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Hermann Scheuerer-Englisch, Andreas Hundsalz u.a. (Hrsg.): Jahrbuch für Erziehungsberatung. Band 10

Cover Hermann Scheuerer-Englisch, Andreas Hundsalz, Klaus Menne (Hrsg.): Jahrbuch für Erziehungsberatung. Band 10. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. 300 Seiten. ISBN 978-3-7799-0490-8. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.
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Thema

Der Schwerpunkt des 10. Bandes des Jahrbuchs für Erziehungsberatungsstellen liegt auf Berichten aus der Praxis, speziell zu Fragen der Kooperation von Erziehungsberatung mit anderen Akteuren in der Jugendhilfe.

Herausgeber

Hermann Scherer-Englisch ist Dipl.-Psychologe und Leiter der Erziehungs-, Jugend- und Familienberatungsstelle der Katholischen Jugendfürsorge in Regensburg.

Dr. Andreas Hundsalz ist Dipl.-Psychologe und ehemaliger Leister der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern der Stadt Mannheim. Klaus Menne ist Dipl.-Soziologe und langjähriger Geschäftsführer der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung.

Aufbau

Der Herausgeberband gliedert sich in vier Abteilungen mit insgesamt elf Beiträgen.

  1. Erziehungsberatung im Zentrum der Kinder- und Jugendhilfe mit einem Beitrag von Christine Utecht über „Effektive Kommunikation“, einem Beitrag von Hans-Werner Eggemann-Dann, Sabine Buckel, Reinhild Müller-Hasse und Sibylle Messinger über „Von der Kooperation zur angestimmten Angebotsentwicklung“ sowie einem Beitrag von Meinhard Schlundt zur „Insoweit erfahrenen Fachkraft“ gemäß § 8a SGB VIII.
  2. Erziehungsberatung in „Tageseinrichtungen“ mit Beiträgen von Bernhard Kühnl, Stefan Näther und Susanne Pilger zum „Krippenpsychologischen Fachdienst München“ sowie Anne Klubert zu „Erziehungsberatung in Grundschulen“.
  3. Angebote der Erziehungsberatung für Jugendliche und junge Erwachsene mit einem Beitrag von Hermann Scheuerer-Englisch, Cornelia Braun-Vilsmeier und Irmgard Koss zu einem „Kooperationsprojekt einer Erziehungsberatungsstelle und einer Mutter-Kind-Einrichtung“, einem Beitrag von Barbara Evangelou und Dorothea Marquardt zur „Offenen Sprechstunde für Jugendliche“ sowie einem Beitrag von Jürgen Wolf über „Jugendliche und junge Erwachsene in der Beratung“.
  4. Untersuchungen mit Beiträgen von Matthias Berg und Alexander Trost zu „Bindungswissen in der Erziehungsberatung“, Klaus Roos zu „Kosten-Nutzen-Analyse der Erziehungsberatung“ und Klaus Menne zu „Fakten aus der Statistik“.

Inhalt mit Diskussion

Zum 10. Mal liefert das Jahrbuch für Erziehungsberatung unter fachlichen wie gesellschaftspolitischen Aspekten einen informativen und spannenden Einblick in die vielfältige Praxis deutscher Erziehungsberatungsstellen. Im Hinblick auf den hohen Fachlichen Standard dieser Schriftenreihe mutet es daher etwas seltsam an, wenn am Ende der Einleitung eher beiläufig angemerkt wird, dass diese „Schriftenreihe zur Theorie und Praxis der Erziehungs- und Familienberatungsstellen“ mit diesem Band beendet wird (S. 15).

Der Band enthält eine Reihe wirklich informativer und anregender Beiträge aus der Praxis. Den Auftakt in der ersten Abteilung leistet Christine Utecht mit ihrem Beitrag über die Zusammenarbeit mit dem Allgemeinen Dienst des Jugendamtes im Landkreis Tübingen, wo es gelang, ein gemeinsames und verbindliches Regelwerk für die Kooperation zwischen Jugendamt und Erziehungsberatung zu entwickeln. Im zweiten Beitrag von Hans-Werner Eggemann-Dann, Sabine Buckel, Reinhild Müller-Hasse und Sibylle Messinger wird dargestellt, wie es in Ludwighafen gelang, im Rahmen der Kooperation in einer „Regionalen Fachkonferenz“ neue, an den Bedarfen der Jugendhilfe orientierten Leistungspakete der Erziehungsberatung in Form einer „Aufsuchenden Familientherapie“ sowie das „Multifamilientraining“ zu etablieren. Der dritte Beitrag von Meinhard Schlundt fokussiert als Erfahrungsbericht auf die Tätigkeit einer „insofern erfahrenen Fachkraft“ nach SGB VIII und KKG im Rahmen der Tätigkeit in einer Erziehungsberatungsstelle. Er stellt einerseits eindrucksvoll die Bedeutung der Dimension Vertrauen in der Beratung von belasteten Eltern dar, zum anderen die Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit, speziell die Teams in Kindertagesstätten im Sinne eines frühen Kinderschutzes mit kollegialer Fallberatung zu unterstützen, da hier erfahrungsgemäß viele Unsicherheiten im Zusammenhang mit der Gesetzeslage bestehen.

In der zweiten Abteilung zeigt der Beitrag von Bernhard Kühnl, Stefan Näther und Susanne Pilger zum „Krippenpsychologischen Fachdienst München“, wie sehr sich die Praxis der Erziehungsberatungsstellen der Kooperation mit anderen Trägern der Jugendhilfe geöffnet hat und daher Teile ihrer Leistungen in Form einer früher eher seltenen „Geh-Struktur“ anbieten. Der angeführte Fachdienst berät auf vielfältige Weise Kindertagesstätten vor Ort, d.h. bietet auch unter anderem betroffenen Eltern einen niederschwelligen Zugang zur Erziehungsberatung. Die dabei vorgestellten neun Thesen zur Kooperation werden durch ein Fallbeispiel anschaulich verdeutlicht. Auch der zweite Beitrag dieser Abteilung von Anne Klubert fokussiert auf die Bedeutung von Kooperation in der Jugendhilfe, hier konkret an der Schnittstelle zwischen Jugendhilfe- und Schulsystem in Monschau. Engagiert wird vorgestellt, wie nicht nur die Partizipation von Kindern und Eltern durch verschiedene Beratungssettings verwirklicht wird, sondern auch die wichtige Zusammenarbeit mit Lehrkräften und Betreuerinnen der Offenen Ganztagsschule in Primarschulen realisiert werden konnte.

In der dritten Abteilung finden sich zwei Schwerpunkte. Zum ersten die Darstellung des Projektes „Mütter wertschätzen, Bindung stärken, Kinder schützen“ von Hermann Scheuerer-Englisch, Cornelia Braun-Vilsmeier und Irmgard Koss in Regensburg. Das Projekt kann als ein sehr positives Beispiel für eine Form „Früher Hilfen“ angesehen werden, der es jungen und belasteten Müttern durch eine förderliche Gruppenarbeit mit anderen Müttern in ähnlicher Lage ermöglichst, eine sichere und verlässliche Perspektive für sich und ihr Kind entwickeln zu können. Insgesamt neun Bausteine – basierend auf Bindungstheorie, Entwicklungspsychologie und Videoberatung – unterstützen die jungen Mütter, ihr Leben mit dem Kind besser zu bewältigen. Der zweite Schwerpunkt bildet die Beratung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Der Beitrag von Barbara Evangelou und Dorothea Marquardt stellt die Beratungsarbeit in einer „Offenen Sprechstunde für Jugendliche“ im Rahmen der bke-Onlineberatung dar. In kurzer Form, aber hinreichend nachvollziehbar, wird an Beispielen realer Chats im Rahmen eines Phasenmodells – Einstieg, Arbeitsphase, Abschiedsphase – verdeutlicht, wie man sich die Beziehungsarbeit mit Hilfe eines PC vorstellen kann. Der Beitrag belässt es aber nicht nur bei der Wertschätzung und Werbung für Onlineberatung, sondern thematisiert auch kritisch die möglichen Probleme, „Stolpersteine“ und Grenzen dieses Angebots. Im nächsten Beitrag beschäftigt sich Jürgen Wolf mit der Bedeutung von Hilfen für Jugendliche und jungen Erwachsenen. Er plädiert eindringlich dafür, die Zugangsschwellen für diese Klientel möglichst niedrig zu halten und neben den klassischen face-to-face-Beratungen auch Telefonberatung und Onlineberatung ins reguläre Angebot der Erziehungsberatung aufzunehmen und auszubauen.

In der vierten Abteilung fokussieren Matthias Berg und Alexander Trost auf die spannende Frage, welches Wissen über Bindung in Erziehungsberatungsstellen vorhanden ist. Am Beispiel einer Untersuchung aus NRW verdeutlichen die Autoren, dass zwar viele Fachkräfte der Erziehungsberatungsstellen sich entsprechendes Wissen angeeignet haben, es aber in der Praxis relativ wenig anwenden. Dies lässt die Hypothese zu, dass zumindest in Teilen der Erziehungsberatung die Bedeutung der Bindungstheorie für die Beratung von Eltern noch nicht ganz angekommen zu sein scheint. Einen spannenden, abseits der Mainstream-Themen liegenden Beitrag hat Klaus Roos über die „Kosten-Nutzen-Analyse der Erziehungsberatung“ beigesteuert. Bekanntlich ist das Thema „Finanzmittel für die Jugendhilfe“ in Zeiten eines relativ hemmungslosen neoliberalen Wirtschafts- und Gesellschaftsverständnisses in Wirtschaft, Politik und Verwaltung ein sehr neuralgisches Thema. Obgleich gemäß der vorherrschenden Logik überwiegend nur noch über angeblich ausufernde Kosten der Jugendhilfe, notwendige Einsparpotenziale und die Reduzierung von (vermeintlich freiwilligen) Leistungen nachgedacht wird, zeigt der volkswirtschaftlich ausgerichtete Beitrag von Roos, dass Erziehungsberatung sehr wohl viel offensiver in Anspruch nehmen könnte, nicht nur viel Geld zu kosten, sondern bei qualifizierter Beratungstätigkeit längerfristig viel mehr Geld einsparen helfen könnte. Es wäre zu wünschen, dass speziell dieser Beitrag in vielen Erziehungsberatungsstellen, aber auch durch Jugendhilfeausschüsse zur Kenntnis genommen und – im besten Fall – diskutiert würde. Im letzten Beitrag dieser Abteilung bietet wie immer durch Klaus Menne den Blick auf statistische Fakten zur Erziehungsberatung. Nach wie vor stellt die institutionelle Erziehungsberatung nach § 28 SGB VIII mit rund 57 Prozent aller Hilfen zur Erziehung das umfangreichste Angebot der Jugendhilfe dar (Stand 2012). Ganz im Gegensatz zur beeindruckenden Leistung der Erziehungsberatungsstellen steht die Tatsache, dass kein anderer Bereich im Rahmen der Jugendhilfe so geringe Zuwachsraten an Personal aufzuweisen hat wie die Erziehungsberatung. Hier wird – durch Fakten belegt – wieder einmal deutlich an der falschen Stelle „gespart“. Anhand vieler statistischer Belege wird aufgezeigt, welches breite Angebotsspektrum die heutige Erziehungsberatung auszeichnet und wie sehr sie einen zentralen Platz im Rahmen der Jugendhilfe einnimmt.

Zielgruppen

Das Buch eignet sich für alle Fachkräfte und Studierende, zu deren Aufgaben oder Perspektive eine professionelle Beratungstätigkeit mit Eltern und Kindern gehört. Ihnen kann dieses Buch wertvolle Denkanstöße und Reflexionshilfen bieten.

Fazit

Der vorliegende Band gibt einen sehr guten Einblick in theoretische und praktische Aspekte heutiger Arbeit in den Erziehungs- und Familienberatungsstellen. Die Beiträge sind in einer verständlichen Sprache geschrieben, gut lesbar, mit aktueller Literatur gut belegt und daher gut geeignet, konstruktive Diskussionen anzuregen. Damit leistet dieser Band nicht nur gute Dienste für Praktiker/innen und Studierende, sondern hoffentlich auch für diejenigen Kräfte in Politik und Verwaltung, die den Anspruch aufrecht erhalten, die Entwicklung der Jugendhilfe nach Kräften zu fördern.


Rezension von
Prof. i.R. Dr. Peter Bünder
Vormals Hochschule - University of Applied Sciences - Düsseldorf, Lehrgebiet Erziehungswissenschaft am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Homepage www.systemische-praxis-bruehl.de
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Zitiervorschlag
Peter Bünder. Rezension vom 11.12.2014 zu: Hermann Scheuerer-Englisch, Andreas Hundsalz, Klaus Menne (Hrsg.): Jahrbuch für Erziehungsberatung. Band 10. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2014. ISBN 978-3-7799-0490-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16903.php, Datum des Zugriffs 07.07.2020.


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