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Gunther Klosinski: Scheidung. Wie helfen wir den Kindern?

Cover Gunther Klosinski: Scheidung. Wie helfen wir den Kindern? Patmos Verlag (Ostfildern) 2004. 175 Seiten. ISBN 978-3-530-40158-5. 14,90 EUR, CH: 26,80 sFr.

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Der Autor

Gunther Klosinski, Professor für Psychiatrie und Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter an der Universitätsklinik Tübingen, berät seit mehr als 25 Jahren von Partnerschaftskonflikten und Trennung betroffene Familien und erstellt Gutachten in strittigen Sorge- und Umgangsrechtsverfahren. Er erlebt immer wieder das Leid und die Trauer von Kindern, deren Eltern auseinander gehen. Aus dieser beruflichen und persönlichen Betroffenheit heraus hat er einen Ratgeber für Eltern geschrieben, in dem vor allem die wechselseitige Bezogenheit von Eltern und Kindern - gerade auch in der Trennungs- und Scheidungssituation - betont wird.

Trennung und Scheidung als Familienkrise

Im ersten Kapitel zeigt Klosinski auf, wie aus einer Ehekrise oder aus dem langsamen Auseinanderleben der Ehepartner eine Familienkrise wird, in die (ältere) Kinder und Verwandte dann hineingezogen werden. Er verdeutlicht, wie Kinder die Trennung ihrer Eltern erleben und mit welchen Symptomen sie häufig auf die mit dieser Situation verbundenen Belastungen reagieren - insbesondere wenn sie parentifiziert wurden, in Konflikte als Verbündete oder "Friedensstifter" einbezogen werden, als "Beschützer" fungieren oder gegen Geschwister ausgespielt werden.

Trennung und Scheidung - ein Entwicklungsprozess

Klosinski zeichnet im zweiten Kapitel die Phasen des Scheidungszyklus nach, wobei er hier im Gegensatz zu dem deskriptiven ersten Kapitel eher einen beratenden Ansatz verfolgt. So zeigt er auf, welche Probleme vor und während der Trennung zu lösen sind:

  • Wer bleibt in der Familienwohnung?
  • Bei wem werden die Kinder wohnen?
  • Welche finanziellen Regelungen sind zu treffen?
  • Wie sollen die Kinder über die Trennung ihrer Eltern informiert werden?
  • Inwieweit sollen ältere Kinder mitbestimmen, bei wem sie wohnen wollen?
  • Wie sollen die neuen Rollen des "allein erziehenden" und des "Wochenend-Elternteils" ausgefüllt werden?

Klosinski warnt die Eltern vor Entscheidungen und Verhaltensweisen, die ihre Kinder psychisch belasten oder überfordern würden. Er problematisiert vor allem die "Trennung unter einem Dach".

Problematische Ausgangskonstellationen

Im dritten Kapitel geht es um besondere Faktoren, die laut Klosinski eine Bewältigung der Trennungs- und Scheidungssituation erschweren. Dazu gehören beispielsweise

  • die psychische Krankheit oder Suchterkrankung eines Elternteils,
  • Kämpfe um das Sorgerecht,
  • falsche Anschuldigungen wie körperliche Misshandlung eines Partners durch den anderen,
  • unterschiedliche (religiöse) Einstellungen - vor allem bei bi-kulturellen Ehen -,
  • "Einbehaltung" oder Entführung von Kindern sowie
  • deren "Einsatz" als "Spione" oder "Botschafter".

Klosinski verdeutlicht, dass diese Faktoren zu negativen Folgen bei Eltern und Kindern führen. Dasselbe gilt für die "Indoktrination" von Kindern, die daraufhin einen Kontakt zum anderen Elternteil vehement ablehnen, die "Elternentfremdung" und das Schüren von Loyalitätskonflikten.

Klosinski geht dann auf das "Besuchsrechts-Syndrom" (auffällige Verhaltensweisen eines Kindes nach Besuchen beim außen stehenden Elternteil) ein und erklärt, dass sich hier die Eltern nicht in die Lage des Kindes - insbesondere seine Loyalitätskonflikte - versetzen und ihm nicht bei der Bewältigung seiner psychischen Probleme helfen. Besonders ausführlich behandelt er Vorwürfe sexuellen Missbrauchs innerhalb familienrechtlicher Verfahren, die - wenn nicht gerechtfertigt - zu einer Verschärfung der Konfliktlage und zu einer zusätzlichen emotionalen Belastung der Kinder führen, wenn diese z.B. ärztlichen Untersuchungen und "peinlichen" Befragungen unterzogen werden. Er nennt unbewusste Motive von Partnern, die zu entsprechenden Vorwürfen führen, wie beispielsweise die Projektion einer individuellen sexuellen Problematik.

Sorgerechts- bzw. Aufenthaltsbestimmungskriterien

Im vierten Kapitel macht Klosinski deutlich, dass das Kindschaftsrecht seit 1988 die gemeinsame Sorge nach Trennung und Scheidung als den Regelfall ansieht. Ein alleiniges Sorgerecht muss beantragt und der Antrag angemessen begründet werden. Der Autor stellt dann Kriterien zusammen, die für Sorgerechtsentscheidungen relevant sind. Dazu gehören beispielsweise

  • die Bindung des Kindes an den jeweiligen Elternteil (d.h. die Intensität und Qualität der Beziehung zwischen beiden),
  • die Erziehungsfähigkeit des jeweiligen Elternteils,
  • die Bereitschaft, den Umgang des Kindes mit dem anderen Elternteil zu fördern,
  • die personale und lokale Kontinuität,
  • die familiäre Einbindung (z.B. Unterstützung bei der Erziehung durch Großeltern, die im selben Haus oder in der Nachbarschaft wohnen),
  • der Wille insbesondere älterer Kinder sowie
  • deren soziale Bezüge vor Ort (in Kindergarten, Schule, Freundeskreis, Verein).

Besuchsregelungen

Klosinski geht im fünften Kapitel der Frage nach, wie häufig Kinder den außen stehenden Elternteil besuchen sollen. Er verweist darauf, dass laut Kindschaftsrecht dem Kind ein Umgangsrecht und jedem Elternteil auch eine Umgangspflicht zukommt. Dann beschreibt er, weshalb es empfehlenswert ist, dass Besuche nach einer bestimmten Regel (z.B. alle 14 Tage) erfolgen. Anschließend behandelt er Umgangsprobleme, die entweder bei den Eltern (z.B. hohes Streitpotenzial) oder bei dem Kind (z.B. Loyalitätskonflikte) liegen können. Wichtig sei auch, das Alter der Kinder zu berücksichtigen - Jugendliche wollen z.B. selbst entscheiden, wann bzw. ob sie den anderen Elternteil besuchen oder ob sie lieber mit Freunden etwas unternehmen möchten.

Anschließend stellt Klosinski Probleme beim Bringen und Abholen der Kinder (z.B. Trennungsängste von Kleinkindern) sowie mögliche Lösungen dar (z.B. zeitliche Verlängerung und spielerische Gestaltung der Übergabesituation). Er beschreibt den Sonderfall des "begleiteten" Umgangs (wird z.B. bei psychischer Erkrankung des Besuchsberechtigten oder bei der Gefahr von Kindesentführung angeordnet) und Gründe, die zum vorübergehenden Aussetzen des Umgangs führen können (z.B. Verstöße gegen die Wohlverhaltensklausel, Interesselosigkeit des Umgangsberechtigten oder eines älteren Jugendlichen).

Spezielle Probleme

Im sechsten Kapitel behandelt Klosinski einige besondere Konstellationen wie die Aufteilung von Geschwistern zwischen den getrennt lebenden bzw. geschiedenen Eltern, die Reaktionen von Kindern auf neue Partner der Eltern und während der Entstehung einer Stieffamilie, die Problematik der Namensänderung bei Wiederverheiratung der geschiedenen Mutter sowie die Stiefkind-Adoption. Er beleuchtet die dahinter liegenden Motive und zeigt auf, welche Folgen es hat, wenn z.B. der Nachname eines älteren Kindes geändert oder es von einem Stiefelternteil adoptiert wird.

Das Kind im Familienrechtsverfahren

Klosinski beschreibt im siebten Kapitel, in welchen Fällen es zu einer Anhörung von Kindern vor dem Gericht kommt und wie diese verläuft. Er erklärt die Rolle des Verfahrenspflegers, der als "Anwalt" des Kindes fungiert, und des Jugendamtsmitarbeiters, der die Eltern in der Trennungssituation berät. Dann behandelt er, wie in strittigen Fällen eine Familienrechtsbegutachtung verläuft, welche Aufgaben der Sachverständige hat, wie die betroffenen Kinder befragt werden, auf welche Weise Eltern ihre Kinder auf die Begutachtung vorbereiten sollen und wie das Gutachten aufgebaut ist. Anschließend widmet er sich der Frage, welche psychischen Konflikte und Belastungen aufseiten der Kinder mit der Begutachtung verbunden sind (z.B. Ängste, Schuldgefühle).

Grundregeln bei Trennung und Scheidung

Im letzten Kapitel berät Klosinski Eltern, wie sie sich richtig in folgenden, zum Teil von ihm schon ausführlich diskutierten Situationen verhalten:

  • Wo finden Eltern Rat und Hilfe?
  • Wann und wie sollen Eltern ihre Kinder über die Trennung informieren?
  • Bei welchem Elternteil sollen die Kinder bleiben?
  • Wie können negative Folgen der Trennung für Eltern und Kinder weitgehend vermieden werden?
  • Was sollen Eltern tun, wenn es bei Umgangskontakten zu Problemen kommt?
  • Wie sollen sich Elternteile verhalten, die einen neuen Partner in ihre Familie einführen wollen?

Zum Schluss listet Klosinski 19 Grundsätze auf, die Eltern in der Trennungs- und Scheidungssituation beachten sollten. In einem Anhang werden dann relevante Gesetzestexte im Wortlaut abgedruckt.

Fazit

Klosinski hat einen für Eltern sehr interessanten und hilfreichen Ratgeber verfasst. Viele Fallbeispiele illustrieren, welche Probleme in der Trennungs- und Scheidungssituation auftreten können. Deutlich wird aber auch, dass die Inhalte des Taschenbuchs stark durch die Berufserfahrungen des Autors geprägt werden. So wird viel über strittige Fälle berichtet, geht es zumeist um Fehlentwicklungen, Krisen, emotionale Belastungen und seelische Schäden. Gerade diese Problemdarstellungen könnten aber Eltern motivieren, die Trennungs- und Scheidungssituation so zu gestalten, dass eine positive Weiterentwicklung der Nachscheidungsfamilie möglich wird. Und dazu gibt Klosinski viele wichtige Hinweise und Ratschläge.


Rezension von
Dr. Martin R. Textor
Institut für Pädagogik und Zukunftsforschung (IPZF)
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Zitiervorschlag
Martin R. Textor. Rezension vom 07.09.2004 zu: Gunther Klosinski: Scheidung. Wie helfen wir den Kindern? Patmos Verlag (Ostfildern) 2004. ISBN 978-3-530-40158-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1689.php, Datum des Zugriffs 21.01.2020.


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