Michael Ermann: Der Andere in der Psychoanalyse. Die intersubjektive Wende
Rezensiert von Cornelia von Kleist, 23.03.2015
Michael Ermann: Der Andere in der Psychoanalyse. Die intersubjektive Wende. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2014. 144 Seiten. ISBN 978-3-17-024858-8. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 35,50 sFr.
Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-17-030244-0 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
Entstehungshintergrund und Thema
Das Buch ist aus einer Vorlesungsreihe des Autors bei den Lindauer Psychotherapiewochen 2013 entstanden und „handelt von der Bedeutung des realen Anderen in der Psychoanalyse“ (S.9). Es stellt jene Ansätze vor, die im Anschluss an das intersubjektive Paradigma, das sich in Philosophie und Geisteswissenschaften, aber auch in der Säuglings- und Kleinkindforschung durchgesetzt hat, in der Psychoanalyse die Einpersonenpsychologie mit ihrer Dichotomie von Subjekt und Objekt in den letzten Jahrzehnten überwunden haben.
Autor
Prof. Dr. med. Michael Ermann ist emeritierter Professor für psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Ludwig-Maximilians-Universität München und Psychoanalytiker in eigener Praxis. Er ist mit Arbeiten zur psychoanalytischen Behandlungstechnik hervorgetreten, hat maßgeblich zur Enttabuisierung der Homosexualität in der deutschen Psychoanalyse beigetragen und leitete 2003 – 2011 ein großes Forschungsprojekt zum Thema „Kriegskindheit“. In seiner theoretischen Arbeit vertritt er auch hier eine eher integrative Haltung und betont, dass „der intersubjektive Ansatz“ in der Psychoanalyse zwar zu „einer grundsätzlichen Umorientierung der psychoanalytischen Denk- und Handlungskultur beiträgt“, aber „ohne dass man die theoretischen Basiskonzepte dafür unbedingt aufgeben muss.“ (S.9)
Entstehungshintergrund
Die fünf Kapitel des Buches reproduzieren die fünf Vorlesungen, die M. Ermann bei den Lindauer Psychotherapiewochen 2013 unter dem Titel „Intersubjektivität – eine neue Kultur für die Psychoanalyse“ gehalten hat. Sie waren für Hörer konzipiert, die überwiegend keine Psychoanalytiker sind, und das behält der Autor bei, indem er Anschaulichkeit wichtiger findet als Vollständigkeit und Literaturbelege so anführt, wie sie seinem eigenen Entdeckungs- und Erkenntnisprozess dienen.
Aufbau und Inhalt
Die ersten beiden Vorlesungen: „Der Andere in der traditionellen Psychoanalyse“ und „Die intersubjektive Wende“ zeigen in etwa die historische Entwicklung der psychoanalytischen Theorie unter dem Gesichtspunkt nach, wie reale Andere mehr und mehr an Bedeutung gewinnen.
Dem positivistischen Wissenschaftsideal seiner Zeit verpflichtet tauchten in Freuds Werk andere Menschen zunächst vor allem als Störung und Arbeitsanforderung an den „psychischen Apparat“ des Subjekts auf: sei es als „Liebesobjekt, auf das die Triebe ausgerichtet sind“, sei es „als Repräsentant einer mehr oder weniger triebfeindlichen Umwelt“ (S. 16) rufen sie innerseelisch Spannungen hervor, auf die der „Apparat“ quasi automatisch mit Prozeduren zur Spannungsverminderung antwortet. Freud blieb aber hinreichend offen für klinische Beobachtungen, die zu diesem Modell wenig passten: statt froh zu sein, wenn sich die therapeutische Beziehung möglichst sachlich gestaltete, entwickelten seine Patientinnen intensive Gefühle für ihn, sog. „Übertragungen“ und es zeigte sich, dass Therapeuten auch „Gegenübertragungen“ ausbildet. Zwar impliziert diese Begriffsbildung, dass solche Gefühle nicht wirklich der Psychoanalytikerin gelten, sondern aus anderen Beziehungen stammend auf die therapeutische „übertragen“ werden, aber der „Weg hin zu einer interaktionellen Sichtweise“ (S.23) war gebahnt, zumal sich die sog. Gegenübertragung von Therapeuten als feines Diagnoseinstrument für frühe Beziehungserfahrungen erwies, über die die Patienten nicht explizit sprechen können, weil sie vorsprachlich stattfanden und/oder unbewusst geworden sind. Etwa ab 1940 begannen zunächst Psychoanalytiker in London, sich systematischer mit den realen frühen Beziehungen zu befassen, paradigmatisch mit der Mutter-Kind-Beziehung. Die entstehende Objektbeziehungstheorie unterschied dabei sorgfältig zwischen der Mutter, die ein erwachsener Beobachter erleben mag und dem Bild, das ein Kind unter dem Einfluss seiner umfassenden Abhängigkeit von ihr als unbewusste Phantasie entwickelt und als Objektrepräsentanz verinnerlicht. Während D.W. Winnicott, M. Balint, R.D. Fairbairn und H. Guntrip die Bedeutung der realen Mutter für die kindliche Selbstentwicklung hervorhoben, bewahrten M. Klein, W. Bion und später O. Kernberg eine größere Nähe zu Freuds „romantischem“ Triebdualismus: für sie prägen die mächtigen Leidenschaften, die intensive Liebe des Babies und sein ebenso intensiver Hass, die entstehenden Selbst- und Objekt-Repräsentanzen. Zwar akzentuieren beide Richtungen die gelingende mütterliche Funktion unterschiedlich („holding“ vs. „containing“), betrachten sie aber beide als Modell auch für die psychoanalytische Therapie. Bis heute verwenden wir das, von Bion im Anschluss an Klein entwickelte Konzept der projektiven Identifizierung (S. 28) zum Verständnis auch psychoanalytischer Prozesse: die Analytikerin muss sich, wie die Mutter des Kleinkindes, als Empfängerin von inneren Zuständen zur Verfügung stellen, die für ihren Patienten so unerträglich sind, dass er sich ihrer durch Projektion „nach außen“ entledigt. Wenn der Prozess gelingt, gerät sie aufgrund ihrer besseren Verarbeitungsmöglichkeiten nicht in den verzweifelten Zustand des Patienten, sondern verwandelt diesen in etwas Aushaltbares („containen“) und spiegelt, wie der Patient solche Selbstanteile wieder aufnehmen und produktiv bewältigen kann. Der Analytiker „leistet mit seiner Kapazität, Gegenübertragungen in sich aufzunehmen und diese zu verarbeiten, einen aktiven Beitrag zum psychoanalytischen Prozess.“ (S. 36)
Die Gedanke, dass das Selbst sich von Anfang an aus der Begegnung mit anderen entwickelt, beschäftigte mit anderer Terminologie auch andere Disziplinen, etwa die Philosophie (G.H. Mead, E. Husserl, G. Gadamer, M. Buber u.a.). Für die Psychoanalyse stellt Ermann die Überlegungen zur Selbstpsychologie, wie sie in den ´60er Jahren von H. Kohut entwickelt wurden, der die Ganzheit des Ich-Subjekts als Problem auch für die Therapie erkannte, ins Zentrum seiner 2. Vorlesung: „Die intersubjektive Wende“. Neurotische Störungen entstehen nur in einem Subjekt mit hinreichend stabilen Grenzen, das zu inneren Konflikten überhaupt fähig ist, während bei den sog. narzisstischen Störungen Elternfiguren in ihrer „Funktion als Selbstobjekt“ (S. 44) in einem früheren Stadium versäumt haben, dem Subjekt „durch Empathie und Spiegelung ein Gefühl von Ganzheit zu vermitteln und dadurch ein kohäsives Selbstgefühl zu erzeugen.“ (S. 44). Seelische Pathologien entstehen wesentlich aus dem Versagen des Anderen, das die Therapie, so gut es geht, zu korrigieren sucht: bevor solche Patienten von der klassischen, an Einsicht orientierten Therapie profitieren können, müssen sich ihre Psychoanalytiker lange Zeit als Selbstobjekt zur Verfügung stellen, damit sie die dafür notwendigen seelischen Strukturen nachreifend entwickeln können. Für diese therapeutische Aufgabe aber ist die Haltung von Neutralität und Abstinenz der klassischen Psychoanalyse nicht günstig. Kohuts Nachfolger kritisierten, sie führe in den Therapien zu einer künstlichen, emotional kalten Atmosphäre, in der sich kein positives Selbstwertgefühl entwickeln könne; so, wie manche Spiegel gnadenlos jede Schwäche ausleuchten. Wie oft bei Neuerungen hatte es auch bei dieser Vorreiter gegeben, die aber zunächst randständig blieben: etwa in den 50er Jahren in den USA H.S. Sullivan mit der „interpersonalen Psychoanalyse“ und im deutschen Sprachraum plädierte H. Thomä für eine „Kunst der Natürlichkeit“ im Umgang mit Patienten, sodass diese „neue Erfahrungen (machen können), die zu den Übertragungserwartungen kontrastieren“ (S. 58). Sichtbare Gefühlsreaktionen der Analytikerin gefährden damit nicht mehr per se den therapeutischen Prozess durch suggestive Einflussnahme, vielmehr werden sie als „korrigierende emotionale Erfahrung“ des Gesehen- und Wahrgenommenwerdens von Patienten geradezu gebraucht. Etwa seit den 80er Jahren entsteht eine Diskussion um Selbstoffenbarung und Selbsteinbringung, um die Frage, welche Gefühle Psychoanalytiker mitteilen sollen oder dürfen, um den therapeutischen Prozess zu fördern? Kontinuierlich beschäftigt sie die relationale Psychoanalyse, wobei deren Begründer, St. Mitchell, und auch J. Benjamin, die in Deutschland vielleicht bekannteste Vertreterin, eher eine restriktive, genau motivierte Handhabung dieses therapeutischen Instruments empfehlen. – Zuspitzend kann man Selbstpsychologie und Objektbeziehungstheorie als Zweipersonen- im Verhältnis zur Einpersonenpsychologie der klassischen Psychoanalyse kennzeichnen, während „der Intersubjektivismus die Bezogenheit selbst als Matrix (sieht), aus welcher das Individuelle und das Interpersonale erschaffen werden“ (S.66); mögliche Beziehungen und Selbstbilder konstituieren sich im und durch das intersubjektive Feld.
M. Ermann widmet die 3. Vorlesung den „Einflüssen der Nachbarwissenschaften“ und zeigt auf, wie entwicklungspsychologische Forschung und Neurowissenschaften den intersubjektiven Ansatz unterstützen. Bereits in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts formulierten Psychoanalytiker wie R. Spitz und M. Mahler aus ihren Beobachtungen an Säuglingen und Kleinkindern normale Entwicklungsaufgaben in Beziehungsbegriffen: „soziales Lächeln“, „Fremdenangst“ und „Nein“-Sagen bei Spitz (S. 70), die Fähigkeit zur Individuation bei gleichzeitiger Bezogenheit bei Mahler (S. 71). Erst die minuziösen Beobachtungsmöglichkeiten der Videotechnik ermöglichten aber die Entdeckung des „kompetenten Säuglings“ (M. Dornes), der von Geburt an Beziehungen „durch die kommunikative Funktion, die seinen Affektäußerungen innewohnt“ (S.73) initiiert und gestaltet. Dies sowie, dass Entwicklungsschritte des Säuglings eher in „alltäglichen Zuständen niederer Spannung“ (S.73) denn als Reaktion auf die Frustration von (Trieb-) Bedürfnissen stattfinden, haben D. Stern mit der Boston change process study group, die nach seinem Tod 2013 die Arbeit fortführt, maßgeblich mit entdeckt. Das stellt die Idealisierung von „Versagung“ und Verzicht auch für den psychoanalytischen Prozess in Frage und öffnet den Raum für differenzierte Überlegungen, welche Bedingungen für einen therapeutischen Prozess günstig sind? – Von der psychoanalytischen Gemeinschaft wegen ihrer Abkehr von der Trieblehre verurteilt entwickelten J. Bowlby, M. Ainsworth (die einzige Nichtpsychoanalytikerin) und J. Robertson die Bindungstheorie etwa gleichzeitig zur Objektbeziehungstheorie; sie stellten die These auf, das Bedürfnis, „die Nähe anderer zu suchen und Bindungen zu anderen herzustellen“ (S. 77) sei als „eigenständiges Motivationssystem“ so angeboren wie Sexualität und Aggression. Erst auf dem Umweg über die heuristisch äußerst fruchtbare Typologie verschiedener Bindungsstile mit unterschiedlichem pathogenen Potenzial, wie sie im Anschluss an Ainsworths Experiment der „Fremdensituation“ entwickelt wurde, kehrte die Bindungstheorie in die Psychoanalyse zurück. Mittlerweile gibt es unzählige Untersuchungen zu der Frage, wie sich die Qualität früher Bindungen u.a. auf die Pathologie im späteren Lebensalter auswirkt.
Neue Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft vermögen Erfahrungen aus der klinischen Praxis zu erklären. Man kann etwa die Spiegelneuronen, die die Arbeitsgruppe um G. Rizolatti in den 90er Jahren identifizierte, als physiologisches Korrelat zu „Resonanzphänomenen“ wie Empathie bzw. intuitivem Verständnis für andere in konkreten Situationen bzw. zur Spiegelung als Instrument der Behandlungstechnik interpretieren. Auch die etwas schlichte Überlegung, dass eine sprachliche Therapie wie die Psychoanalyse bei vorsprachlich entstandenen Störungen versagen müsse, stellt sich mit Hilfe der, von B. Milner in den 1950-er Jahren entdeckten zwei Modi des Gedächtnisses, dem implizit-prozeduralem und dem explizit-deklarativen Gedächtnis, differenzierter und einleuchtender dar: „Im Prozessgedächtnis ist das Beziehungswissen vorsprachlich als affektive und sensorisch vegetative Zustände codiert… enthalten sind auch basale Organisationsprinzipien der Persönlichkeit, die in der Begegnung mit dem Anderen in ungezählten frühen Interaktionen geformt werden“ (S. 85). M. Balint hatte dies bereits als Ebene der „Grundstörung“ beschrieben, auf der Worte nicht nach ihrem Inhalt, sondern nach ihrem Klang und als Zeichen der Anwesenheit des Therapeuten bedeutsam sind. Kommuniziert werden solche Erinnerungen durch die projektive Induktion von ähnlichen Gefühlszuständen in einem Anderen mit dem Appell, ihnen Sprache zu geben, sodass das Subjekt sie durch projektive Identifizierung selbst versprachlichen kann. Wir können dies als „relationales“ oder „intersubjektives“ Unbewussten (S.86) vom dynamischen Ubw der klassischen Psychoanalyse abgrenzen, dessen abgewehrte Inhalte aus dem semantischen und dem episodischen Gedächtnis stammen. Etwa ab dem 2. Lebensjahr bildet sich mit Spracherwerb und beginnendem begrifflichen Denken das explizit-deklarative Gedächtnis, das dem Subjekt ermöglicht, selbst über nachzudenken. Ein zentraler Inhalt unseres Nachdenkens sind immer wir selbst und andere Menschen; deshalb ist auch die Fähigkeit zur Mentalisierung, wie sie P. Fonagy und M. Target herausgearbeitet haben, so bedeutsam. Für unser eigenes und das Handeln anderer folgen wir einer „Theorie des Geistes“, gehen davon aus, dass es durch „dahinter liegende“ innere geistige und gefühlshafte Zustände motiviert ist, die es nur ausdrückt. Anfänge der Mentalisierung finden sich ab dem 1. Lebensjahr, wenn die Mutter eine gemeinsame Aktivität initiieren und die Aufmerksamkeit des Kindes bewusst auf etwas lenken kann („joint attention“). Aber erst etwa mit dem 5. Lebensjahr ist die Mentalisierung voll ausgebildet, sodass Handlungsausdruck und Motiv geistig „entkoppelt“ werden können und vorstellbar wird, dass jemand täuscht (vgl. Schwarzer-Peter-Spiel) oder Dinge anderes wahrnimmt, weil er/sie andere Voraussetzungen hat. Das Denken vollzieht sich zunächst im Äquivalenzmodus, d.h. in der Überzeugung, dass Wort und Ding so eng verbunden sind, dass es einen Gedanken, ein Gefühl ohne die entsprechende Realität nicht geben kann, wobei, quasi im Vorgriff auf die reife Mentalisierung, Mutter und Kind von Anfang an auch im Als-ob-Modus interagieren, z.B. wenn die Mutter seine Gefühle etwas übertrieben spiegelt („markiert“) oder wenn im gemeinsamen Spiel (auch bei Winicotts „Übergangsobjekten“) eine Puppe zwar als Kind angesprochen, aber doch nur symbolisch gefüttert wird. Solche Erfahrungen fördern die Symbolisierung im psychoanalytischen Sinn, d.h. die Fähigkeit, Sprache und Erleben zugleich zu unterscheiden und in dem Sinn zu verbinden, dass das eine das andere bedeutet.
In der 4. Vorlesung „Das intersubjektive Feld“ referiert Ermann, wie sich unser Verständnis der psychoanalytischen Situation und des psychoanalytischen Prozesses durch die Anerkennung von Intersubjektivität verändert. Wir sind dadurch mit dem Problem konfrontiert, dass „der Therapeut sich aus der Position des außenstehenden oder sogar überlegenen Beobachters herausbegibt und sich als Mitgestalter des Prozesses begreift“ (S.100), aber dabei für die Wahrung der „Asymmetrie“ in den Funktionen von Therapeut und Patient verantwortlich bleibt, sodass ein für den Patienten förderlicher therapeutischer Prozess stattfinden kann. Die Ansicht der klassischen Psychoanalyse, die Therapeutin könne durch eine neutrale und abstinente Haltung, größtmögliche Zurückhaltung, sich auf die Einhaltung des Rahmens beschränken und so einen Raum schaffen, in dem der Patient sich optimal entfalten kann, scheint heute weder realisierbar, noch therapeutisch sinnvoll. Der psychoanalytische Prozess entfaltet sich vielmehr in einem „intersubjektiven Feld“ (G.E. Atwood/ R.W. Stolorow), „dynamischen analytischen Feld“ (M. und W. Baranger), „bipersonalen Feld“ (A. Ferro), das Patient und Psychoanalytikerin mit ihrer jeweiligen Subjektivität, Geschichte und aktuellen Lebenssituation, mit ihren wechselseitigen Übertragungen und Gegenübertragungen „ko-konstruieren“ (S. 101). Das analytische Paar erschafft eine „intersubjektive Übertragungsmatrix“ (Ermann), aus der ein gemeinsames Unbewusstes („analytic third“ bei T.Ogden) neu entsteht; an ihm entfaltet und entwickelt sich die Analyse. Schon, weil die Analytikerin nicht genauso wie die Mutter sein kann, kommt es zu einer „korrigierenden emotionalen Erfahrung“, die aber nicht per se heilend ist. In Übereinstimmung mit der Selbstpsychologie ist für Ermann „der Effekt der Behandlung im Wesentlichen eine Funktion der Verfügbarkeit des Analytikers als Selbstobjekt“ (S. 102). Dazu gehört als wesentliche innere Arbeit, eigene Übertragungen und Gegenübertragungen der Analytikerin so weit „innerlich“ (bzw. in Supervision und Intervision) zu bearbeiten, dass sie eine empathische Haltung und Resonanz zum Patienten, die immer verloren gehen können, wieder gewinnen kann; dies entspricht in etwa der von Bion konzipierten Alphafunktion. In ruhigeren Phasen der Analyse, wenn ein gemeinsames spielerisches Phantasieren möglich ist, kann so etwas wie „ein intermediärer Raum“ (Winnicott, S. 105) entstehen, in dem neue Gedanken und Gefühle entstehen und wachsen können. Besonders bei frühgestörten Patienten ist aber zu erwarten, dass solche Phasen zunächst kurz sind und immer wieder von sog. Enactments bzw. Handlungsdialogen (R. Klüwer) unterbrochen werden, in denen sich frühe Beziehungserfahrungen zunächst nicht sprachlich, prozedural, (re-)inszenieren. – Während in der klassischen Analyse solche Szenen als „Agieren“ bzw. als Widerstand des Patienten dagegen, zu sprechen statt zu handeln, verstanden wurden, versteht die intersubjektive Behandlungsführung dies als gemeinsame Inszenierung und erkennt an, „dass und wie ich als Analytiker daran beteiligt bin“ (S. 108). Wenn sie gemeinsam mit dem Patienten nachträglich exploriert wird, können auch mit frühgestörten Patienten neurotische Beziehungskonflikte zum Thema werden. In der relationalen Psychoanalyse hat vor allem Benjamin eine Kunstlehre der Anerkennung und der Reparatur von eigenen Fehlern durch die Analytikerin entwickelt, die für manche Patienten zum 1. Mal deren eigene Wahrnehmung bestätigen und so ihr Denken wieder in Fluss bringen können. In diesem Zusammenhang greift Ermann die Frage nach der selektiven Selbstenthüllung der Psychoanalytikerin auf. Seine Antwort blendet jedoch alle Kontroversen aus, beschränkt sich darauf, „dass der Analytiker Material aus seinem eigenen Erleben beiträgt, das dem Patienten hilft, sich besser zu verstehen und sein Selbsterleben neu zu organisieren.“ (S.112) Wie von Benjamin ausgearbeitet, ist das nach meiner Beobachtung vor allem der Fall, wenn die Selbsteinbringung eine innere Abwesenheit der Analytikerin, die der Patient bereits gefühlt hatte, anerkennt.
In der abschließenden 5. Vorlesung „Intersubjektivität und Psychoanalyse heute“ fasst Ermann noch einmal „Essentials des intersubjektiven Ansatzes“ zusammen, die bereits ausführlich referiert worden sind. Er greift implizit die Ergebnisse der Säuglingsforschung auf, wenn für ihn „im analytischen Prozess vorrangig reparative Bedürfnisse zum Tragen kommen, speziell Bedürfnisse nach Bindung, Anerkennung, Spiegelung und Kontinuität“ (S, 117), auch im intersubjektiven Feld der Analyse eine perfekte Abstimmung nicht möglich ist und die Ko-Konstruktion der Situation kleine Differenzen schafft, die Entwicklung anstoßen können. Das Auftreten von Widerständen zeigt an, dass die Analytikerin durch eine eigene konflikthafte Übertragung oder Gegenübertragung daran gehindert wird, als Selbstobjekt verfügbar zu bleiben. Wenn es durch die gemeinsame Reflexion gelingt, den psychoanalytischen Prozess wieder in Fluss zu bringen, verwandelt er nicht nur den Patienten, sondern auch die Analytikerin. – Die „Kritik am intersubjektiven Paradigma“ (S.123) zentriert sich um die Vernachlässigung der intrapsychischen Prozesse, die im Zentrum der alten Psychoanalyse standen, dem „Konzept des strukturellen Selbst als Struktur und Träger einer gewissen Kontinuität des Selbsterlebens“ (S. 124). Wenn ein neues Paradigma ein altes ablöst, geschieht dies leicht und deshalb macht Ermann darauf aufmerksam, dass die Begriffe „der Organisationsprinzipien bei Stolorow oder der Erlebniskonfiguration bei Mitchell“ (S. 124) als Verweise auf ein kontinuierliches Selbst genommen werden können. Eine andere Kritik, die er aber nicht teilt, ist ähnlich schon gegenüber der Selbstpsychologie vorgebracht worden: dass „soziale Unangepasstheit, Triebwünsche und unbewusste Phantasien nie vollständig integriert werden und vor allem die aggressiven Komponenten aus der intersubjektiven Realität ausgeklammert bleiben.“ (S. 125) Ermanns persönliche Annäherung an das intersubjektive Paradigma (S. 125) scheint dadurch geprägt, dass dieses Paradigma sowohl seine klinische Praxis besser abzubilden, als auch die heilende Wirkung „unanalytischer“ Interventionen verstehbar zu machen vermochte. Schließlich plädiert Ermann dafür, weder das intersubjektive, noch das intrapsychische Paradigma als Glaubensbekenntnis zu verwenden; vielmehr erinnert er daran, dass in der klinischen Praxis der bewusste Rückgriff auf Theorien eher in Notsituationen erfolgt, wenn der therapeutische Prozess über längere Zeit ins Stocken gerät oder eine kritische Phase immer unverständlicher wird: „Wenn die Intuition intakt ist, wird eine kontingente Theorie aufgerufen werden und dem Therapeuten helfen, die Zuspitzung aufzulösen.“ (S. 130) – Die Zuspitzung aber kann intrapsychisch oder im gemeinsamen therapeutischen Prozess entstanden und begründet sein.
Diskussion
Das Buch gibt einen guten Einblick in die aktuelle Diskussion des Intersubjektivitätsparadigmas in der Psychoanalyse und zeigt die Verbindungen zu den Nachbarwissenschaften auf. Kritik habe ich in zwei Punkten, für die es vielleicht bisher noch keine befriedigende Antwort der Intersubjektiven gibt? Zum einen bleiben Ermanns Ausführungen zum Problem der „selektiven Selbstenthüllung“ fast provozierend inhaltsleer: sie sei in dem Maße angebracht, wie sie dem Patienten diene (S. 128). Das kann, unabhängig von der Bedeutung der Subjektivität der Analytikerin, jede/r unterschreiben! Zum anderen hätte ich mir wenigstens als Ausblick gewünscht, wie Interventionen aus der Position eines Gegenübers, etwa mit realer Schuld oder nicht aufzuhebenden Verlusten des Patienten, sich in einen intersubjektiv verstandenen psychoanalytischen Prozess einfügen lassen? Vielleicht sind es die Interventionen, die in der klassischen Psychoanalyse „väterlich“ genannt würden; sie sind nach meiner Erfahrung zwar nur gelegentlich, aber dann therapeutisch sehr sinnvoll und entlastend. Hier erlebe ich Ermanns Orientierung an der Selbstpsychologie, der ja immer wieder vorgeworfen wird, das Aggressive zu vermeiden, als beschränkend; vielleicht gar nicht in der Praxis, wohl aber in der Theoriebildung.
Fazit
Ich halte dieses Buch für sehr lesenswert, wobei ich nicht beurteilen kann, ob die Darstellung für Leser, die mit der psychoanalytischen Literatur nicht vorab einigermaßen vertraut sind, zu dicht ist. Für diejenigen aber, die, wie ich selbst, oft eher unsystematisch lesen, bietet es eine sehr nützliche und anregende Zusammenstellung der Überlegungen, die für eine zeitgenössische intersubjektive Sicht auf die psychoanalytische Situation und den psychoanalytischen Prozess relevant sind.
Rezension von
Cornelia von Kleist
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