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Feminismus Seminar (Hrsg.): Feminismus in historischer Perspektive

Cover Feminismus Seminar (Hrsg.): Feminismus in historischer Perspektive. Eine Reaktualisierung. transcript (Bielefeld) 2014. 414 Seiten. ISBN 978-3-8376-2604-9. 29,99 EUR.
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Thema und Entstehungshintergrund

Eine etwas andere historische Betrachtung feministischer Bewegungen und feministischer Perspektiventwicklung ist das Thema dieser Publikation. Sie geht auf das Hauptseminar „Feminismus in historischer Perspektive“ von 23 Studierenden des Historischen Instituts der Universität Köln unter Leitung von Muriel G. Athenas, Christiane König und Massimo Perinelli zurück. Das Buch verzichtet auf die wiederholte Abhandlung feministischer Initiativen und Vorstöße entlang der geschichtlich ausgemachten drei Wellen des Feminismus. Vielmehr formulieren die Autor_innen das Anliegen, die Brüche, Widersprüche und Ungleichzeitigkeiten feministischer Bewegungen in Augenschein zu nehmen. Es gilt die Linearität von Geschichte zu hinterfragen und die Verklärung von Feminismus als Fortschrittsgeschichte zu dekonstruieren. Die Herausgeber_innen lehnen dabei einen „Einheits-Feminismus“ ab, vertreten vielmehr eine pluralistische Sicht und plädieren für eine Heterogenität an Feminismen.Es geht den Buchbeiträgen um die Verdeutlichung von historischen Momenten, denen feministische Relevanz zugesprochen werden kann, weil sie sich durch eine Gemeinsamkeit von Merkmalen auszeichnen: das Aneignen und Umgestalten gesellschaftlicher Räume, sowie das Infragestellen und Angreifen etablierter Machtverhältnisse auf der Basis von Geschlecht, welche feministische Phänomene, trotz aller Unterschiedlichkeit der Bewegungen und Akteur_innen ausmache.

Aufbau und Inhalt

Den Anfang des Herausgeber-Bandes bildet eine ausführliche allgemeine Einleitung, die bereits in die Diskussion einsteigt, was es bedeutet sich in heutiger Zeit, in einer scheinbar aufgeklärten und toleranten Gesellschaft mit feministischen Perspektiven zu beschäftigen und nach außen zu identifizieren. Mit „radikal, sexy, aktuell“ definiert die Gemeinschaft der Autor_innen mutig die Wertigkeit und den Anspruch feministischer Bewegungen und Gesellschaftsanalysen. Mit „Race & Class“, „Arbeit & Konsum“, „Bewegung & Identität“ und „Medien & Repräsentation“ treten vier Sektionen mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen in Erscheinung. Damit werden ganz unterschiedliche gesellschaftliche Bereiche, in denen feministische Bewegungen wirksam wurden bzw. sind, repräsentiert und gleichzeitig Zusammenhänge von Geschlecht mit anderen gesellschaftsstrukturierenden Kategorien wie Ethnizität, Alter, Religion und Sexualität usw. aufgegriffen und reflektiert.

Im ersten Teil des Buches „Race & Class“ spielt die intersektionale Betrachtung der Kategorien Ethnizität und soziale Klasse die entscheidende Rolle. Damit wird bereits ein wesentlicher Aspekt des gängigen Bildes von Feminismus dekonstruiert, nämlich, dass dieser ausschließlich weiß und bürgerlich sei. Klar stellen die Beiträge die Brüche innerhalb feministischer Bewegungen heraus, die zum Teil rassistisch und elitär argumentierten. „Die Autorinnen dieser Sektion untersuchen, wie die Philadelphia Female Anti-Slavery Society der Antebellum Era, die Suffragetten der Progressive Era und die Arbeiterinnen der Weimarer Republik in diesem Spannungsfeld agierten und mit den vielgestaltigen Widersprüchen umgingen.“ (S. 47).

Der zweite Teil „Konsum & Arbeit“ beschäftigt sich mit „den Phänomenen der flapper girls in den 1920er Jahren in den USA und der sogenannten single girls bzw. Fräuleins in den 1950er Jahren in den USA und in der BRD, die mit ihrem hedonistischen und komsumorientierten Verhalten eigene Räume besetzten, in denen sie ihr Begehren nach Selbstbestimmung artikulierten und ausleben konnten.“ (S. 41) In der Konsumgesellschaft wird eine „Geschlechterpolitik des Alltags“ (S. 139) verhandelt, die für Männer und Frauen Demokratisierungsprozesse beschleunige und Gleichstellung im Sinne gesellschaftlicher Teilhabe vorantreibe. Die Autor_innen unterstreichen den Verdienst, die (damals) gängige Zuständigkeit von Frauen für die familiäre Reproduktion in Frage zu stellen und sich über Arbeit und Konsum autonom zu bewegen.

Der dritte Teil des Buches „Bewegung & Identität“ beinhaltet vier Beiträge unterschiedlicher Autor_innen, die auf Entwicklungen der zweiten Frauenbewegung fokussieren. Die in den Blick genommenen Bewegungen definierten sich explizit als (pro-)feministisch, organisierten sich politisch und setzten sich in Bezug zur Neuen Frauenbewegung. Identitäts- und Differenzpolitik gewannen ab den 1970er Jahren einen immer größeren Stellenwert und verwiesen auf die Frage der Essentialisierung, die für die künftigen Auseinandersetzungen und Theoriebildungen grundlegend war. Dabei geht es den Beiträgen erneut darum die harmonische Weiterentwicklung der Frauengeschichte bewusst zu stören, in dem sie Konfliktlinien dieser Zeit akzentuiert und Gegensätze in und zwischen den verschiedenen Bewegungen verdeutlichen.

Die Beiträge des abschließenden Teils „Medien & Repräsentation“ analysieren jeweils unterschiedliche feministische Repräsentationspolitiken innerhalb der US-amerikanischen Musik- und Filmindustrie „sowie Auseinandersetzungen in filmischer Pornografie“ seit den 1980er Jahren bis heute. (S.305) Repräsentationen erzeugen neue Realitäten, sind weder bloßes Spiegelbild ihrer Zeit noch fälschliche Abbilder echter Realität. Repräsentationen und soziale Wirklichkeit stehen miteinander in Wechselwirkung und sind nicht von einander zu trennen. Um bestehende Machtverhältnisse in Frage zu stellen und zu verändern, galt es folglich alternative Bilder zu produzieren und zu distribuieren. Die Artikel zeigen solche Ansätze auf, deren verbindendes Element die (Wieder-)Aneignung der spätkapitalistischen Medienlandschaft war, die Frauen(-körper) als Ware von Männern für Männer feilbietet oder sie als rezipierendes Beiwerk darstellte.

Diskussion zu ausgewählten Beiträgen

In der Diskussion sollen aus den 12 Artikeln der Gesamtpublikation exemplarisch zwei Beiträge vorgestellt werden:

  1. „Herrin des eigenen Körpers. Arbeiterinnen und die Sexualreformbewegung in der Weimarer Republik“ von Vera Küpper sowie
  2. „I want the right to see a dirty picture. Die feministische Auseinandersetzung mit Pornographie von der sexuellen Revolution bis zu den Porn Studies“ von Stefan Offermann und Silke Steiml.

Zu 1. Vera Küpper trianguliert in ihrem Artikel „Herrin des eigenen Körpers. Arbeiterinnen und die Sexualreformbewegung in der Weimarer Republik“ die Kategorien Geschlecht und soziale Klasse und enthüllt damit eindrucksvoll ihre Potenzierungsmacht sozialer Ungleichheit. Sie beschreibt strukturiert, differenziert und empathisch die Situation der Arbeiterinnen, deren soziale Praktiken und die diskursive Repräsentation ihrer Körper. Im Schwerpunkt geht es der Autorin um die Auswirkungen des Paragraphen 218 Reichsstrafgesetz, der seit 1871 Schwangerschaftsabbrüche unter Strafe stellte und wie die Autorin im Anschluss an eine stimmige Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse und Gewordenheiten (Gleichsetzung der Nation mit dem „Volkskörper“, die Aneignung und Indienstnahme des Frauenkörpers als dessen pflichtgemäßer Reproduktionsstätte, usw.) resümiert: „… lässt sich festhalten, dass der Paragraf 218 einseitig Frauen der Arbeiterklasse benachteiligte und sich in kaum zu überschätzendem Maße auf alle Bereiche ihres Lebens auswirkte, insbesondere auf ihr körperliches Selbstbestimmungsrecht.“ (S.125) Die finanziell prekäre Situation der Arbeiterinnen zwang sie in die Illegalität und setzte sie großen gesundheitlichen Risiken im Falle einer Abtreibung aus. Im weiteren Fortgang des Artikels stellt Küpper die (re-)aktiven Handlungsmöglichkeiten der Arbeiterinnen dar und markiert sie als Mitgestalterinnen und Profiteure der proletarischen Sexualreformbewegung der 1920´er Jahre. Die Frauen eigneten sich immer mehr die Themen Sexualität und Körperlichkeit diskursiv an und entwickelten sich so von Objekten zu Subjekten der Debatte. Auf dieses Bewusstsein, Herrin über den eigenen Körper zu sein und bleiben zu wollen, konnten sich die Frauen der 1960 und 1970´er Jahre wieder besinnen. Die Aktualität dieses Themas ist hoch und es zeigt sich in vielen Gesellschaften, dass dies bei weitem kein unhintergehbares Recht der Frauen in heutiger Zeit ist.

Zu 2. Steffen Offermann und Silke Steiml unternehmen in ihrem Artikel „I want the right to see a dirty picture. Die feministische Auseinandersetzung mit Pornographie von der sexuellen Revolution bis zu den Porn Studies“ eine differenzierte Analyse und Deskription der unterschiedlichen feministischen Deutungs- und Umgangsweisen mit massenmedialer Pornographie seit den 1970´er Jahren. Sie konstatieren in der Hauptsache zwei unterschiedliche feministische Positionen: Einerseits die seit den 1970´er Jahren konsolidierte Antipornographie-Bewegung, die „Pornographie als patriarchales Herrschaftsinstrument ansah, das die Ausbeutung und Unterwerfung weiblicher Sexualität (mit)verursachte und daher radikal abgelehnt und bekämpft wurde.“ (S. 368). Andererseits das feministische Pro-Sex-Lager, dass seit Beginn der 1980´er Jahre zunehmend an Bedeutung gewann und das Potenzial von Pornographie zur Befreiung weiblicher Sexualität herausstellte. Der Schwerpunkt des Artikels liegt zwar auf der Rekonstruktion des antipornographischen Diskurses, „da dieser bis heute den unhintergehbaren Bezugspunkt für jede feministische Politik im Feld der Pornographie darstellt.“ (S. 368), allerdings gelingt es der Autorengemeinschaft ausgezeichnet die zentralen Konfliktherde beider Positionen in Szene zu setzen und detailliert beleuchten. Die zu Tage geförderte Unvereinbarkeit und gleichzeitige Berechtigung beider feministischer Positionen steht exemplarisch für das postulierte Anliegen der gesamten Publikation. Am Ende ihres spannenden und stringent auf der deskriptiven Ebene verbleibenden Artikels resümieren Offermann und Steiml, dass es zwar „das grundsätzliche Recht auf dirty pictures zu verteidigen (gälte), doch gilt es zugleich, auf der Grundlage historischen Wissens die potenziell befreiende Kraft verschiedener dirty picturesimmer wieder neu zu bewerten. Im Hinblick auf diese Herausforderung ist es von Bedeutung, nicht eine Position der Kontroverse als ‚richtig‘ und daher wahrhaft feministisch anzusehen, sondern das feministische Moment in der Debatte selbst zu erkennen.“ (S. 410).

Fazit

„Feminismus in historischer Perspektive. Eine Reaktualisierung“ ist eine vielfältige, informative und mutige Publikation. Sie versucht nicht die Widersprüche in feministischen Diskursen und Bewegungen zu glätten und sich einer dogmatischen Darstellung von Feminismus als einheitliche und bruchlose Fortschrittsgeschichte anzuschließen. Vielmehr akzentuiert sie diese Widersprüche, nimmt eine intersektionale Perspektive ein und verleiht den feministischen Diskursen dadurch mehr Authentizität. Auch für das in feministische Debatten involvierte Lesepublikum liefert das Buch in vielerlei Hinsicht spannende Aspekte und neue Einblicke in die Geschichte, es eröffnet Perspektiven, die bisher noch un(-ter)belichtet waren. Die Beiträge befreien sich von dem Joch Feminismus als einzig wahr und gut zu etikettieren, sie differenzieren und reflektieren. Sie betten die Kategorie Geschlecht in die Vielfalt anderer sozial hoch relevanter Kategorien ein, ohne die Spezifik und den übergreifenden Anspruch feministischer Bewegungen aus den Augen zu verlieren.


Rezension von
Anja Müller


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Zitiervorschlag
Anja Müller. Rezension vom 22.01.2015 zu: Feminismus Seminar (Hrsg.): Feminismus in historischer Perspektive. Eine Reaktualisierung. transcript (Bielefeld) 2014. ISBN 978-3-8376-2604-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16909.php, Datum des Zugriffs 28.05.2020.


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