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Kelly G. Wilson: Achtsamkeit für Zwei

Cover Kelly G. Wilson: Achtsamkeit für Zwei. Die therapeutische Interaktion im Rahmen der Akzeptanz- und Commitment-Therapie. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2014. 324 Seiten. ISBN 978-3-456-85288-1. D: 39,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 39,90 sFr.
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Thema

Bereits im Titel finden sich die drei Themen wieder, welchen sich der Autor, Kelly G. Wilson in vorliegendem Buch widmet. Dies ist nicht weiter verwunderlich, da sämtliche Themen unmittelbar miteinander verbunden sind. Primär geht es Wilson um die therapeutische Beziehungsgestaltung und die zwischenmenschliche Interaktion im therapeutischen Setting. Jenseits von fachlichen Qualifikation fokussiert der Autor auf die Achtsamkeit, die empathische und offene Anwesenheit des Therapeuten als wichtigem Wirkfaktor. Etwas subtiler geht es um die Präsenz des Therapeuten und dessen Bereitwilligkeit, aus jeder Sitzung, jeder Stunde das Beste zu machen. Natürlich ist diese Erkenntnis alleine keine Neuheit, da eine gleichschwebende Aufmerksamkeit und eine unbedingte Wertschätzung seit langem unverzichtbarer Bestandteil therapeutischer Prozesse sind. Dennoch umfasst Achtsamkeit im Sinne der Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT, englisch gesprochen) auch das empathische Einbringen des Therapeuten in die gemeinsame Arbeit und erweitert damit den Fokus auf die therapeutische Dyade. Aus der eigenen langjährigen therapeutischen sowie Ausbildungserfahrung schöpfend, stellt Wilson fest, dass gerade diese achtsame Anwesenheit durchaus schwierig sein kann, gleichwohl jedoch erheblichen Einfluss auf das Ergebnis des therapeutischen Prozesses haben kann. Mitunter anhand der eigenen Entwicklung möchte der Autor daher seine Haltung, die gleichzeitig eine genuine ACT-Haltung ist, vermitteln, um möglicherweise vorhandene Berührungsängste mit dem persönlichen Einbringen in Therapiesitzungen abzubauen und Ideen, Übungen und Strategien zu vermitteln, um die eigene Persönlichkeit bewusster in die zwischenmenschliche Waagschale zu werfen.

Autoren

Kelly G. Wilson ist Professor für Psychologie an der University of Mississipi, USA. Dort ist er Direktor des Mississippi Center for Contextual Psychology und Gründer von OneLife Education Training. Er gilt als Mitbegründer der Akzeptanz- und Commitmenttherapie (ACT) und ist (Co-)Autor mehrerer grundlegender Bücher zum Thema. Er gibt weltweit Workshops und betreibt einen eigenen Blog.

Troy DuFrene ist Autor und Herausgeber mit einem Fokus auf psychologische Themen.

Entstehungshintergrund

Ein wichtiger Startpunkt für die Konzeption des Buches war ein eher zufälliges Aufeinandertreffen von Wilson und Jon Kabat-Zinn, dem weltweit führenden Vertreter achtsamkeitsbasierter Ansätze in der Psychotherapie. In einem Gespräch über die Praxis der Achtsamkeit wurde Wilson bewusst, in welchem Maße er selbst Achtsamkeit betreibt und inwiefern ihn dies möglicherweise von anderen Herangehensweisen unterscheidet. Eine wesentliche Erkenntnis war der ihm eigene Zugang zur Achtsamkeit aufgrund der Unfähigkeit, seinen Klienten aufmerksam zuzuhören. Diese Erkenntnis und die offene Art damit umzugehen, wird im Vorwort verdeutlicht. Darin beschreibt Wilson die eigene Entwicklung, vom Erkennen flüchtiger Emotionen in therapeutischen Gesprächen bis hin zur Durchführung von Trainings und von Forschungsprojekten zur achtsamen Präsenz, was wiederum in offene Fragen und einer ersten Idee zum vorliegenden Buch mündete.

Aufbau

Nach Geleitwörtern von Michael Waadt sowie Steven Hayes, John Forsythe und Georg Eifert umreißt Kelly Wilson sein Vorhaben in Form eines Vorworts. Darauf folgen acht Kapitel, die Übungen und anschauliche Grafiken enthalten. Neben einem Nachwort enthält das Buch einen Anhang mit Materialien sowie Hinweisen für empfohlene Literatur. Das Buch ist im Wesentlichen ein Lesebuch, grafische Auflockerungen sind daher sparsam eingearbeitet.

Inhalt

Kapitel 1: Wie man sich mit dem Menschsein konfrontiert. Mit dem ersten Kapitel stellt Wilson klar, dass es sich nicht nur um ein Buch handelt, das von persönlichen Erfahrungen geprägt ist, sondern dass es darüber hinaus auch ein Buch ist, dass persönliche Aspekte eines jeden Lesers ansprechen möchte. So erläutert Wilson zu Beginn sein Credo, gleichzeitig auch wichtige Grundvoraussetzung des ACT-Ansatzes, dass Schmerz eine unumgängliche Tatsache menschlichen Lebens ist, und uns allen gemein. Anhand von individuellen Beispielen führt er den Leser durch Statistiken zur Häufigkeit von psychischen Erkrankungen und strickt daran, einen akzeptierenden Blickwinkel auf diese Gegenwärtigkeit zu schaffen. Anhand zahlreicher Übungen nimmt er den Leser an die Hand, Schmerz bei sich und anderen zu spüren und sich auch nahegehen zu lassen. Davon ausgehend entlarvt er die ebenso menschliche Tendenz, Schmerz nicht aushalten zu wollen und sofort nach Lösungen zu suchen, was wiederum Leiden mit sich bringen kann. Mit der Idee im Hinterkopf, Menschen in ihrer Individualität so nicht mehr gerecht werden zu können, zeigt Wilson Möglichkeiten auf, sich auf wertschätzende Art und Weise dem Menschen zu öffnen, um so auch die eigene Verletzlichkeit zum Thema zu machen. Diese nicht sofort zugängliche Sichtweise gipfelt im schönen Beispiel, ob Klienten eher als Matheaufgaben, oder doch eher Sonnenaufgänge verstanden werden.

Kapitel 2: Einführung eines Klinikers in die Stimuluskontrolle. Im zweiten Kapitel beschäftigt sich Kelly Wilson mit seiner Sichtweise auf den Behaviorismus. Zu Beginn knüpft er an den „vereinfachten“ Behaviorismus an, der meist mit Hebel drückenden Ratten und pickenden Tauben verbunden ist und damit wesentlicher Bestandteil der akademischen Ausbildung. Relativ schnell jedoch wird der Blickwinkel hin zum kontextuellen Behaviorismus erweitert, der ohne weiteres mit den Ansichten von B.F. Skinner vereinbar ist, der ja als einer der wesentlichen Vertreter gilt. Jenseits von tradierten Stereotypen wird die behavioristische Sichtweise auf das menschliche Verhalten durch Denken und Fühlen erweitert, die Sinnhaftigkeit von verhaltensanalytischen Herangehensweise verdeutlicht, bis es im wesentlichen um den Einfluss des Kontexts auf das Verhalten geht. Zwar technisch, dabei aber verständlich diskutiert der Autor das Verhältnis von Reaktionen auf Stimuli, das sich in Abhängig von kontextuellen Bedingungen oftmals neu gestaltet. Unter diesem Aspekt nimmt Wilson auch den therapeutisch tätigen Leser in die Pflicht, sich des eigenen Stimuluscharakters stärker bewusst zu werden und der durch ihn geschaffenen Kontextvariablen zu vergegenwärtigen.

Kapitel 3: Das Hexaflexmodell und Achtsamkeit aus der Perspektive der ACT. Auch wenn in den vorherigen Kapiteln bereits die Rede von ACT war, stellt Wilson das Modell und die Kernannahmen erst im dritten Kapitel vor. Im sog. Hexaflexmodell, einer Art grafischer Vernetzung, werden die Kernkonzepte von ACT miteinander in Beziehung gesetzt. Wilson stellt diese einzeln vor und räumt mit Unklarheiten und scheinbaren Widersprüchen auf. Als Beispiel beschäftigt er sich im Abschnitt zu Akzeptanz mit der immer wiederkehrenden Befürchtung, dass Akzeptanz mit Resignation gleichzusetzen wäre. Anhand von unterschiedlichen, eingeflochtenen Übungen soll der Leser ein plastisches Verständnis der einzelnen Elemente des Modells entwickeln. Des Weiteren werden vielfache Bezüge zu anderen Ansätzen hergestellt, z.B. zum Selbstwertgefühl, während zu anderen Modellen und Sichtweisen auch deutliche Grenzen gezogen werden. So macht Wilson klar, dass einer der Unterschiede zur klassischen kognitiven Therapie darin besteht, Gedanken nicht zu disputieren und umzustrukturieren, sondern diese als mentale Ereignisse zu verstehen und zu akzeptieren. Mit dem Rückgriff auf Verse und Beispielen versucht er, diesen Ansatz ganzheitlich und praktisch nachvollziehbar werden zu lassen. Für klinisch Tätige sind darüber hinaus Gedankenanstöße enthalten, die zur eigenen Reflexion anregen sollen.

Kapitel 4. Integration der Achtsamkeitsarbeit in die ACT. Auch wenn das Präsent sein im Hier und Jetzt integraler Bestandteil von ACT ist, lohnt doch die Betrachtung von Achtsamkeit als weitergehender, vielleicht sogar übergeordneter Aspekt. Diesem Stellenwert der Achtsamkeit geht Wilson im vierten Kapitel gesondert nach. So geht es ihm nicht alleine darum, im Verlauf einer therapeutischen Interaktion mehr und mehr mit dem aktuell geschehenden Moment in Berührung zu kommen. Vielmehr geht er der Frage nach, wie Achtsamkeit und Mangel an Achtsamkeit den Verlauf einer Intervention stützen und zusätzlich voranbringen können. Wilson zieht dabei weite Kreise von einem möglichen Getrenntsein von eigenen Werten hin zum formellen Durchführen von Achtsamkeitsübungen zu Beginn von therapeutischen Sitzungen. Mithilfe einiger, kleinerer Übungen entwickelt er nach und nach ein Verständnis von Achtsamkeit als therapeutischem Werkzeug einerseits und innerer Haltung andererseits. Technischen Details wie Stimmlage, Sprechtempo, dem Setzen von Pausen und der Abfolge bestimmter Übungen werden dabei ebenso Beachtung geschenkt, wie Achtsamkeit als eine Haltung vorgestellt wird, aus der heraus schwieriges Material aufmerksam betrachtet und kategorisiert wird, wobei es darauf ankommt, sich von jenen Kategorien wieder zu lösen. Passend endet das Kapitel mit der Frage, wozu die Lektüre des Buches dem Leser eigentlich dient.

Kapitel 5: Klientinnen, Klienten und der gegenwärtige Augenblick. Während es im vorangegangenen Kapitel primär um die grundlegende Darstellung und Anwendbarkeit der Achtsamkeit geht, beginnt Wilson im fünften Kapitel den Weg der Entwicklung seines Ansatzes zur Förderung der Achtsamkeit in der therapeutischen Interaktion. Der Fokus liegt dabei zum Einen auf den Klienten und deren Möglichkeiten zu persönlicher Entfaltung und persönlichem Wachstum. Zum Anderen setzt Wilson auf die Vermittlung von praktischen Fertigkeiten. So wird der Leser quasi bei der Hand genommen, indem der Autor den therapeutischen Prozess seziert, beginnend mit dem Erstkontakt. Die zwischenmenschliche Begegnung wird ebenso begutachtet, wie häufige Prozesse der Vermeidung, z.B. Sorgen und Grübeln hervorgehoben werden. Anhand einiger Übungen verdeutlicht Wilson im weiteren Verlauf wichtige Parameter von fruchtlosen, stagnierenden Gesprächen, verweist auf mögliche Fixierungen in der Vergangenheit und schärft den Blick für Veränderungen in körperlichen und stimmlichen Mustern der Patienten. Letztlich geht es um das Schaffen von Entwicklungsbedingungen für das Hervortreten von psychischer Flexibilität, um so den Prozess aus Achtsamkeit und Veränderung beweglicher gestalten zu können.

Kapitel 6: Therapeutinnen, Therapeuten und der gegenwärtige Augenblick. Mit einem ähnlichen Vorgehen wie im vorherigen Kapitel beschäftigt sich Wilson im sechsten Kapitel mit der Einengung und Unflexibilität auf Seite der Professionellen. Vergleichbar mit einer schriftlichen Selbsterfahrung wird der Leser zu sich selbst geführt, indem der Text dazu anregt, sich selbst zu beobachten, dabei möglicherweise vorhandene Prozesse von Unflexibilität, Fusion und Vermeidung aufzudecken und diese in Beziehung zum eigenen therapeutischen Handeln zu setzen. Anhand von Beispielen und Übungen wird die Auseinandersetzung mit schwierigen Lebensgeschichten, oder der vermeintlichen Unfähigkeit, Unentschiedenheit zu ertragen, angeregt. Minutiös nimmt Wilson fruchtlose therapeutische Gespräche auseinander und entlarvt dabei auf gleichbleibend wertschätzende Weise so manch steckengebliebenen Prozess, bzw. die Tendenz, es sich manchmal einfach zu machen. In der folgerichtigen Konsequenz schließt das Kapitel zugleich direkt und subtil mit der Frage nach der eigenen Flexibilität und baut auf den vorher gebahnten Wunsch nach einer Wende im eigenen therapeutischen Arbeiten.

Kapitel 7: Erlebnisorientierte Fallkonzeptualisierung. Um mit dem Wunsch nach Umdenken, nach mehr Flexibilität und mehr Achtsamkeit in der Arbeit mit Menschen nicht alleine gelassen zu werden, stellt der Autor im folgenden Kapitel eine erlebnisorientierte Fallkonzeptualisierung vor. Im Gegensatz zum etablierten störungsspezifischen Vorgehen propagiert Wilson eine am Klienten und dessen Erleben orientierte Behandlung. Dazu diskutiert er eingangs Vorteile und Risiken von herkömmlicher Diagnostik und Klassifikation, bevor er das vorher eingeführte Hexaflexmodell heranzieht, um es mit Anamnese, Diagnose und Behandlung (also der Fallkonzeptualisierung) zu kombinieren. Da alle sechs Dimensionen im Verbund zu betrachten sind, ist es Wilson wichtig, den Bezug zueinander, die Kontinuität zu wahren. Durch jene Vernetzung der Kerndimensionen in einem einheitlichen System ist es möglich, unterschiedliche psychische Phänomene gleichermaßen, also transdiagnostisch und übergreifend zu berücksichtigen. Für eine umfängliche Fallkonzeptualisierung notwendige diagnostische Hilfsmittel und weitere unterstützende Materialen werden im letzten Abschnitt ausführlich vorgestellt.

Kapitel 8: Wie man erlebnisorientierten Kontakt mit der Achtsamkeit aufnimmt. Auch wenn sämtliche vorhergehenden Kapitel aus einem erlebnisorientierten Blickwinkel geschrieben und etliche praktische Übungen eingearbeitet wurden, ist es Wilson im letzten Kapitel wichtig, über den Prozess der Informationsgewinnung und des theoretischen Wissens hinaus drei praktische Übungen vorzustellen, um zu zusätzlichen Trainingserlebnissen anzuregen. Dazu werden die Übungen selbst ebenso wie deren Umsetzung anhand von ausführlichen Übungsskripten vorgestellt, Möglichkeiten zur Nachbesprechung werden aufgezeigt.

Das Buch schließt mit einem kurzen Nachwort, in dem es Wilson wichtig ist, zu betonen, dass der Inhalt auf soliden wissenschaftlichen Erkenntnissen fußt, ihm der Beleg allerdings keineswegs zweckdienlich für das Verfassen des Buches erschien. Nicht zuletzt entsprechenden Kritikern wünscht er Entschleunigung, die Rückkehr zu einfachen Dingen und mehr Liebenswürdigkeit.

Diskussion

Der schwierigste Abschnitt einer Rezension ist nicht selten die Diskussion. In dieser sollte es (zumindest nach Ansicht des Rezensenten) darum gehen, Positives zu würdigen, Kritisches aufzudecken und Verbesserungswürdiges zu betonen. Dieser Dreiklang lässt sich mit dem vorliegenden Buch jedoch nicht erfüllen, da es – zumindest was den Inhalt betrifft – nichts zu kritisieren gibt. Sicher, dass der Verlag sich dazu entschieden hat, in der deutschen Ausgabe auf die der US-amerikanischen Originalausgabe beiliegende DVD mit Beispielen und Falldarstellungen des Autors (zu vergleichbarem Preis) zu verzichten, ist schade. Auch die ein oder andere Ungenauigkeit in der Übersetzung (Stichwort Schmerz vs. Leid) lässt sich finden. Allerdings kratzt dies nicht an der Bedeutung des Buchs als solchem. Wilson ist es gelungen, sich dem Thema Achtsamkeit auf erfrischend undogmatische und erlebnisnahe Art und Weise zu nähern. Im Gegensatz zu anderen Autoren verhehlt er nicht, wie schwer es ihm gefallen ist, sich auf Patienten, auf das therapeutische Gegenüber einzulassen, wie sehr dadurch so manche seiner Sitzungen einem führerlosen Boot ähnlich vor sich hintrieben. So verpflichtet er nicht nur sich, sondern begibt auch den Leser in die Verantwortung, darauf zu achten und etwas zu verändern. Gleichzeitig entsteht daraus kein Druck.

Wilson entlastet den Leser, der sich möglicherweise genau deswegen mehr Achtsamkeit im therapeutischen Prozess wünscht, weil er irgendwie den Gedanken hat, davon entfernt zu sein. Diese empathische Haltung zieht sich durch das gesamt Buch. Alle Menschen werden in bestimmten Lebenssituationen mit Schmerz konfrontiert werden, deswegen ist es gut, sich selbst zu reflektieren und mit Präsenz einzubringen. Dazu vermag das Buch anzuregen. Die Akzeptanz- und Commitmenttherapie verkommt dabei nicht zum Vehikel der Vermittlung, sondern ist für Wilson Heimat geworden, ebenso wie die behavioristische Verhaltensanalyse. So zieht sich seine Sichtweise wie ein roter Faden durch das Buch, ohne dass dieses zu einem reinen Verhaltenstherapie- oder ACT-Lehrbuch verkommt. Vielmehr knüpft der Verfasser an Bekanntes an und erweitert den Blickwinkel sukzessive, so dass das Buch auch für erfahrene (ACT-)Therapeuten viele neue Impulse und Ideen beinhalten wird. Kernelemente werden knapp, aber praktisch nachvollziehbar erläutert und immer wieder zueinander in Beziehung gesetzt, so dass die Kenntnis über das Bearbeiten des Buches hinweg stets größer wird.

Auch wenn das Buch ansprechend und leicht zugänglich erscheint, erfordert es allerdings bereits frühzeitig eine echte Entscheidung des Lesers, sich auf das einzulassen, was Wilson anhand unzähliger Beispiele und Übungen vermitteln möchte. Klar, das Buch funktioniert als Lesebuch, um den einen oder anderen Impuls für die eigene Tätigkeit zu bekommen. Mehr kann der Leser allerdings davon profitieren, indem er die Bereitschaft mitbringt, das Buch immer wieder wegzulegen, um Übungen durchzuführen und über sich zu reflektieren. So gelingt es Wilson immer wieder, den Finger in die Wunde zu legen, auf die eigene Unachtsamkeit aufmerksam zu machen, eigene Unzulänglichkeiten zu spüren. Daher ist das Buch auch eines, das wehtun kann, über das man hin und wieder hinweggehen möchte. Durch das Aufzeigen von Möglichkeiten, dem Verweis auf eigene Schwierigkeiten und einen wertschätzenden Umgang mit Schwächen und Belastungen verschreckt oder verliert Wilson den Leser jedoch nicht, sondern öffnet diesen und festigt ihn.

Um es plakativ auszudrücken entsteht während der Lektüre eine Art schizophrener Haltung. Das Lesen fordert, strengt an und schmerzt zuweilen, gleichzeitig übt es Faszination aus, verändert und stärkt. Dennoch überfordert das Buch nicht, ebenso wenig verändert es den Leser, sofern dieser keine Veränderungen zulassen möchte. Vielmehr lässt sich das Buch eher als mächtiges Werkzeug beschreiben, ohne dabei nicht auch als interessantes Lesebuch zu funktionieren. Nutzt man es jedoch als Werkzeug, birgt es Möglichkeiten, achtsamer, wacher in die therapeutische Beziehung zu gehen und sensibler für veränderungssensitive Prozesse zu werden. Zusammenfassend geht es weniger darum, schlechte Therapeuten gut zu machen, sondern bereitwillige Therapeuten zu unterstützen, flexibler zu werden und sich selbst stärker in die therapeutische Beziehung einzubringen. Damit bleibt das Buch bis zuletzt informativ und erfrischend, denn es bietet keine einfachen Lösungen, sondern regt die eigene Reflexion auf selbstbestimmte Art und Weise gewinnbringend an. Erstaunlich ist dabei, dass Wilson auf knapp 300 Seiten nicht nur den Fokus klar im Auge behält, sondern unzählige Nebenschauplätze streift, die zusätzlichen Gewinn schaffen.

Zwar ist das Buch primär für therapeutisch Tätige verfasst. Durch die breite Anwendbarkeit von ACT in unterschiedlichen Settings und der übergreifenden Bedeutung von Achtsamkeit hält das Buch aber auch genügend Impulse für Menschen aus unterschiedlichen Branchen und Bereichen bereit.

Fazit

Mit Achtsamkeit für Zwei legt Wilson ein mutiges sowie außerordentlich nützliches und gewinnbringendes Buch vor. Nicht nur das Verständnis von ACT als Therapieform und von Achtsamkeit als Haltung und Technik zugleich werden geschärft, vielmehr ermöglicht die Lektüre das persönliche Wachstum des sich darauf bereitwillig einlassenden Lesers. Anhand unzähliger Beispiele und auch persönlich tiefergehenden Übungen bezieht der Autor den Leser ein und sorgt konsequent dafür, dass sich dieser dem Inhalt erlebnisorientiert nähert. Die Möglichkeiten, die dadurch entstehen, sind der eigentliche Gewinn für den Leser und für ein Buch dieser Art nahezu konkurrenzlos. Aus Sicht des Rezensenten ein Meilenstein in der neueren Therapieliteratur.


Rezension von
Dipl.-Psych. Tobias Eisenmann
Psychologischer Psychotherapeut (VT);Dipl.-Soz.päd.
Ehem. Wissenschaftlicher Mitarbeiter - Lehrstuhl für Psychologische Diagnostik, Universität Erlangen-Nürnberg
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Zitiervorschlag
Tobias Eisenmann. Rezension vom 17.12.2014 zu: Kelly G. Wilson: Achtsamkeit für Zwei. Die therapeutische Interaktion im Rahmen der Akzeptanz- und Commitment-Therapie. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2014. ISBN 978-3-456-85288-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16854.php, Datum des Zugriffs 20.09.2020.


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ISSN 2190-9245

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