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Anne Fehlberg: Sozialarbeit in der Stricher-Szene

Cover Anne Fehlberg: Sozialarbeit in der Stricher-Szene. über die Situation von Strichern und mögliche Handlungskonzepte am Beispiel von Stricherprojekten. Tectum-Verlag (Marburg) 2004. 168 Seiten. ISBN 978-3-8288-8598-1. 25,90 EUR, CH: 51,00 sFr.
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Zum Thema

In den 70er begann in der Bundesrepublik die soziologische Strichjungenforschung aus der Erkenntnis heraus, dass es kein brauchbares Material zum Thema der mann-männlichen Prostitution gibt. Erst Anfang der 90er Jahre wurden zu diesem Thema immer mehr wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht. Der Schwerpunkt des vorliegenden Buches liegt darin, die vorhandene Literatur soweit zusammenzutragen, dass ein Gesamtbild über die Lebenslage und Lebenswelt von Strichern entsteht und sozialarbeiterische Handlungskonzepte in Form von Gestaltung und Durchführung der Arbeit mit Strichern anhand von deutschen Stricherprojekten systematisch beschrieben werden.

Aufbau, Inhalte, Gliederung

Das Buch teilt sich in zwei Bereiche: in die Literaturarbeit (sozialwissenschaftliche Untersuchungen) und den Praxisbezug (sozialarbeiterische Handlungskonzepte).

  • Die Kapitel I.- V. behandeln die Lebenswelt, in der sich Stricher und Freier als Teil der homosexuellen Subkultur bewegen. Die Autorin beschreibt in ihrer teilweise etwas schwachen Gliederung zuerst unterschiedliche Profile von Freiern (z.B. Stammfreier), dann von Strichern (mit und ohne professionellen Bewußtsein) und die verschiedenen Szenen, in denen sich die Akteure bewegen (Bahnhof, Kneipen usw.).
  • Im Kapitel über die Sozialisation von Strichern scheut sich die Autorin nicht, auch das Thema des sexuellen Mißbrauchs, zumindest kurz, anzureißen.
  • An die für männliche Prostituierte typische Problemlagen, wie HIV/ AIDS, STD`s, Obdachlosigkeit, Suchtverhalten usw., schließt Frau Fehlberg im Rahmen ihrer Schilderung der Psychosozialen Situation von Strichern, Entwicklungspsychologische Aspekte, Identitätsprobleme, sowie die Situation von minderjährigen und ausländischen Strichern sinnvoll an. Der erste Teil des Buches endet mit der aktuellen rechtlichen Situation männlicher Prostituierter, nach Änderung des Prostitutionsgesetzes.
  • Der zweite Teil des Buches stellt die Arbeit mit männlichen Prostituierten an Hand der in Deutschland tätigen Stricherprojekte dar. Die Autorin stellt eine eigene Untersuchung vor und ergänzend zwei weitere aktuelle Studien von M. T. Wright (2000 und 2001). Die Studien umfassen quantitative Daten, z.B. zu Jahreshaushalten der verschiedenen Projekte und qualitative Aussagen, z.B. über Rollenbewußtsein und Professionalität der Mitarbeiter, Organisationsstrukturen usw. Hier werden alle, für die Arbeit elementaren Punkte genannt und in Bezug zu den von den Stricherprojekten entwickelten Leitlinien gesetzt.
  • Frau Fehlberg beschreibt alle wichtigen Felder der Arbeit, von der Anlaufstelle über Streetwork, bis hin zur sexuellen Identität der Mitarbeiter. Sie stellt Ansätze und Methoden der Arbeit anschaulich dar, wie z.B. Akzeptanz, Niedrigschwelligkeit, Authentizität usw. und nennt die Ziele der Arbeit, wie Stabilisierung der Lebensverhältnisse, Emanzipation/ Stärkung des Selbstbewußtseins uvm.
  • In ihrer Schlußbemerkung fordert die Autorin, dass sich Fachdisziplinen, wie Psychologie, Soziologie, Sozialmedizin und die Sozialarbeit, verstärkt diesem Bereich widmen sollen, um sozialarbeiterische Ansätze und Projekte stärker zu fördern und weiterhin, die Wissenslücken für den Bereich der männlichen Prostitution zu schließen.

Zielgruppen

Dieses Buch richtet sich an alle, die sich für ein nicht sehr verbreitetes Thema interessieren. Frau Fehlberg hat ein Fachbuch geschrieben, das einfach zu lesen und für jedermann verständlich ist. Es richtet sich vor allem an die (Fach)leute, die sich mit dem Thema vertraut machen möchten, die in niedrigschwelligen Bereichen arbeiten, oder im Rahmen ihrer Tätigkeit mit männlichen Prostituierten zu tun haben. Das Buch ist in seiner Struktur übersichtlich und meist sinnvoll gegliedert. Die wichtigste vorhandene Literatur ist gut gebündelt und gibt dem Leser einen Einblick in eine (für viele) unbekannte Szene und einen Überblick über Theorie und Praxis sozialarbeiterischen Handelns. Frau Fehlberg hat eng mit den deutschen Stricherprojekten zusammengearbeitet und bezieht sich auf deren Arbeitsergebnisse und Erfahrungen, was das Buch sehr glaubwürdig macht.

Fazit

Das Buch ist lesenswert, da es die Arbeit der Stricherprojekte in Deutschland gut beschreibt und den dringenden Bedarf dieser Arbeit deutlich macht. Die Autorin vermittelt eine Haltung zu einem Thema, das in der Praxis noch immer schwer vermittelbar ist. Viele SozialarbeiterInnen, PädagogInnen usw. stehen dem Umgang mit dieser Zielgruppe oft hilflos und vorurteilsbeladen gegenüber, oder übersehen die Notwendigkeit einer Auseinandersetzung mit den für männliche Prostituierte typischen Lebenswelten und den ihnen eigenen Problemlagen. Frau Fehlberg hat mit ihrem Buch begonnen, zumindest die letzte ihrer Forderungen zu erfüllen.


Rezension von
Dipl. Soz.Arb. Jan Bluschke
Berlin
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Zitiervorschlag
Jan Bluschke. Rezension vom 17.08.2004 zu: Anne Fehlberg: Sozialarbeit in der Stricher-Szene. über die Situation von Strichern und mögliche Handlungskonzepte am Beispiel von Stricherprojekten. Tectum-Verlag (Marburg) 2004. ISBN 978-3-8288-8598-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1691.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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