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Rosemarie Nave-Herz: Ehe- und Familiensoziologie

Cover Rosemarie Nave-Herz: Ehe- und Familiensoziologie. Eine Einführung in Geschichte, theoretische Ansätze und empirische Befunde. Juventa Verlag (Weinheim) 2004. 300 Seiten. ISBN 978-3-7799-1712-0. 17,00 EUR, CH: 30,20 sFr.

Reihe: Juventa Paperback.

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Überblick

Rosemarie Nave-Herz, Professorin für Soziologie an der Universität Oldenburg, hat mit diesem Buch eine umfassende, übersichtliche und relativ verständliche Einführung in den Bereich der Ehe- und Familiensoziologie vorgelegt. Sie berücksichtigt theoretische und empirische, historische wie auch kulturspezifische und zeitbedingte Aspekte.

Geschichte und Grundbegriffe der Familiensoziologie

Im ersten Kapitel skizziert Nave-Herz die Entstehung der Familiensoziologie im Laufe des 19. Jahrhunderts, wobei sie auf rechtshistorische, sozialkritische und "moralstatistische" Abhandlungen verweist. Als Begründer der Familiensoziologie stellt sie Riehl, Le Play und Durkheim vor. Dann beschreibt sie die im 20. Jahrhundert vorherrschenden Themen und streift kurz den großen Einfluss der Familiensoziologie auf die praktische Familienpolitik in der Bundesrepublik Deutschland.

Im zweiten Kapitel definiert Nave-Herz Begriffe wie "Ehe", Familie" und "Verwandtschaft", die in der Soziologie etwas anders als in der Alltagssprache verwendet werden. Dabei wird auch deutlich, dass z.B. die Heirat im Verlauf der Jahrhunderte einen großen Wandel erfahren hat. Auch werden verschiedene Lebens- und Familienformen unterschieden.

Ehe und Familie im historischen Wandel

Nave-Herz beschreibt im dritten Kapitel ihres Buches zunächst vorindustrielle Familienformen, wobei sie gleich den weit verbreiteten Mythos widerlegt, dass damals Drei-Generationen-Familien vorgeherrscht hätten. Sie unterscheidet zwischen Familien mit und ohne Produktionsfunktionen und arbeitet deren Charakteristika (z.B. hinsichtlich Arbeitsteilung, Kinderzahl, Eltern-Kind-Beziehung, Wohnsituation) heraus. Ferner verweist sie auf Unterschiede zwischen Familien in verschiedenen Regionen Europas.

Anschließend skizziert Nave-Herz die Entstehung und Verbreitung des bürgerlichen Familienideals in Deutschland, wobei sie sich vor allem mit Veränderungen in der Sicht vom Kind (zuerst als "kleiner Erwachsener" gesehen, dann Zugestehen einer "Kindheit"), von der Ehebeziehung (von der "arrangierten Ehe" zur "Liebesheirat") und von den Rollen der Mutter und des Vaters (nun als "Seele" bzw. "Haupt" der Familie definiert) beschäftigt. Im 18. und 19. Jahrhundert konnten jedoch nur wenige Familien diesem Ideal entsprechend leben. Im Nationalsozialismus und für lange Zeit in der Bundesrepublik Deutschland war das bürgerliche Ideal vorherrschend, während in der DDR ein sozialistisches Familienmodell vertreten wurde.

Ferner zeichnet Nave-Herz den Wandel des Ehe- und Familiensystems anhand von statistischen Erhebungen zu verschiedenen Zeitpunkten nach, beispielsweise in Hinblick auf die Zahl der Eheschließungen, Scheidungen, Geburten und Kinder, wobei sie auch Angaben aus verschiedenen Ländern vergleicht. Sie zeigt auf, wie sich der Anteil verschiedener Familienformen im Laufe der Zeit geändert hat und dass die Familienphase immer kürzer geworden ist. Schließlich befasst sie sich mit dem Einstellungswandel hinsichtlich der subjektiven Bedeutung von Ehe und Familie sowie von der außerfamiliären Sozialisation.

Funktionen von Ehe und Familie

Im vierten Kapitel beschreibt Nave-Herz zunächst die biologische Reproduktionsfunktion, wobei sie auch die Themen "Kinderlosigkeit" und "Nichtehelichkeit" tangiert. Dann geht sie auf die soziale (Regeneration, Haushaltstätigkeiten) und auf die psychische Reproduktionsfunktion ein (gegenseitige Solidarität und Fürsorge) - eine eher unübliche Differenzierung in der Familiensoziologie.

Nave-Herz behandelt anschließend die Sozialisationsfunktion (steigende Bedeutung von frühkindlicher Erziehung, Entlastung durch Institutionen wie Kindergarten und Schule), die Platzierungsfunktion (Bezug zwischen Herkunft und Ausbildung; weiterhin sozialer Aufstieg aber auch durch Heirat möglich), die Freizeitfunktion (Wandel hinsichtlich des Umfangs von Freizeit) und die Spannungsausgleichsfunktion ("Auffangen" von beruflichen Konflikten und psychischen Belastungen am Arbeitsplatz). Sie kommt zu dem Ergebnis, dass sich unter "funktional-differenzierungstheoretischem Aspekt" das System Familie im Laufe der Jahrhunderte auf die Funktion der Bildung und Erhaltung von Humanvermögen spezialisiert habe.

Schließlich geht Nave-Herz im vierten Kapitel noch auf die nichteheliche Lebensgemeinschaft und auf homosexuelle bzw. lesbische Partnerschaften ein. Sie untersucht, weshalb diese Formen des Zusammenlebens in den letzten Jahrzehnten so stark zugenommen haben, wie dauerhaft sie sind, wie sie sich auf Kinder auswirken, welche Binnenstruktur sie haben und inwieweit sie rechtlich abgesichert sind.

Partnerwahl und Ehe

Im fünften Kapitel zeichnet Nave-Herz nochmals den Wandel von arrangierten Ehen hin zur freien Partnerwahl nach, wobei sie auch auf Heiratsverbote, Vorschriften bezüglich des Heiratsalters und das Inzesttabu eingeht. Dann befasst sie sich mit dem Heiratsmarkt und mit Theorien, die erklären, weshalb nur bestimmte Partner gewählt werden (z.B. Homogamie- und Komplementaritätsthesen, Stufen- und Filtermodelle, Austauschtheorien).

Im sechsten Kapitel definiert Nave-Herz zunächst den Begriff der "Institution", bevor sie die Ehe als Institution betrachtet: die soziologische Bedeutung der Eheschließung ("r”te de passage"), das Namensrecht, die Bedeutung von Liebe und emotionaler Bande, die Häufigkeit von außerehelichen Beziehungen, die Funktion der Ehe für die Erwachsenenidentität, die Arbeitsteilung zwischen Partnern, die Machtstruktur und deren Erklärung (z.B. durch die Ressourcen- oder die Werterwartungstheorie) sowie die Auflösung der Ehe durch Trennung/ Scheidung oder Verwitwung. Hier geht sie vor allem auf Scheidungsursachen und -prozesse sowie auf die emotionalen Folgen des Partnerverlustes ein.

Familienrollen

Nach einer Definition des Rollenbegriffs beschäftigt sich Nave-Herz im siebten Kapitel mit der Vater- und Mutterrolle, wobei sie sich besonders für deren Wandel im Verlauf der letzten Jahrzehnte interessiert ("neue Väter", Müttererwerbstätigkeit). Sie konstatiert, dass es kaum theoretische Aussagen und soziologische Untersuchungen über die Großelternrollen gibt, obwohl Großeltern wichtige Funktionen für die Zeugungsfamilien hätten. Schließlich behandelt sie die Rolle des Kindes, den "Nutzen" von Kindern und deren Aufgaben in der Familie.

Familie als Interaktionssystem

Im achten und letzten Kapitel beschreibt Nave-Herz zuerst elterliche Erziehungsziele und deren Wandel in den letzten 50 Jahren und die parallel erfolgende Veränderung der Erziehungsmethoden (bis Anfang des 20. Jahrhunderts Vorherrschen der körperlichen Züchtigung, in den 1970er Jahren das "Experiment" mit der antiautoritären Erziehung, die derzeitige "Verhandlungskultur"). Dann befasst sie sich mit familialen Gewaltphänomenen und deren Ursachen, mit den Geschwisterbeziehungen sowie mit den Transferleistungen zwischen der Eltern- und Großelterngeneration (z.B. Betreuung von Enkeln, Versorgung pflegebedürftiger Personen, finanzielle Unterstützung).

Fazit

Die vorliegende Veröffentlichung eignet sich als Lehrbuch der Ehe- und Familiensoziologie - ihr Kauf kann Student/innen wärmstens empfohlen werden. Dementsprechend ist die Publikation auch empfehlenswert für Sozialpädagog/innen, Lehrer/innen und andere Fachleute, die sich einen Überblick über diesen Bereich der Soziologie verschaffen wollen.

Das Layout des Buches ist wohl "klassisch"; insbesondere durch die häufigen Bezüge zur Geschichte der Familie und zu traditionellen Kulturen, durch die vielen Tabellen, die eingestreuten kurzen Originaltexte und den komprimierten Stil ist das Werk aber interessant und gut zu lesen. Der Lehrbuch-Charakter wird durch Abstracts vor den einzelnen Kapiteln und ein Register betont.


Rezensent
Dr. Martin R. Textor
Institut für Pädagogik und Zukunftsforschung (IPZF)
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Zitiervorschlag
Martin R. Textor. Rezension vom 17.08.2004 zu: Rosemarie Nave-Herz: Ehe- und Familiensoziologie. Eine Einführung in Geschichte, theoretische Ansätze und empirische Befunde. Juventa Verlag (Weinheim) 2004. ISBN 978-3-7799-1712-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1687.php, Datum des Zugriffs 18.11.2019.


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