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Michael Scheithauer: Reformorientierte Gesellschafts­initiativen

Cover Michael Scheithauer: Reformorientierte Gesellschaftsinitiativen. Ideen- und Stichwortgeber für den politischen Diskurs? Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2014. 398 Seiten. ISBN 978-3-8487-0967-0. D: 74,00 EUR, A: 76,10 EUR, CH: 105,00 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

Die Dissertation, die von der Philosophischen Fakultät der Universität Passau angenommen wurde (Gutachter Oberreuter, Kranenpohl), untersucht Rolle und Wirkung „reformorientierter Gesellschaftsinitiativen“. Reform-Initiativen sind in Deutschland vielerorts aktiv. Dass es sie gibt, hängt mit politischen Interessen, mit gesellschaftlichen Problemen und möglicherweise mit unzureichender Bürger-Partizipation zusammen. Die Schlüsselfragen:

  • Haben Politiker Kommunikationsdefizite?
  • Sind sie gefangen in Rollen und Schemen?
  • Verbrämen sie, statt zu benennen?
  • Braucht man deshalb „reformorientierte Gesellschaftsinitiativen“?
  • Und welche sollen es sein? Basisbewegungen, Stiftungen oder Vereine und Kampagnen, die von finanzkräftigen Lobbygruppen ins Feld geschickt werden, um Agendasetting zu betreiben und Gesetze zu initiieren?
  • Sind sie die richtigen „Ideen- und Stichwortgeber für den politischen Diskurs?“
  • Wirkt ihre Einflussnahme?

Angesichts regelmäßiger wiederkehrender Krisensymptome werden Antworten auf diese Fragen gesucht. Scheithauer stellt sich nach eigener Aussage die Aufgabe, wissenschaftlich zu untersuchen, wie Reformen und Reformvorhaben jenseits von Parteien und Verbänden in den politischen Prozess eingespeist werden können und ob Gesellschaftsinitiativen mit Reformanspruch „Ideen- und Stichwortgeber für den politischen Diskurs“ (Untertitel) sind. Das Herzstück der Studie bildet eine vergleichende Fallstudie zu den drei Initiativen „Konvent für Deutschland“, „Denkwerk Zukunft – Stiftung kulturelle Erneuerung“ und „Stiftung Marktwirtschaft“, die nicht mit der „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ verwechselt werden darf. Der Autor war selbst hauptamtliche Führungsperson des „Konvents für Deutschland“. Das hat Einfluss auf Fragestellung, Untersuchungsdesign, Fallauswahl und Analyse.

Autor

Michael Scheithauer war von 2008 bis 2014 Büroleiter und Pressesprecher des Konvents für Deutschland, der nun auch einer der Untersuchungsgegenstände seiner Fallstudien ist. Mittlerweile arbeitet er in der Staatskanzlei eines deutschen Bundeslandes im Bereich Protokoll.

Aufbau und Inhalt

Die Studie ist in sechs Kapitel eingeteilt.

In der Einleitung wird der Begriff der „Reformorientierten Gesellschaftsinitiative“ mit dem Begriff Think Tank kurz verglichen und schließlich davon abgegrenzt. Der Autor definiert den Begriff „Reformorientierte Gesellschaftsinitiativen“ folgendermaßen: „Damit soll – jenseits ideologisch verengender Präjudizierungen – zum Ausdruck gebracht werden, dass es sich bei Reformorientierten Gesellschaftsinitiativen zuallererst um (gemeinnützige) Einrichtungen von Mitgliedern aus der Mitte der Gesellschaft handelt, die für Teilbereiche der Politik konkrete Reformideen formulieren, mit denen sie auf den Prozess der politischen Willensbildung Einfluss nehmen wollen.“ (25-26) Als Grundidee gehe es darum, „das Themenspektrum des politischen Diskurses zu erweitern, zwischen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zu vermitteln und ungewohnte, bislang unbestrittene – weil vom Mainstream des Agenda-Setting abweichende Wege – aufzuzeigen.“ (28)

Der Autor fixiert sich bei seiner Auswahl eng auf marktliberal ausgerichtete (Lobby-)Institutionen, die von Unternehmen oder Verbänden mit finanziert und von populären Alt-Politikern und Wissenschaftlern repräsentiert werden. Zivilgesellschaftliche Initiativen, die in den letzten zehn Jahren sowohl im wissenschaftlichen Diskurs als auch in der praktischen Arbeit erhebliche Relevanz gewonnen haben, fehlen in diesem kurzen 10seitigen Grundlagenteil völlig. Obwohl zum Reformbegriff eine Vielzahl ordnungspolitischer, gesellschaftskritischer, bildungspolitischer und verwaltungstheoretischer Definitionen und empirischer Untersuchungen vorliegt, gibt es dazu in der Studie keinerlei Hinweise und keine Literaturbelege. Eine Auseinandersetzung mit dem aktuellen Stand etwa der Policy-Forschung zum Reformbegriff oder zu „Gesellschaftsinitiativen“ im Wortsinn findet nicht statt. Der Begriff Ordnungspolitik wird nicht politikwissenschaftlich definiert oder referiert, sondern über einen Brockhaus-Artikel (!) von 2008.

Scheithauer nimmt für seine Fallstudie das „Most Different Cases Design“ als Grundlage. Voraussetzung wäre, dass es sich um möglichst unterschiedliche Fälle einer hohen Grundgesamtheit handelt. Tatsächlich hat Scheithauer nur drei Fälle sehr ähnlicher Elite-„Initiativen“ verglichen. Dem Grunde nach wäre dies ein „Most Similar Cases Design“, das allerdings auch in dieser reduzierten Form quantitative oder umfassende qualitative Analysen erfordert hätte. Außerdem sollte die Basis hinreichend klar und die Hypothesenbildung und -verifizierung oder -falsifizierung durchgängig erkennbar sein. Das ist hier nicht gegeben. Fragwürdig ist auch, dass die untersuchten Elite-Gesellschafsinitiativen zwar gemeinnützig, aber keineswegs unabhängig und bürgerorientiert sind. Sie repräsentieren vielmehr Unternehmerinteressen. Das gilt in besonderem Maße für die Stiftung Marktwirtschaft. Der Konvent, langjähriger Arbeitgeber des Autors, wird mit Zuwendungen von 10.000 bis 50.000 Euro von Wirtschaftsunternehmen finanziert, ist streng genommen also auch keine „Gesellschafts“-Initiative.

Anstelle einer analytisch überprüfbaren Theorie oder Hypothese wählt der Autor einen ZEIT-Artikel von Ralf Dahrendorf von 1976 (!) als Ausgangspunkt für seine Fallstudie. Kernaussage Dahrendorfs vor vier Jahrzehnten: „Es ist höchst gefährlich, wenn Politiker nur noch von dem reden, was in den nächsten Monaten geschehen wird. Gerade weil sie die Unterstützung der Bürger brauchen, um ihre Entscheidungen wirksam zu treffen, müssen sie rechtzeitig von den Dingen sprechen, die in ein paar Jahren kommen können.“ (26)

Scheithauer, Autor der Studie von 2014, schließt daraus: „ Unter der Überschrift ‚Themen, die keiner nennt‘ listet Dahrendorf nachfolgend zahlreiche Punkte auf, die seiner Meinung nach außerhalb des Blickfeld der Politik liegen, denen man sich aber dennoch stellen möchte, ‚obwohl uns die Parteien wenig darüber sagen‘“ (26). Belegt wird diese (offenkundig unzutreffende) Behauptung nicht, obwohl in den Instituts- und Zentralbibliotheken ganze Regalmeter zur Parteienforschung, zur Wirkungsforschung, zur Reformdebatte in unterschiedlichen Policybereichen und zum Agendasetting zu finden sind. Offensichtlich blieben sie alle unbeachtet.

Stattdessen beschreibt der Autor: „Fast vier Jahrzehnte nach ihrer Veröffentlichung haben die Zeilen Dahrendorf an Aktualität kaum eingebüßt, denn die Politik hat nach Meinung zahlreicher politischer Beobachter, unter ihnen der frühere Bundespräsident Christian Wulff, die Planung langfristig angelegter Politikentwürfe angesichts immer neuer Krisen und Notfälle längst aufgegeben. Anstatt in Wahlperioden und Jahreszyklen werde allenfalls noch in Wochen oder Monaten gedacht. ‚Wir fahren auf Sicht‘ lautete denn auch das als alternativlos postulierte Credo der Regierung im Zuge der weltweiten Finanzmarkt und Schuldenkrise.“ (26-27)

Gewährsmann des Autors ist neben Dahrendorf und Wulff lediglich Bundesfinanzminister Schäuble. „Zahlreiche Beobachter“ ist ein journalistischer Begriff für nicht näher bezeichnete Quellen oder Einzelpersonen. Bei Scheithauer werden die Erkenntnisse dieser „zahlreichen politischen Beobachter“ Dahrendorf, Wulff und Schäuble mit einem Zeit-Artikel-Zitat aus 1976, einem kurzen Redeausschnitt eines gewesenen Bundespräsidenten und einem Bonmot eines einzigen Regierungsmitglieds referiert und belegt. Wissenschaftliche Referenzen aus Veröffentlichungen zur Reformfähigkeit in Deutschland, zum Zusammenhang zwischen Wahlzyklen und Agendasetting oder zur Parteienkritik finden sich in der Studie im Textteil und in den Fußnoten nur sehr begrenzt.

Neu und verdienstvoll ist die Beschreibung der praktischen Arbeit so genannter „Reformorientierter Gesellschaftsinitiativen“, die im Mittelpunkt der Studie stehen. „Reformorientierte Gesellschaft Initiativen zeichnen sich – wie politische Ideenagenturen im Gellnerschen Sinne dadurch aus, dass sie im Vorfeld oder aber im Verlauf einer Debatte die Nähe zum politischen Entscheidungsprozess suchen. Sie sind eben – im engen Wortsinne – keine Think Tanks, denn nichts von dem, was an ökonomischen und gesellschaftspolitischen Ideen entwickelt wird, wird auf „akademischen Inseln“ gespeichert beziehungsweise konserviert. Ihre Adressdaten sind vielmehr Politiker, Mitarbeiter von Abgeordneten, Beiräte von Ministerien, Kommissionen von Parlament und Regierung sowie Vertreter von Interessengruppen und Medien. Neben der Kommunikation mit politischen Entscheidungsträgern bedienen sie sich strategisch platzierter Meinungsartikel in Tageszeitungen und Magazinen von überregionaler Bedeutung, öffentlichkeitswirksamer Auftritte in politischen Gesprächssendungen, Zielgruppen orientiert der Veranstaltungen und Produktion von Wissen für politische Entscheidungsträger“. (28-29) So klar und eindeutig ist dies noch selten auf den Punkt gebracht worden. Das ist definitiv ein Erkenntnisgewinn durch einen Insider. Unklar bleibt allerdings, ob analytische Politikwissenschaft vom Autor als weltfremdes Konservieren von Wissen auf „akademischen Inseln“ angesehen wird. Es liest sich jedenfalls so. Bestätigt wird dies durch die extrem kurzen Erläuterungen zur eigenen Methodik und Systematik des Autors.

Zur Methode wird auf eineinhalb (!) Seiten geschrieben, dass man die vom Autor untersuchten „Reformorientierten Gesellschaftsinitiativen“ nicht empirisch untersuchen könne und dass stattdessen Fallstudien brauche, um ganzheitliche Erkenntnisse für den Politikbetrieb zu gewinnen. Das sei empirisch nicht möglich und zudem fehleranfällig. „Sich der Frage nach der Bedeutung von reformorientierten Gesellschaftsinitiativen für den politischen Diskurs mittels quantitativer Verfahren zu nähern, würde also bedeuten, die Komplexität des politischen Prozesses nicht in Rechnung zu stellen. Ein solches Vorgehen wäre ganz offensichtlich mit erheblichen Mängeln behaftet, denn der angestrebte Erkenntnisgewinne durch eine möglichst getreue Abbildung der Wirklichkeit könnte so nur schwerlich erreicht werden.“ (31) Diese feuilletonistische Erkenntnisprosa zeugt von ziemlicher Unkenntnis quantitativer politikwissenschaftlicher Methoden und des aktuellen politikwissenschaftlichen Forschungsstands. Auch dies wird schnell deutlich:

Zum Forschungsstand zieht der Autor neben Zeitungsartikeln, Tocqueville (Edition aus 1987) und Max Weber die verdienstvollen Vereinsstudien von Annette Zimmer sowie zwei Übersichtsartikel der Bundeszentrale für Politische Bildung von Wehler (2006) und Anheier/Appel (2004) heran. Ergänzt wird dies durch eine Fußnote zu Parteienstiftungen, zur „Bertelsmannrepublik“ (Schuler) und einen 4seitigen Aufsatz der Friedrich-Naumann-Stiftung. Der Konvent für Deutschland mag ein „ Unikum der deutschen Vereinslandschaft“ (43) sein, aber so dünn ist die Forschungslage dann doch nicht. Hier fehlt es an Grundkenntnissen der aktuellen Debatte, möglicherweise auch an handwerklichen Grundkenntnissen.

Kapitel zwei beschreibt „Defizite politischer Willensbildung und Reformprozesse in Deutschland“ (44ff.) aus der Sicht von Institutionen wie der Stiftung Marktwirtschaft oder des Konvents für Deutschland und definiert diese Defizite als „Nährboden für Reformorientierte Gesellschaftsinitiativen“ (44). Der Autor geht von einem „Reformdilemma in Deutschland“ (53) aus mit einer „mythischen Überhöhung der Reformidee“ (54), konstatiert in Politik und Gesellschaft „Angst vor Veränderungen“ (55) und „Angst vor Freiheit“ (56) sowie „institutionelle Hürden“ (57) zur Umsetzung von Reformideen. Auch hier fehlen die einschlägigen wissenschaftlichen Referenzen, obwohl man die zu Hauf in den Regalen und Datenbanken der Institute finden kann.

Grundlagen der Argumentation sind stattdessen die Herzog-Ruckrede (1997), Zeitungsartikel, Spiegel- und SZ-Artikel, das mehrfach zitierte, allenfalls historisch relevante Buch des Gutachters Oberreuter zur Stimmungsdemokratie (1987) sowie Nolte, Dohnanyi, Merz und Biedenkopf. Aktuelle empirische Hinweise fehlen auf Grund des „Untersuchungsdesigns“ und der sehr eingeschränkten Methodik und der bschränkten Leseliste, wobei doch neben der wissenschaftlichen Grundlagenforschung auch die politische Meinungsforschung für die „angestrebte[n] Erkenntnisgewinne durch eine möglichst getreue Abbildung der Wirklichkeit“ (31) wertvolle Hinweise liefern könnten. Um es mit den Worten des Autors zu sagen: „Wirklichkeit kommt nämlich immer nur im Zusammenspiel einer Vielzahl von Faktoren zustande“. (31) Das ist Pseudo-Wissenschaft in Binsenform.

In den Kapiteln drei bis fünf beschreibt der Autor in Fleißarbeit und mit zahlreichen Fußnoten, in denen prominente Mitglieder der drei untersuchten Institutionen zitiert werden, Zweck, Struktur, Strategien und Kampagnen des Konvents für Deutschland, der Denkwerkstatt Zukunft und der Stiftung Marktwirtschaft. Die unkritische Beschreibung des Konvents, wo der Autor sechs Jahre Büroleiter und Pressesprecher war, liest sich wie eine PR-Schrift des Vereins. Bemerkenswert ist die Darstellung des Autors, dass man beim Konvent entgegen ursprünglichen Absichten davon abging, regelmäßige Pressekonferenzen zu veranstalten, was unter anderem „dem Umstand geschuldet sein dürfte, dass die Verantwortlichen des Konvents eine zu enge Miteinbeziehung der Öffentlichkeit für die Durchsetzung ihrer Ziele eher als hinderlich betrachteten“ (124). Für reformorientierte Gesellschaftsinitiativen ist dies ein bemerkenswertes Faktum. Von Interesse für eine weiter gehende Untersuchung sind die beschriebenen Aktivitäten der Kommission Steuergesetzbuch der Stiftung Marktwirtschaft, wo offensichtlich mit großem Aufwand und bekannten Köpfen (Friedrich Merz und die Bierdeckelsteuer) in „annähernd 230 Arbeitsgruppensitzungen und Redaktionskonferenzen“ alternative Steuergesetze erarbeitet wurden, die aber zumindest partiell in die tatsächliche Gesetzesarbeit einflossen. Immerhin gibt Scheithauer Hinweise auf erhebliche Compliance-Verstöße in der Regierungsarbeit (vgl. 339-340), was aber sicherlich nicht Ziel der Studie war. Ganz nebenbei (und vermutlich ebenfalls unbeabsichtigt) werden auch Verstöße gegen den Pressecodex am Beispiel des verdeckten Zusammenwirkens von Konvent und zwei Verlagen offenbart.

Nach weitgehend formalen Beschreibungen werden am Ende der jeweiligen Kapitel in einem Zwischenfazit die Einflussmöglichkeiten der jeweiligen Institutionen und Vereine dargestellt.

Im zusammenfassenden sechsten Kapitel erkennt der Autor als Hauptproblem der untersuchten Institutionen eine „Vierfachfalle“ (356) in Öffentlichkeit, Medien und Politik. Sie setzt sich zusammen aus „Persönlichkeitsfalle, Glaubwürdigkeitsfalle, Inhaltsfalle und Systemfalle.“ (363) Angesichts der handelnden Personen – die Süddeutsche Zeitung sprach einem „Think Tank der Politpensionäre“ Herzog, Dohnanyi, Henkel – ist dies nicht verwunderlich.

Verblüffend ist das Resümee des Autors: „Obschon eingangs darauf hingewiesen wurde, dass ein konkreter Einfluss von Reformorientierten Gesellschaftsinitiativen auf den Prozess der politischen Willensbildung aufgrund fehlender Bewertungsschemata und Messinstrumente nur unzureichend nachgewiesen werden kann, und stattdessen von Fall zu Fall eingehend untersucht und erforscht werden will, legen die durchgeführten Fallstudien eine negative Antwort nahe. Verallgemeinernde Aussagen über den Erfolg beziehungsweise Misserfolg von Reformorientierten Gesellschaftsinitiativen werden allerdings durch die Komplexität politischer Entscheidungen, die unter dem Eindruck ständig wechselnder Rahmenbedingungen getroffen werden müssen, noch zusätzlich erschwert.“ (364-365) Das ist nun einigermaßen überraschend: Die zu Beginn der Untersuchung als nicht notwendig erachteten „Bewertungsschemata und Messinstrumente“ fehlen am Ende, um zu einem ganzheitlichen Erkenntnisgewinn zu gelangen.

Die Stiftung und die Vereine seien kein „quasiaristokratisches Bollwerk“ (365), die mit ihren Aktivitäten „unreflektiert Partikularinteressen in den politischen Prozess einspeisen und für intransparente Politikergebnisse verantwortlich zu machen sind“. (365) Vermutlich gilt dies für die drei genannten Institutionen tatsächlich. Dafür sprechen die Presseauswertungen von Veranstaltungen und Kampagnen des Konvents. Weitere Reforminitiativen sind allerdings nicht mit untersucht worden. Des Autors Auswahl-Bias führt zu blinden Flecken in der Analyse und einem unbrauchbaren, weil nicht verifizierbaren oder falsifizierbaren Ergebnis.

Die Fallstudie(n) legen ein negatives Fazit dieser Arbeit nahe, um es mit den Worten des Autors zu sagen. Da gab es viel Mühe, viel Arbeit, viel Kommunikation von gesponserten Institutionen, um Ideen einzuspeisen, aber keinen garantierten Einfluss auf die Politik (Süddeutsche Zeitung vom 17. Mai 2010: „Forget it“), weil die Parteien zu mächtig und zu selbstbewusst sind.

Diskussion

Interessant ist die kompakte Insider-Beschreibung der Kommunikationsstrategie zum Agenda-Setting durch die wirtschaftsfinanzierten Initiativen und zum fast gelungenen Steuerreform-Einspeisungs-Coup der Stiftung Marktwirtschaft. Dafür fehlt aber beispielsweise der Hinweise, dass die so genannte „reformorientierte Gesellschaftsinitiative“ Konvent für Deutschland mit Zuwendungen von 10.000 bis 50.000 Euro von Wirtschaftsunternehmen finanziert wird und dass die „Gesellschaftsorientierung“ vor diesem Hintergrund sehr einseitig erscheint. Hier scheinen mögliche Interessenkonflikte durch.

Schwerer wiegen die methodischen Mängel der Studie: Keine echte Auseinandersetzung mit der Forschungslage, offenbar keine Kenntnis grundlegender Wissenschafts- und Analysemethoden, unzureichende Darstellung der eigenen Methodik, inkompetente Behauptungen zur Relevanz empirischer Forschung, unzureichende Fallstudienauswahl, Vernachlässigung des zivilgesellschaftlichen Bereichs und Fehlen relevanter Referenzen. Auch hermeneutische Verfahren erfordern standardisierte Auswertungen und wirksame Analyse-Instrumente. Offenbar sind für den Autor weder Methoden noch Forschungsstand anwendbar gewesen. Der Apparat mit 1148 Fußnoten lässt zwar eine tiefe Durchdringung des Forschungsgegenstands vermuten, gibt aber vor allem die Nachweise zu Statements von Stiftungs- und Konventprominenz wider. Selbst ein Interview-Satz Roland Bergers mit der Trivial-Boulevard-Wochenzeitung SUPERIllu hat für den Autor Fußnotenwert (97, Fn. 251)

Das setzt sich im Literaturverzeichnis fort. Die wissenschaftliche Durchdringung spiegelt sich in einem dünnen, 12seitigen Sekundärliteraturverzeichnis. Es birgt viel Dohnanyi, viel Herzog, viel Biedenkopf, viel Rupert Scholz samt Grußworten und Festworten sowie zehn Wikipedia-Artikel und ein wenig Politikwissenschaft und Soziologie. Das ist zu wenig.

In der Promotionsordnung der Phil. Fak. Der Universität Passau heißt es: „Die Dissertation muss die Befähigung der Verfasserin oder des Verfassers zu vertiefter und selbständiger wissenschaftlicher Arbeit belegen und einen Beitrag zum Fortschritt der Wissenschaft auf einem Fachgebiet der Philosophischen Fakultät darstellen.“ Diese Standards bleibt die Arbeit schuldig.

Es irritiert, dass ein Pressesprecher einer Lobbyorganisation in einer Dissertation die Definitionshoheit über den Begriff Reformorientierte Gesellschaftsinitiativen kapert und dabei basisdemokratische Gesellschaftsinitiativen ausschließt. Mindestens zweifelhaft ist, dass Parteien ohne empirische Nachweise als nicht reformfähig beschreiben werden.

Irritierend ist darüber hinaus, dass eine mit erheblichen wissenschaftlichen Mängeln behaftete Arbeit offenkundig unzureichend begutachtet wurde.

Wissenschaftlich ist diese „Studie“ ohne Relevanz.

Fazit

Diese Studie ist eine Fleißarbeit. Sie ist gut gemeint, genügt aber nicht wissenschaftlichen Standards.

Das beginnt schon bei der Begriffsbildung: Von der Wirtschaft gesponserte Lobby-Institutionen, seien sie als Stiftung, Verein oder GmbH organisiert, sind keine „reformorientierten Gesellschaftsinitiativen“. Auswahl-Bias führt zu Analyse-Bias und Ergebnis-Bias.

Die mit nur drei Fallstudien allzu eng gefasste Dissertation beschreibt Zweck, Struktur und Arbeitsweise des Konvents für Deutschland, des „Denkwerk Zukunft – Stiftung für kulturelle Erneuerung“ und der „Stiftung Marktwirtschaft“.


Rezension von
Dr. Armin König
Bürgermeister der Gemeinde Illingen, Verwaltungswissenschaftler. Dozent an der Fachhochschule für Verwaltung des Saarlandes (FHSV).
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Zitiervorschlag
Armin König. Rezension vom 19.10.2015 zu: Michael Scheithauer: Reformorientierte Gesellschaftsinitiativen. Ideen- und Stichwortgeber für den politischen Diskurs? Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2014. ISBN 978-3-8487-0967-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16888.php, Datum des Zugriffs 20.10.2021.


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