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Alain Bourdin, Frank Eckardt u.a.: Die ortlose Stadt

Cover Alain Bourdin, Frank Eckardt, Andrew Wood: Die ortlose Stadt. über die Virtualisierung des Urbanen. transcript (Bielefeld) 2014. 196 Seiten. ISBN 978-3-8376-2746-6. D: 25,99 EUR, A: 26,80 EUR, CH: 35,80 sFr.
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Thema

Die drei Autoren dieses Bandes, Hochschullehrer unterschiedlichen Alters und aus unterschiedlichen Kontexten eint das kritische und hinterfragende Interesse an der Stadt. Ein Hauptinteresse gilt, wie der Titel nahe legt, der Virtualisierung der Stadt und den neuen Medien. Darauf beschränkt sich dieser gemeinsam gestaltete Band jedoch nicht. Die drei Autoren setzen sich mit einer Vielzahl neuer und klassischer Strömungen zur Stadttheorie und -forschung kritisch und konstruktiv auseinander und diskutieren sie anhand ihrer eigenen Überlegungen.

Autoren

Alain Bourdin ist Professor für Stadtplanung an der Universität 8 in Paris und war langjähriger Direktor des Institut Français d´Urbanisme.

Frank Eckardt ist Professor für Stadtsoziologie an der Bauhaus-Universität Weimar und leitete das EU-Forschungsprojekt »Mediacity«.

Andrew Wood ist Professor für Medienwissenschaft an der San José State University in San Francisco.

Inhalt

In diesem Band setzen sich die Autoren mit den Veränderungen auseinander, die Stadt, d.h. das Erleben der Stadt, das Sprechen und Schreiben über Stadt, der symbolische Gehalt von Stadt und die Planung der Stadt kennzeichnen. Aus ihrer jeweiligen fachlichen und kritischen Sicht tragen sie eine Fülle von Gedanken, Verweisen und Überlegungen zusammen, die in ihrer Gesamtschau überwältigend erscheint, beim detaillierten Lesen aber ein Panoptikum wertvoller Anregungen und kritischer Reflexionen enthüllt. Diese Rezension kann unmöglich alle wichtigen Gedanken dieses dicht verfassten Buchs wiedergeben. Deshalb beschränke ich mich auf einige für mich sehr interessante Aspekte:

Die von den Autoren beschworene „Virtualisierung des Urbanen“ (Untertitel) ist nicht gleichbedeutend mit der Digitalisierung der Stadt. Die neuen Medien machen die Ortlosigkeit, die wir heute erleben, aus ihrer Sicht nur sinnbildlich.

Viel früher als die Digitalisierung hat die moderne Mobilität unser Stadt-Er-Leben umgewälzt. Der schnelle Wechsel von Orten, das Nutzen von anonymen Versorgungseinrichtungen vor Ort wie Fastfood- oder Hotelketten, Flughäfen und Bürozentren zeigt bereits Tendenzen der Deterritorialisierung, die durch die rasante Entwicklung moderner Kommunikationstechnologien beschleunigt wurde.

Moderne Stadtplanung hinkt aus Sicht der Autoren der Entwicklung hinterher. Sie ist tief durchdrungen von der Fantasie und dem Versprechen des Ankommens, des Aufenthalts und des Austausches, der Begegnung und des Aushandelns und ignoriert die Omnipräsenz aller Orte zu jeder Zeit und überall.

Wo die urbane Stadt noch die Anerkennung von unterschiedlichsten Lebensstilen war, die sich an einem konkreten Ort arrangierten und arrangieren mussten, ist die Stadt heute oft „nur noch Kulisse und Bühne für ein fragmentiertes fragil-virtuelles urbanes Leben, in der die ‚Stadt‘ nur noch selektiv wahrgenommen, genutzt und erfahren wird.“ Ein Beispiel ist die touristische Aufarbeitung der Stadt. Stadt wird so auch ein „potentiell ein kulturell reaktionärer Raum, in dem es nicht zur Aufhebung oder Angleichung von Differenzen kommen soll.“ (12)

Politik, Verwaltung, Stadtplanung stehen den Entwicklungen hilflos gegenüber, haben eine holistische Stadtrepräsentation längst aufgegeben und bedienen oft eine selektive Interessens – und Ressourcenpolitik. Damit stützen sie eine Refeudalisierung der Stadt, die in einer Schmälerung öffentlicher Räume und einer Unterordnung unter Verwertungsinteressen besteht.

Die Digitalisierung der Städte führt neben der Mobilität dazu, dass Menschen sich über ihre digitalen Kommunikationsmedien mehr denn je an anderen Orten aufhalten können als ihr Körper. Gleichzeitig holen sie über ihre Kommunikationsmedien andere Orte und Netzwerke in ihren jeweiligen Aufenthaltsort, so dass der jeweilige Ort verschwimmt und beliebig wird. Städte durchdringen immer mehr ihr Umland; das Umland bezieht sich immer mehr auf die Stadt. Konzepte ortloser Städte wie das der Metapolis von Ascher oder Omnitopia (Wood) fassen diese Trends, die durch gesellschaftliche Entwicklungen gestützt werden:

Der demografische Wandel begünstigt das Entstehen großer metropolitaner Regionen, die mit ihrem Umland verschwimmen. Die dematerialisierte Zirkulation der Finanzströme verändert die Beziehungen von Städten und Regionen untereinander und Stadtkultur als Pop-Kultur, aber auch als lokal eingefärbte Tourismus-Kultur wird immer globaler und gleichförmiger. Gleichzeitig werden andere Aspekte der digital vermittelten populären Kultur unübersichtlicher und komplexer.

Diese Entwicklungen haben die Rolle von „Raum“ als fundamentale Ordnungsstruktur erschüttert.

Die Digitalisierung, der Wegfall von Telefonzelle und Glasfaserkabel und die universelle Erreichbarkeit fast überall, begünstigt die Deterritorialisierung.

Heute kommunizieren die Menschen deutlich mehr als noch vor Jahrzehnten, aber bedeutet dies auch mehr Teilhabe? Beschränkung auf Privates und Konsum, Verzicht auf Partizipation am jeweiligen Ort ist die Gefahr, die konkret besteht.

Andererseits gibt es auch ermutigende Partizipationsansätze und öffentlichkeitsorientierte künstlerische und politische Aktion auf der Straße und in der digitalen Kommunikation. Der horizontale Protest der neuen sozialen Bewegungen zeigt (beispielsweise in der occupy-Bewegung), dass Straßen und Plätze nicht irrelevant geworden sind. Er zeigt an den Kämpfen um Orte, die Hunderttausende in Bewegung bringen (zum Beispiel beim Gezi-Park-Protest in Istanbul) vielmehr eine „emotionale Urbanität, die nach der authentischen Erfahrung der Anderen in ihrer körperlichen Präsenz strebt. Körperlichkeit und Ortskonstruktion sind das Ziel dieser Aktivitäten.“ (186) Die neuen Bewegungen, die kein vereinendes Narrativ mehr suchen, sondern bewusst die Diversität der vorhandenen Narrative zulassen, deren Struktur sozusagen Diversität ist, geben Hoffnung auf eine neue urbane Kultur. Dazu das Schlusswort der Autoren:

„Für diese ‚Stadt‘ fehlt das Beschreibungsvokabular, weil es sich um ein sperriges, irritierendes, begeisterndes, verlockendes und intensives Erleben der eigenen Person und der Anderen handelt, das nicht durch eine Sprache gebändigt werden will und eher mit Gesten, Blicken, Akten, Mimik und nonverbaler Symbolik und unendlicher Fiktionalität eine neue, virtualisierte Urbanität konstruiert.“ (187)

Diskussion und Fazit

Entstanden ist ein buntes Kaleidoskop mit Hunderten bedenkenswerter Einfälle. Dieses Buch im Ganzen zu lesen, zu überdenken und sich anzueignen ist ein genauso unmögliches Unterfangen wie es etwa die Absicht wäre, im Internet abschließend ein Thema zu recherchieren. Die Fülle der Gedanken dieses Lesebuchs zur modernen Stadt hilft gängige Vorannahmen zu dekonstruieren, ohne die Frage nach Macht und Ohnmacht und die kritische Forderung nach einem aufgeklärten und emanzipatorischen Umgang mit und in der Stadt aufzugeben.

Allen stadtforschenden Disziplinen und Professionen zu empfehlen. Das Buch gehört unbedingt in die Hochschulbibliotheken von Sozial- und Medienwissenschaften, Architektur und Stadtplanung.


Rezensentin
Prof. Dr. Lilo Schmitz
Ethnologin und Dipl. Sozialpädagogin
Hochschule Düsseldorf, Lehrgebiet Methoden der Sozialarbeit am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
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Zitiervorschlag
Lilo Schmitz. Rezension vom 19.08.2014 zu: Alain Bourdin, Frank Eckardt, Andrew Wood: Die ortlose Stadt. über die Virtualisierung des Urbanen. transcript (Bielefeld) 2014. ISBN 978-3-8376-2746-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16911.php, Datum des Zugriffs 06.12.2019.


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