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Phoebe Caldwell: Mimetische Interaktion und Sensorische Integration (Autismus)

Cover Phoebe Caldwell: Mimetische Interaktion und Sensorische Integration. Ein Praxisbuch für alle, die Menschen mit schweren Autismus-Spektrum-Störungen betreuen. dgvt-Verlag (Tübingen) 2014. 112 Seiten. ISBN 978-3-87159-286-7. 14,90 EUR.
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Thema

Menschen mit einer schwer ausgeprägten Autismus-Spektrum-Störung erleben Sinneseindrücke aus der Umwelt völlig anders als nicht-autistische Menschen. Diese Wahrnehmungsweise führt nicht selten in die Isolation, weil Kommunikation nicht gelingt. Viele Betroffene sind überfordert, was häufig in schwierigem oder Stressverhalten resultiert. Dieses Buch hat die Arbeit mit Menschen, die nicht oder wenig sprechen können im Fokus, aber auch mit denen, die zwar sprechen können, diese Fähigkeit aber im Moment einer Krise verlieren. In diesem Buch wird vorgestellt, wie man Unterstützung dabei geben kann, die Welt besser zu verstehen.

Autorinnen

Seit über 30 Jahren arbeitet Phoebe Caldwell mit Menschen, deren schwere Lernbehinderungen mit schwierigem Verhalten gekoppelt sind. Dabei bietet sie Therapeuten, Eltern und Betreuungspersonen Aus- und Weiterbildungen in der Methode der Mimetischen Interaktion an. Sie ist beim staatlichen Gesundheitsdienst NHS (National Health Service) und bei verschiedenen sozialen Einrichtungen in Großbritannien angestellt. Sie arbeitet dort mit Einzelpersonen, die schwer zu betreuen sind.

Jane Horwood ist eine pädiatrische Ergotherapeutin und hat ein besonderes Interesse an der Sensorischen Integration.

Aufbau und Inhalt

Auf 109 Seiten findet der Leser neben den Erläuterungen zum methodischen Arbeiten Illustrationen und Fallbeispiele. Jedes Kapitel enthält eine Textbox mit „Kernpunkten“. Das Buch wendet sich an Eltern, Betreuungspersonen und andere Fachleute, die Menschen mit schweren Autismus-Spektrum-Störungen und anderen Lernbehinderungen begleiten. Es enthält eine große Bandbreite an erprobten und wirkungsvollen Methoden aus 30 Jahren Praxis. Das Buch beginnt mit der Erklärung, was eine Kommunikation mit Menschen, die mit schweren Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) leben, ausmacht. Im Zentrum steht die Verwendung von Körpersprache in einer autismusfreundlichen Umgebung.

Das erste Kapitel erläutert die andere sensorische Erfahrung. Es ist sicherzustellen, dass man das sieht, was unser Gegenüber sieht. Caldwell regt an, das aufzunehmen, was ausgedrückt wird, diese Informationen wurden lange Zeit nicht ernst genommen und dadurch nicht in die Begleitung, Förderung, Betreuung einbezogen. Menschen mit Autismus haben nicht selten überwältigende sensorische Erfahrungen, sie haben Probleme mit dem Verarbeitungssystem und mit dem Aussortieren von Eindrücken, sodass es zu Verzerrungen kommt.

Kapitel zwei widmet sich den unterschiedlichen Sehweisen, es ist hilfreich, von außen nach innen zu schauen und von innen nach außen. Eine einseitige kognitive Perspektive wird durch eine sensorische ergänzt. Menschen mit Autismus haben mit Überlastung zu kämpfen, die nicht selten in einem „autonomen Sturm“ mündet, bei dem es zu Fragmentierungen und anderen beängstigenden Begleiterscheinungen kommt. Zahlreiche O-Töne von Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung (ASS) z.B. Donna Williams berichten darüber. Hilfreich ist, über Bewältigungsstrategien zu verfügen, die helfen den Überblick zu bewahren, Zusammenhänge herzustellen und Fragmentierungen zu vermeiden.

Im Mittelpunkt des 3. Kapitels sensorischer Stress und seine Ursachen steht das Thema Stress. Es werden zwei Stufen von Stress sowie Faktoren, die Stress verursachen (sensorische Verzerrungen, emotionale Überforderung, verwirrende Mitteilungen und hormonelle Probleme) beleuchtet.

Das 4. Kapitel vertieft das Thema sensorische Verzerrungen. Konkretisiert wird die Hypersensitivität, das Sehen (Licht, Muster, Farben), das Hören, Berührung und Körpergrenzen, Gleichgewicht, Kopfbewegungen und Schwerkraft, das Schmecken und Riechen und die Synästhesie, womit das Verschmelzen der Sinneseindrücke gemeint ist.

Das 5. Kapitel emotionale Überforderung beleuchtet, welche Ansprüche die Begegnung mit anderen Menschen an die sensorische Verarbeitungsprozesse von Menschen mit ASS stellt.

Verwirrende Mitteilungen ist der Titel des 6. Kapitels. Speziell geht es um Sprache (u.a. verstehen und antworten, das Ausblenden, eine andere Art zu denken, leere Worte etc), um eindeutige Gesten oder um abstrakte Ideen (wie Wochen-, Tages- und Stundenpläne und Uhren). Wahlmöglichkeiten und Veränderungen werden als problematisch erlebt, weil plötzlich neue und komplexe Situationen verarbeitet werden müssen. Zu Wählen ist ein Menschenrecht, das jedem zusteht. Caldwell gibt Tipps, wie es gelingen kann.

Am Beispiel von Mike wird im 7. Kapitel die Methode erläutert. Der Leser wird eingeladen, ein Tag im Leben von Mike kennen zu lernen. Zuerst wird über einen normalen Tag in Mikes Leben und dann über einen besseren Tag für Mike berichtet.

Das 8. Kapitel erläutert den Kern des Buches die Mimetische Interaktion, bei der die Körpersprache als Kommunikationsmethode verwendet wird. Es wird berichtet, wie man bedeutungsvolles Feedback findet, wie man Variationen einführen kann und wann und wie lange man interagieren sollte. Ziel ist, den Menschen zu gemeinsam geteilter Aufmerksamkeit zu führen. Unser Gegenüber braucht eine bedeutungsvolle Antwort auf seine Kommunikationsangebote. Dabei ist darauf zu achten, dass diese Interaktionsanbahnung nicht nur in einem isolierten Kontext stattfindet, sondern Eingang in den Alltag findet, sodass mehrere Personen adäquat kommunizieren können.

Das 9. Kapitel Wie geht man mit Stressverhalten um befasst sich mit extremen Stress, der oft in Krisen mündet. Caldwell stellt stichpunktartig 17 Interventionen für Menschen, die sich in einer Krise befinden, vor. Vor allem wichtig sind bedeutungsvolle Bezugspunkte.

Das Buch endet mit der Zusammenfassung (Kapitel 10) und Literaturvorschlägen von Fachleuten und Menschen mit Autismus.

Diskussion

Das Buch ist so aufgebaut, dass man zuerst versteht, dass der hier vorgestellte Personenkreis eine andere sensorische Wahrnehmung hat und Informationen anders verarbeitet. Menschen mit ASS oder schweren Lernbehinderungen reagieren mit schwierigen Verhaltensweisen. Caldwell erklärt, wie es zu diesen Verhaltensweisen kommt. Vor allem macht sie deutlich, dass die Aussage „schwieriges Verhalten“ eine Zuschreibung aufgrund eines einseitigen Außenblicks ist. Ein Blick in die Erlebenswelt dieser Personen erklärt, welchem extremen Stress Betroffene in einer autismusfeindlichen Welt ausgesetzt sind. Am Ende des Buches stellt sie die Methode der Mimetischen Interaktion vor. Diese Methode verwendet die Körpersprache der betreuten Person, um mit ihr Kontakt aufzunehmen. Zu diesem Ansatz gehört auch die sensorische Integration, die durch spezifische Aktivitäten die Fähigkeit verbessert, sensorische Informationen zu empfangen, zu verarbeiten und zu deuten. So kann man die Umgebung einer Person mit schweren Autismus-Spektrum-Störungen entsprechend modifizieren und Stress auslösende Faktoren reduzieren. Die Bedürfnisse der Person haben in dieser Arbeit einen hohen Stellenwert.

Das Verstehen, warum Menschen mit schweren Autismus-Störungen auf eine angepasste Umgebung angewiesen sind, bildet den Mittelpunkt des Buches. Das Titelbild zeigt eine Tür, die geöffnet ist und in die Natur führt. Dieses Bild möchte ausdrücken, dass es Wege gibt, wenn wir die Tür zu Menschen, die schwer zugänglich sind, öffnen. Die geöffnete Tür drückt Zuversicht aus. Caldwell weiß wovon sie schreibt. Sie arbeitet seit 30 Jahren mit Menschen, die schwer zugänglich sind, die herausfordern. Sie hat diese Zuversicht, um immer wieder neue Wege zu gehen, wenn andere schon aufgegeben haben. Sie weist darauf hin, dass Neugierde und Kreativität wichtige Handwerkzeuge sind. Ihre Aussagen kann ich aus meiner Erfahrung heraus nur bestätigen. Man kann Wege zu jedem Menschen finden, wenn man sich offen auf ihn einlässt, wenn man davon ausgeht, dass die Person kommunizieren kann, auch wenn es in unseren Augen nicht den Anschein macht. Dieser Anschein ist subjektiv gefärbt, aus einer Außensicht definiert. Ich teile die Haltung von Caldwell, dass es in unserer Hand liegt und auf unsere Kreativität ankommt, Wege zu gestalten. Diese Haltung einzunehmen steht jedem offen und kostet kein Geld!

Bemerkenswert ist die Anzahl der Sinne, die ein Mensch laut Aussage der Autorin Caldwell hat. Sie geht davon aus, dass der Mensch 21 (!) Sinne hat, wenn man nicht nur die Sinne zählt, die Eindrücke von außen empfangen, sondern auch diejenigen hinzuzählt, die durch die innere Wahrnehmung aufgenommen werden (S.42). Dieser Hinweis ist eine klare Aufforderung, die Informationsaufnahme und Sinnesverarbeitung genauer in den Blick zu nehmen, um der Person mit ihren Schwierigkeiten adäquate Angebote zu machen.

Ihre Aussagen sind wirklich bedeutsam. Heutzutage macht es manchmal den Eindruck als müssten Interventionen schnell zu finden sein (z.B. mit dem Hinweis auf den viel beklagten Zeitdruck). Leider wird sehr schnell zu Medikamenten gegriffen, was die Probleme nicht unbedingt löst, sondern eine Spirale in Gang setzt, die schwer zu durchbrechen ist, weil die Ursachen für das herausfordernde Verhalten, die z.B. in der misslingenden Kommunikation liegen können, nicht beachtet wurden. Diese Methode, also die Kombination der Mimetischen Interaktion und Sensorischen Integration ist bisher wenig bekannt und deshalb ist es sehr zu begrüßen, dass der DGVT Verlag dieses Buch veröffentlicht hat und diesen Ansatz bekannter macht. So ging es mir auch mit dem Buch von Brenda Batts (vgl. die Rezension).

Fazit

Menschen mit einer schwer ausgeprägten Autismus-Spektrum-Störung erleben Sinneseindrücke aus der Umwelt völlig anders als nicht-autistische Menschen. Diese Wahrnehmungsweise führt nicht selten in die Isolation. Viele Betroffene sind überfordert, was häufig in schwierigem Verhaltensäußerungen oder Stressverhalten resultiert. Dieses Buch hat die Arbeit mit Menschen, die nicht oder wenig sprechen können im Fokus. Manche können zwar sprechen, verlieren diese Fähigkeit aber im Moment einer Krise. In diesem Buch wird vorgestellt, wie man Betroffene unterstützen kann, die Welt besser zu verstehen.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 17.06.2014 zu: Phoebe Caldwell: Mimetische Interaktion und Sensorische Integration. Ein Praxisbuch für alle, die Menschen mit schweren Autismus-Spektrum-Störungen betreuen. dgvt-Verlag (Tübingen) 2014. ISBN 978-3-87159-286-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16891.php, Datum des Zugriffs 26.06.2019.


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