socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Rolf Haubl, Brigitte Hausinger u.a. (Hrsg.): Riskante Arbeitswelten

Cover Rolf Haubl, Brigitte Hausinger, G. Günter Voß (Hrsg.): Riskante Arbeitswelten. Zu den Auswirkungen moderner Beschäftigungsverhältnisse auf die psychische Gesundheit und die Arbeitsqualität. Campus Verlag (Frankfurt) 2013. 202 Seiten. ISBN 978-3-593-39965-2. 34,90 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Das Buch beschreibt die Auswirkungen moderner Beschäftigungsverhältnisse auf die psychische Gesundheit und die Arbeitsqualität. Dabei wird hauptsächlich die Situation in Deutschland in den Blick genommen.

Herausgeberkreis

  • Rolf Haubl, Dr. Dr., ist Professor für Soziologie und psychoanalytische Sozialpsychologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt a. M. und Direktor des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt a. M.
  • Brigitte Hausinger, Dr., ist Dipl. Supervisorin, Lehrbeauftragte an der Universität Kassel (MDO) und in Schloss Hofen, Bregenz sowie Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Supervision.
  • G. Günter Voß, Dr., ist Professor für Industrie- und Techniksoziologie an der Technischen Universität Chemnitz.

Autorinnen und Autoren

  • Gundert, Stefanie, Dr., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), Nürnberg.
  • Handrich, Christoph, M.A., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Soziologie an der TU Chemnitz.
  • Haubl, Rolf, siehe oben.
  • Hausinger, Brigitte, siehe oben.
  • Kerschgens, Anke, Dr., ist Soziologin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie an der J. W. Goethe-Universität Frankfurt a. M.
  • King, Vera, Dr., ist Soziologin und Professorin an der Universität Hamburg.
  • Schröder, Helmut, ist Diplom-Soziologe und Stellvertretender Geschäftsführer des Wissenschaftlichen Instituts der AOK.
  • Urban, Hans-Jürgen, Dr., ist geschäftsführendes Vorstandsmitglied der IG Metall.
  • Voß, G. Günter, siehe oben.

Entstehungshintergrund

Die Herausgebenden schließen mit diesem Buch an die eigene Forschung („Arbeit und Leben in Organisationen“) zur Thematik der wandelnden Arbeitswelt und daraus entstehenden möglichen Risiken und bereits eingetretenen Folgen für die Arbeitnehmenden an. Um der Komplexität und Vielschichtigkeit des Untersuchungsgegenstandes gerecht zu werden, ergänzen die Herausgebenden im Sammelband die eigenen wissenschaftlichen Befunde durch Einschätzungen anderer relevanter gesellschaftlicher Akteure.

Aufbau

Das Buch umfasst eine Einleitung und acht Beiträge, die sich in zwei Komplexe teilen.

  1. Die erste Hälfte des Buches behandelt die Sicht institutioneller Akteure (Gewerkschaft, Krankenkasse sowie Berufs- und Fachverband) auf die psychosozialen Folgen des Wandels der Arbeit.
  2. Im zweiten Komplex folgt eine Analyse riskanter Arbeit aus der Sicht der Wissenschaft. Dieser Teil besteht aus vier Beiträgen, die einzelne Aspekte (Professionalität, Selbstverlust, Selbstfürsorge und Gender sowie Organisation und Gesundheit) des Untersuchungsgegenstandes vertiefen.

Zu I. Riskante psychosoziale Folgen des Wandels der Arbeit aus der Sicht institutioneller Akteure

Stefanie Gundert stellt in ihrem Beitrag zur „Qualität der Arbeit im Wandel“ die Auswirkungen des Strukturwandels des deutschen Arbeitsmarktes kurz und knapp dar. Sie gibt eine Übersicht der Forschungsbefunde zu den Auswirkungen atypischer Beschäftigungsverhältnisse und der Niedriglohnbeschäftigung auf die Qualität der Arbeit und die Arbeitszufriedenheit.

Hans-Jürgen Urban beschreibt die Folgen des globalen Finanzmarktkapitalismus für die „Reproduktionsbedingungen der lebendigen Arbeit“ (S. 43) und leitet daraus Strategieansätze für die gewerkschaftliche (konkret IG Metall) Arbeitspolitik ab. Zu diesen gehören die Forderung nach regulierter Flexibilität, eine Anti-Stress-Initiative sowie ein demografieorientierter Strategieansatz.

Im Beitrag von Helmut Schröder werden Ergebnisse einer Beschäftigtenbefragung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) und Resultate des Fehlzeiten-Report 2012 präsentiert. Schröder zeigt die steigenden Belastungen am Arbeitsplatz und die Zunahme psychischer Erkrankungen anhand empirischer Daten auf. Er plädiert für ein auf den jeweiligen Anwendungskontext angepasstes betriebliches Gesundheitsmanagement; wobei die Krankenkassen zunehmend auch bereit seien, hierfür finanzielle Unterstützung zu leisten.

Der erste Komplex schließt mit einem Artikel von Brigitte Hausinger, der vielfältige Einblicke in das Innenleben von Organisationen von Seiten der Supervisor/innendarstellt. Auch sie identifiziert einen wachsenden Anforderungsdruck für die Beschäftigten aufgrund struktureller Veränderungen der Arbeitswelt, qualitativer Veränderung der Arbeit und permanenter Umstrukturierungen der Organisationen. Zum Schluss plädiert Hausinger als Vertreterin der Deutschen Gesellschaft für Supervision e.V. dafür, Initiativen zu fördern, welche nach Antworten auf die Probleme der Arbeitswelt suchen.

Zu II. Aspekte riskanter Arbeit aus der Sicht der Wissenschaft

Der Beitrag von Voss und Handrich gründet auf der Studie „Arbeit und Leben in Organisationen“. Die beiden Autoren demonstrieren „Widersprüche zwischen den Anforderungen der Organisationen an professionelles Arbeiten […] und den Ansprüchen an eine professionelle Tätigkeit auf Seiten der Beschäftigten“ (S. 114, Hervorhebung nicht im Original). Die Beschäftigten müssen die Widersprüche nicht nur aushalten, sondern diese in einer „subjektivierten Professionalität“ bewältigen, wodurch die psychischen Belastungen ansteigen. Der Beitrag erweitert die These des „Arbeitskraftunternehmers“ und zeigt auf, welche wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen die zunehmende Verbreitung dieses Arbeitstypus mit sich bringt.

Vera King beschreibt die Folgen der Unterwerfung des erwerbstätigen Individuums unter das Diktat der Geschwindigkeit. Die Anpassung an die verdichtete Arbeitswelt wird dabei sowohl durch innere Dispositionen und Motive wie auch durch äußere Zwänge angetrieben. Die Beschleunigung führt nicht nur zu Erschöpfung, Überforderung und Selbstverlust, sondern trägt – gemäß der Logik der Dringlichkeit – zu einer Wertminderung sozialer Beziehungen bei. Dadurch steigt das Risiko eines depressiven Einbruchs.

Im Beitrag von Anke Kerschgens geht es um Selbstfürsorge in einer veränderten Arbeitswelt mit einem speziellen Fokus auf Geschlechterdifferenzen. Nach einer historischen Aufarbeitung von Fürsorge und Selbstfürsorge präsentiert Kerschgens ausgewählte Ergebnisse des qualitativen Teils der Studie „Arbeit und Leben in Organisationen“. Die befragten Supervisor/innen beschreiben in den Interviews, dass die Selbstfürsorge in mehrfacher Hinsicht durch Geschlechterverhältnisse beeinflusst wird. Die Selbstfürsorge von Frauen im Spannungsfeld zwischen Familie und Beruf zeichnet sich sowohl durch besondere Potenziale aber insbesondere auch durch besondere Gefährdungen aus.

Rolf Haubl befasst sich im letzten Beitrag des Buches mit Resilienzfaktoren einer salutogenen Organisationskultur. Er stützt sich in seinen Ausführungen ebenfalls auf die Befragung der Supervisor/innen in der Studie „Arbeit und Leben in Organisationen“. Anerkennung, Führungskompetenz, Kollegialität und Leistungsgerechtigkeit in Unternehmen führen dazu, dass die Arbeitnehmenden weniger überfordert, erschöpft und demoralisiert sind. Haubl beschreibt im zweiten Teil des Artikels die Sozio- und Psychodynamik dieser vier Resilienzfaktoren.

Diskussion

Alle Beiträge sind klar strukturiert und in flüssiger, leicht zu lesender Sprache geschrieben. Das Buch bietet insgesamt einen guten Überblick über moderne Beschäftigungsverhältnisse und deren Auswirkungen auf die psychische Gesundheit und die Arbeitsqualität. Die Beiträge gründen darüber hinaus auf einer soliden empirischen Datenbasis (vorwiegend die Studie „Arbeit und Leben in Organisationen“, in der qualitative und quantitative Daten erhoben wurden). Bisweilen fehlte mir die Verknüpfung zwischen den einzelnen Beiträgen, die sich aufgrund überschneidender Thematiken an mehreren Stellen anbieten würde.

Das Buch deckt ein breites Spektrum an Perspektiven auf den Untersuchungsgegenstand ab und vereinigt wissenschaftliche Beiträge mit den Sichtweisen anderer gesellschaftlicher Akteure (Krankenkasse, Berufsverband und Gewerkschaft). Diese interessante Konzeption führt allerdings dazu, dass ein roter Faden fehlt und die anvisierte Zielgruppe des Buches unklar bleibt: Während einige Beiträge (bspw. Voss/Handrich oder King) vorwiegend für ein wissenschaftliches Publikum interessant sind, bieten andere Artikel (insb. Schröder und Hausinger) für die gleiche Leserschaft nur wenige neue Erkenntnisse.

Fazit

Im Klappentext des Buches werden zwei Fragen gestellt. „Was ist das Riskante an den Arbeitswelten und wie wirkt sich der Wandel von Arbeit auf die Qualität der Tätigkeit aus?“ Das Buch vermag diese Fragen auf der Grundlage aktueller empirischer Erkenntnisse und theoretischer Überlegungen zu beantworten und zeigt darüber hinaus auf, welche psychischen Belastungen die „riskanten Arbeitswelten“ mit sich bringen. Die Lektüre empfiehlt sich insbesondere für Personen aus Wissenschaft und Praxis, die einen Überblick der aktuellen Forschungsbefunde aus Deutschland zu diesem Themenbereich erhalten wollen. Für Forschende, die sich schon seit längerem mit diesem Themenbereich auseinandersetzen, bleibt der Erkenntnisgewinn mit Ausnahme weniger Artikel (Voss/Handrich, King und Haubl) aber gering.


Rezension von
Benedikt Hassler
M.A., Hochschule für Soziale Arbeit, Fachhochschule Nordwestschweiz
Homepage www.fhnw.ch/personen/benedikt-hassler/
E-Mail Mailformular


Alle 2 Rezensionen von Benedikt Hassler anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Benedikt Hassler. Rezension vom 16.06.2014 zu: Rolf Haubl, Brigitte Hausinger, G. Günter Voß (Hrsg.): Riskante Arbeitswelten. Zu den Auswirkungen moderner Beschäftigungsverhältnisse auf die psychische Gesundheit und die Arbeitsqualität. Campus Verlag (Frankfurt) 2013. ISBN 978-3-593-39965-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16884.php, Datum des Zugriffs 20.01.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung