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Claudia Lohrenscheit: Das Recht auf Menschenrechtsbildung

Cover Claudia Lohrenscheit: Das Recht auf Menschenrechtsbildung. Grundlagen und Ansätze einer Pädagogik der Menschenrechte. Mit einer Studie über aktuelle Entwicklungslinien der "Human Rights Education" in Südafrika. IKO-Verlag für Interkulturelle Kommunikation (Frankfurt) 2004. 310 Seiten. ISBN 978-3-88939-718-8. 21,90 EUR, CH: 35,00 sFr.

Reihe: Internationale Beiträge zu Kindheit, Jugend, Arbeit und Bildung, Band 10.
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Menschenrechte im Dreierpack

Weil die Missachtung der Menschenrechte zu allen Zeiten zu Akten der Barbarei führ(t)en, die das Gewissen der Menschheit tief verletzten, haben die Vereinten Nationen am 10. 12. 1948 die "Allgemeine Erklärung der Menschenrechte" mit dem Ziel erlassen, die dort formulierten 30 Artikel "als das von allen Völkern und Nationen zu erreichende gemeinsame Ideal" zu etablieren. "Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren"; die in Art. 1 formulierte Grundannahme hat mittlerweile Eingang in viele (demokratische) Verfassungen in der Welt gefunden. Doch von der Verfassungsnorm zur gesellschaftlichen Wirklichkeit ist ein weiter Weg. Zum 50jährigen Bestehen der Menschenrechtserklärung, 1998, haben die Vereinten Nationen an die Verpflichtung zur Verwirklichung der Menschenrechte überall auf der Erde als die wichtigste Aufgabe für das humane Überleben der Menschheit erinnert. Und: Angesichts der vielfältigen Versuche von Gesellschaften, Kulturen und Religionen, bestimmte Artikel der Menschenrechtserklärung zu relativieren und als identitätswidrig zu diffamieren, gilt heute mehr denn je: Die Menschenrechte sind allgemeingültig und unteilbar!

Die Durchsetzung der Menschenrechte im alltäglichen, individuellen Leben der Menschen wie in ihren Gesellschaften, Institutionen und Staaten hängt entscheidend davon ab, ob diese Werte und Normen bekannt sind und welcher Bewusstseinsstand zur Empathie zu den nahen und ferneren Menschen besteht. Die 18. Generalkonferenz der UNESCO hat am 19. 11. 1974 die "Empfehlung über die Erziehung zu internationaler Verständigung und Zusammenarbeit und zum Frieden in der Welt sowie die Erziehung zur Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten" vorgelegt, in der es in einer der Bildungs- und Erziehungsziele heißt: Verständnis und Achtung für alle Völker, ihre Kulturen, Zivilisationen, Werte und Lebensweisen erwerben. Klärung und Aufklärung über das humane, friedliche und gerechte Zusammenleben der Menschen in unserer EINEN WELT ist also gefordert.

In den letzten Monaten sind drei Arbeiten erschienen, die Menschenrechtsbildung und -erziehung als eine pädagogische Aufgabe proklamieren:

  • Volker Lenhart, Pädagogik der Menschenrechte, Verlag Leske + Budrich, Leverkusen 2003 (vgl. die dazugehörige Rezension).
  • K. Peter Fritzsche, Menschenrechte. Eine Einführung mit Dokumenten, Verlag Schöning, UTB 2437, Paderborn (vgl. die dazugehörige Rezension).
  • Das hier rezensierte Buch von Claudia Lohrenscheit zum Recht auf Menschrechtsbildung.

Inhalt

Bei der letztgenannten Arbeit der interkulturellen Pädagogin und wissenschaftlichen Mitarbeiterin beim Deutschen Institut für Menschenrechte, Berlin (www.institut-fuer-menschenrechte.de) handelt es sich um eine Dissertationsschrift.

Claudia Lohrenscheit geht im ersten Teil ihres Buchs der Frage nach, wie, in der Zeit der Globalisierung, eine "Menschenrechtskultur" entstehen kann. Sie reflektiert die im internationalen Diskurs kontrovers und parallel geführte Auseinandersetzung über Definitionen, Konzepte und Modelle einer international Human Rights Education. Dabei rekurriert sie auf zahlreiche, bisher in der deutschen Bildungsdiskussion wenig bekannte Ansätze zur politischen, gesellschaftlichen und didaktischen Menschenrechtserziehung, wie etwa Paulo Freire, Betty A. Reardon, Gottfried Mergner u.a.

Im zweiten Teil wendet sie den "Ernstfall" der theoretischen Darstellung an, indem sie, vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussionen, die Entwicklung in den Bereichen "Bildung" und "Menschenrechte" in Südafrika erörtert. Das Beispiel "Südafrika" ist für die Autorin aus dreierlei Gründen interessant und für die thematische Auseinandersetzung wichtig:

  • Zum einen gibt es an der Universität Oldenburg seit mehreren Jahren Begegnungen und Kooperationen mit Partnern in Südafrika;
  • zum zweiten diskutiert sie die Entwicklungen dort auf der Folie der deutsch-südafrikanischen Beziehungen, die "alles andere als eine Erfolgsgeschichte" darstellen;
  • zum dritten schreibt sie der politischen und gesellschaftlichen Entwicklung in Südafrika "paradigmatische Bedeutung" für den gesamten afrikanischen Kontinent zu. Hier vollzieht sich, exemplarisch, das, was in der Menschenrechtsdiskussion als die "vergessene Hälfte" (FIAN) bezeichnet und greifbar wird: Der Weg und der Wille nach Wahrheit und Versöhnung; Rassismus und Gewalt; Genderfragen; Bildungschancen; aber auch Innovationen wie "Child-to-Child-Education" im Kontext von sozialen und gesellschaftlichen Netzwerken, sowie "Anti-Bias-Erziehung".

Als pädagogischer Ausblick für eine "Bildung für Alle", wie dies von der UNESCO den Menschen als Gegenwarts- und Zukunftsaufgabe ins Stammbuch geschrieben wird, benennt die Autorin die in der Bildungsprognose der UNESCO für das 21. Jahrhundert avisierten "vier Säulen einer Menschenrechtsbildung":

  1. Lerning to know;
  2. Learning to live together;
  3. Learning to be;
  4. Learning to do.

Fazit

K. Peter Fritzsche, Volker Lenhart und Claudia Lohrenscheit haben mit ihren Arbeiten zur Menschenrechtsbildung und -erziehung wichtige Bausteine für die pädagogische und curriculare Diskussion geliefert. Interkulturelles und Globales Lernen sind unverzichtbare und existentielle Bildungs- und Identitätsaufgaben. Die schulische und außerschulische Bildung sind hier gefordert. Die Aufmerksamkeit dafür ist in unserem Lande noch nicht ausreichend vorhanden. Der "Dialog der Zivilisationen und Kulturen" hat erst begonnen; ihn mit einer "universellen Ethik" zu versehen, dazu können wir alle, jeder an seinem Platz und mit seinen Möglichkeiten, beitragen! Allons, enfants de la patrie!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 11.05.2004 zu: Claudia Lohrenscheit: Das Recht auf Menschenrechtsbildung. Grundlagen und Ansätze einer Pädagogik der Menschenrechte. Mit einer Studie über aktuelle Entwicklungslinien der "Human Rights Education" in Südafrika. IKO-Verlag für Interkulturelle Kommunikation (Frankfurt) 2004. ISBN 978-3-88939-718-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1686.php, Datum des Zugriffs 15.09.2019.


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