der Ungleichzeitigkeit im Film. Er stellt das aktuelle, filmhistorische Bewusstsein auf den Prüfstand. Er verwirft, weil „am wenigsten realisierbar“, den Gedanken an eine generelle Geschichte der Audiovision, sondern spricht sich dafür aus, dass „Filmgeschichte heute ( ) dem Zweck dienen (muss), den derzeitigen Stand der institutionellen, technischen, wahrnehmungspsychologischen und wirtschaftlichen Entwicklung des Mediums aus den komplexen Zusammenhängen zwischen Ökonomie, Politik und Ästhetik zu erhellen“.

Stefani Brusberg-Kiermeier vom Institut für englische Sprache und Literatur an der Universität Hildesheim setzt sich mit „Alfred Hitchcocks Kinematografie des “ auseinander. Sie zeigt auf, „dass Hitchcock durch seine Bildsprache als Pionier des Erzählens im Film und insbesondere als Pionier des unzuverlässigen Erzählens im Film zu gelten hat“. Die scheinbaren Widersprüche klärt sie auf, indem sie am Beispiel von François Truffauts Buch „Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?“ und an ausgewählten Filmsequenzen den „Strudel der Gefühle“ thematisiert, der sich im Hitchcocks Genie, wie in den emotionalen wie intellektuellen Elementen, etwa des „Mindfuck-Movies“, versammeln.

Der Bremer Kunstwissenschaftler und -pädagoge Irmbert Schenk diskutiert in seinem Beitrag „Wie Michelangelo Antonioni Geschichte(n) erzählt“, die Diskrepanz von Kausalität versus Kontingenz, indem er die Arbeiten des italienischen, filmästhetischen Neuerers Michelangelo Antonioni (1912 – 2007) vorstellt und auf die „Defizite in den Identitätskonstruktionen der Menschen in der Moderne“ verweist. Schenk verweist in seinen Beispielen zu den ausgewählten Filmen auf „ein prozessuales Gewebe von Filmform und Filmsinn, das immer deutlicher die Frage der subjektzentrierten Sinnhaftigkeit des Geschichtenerzählens resp. Der Kontingenz des Geschichtsverlaufs stellt, die ein zentrales Kennzeichen der Moderne im Übergang zur Postmoderne darstellt“.

Rainer Winter vergleicht in seinem Beitrag „Die modernen und postmodernen Oberflächen der Welt“, wenn er über die Ästhetik bei Antonioni und Wong Kar-Wai nachdenkt. Die zentrale Bedeutung, die Antonionis filmisches Schaffen für die Moderne zugeschrieben wird, findet ihren Ausfluss auch in den Filmen des aus Hongkong stammenden Wong Kar-Wais. „Antonionis visuelle Technik, Menschen, Gebäude oder Dinge sowie Dinge mit Dingen assoziativ miteinander zu verknüpfen, ist … dem Prinzip der Gleichheit verpflichtet“. Der Anspruch der beiden Filmemacher und Regisseure richtet sich an einen „emanzipierten Zuschauer“, der in der Lage ist, aktiver Interpret zu sein.

Désirée Kriesch vom Institut für Anglistik der Universität Innsbruck stellt fest: „Don´t trust your mind“, wenn sie über die verdeckte Inszenierung des langen Schwindels am Beispiel der Lost-Episode The Long Con schreibt. Die Darstellung eines Täuschungsmanövers im Film zeigt sich als inszenatorisches Dilemma: „Je deutlicher er den Zuschauern als solcher kenntlich gemacht wird, desto weniger können sie die Erfahrung des Getäuschten … nachvollziehen“. Am Beispiel des 2006 in den USA unter der Regie von Roxann Wilson gedrehten Films „The Long Con“ und der US-amerikanischen Fernsehserie LOST zeigt die Autorin auf, „dass es möglich ist, Rezipienten kommunikativ über das Vorliegen eines long con innerhalb der Handlung hinwegzutäuschen, obwohl das Geschehen nicht exklusiv aus Sicht der getäuschten Figuren wahrgenommen wird“.

Die Kommunikationswissenschaftlerin Brigitte Hipfl setzt sich in ihrem Beitrag „tschuschen: power“ mit der gleich benannten, in fünf Episoden gegliederten Serie auseinander, die 2009 im österreichischen Fernsehen gezeigt wurde. Sie fragt nach dem ermächtigenden Potential, den Diskursen und Affekten und den Intentionen und (geplanten) Interventionen, wenn es um die Diskussion des Alltagslebens von Wiener Jugendlichen mit sogenanntem „Migrationshintergrund“ geht. Das abwertende Schimpfwort „Tschusch“ wird in der Serie umgedreht und gewinnt ein „ermächtigendes Potential“ hin zu einer Akzeptanz und Empathie.

Die Sprach- und Literaturwissenschaftlerin Simone Puff analysiert in ihrem Beitrag „Light vs. Dark“ die Bedeutung der Hautfarbe in der afroamerikanischen Zeitschrift „Ebony“. Sie diskutiert an mehreren Beispielen, wie sich ein „verinnerlichter Rassismus“ anhand einer visuellen Repräsentation von Hautfarbe darstellt und wirkt. Ihre Analyse verdeutlicht in beeindruckender Weise, wie Farbe – Schwarz / Weiß – und Verhältnis zwischen Bild und Text – Hell / Dunkel – zu mehrdeutigen Kommunikationsmitteln werden, die abhängig sind von der Interpretation der jeweiligen Betrachter.

Den Schlussbeitrag im Sammelband liefert René Schallegger von der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Sein Thema: „Gezeichnete Literatur“. Er diskutiert Begrifflichkeiten, Entstehungsgeschichte, Theoriebildungen und die je unterschiedlichen Vorzeige- und Wirkungsweisen von Comics; er setzt sich mit den Kritikern auseinander und plädiert dafür, eine Theorie zu entwickeln, die Bildsprache der Comics als Kunstform, neben Film und Fotografie, zu etablieren.

Fazit

Die kulturelle Konstruktion des Visuellen bedarf der intellektuellen und wissenschaftlichen Aufmerksamkeit. Der Sammelband vermittelt Eindrücke darüber, wie sich der kultur-, film-, literaturwissenschaftliche und psychologische Diskurs vollzieht, welche Herausforderungen notwendig sind, um theoretische und praktische Zugänge zu den visuellen Medien zu finden, aber auch Fehlentwicklungen im Kulturverständnis der Menschen zu vermeiden. Die Klagenfurter Beiträge zur Visuellen Kultur lassen für die gegenwärtige und zukünftige Diskussion um den den visual, iconic und picorial turn noch interessante und zielführende Denkanstöße und Ergebnisse erwarten.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 26.05.2014 zu: Jörg Helbig, Arno Rußegger, Rainer Winter (Hrsg.): Visuelle Medien. Herbert von Halem Verlag (Köln) 2014. ISBN 978-3-86962-060-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16844.php, Datum des Zugriffs 19.08.2019.


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