socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Anton Schlittmaier: Ethische Grundlagen Klinischer Sozialarbeit

Cover Anton Schlittmaier: Ethische Grundlagen Klinischer Sozialarbeit. ZKS-Verlag (Weitramsdorf) 2014. 2., ergänzte Auflage. 72 Seiten. ISBN 978-3-934247-70-3. D: 11,49 EUR, A: 11,90 EUR, CH: 16,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Entstehungshintergrund

Das Buch ist im Rahmen der Schriftenreihe „Schriften zur psycho-sozialen Gesundheit“ erschienen, die im Wesentlichen von der Hochschule Coburg betrieben wird. Eine Neuauflage war nach Angaben des Autors nötig, da das Buch weiterhin nachgefragt wird und auf Bitten der Herausgeber der Schriftenreihe eine Aktualisierung notwendig war.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in fünf Kapitel.

Eine Einführung umreißt die Fragestellung und Herausforderung. Ausgehend von den ethischen Prinzipien sozialarbeiterischer Verbände leitet der Autor über zu zentralen Werten und diskutiert in diesem Kontext relevante Begrifflichkeiten. Im vierten Kapitel geht es um Prinzipien mittlerer Reichweite, bevor im fünften Kapitel berufsethische Prinzipien in der Praxis Klinischer Sozialarbeit in den Blick genommen werden.

Inhalt

Schon die Einführung macht deutlich, dass es sich hier nicht um ein Pamphlet zu einer bestimmten beruflichen Haltung handelt, sondern aus einer philosophischen Perspektive eine Annäherung an das Thema erfolgt und mehr Fragen und Problemstellungen aufgeworfen werden als dass es fertige Antworten gibt.

Im zweiten Kapitel geht es um die (bekannten) berufsethischen Prinzipien von DBSH und IFSW/IASSW. Dass die berufsethischen Prinzipien des DBSH denen von IFSW/IASSW untergeordnet sind, ergibt sich aus den unterschiedlichen Stellungen: das eine ist der Weltverband, das andere ist der nationale Verband. Was den (meisten) Lesern neu sein dürfte, sind die berufsethischen Prinzipien der Zentralstelle für Klinische Sozialarbeit, die eine Übersetzung aus dem amerikanischen sind. Inhaltlich sind darin keine Überraschungen enthalten, denn auch diese beziehen sich auf IFSW/IASSW. Der besondere Akzent liegt auf der Klinischen Sozialarbeit, auf der individuellen Hilfe für Klienten im Kontext eines Gesundheitssystems und sozialer Gerechtigkeit. Zu Recht merkt der Autor selber an, dass die amerikanische Fassung zwar einen deutlichen Bezug zur Sozialen Arbeit behauptet, in der Agenda selber dieses aber eher vernachlässigt. Aus diesem Grund hat der Autor ergänzend die Prinzipien von IFSW/IASSW und DBSH mit angeführt.

Das dritte Kapitel erläutert und diskutiert zentrale Werte, die nach Meinung des Autors substantiell für eine Ethik Klinischer Sozialarbeit sind: Moral, Ethik und ethische Theorien, Menschenwürde, Verantwortung, Wohlergehen, Selbstbestimmung, Informed consent (Transparenz und Partizipation) und Gerechtigkeit. Es überrascht an dieser Stelle nicht, dass hier philosophische Begründungen und Herleitungen bestimmend sind, insbesondere Aristoteles und Kant. Zentral ist nach Meinung des Autors, dass jegliche Argumentation einer theoretischen Fundierung bedarf, weshalb bestimmte Herleitungen und Theorien in den Raum gestellt werden müssen.

Im vierten Kapitel referiert der Autor einen erst einmal als verführerisch erscheinenden Ansatz, nämlich das zirkuläre Adaptionsmodell, das auf bestimmten Prinzipien basierend im Alltag zur Anwendung kommt ohne großen Theoriebezug. Zu Recht macht der Autor deutlich, dass dieses Modell gerade bei einer Ethik zu kurz greift und immer (implizit) einen theoretischen Bezug hat.

Die Frage der Anwendbarkeit von ethischen Prinzipien in der Praxis bleibt dennoch bestehen, und so greift der Autor im fünften Kapitel als Möglichkeit den Code of Ethics auf, kritisiert diesen aber auch. Es bleibt die Problematik der Gewichtung von fallspezifischen Aspekten und der Auswahl von Interventionsstrategien, die aus Überzeugung erfolgen sollen und nicht aus einem Kalkül heraus. Schließlich kommt es zu folgender Schlussfolgerung: „Ethik kann dem Praktiker die Entscheidung in der Praxis letztendlich nicht abnehmen. Sie kann lediglich dazu beitragen, den Kontext einer Entscheidung einer vertieften Betrachtung zuzuführen und Kriterien anbieten, die ein hohes Maß an Plausibilität anbieten können“ (S. 64).

Diskussion

Wer klare Aussagen erwartet hat, der wird enttäuscht sein, denn das Buch ist eher eine geschriebene Reflexion über eine Ethik Klinischer Sozialarbeit als ein handhabbares Instrumentarium. Das ist zugleich die Stärke und die Schwäche des Buches. Die Stärke deshalb, weil eine Diskussion mit philosophischen Bezügen und Herleitungen erfolgt, die solchen Diskussionen mindestens implizit und tatsächlich immer zugrunde liegen. Die Schwäche deshalb, weil das Lesen des Buches doch einige philosophische (Grund-) Kenntnisse voraussetzt und in der Kürze eine hohe Verdichtung aufweist. Dem Buch hätte eine stärkere Akzentuierung zur Klinischen Sozialarbeit gut getan, denn es gibt zwar einige Verweise auf medizinethische Fragen, aber in der klinischen Praxis (insbesondere Krankenhaus, Psychiatrie etc.) stellen sich gerade unter dem Aspekt der Beeinträchtigung von Willensfreiheit und Partizipationsmöglichkeiten erhebliche sozialarbeiterische, ethische Fragen. Implizit wird die Meinung des Autors an vielen Stellen seiner Diskussionen zwar deutlich, aber er hätte auch ruhig deutlicher seine eigene Position formulieren können.

Fazit

Ein herausforderndes Buch, das eher für Studenten im Masterstudium geeignet ist als für Bachelorstudenten, die aufgrund der Komplexität und dem (fehlenden) notwendigen Vorwissen und der Verdichtung eher überfordert sein dürften. Praktiker, die seit vielen Jahren in diesem Berufsfeld tätig sind, bekommen hier eine gute Gelegenheit, so manche „Selbstverständlichkeiten“ zu überdenken. Die Auseinandersetzung mit den Inhalten des Buches fordert heraus, eigene Positionen und Routinen zu überdenken bzw. die eigene theoretische Fundierung sich neu bewusst zu machen. Für Studierende im Masterstudium eine gute Möglichkeit, die Komplexität von solchen Fragestellungen zu durchdringen und nicht vorschnell vermeintlich eindeutigen Schemata zu verfallen.


Rezensent
Prof. Stefan Müller-Teusler
Homepage www.uelzen.paritaetischer.de
E-Mail Mailformular


Alle 36 Rezensionen von Stefan Müller-Teusler anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Stefan Müller-Teusler. Rezension vom 03.10.2014 zu: Anton Schlittmaier: Ethische Grundlagen Klinischer Sozialarbeit. ZKS-Verlag (Weitramsdorf) 2014. 2., ergänzte Auflage. ISBN 978-3-934247-70-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16910.php, Datum des Zugriffs 23.07.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 12 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!