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Gerbert van Loenen: Das ist doch kein Leben mehr! (aktive Sterbehilfe)

Rezensiert von Prof. Dr. med. Hans Wedler, 26.06.2014

Cover Gerbert van Loenen: Das ist doch kein Leben mehr! (aktive Sterbehilfe) ISBN 978-3-86321-133-2

Gerbert van Loenen: Das ist doch kein Leben mehr! Warum aktive Sterbehilfe zu Fremdbestimmung führt. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2013. 250 Seiten. ISBN 978-3-86321-133-2. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 26,90 sFr.
Übersetzt aus dem Niederländischen von Marlene Müller-Haas und Bärbel Jänicke.

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Thema

Themen des Buchs sind die Gesetzliche Regelungen in den Niederlanden zur Suizidbeihilfe und Tötung auf Verlangen sowie die kritische Darstellung der Ursprünge und der weiteren Entwicklung.

Autor

van Loenen ist stellvertretender Chefredakteur der in Amsterdam erscheinenden Zeitung „Trouw“. Mehrere Jahre lang war er Zeitungs-Korrespondent in Berlin.

Entstehungshintergrund

Das Buch entstand aufgrund einer persönlichen Erfahrung: Der Lebenspartner des Autors war an einem Hirntumor erkrankt und lebte bis zu seinem Tod 10 Jahre lang mit schwerer Behinderung. Die in diesem Kontext erlebte „Mitleidlosigkeit, mit der seine Landsleute über ein Leben mit Behinderung sprechen“, habe ihn – wie der Autor vermerkt – „von einem durchschnittlichen Niederländer, dem aktive Sterbehilfe und die Beihilfe zur Selbsttötung als Vorzeigeobjekte unseres liberalen Landes galten, in einen Menschen verwandelt“, der nunmehr vor dieser Mitleidlosigkeit „zurückschreckt“.

Die 2009 in Holland erschienene Originalausgabe wurde für die deutsche Ausgabe laut Verlagsangaben „aktualisiert und den Interessen der deutschen LeserInnen angepasst“.

Inhalt

Vor gut dreißig Jahren waren die Niederlande der erste Staat weltweit, der ärztliche Suizidassistenz und Tötung auf Verlangen bei schwer leidenden Menschen nahe dem Lebensende unter Einhaltung bestimmter Kautelen erlaubt. Nach fast zwanzigjähriger Vorlaufzeit erfolgte 2001 aufgrund der gegebenen gesellschaftlichen Akzeptanz die offizielle Legalisierung – wenig später gefolgt von den Nachbarländern Belgien und Luxemburg.

Gerbert van Loenen beschreibt aus der Warte des langjährigen kritischen Beobachters die Vorgeschichte, die weitere Entwicklung der Debatte um ärztliche Sterbehilfe in den Niederlanden, die allmähliche Ausweitung des Kreises der Betroffenen, und er lässt eine große Zahl jener zu Wort kommen, die an dieser Entwicklung entweder aktiv oder als Betroffene beteiligt waren.

Die Entwicklung in den Niederlanden wird von van Loenen kritisch gesehen. Die ursprüngliche Zielgruppe sei sukzessive erweitert worden; dadurch sei man auf eine schiefe Ebene geraten. Inzwischen würden auch leidende Menschen, die sich nicht mehr äußern können, chronisch seelisch Kranke, Menschen mit schweren Behinderungen und vor allem Neugeborene mit erheblichen Defekten teilweise in den Kreis derer einbezogen, deren Leben mit medikamentöser Hilfe beendet werden kann. An die Stelle der anfangs als ethische Begründung dienenden Selbstbestimmung des Patienten sei das – von individueller Willkür nicht freie – ärztliche Mitleid getreten. Allein die gesetzlich gegebene Möglichkeit, das Leben eines leidenden Menschen vorzeitig zu beenden, habe zu einem Bewusstseinswandel geführt, der das auf Lebenserhalt gerichtete Tun der Ärzte ebenso beeinträchtige wie die Bereitschaft der Menschen, die Belastungen durch schwer kranke oder behinderte Mitbürger hinzunehmen und mitzutragen.

Eher am Rande geht van Loenen auf das zu Grunde liegende ethische Dilemma ein, das durch die technischen Möglichkeiten der Medizin, nachhaltig in den Sterbeprozess einzugreifen, erst geschaffen wurde. Eine allgemein tragfähige Lösung sieht er nicht. Der Gedanke „Wäre er doch besser gestorben!“ sei zwar auch ihm bisweilen in den Sinn gekommen, sei aber abzulehnen, da er unvermeidlich mit einem Werturteil über menschliches Leben verbunden sei. Das verbiete sich unter humanistischen Gesichtspunkten. Man müsse sich um beides bemühen: die Grenzen der technischen Medizin ebenso zu achten wie das menschliche Lebensrecht.

Diskussion

Der Autor schreibt aus erkennbar persönlicher Betroffenheit. In der niederländischen Gesetzgebung, vor allem aber in der anscheinend unvermeidlichen Ausweitung des potentiell betroffenen Personenkreises sieht er eine Gefahr, den Wert menschlichen Lebens zu relativieren und kranke Menschen vorzeitig aufzugeben. Vor allem die Achtung der Rechte Behinderter sei bereits in erheblichem Maße beeinträchtigt. Das humane Grundrecht auf Selbstbestimmung müsse immer häufiger real einer Fremdbestimmung weichen.

Van Loenen thematisiert nicht, dass in der Argumentation jener Ärzte, Ethiker und Juristen, die eine Ausdehnung der niederländischen Regeln zur Sterbehilfe auf ursprünglich nicht erfasste Personengruppen befürwortet und betrieben haben, eine durchaus vertretbare ethische Einstellung enthalten sein könnte. Er sieht und beschreibt lediglich die Gefahren, die stets mit der Freigabe absichtlicher Lebensbeendigung verbunden sind.

Es geht dem Autor allerdings nicht um eine grundsätzliche Ablehnung der niederländischen Regelungen zur Sterbehilfe, sondern um deren Begrenzung – auf jene, für die sie ursprünglich gedacht waren. Zurückhaltung und Gelassenheit mahnt er an. Jedoch hat er große Zweifel, ob es jemals gelingen kann, dem Verlangen nach einem selbstbestimmten Sterben mit gesetzlichen Regelungen zu entsprechen, ohne damit die Tür zu einer in seinen Augen missbräuchlichen Ausweitung der Sterbehilfe zu öffnen.

Den Verweis auf die vielfach belegte Tatsache, dass ohne eine gesetzliche Regelung Sterbehilfe sich in einer unkontrollierbaren Grauzone abspielt, will van Loenen nicht gelten lassen. Es gäbe dazu keine verlässlichen Vergleichszahlen. Diesbezüglich erstaunt es dann doch, dass der Autor die durchaus bekannten Daten aus Befragungen und Erhebungen in anderen Ländern (ohne entsprechende Gesetze) unerwähnt lässt. Ebenso wenig erwähnt er die in den USA gemachten Erfahrungen: Bekanntlich ist in Oregon (und mittlerweile in vier weiteren US-Staaten) seit mehr als eineinhalb Jahrzehnten ärztliche Suizidassistenz unter strengen Kautelen legal, ohne dass seither irgendwelche Anzeichen für eine missbräuchliche Ausweitung der Regeln erkennbar geworden wären.

Erstaunlich ist auch, dass der am Anfang der Liberalisierungsbewegung in den Niederlanden stehende Doppelsuizid des Psychiaters und hoch angesehenen Suizidologen Nico Speijer gänzlich unerwähnt bleibt. Speijer hatte mit seinem 1980 publizierten Buch über die Grenzen der Suizidprävention den Weg gewiesen für eine Tolerierung gewünschter Lebensbeendigung bei schwer leidenden, tödlich kranken Menschen.

Fazit

Trotz solcher Auslassungen, die der Argumentation des Autors ein gutes Stück an Überzeugungskraft nehmen, ist das Buch für den am Thema der ärztlichen Sterbehilfe Interessierten durchaus lesenswert: Es informiert umfassend über die damit verbundenen Argumentationsstränge und trägt damit zu einer sachlichen Debatte über die jetzt auch in Deutschland anstehende Gesetzgebung zur Suizidassistenz bei.

Rezension von
Prof. Dr. med. Hans Wedler
Ehem. Ärztlicher Direktor Medizinische Klinik 2 - Klinik für Internistische Psychosomatik
Bürgerhospital Stuttgart
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Es gibt 6 Rezensionen von Hans Wedler.

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ISSN 2190-9245