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Agatha Merk (Hrsg.): Cybersex. Psychoanalytische Perspektiven

Cover Agatha Merk (Hrsg.): Cybersex. Psychoanalytische Perspektiven. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2014. 257 Seiten. ISBN 978-3-8379-2252-3. 29,90 EUR.

Beiträge zur Sexualforschung, Band 97. Mit einem Geleitw. von Ulrich Moser.
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Thema

„Nachdem sich seit Freud eine Verflüchtigung der Sexualität aus der Psychoanalyse zeigte und der Fokus in den Theorien heute mehr auf den Beziehungen als auf den Trieben liegt, hat sich spätestens mit dem Internet ein Comeback der Sexualität in das Analysezimmer angekündigt.“ (Erazo in diesem Band; 92).

Die Hypothese scheint gerechtfertigt, dass Menschen mit i.d.R. schweren psychischen Problemen (PatientInnen von PsychoanalytikerInnen) sich des Internets in einer Weise bedienen, die zu den Modi ihrer Konfliktverwaltung passt, dass sie hier, in der virtuellen Zwischenwelt z.B. diese einmalige Mischung der Möglichkeit intimster Nähe bei gleichzeitig unbedrohlicher, anonymer Distanz finden, dass sie anderen als intimate stranger begegnen können.

Und auch wenn Berichte aus Analysezimmern nicht den (nichtpathologischen) mainstream der Internetnutzung abbilden, kann man Quindeau zustimmen, wenn sie schreibt: „Anders als in sozialwissenschaftlichen Untersuchungen kann man im therapeutischen Rahmen viel genauer sehen, was den Reiz der Internetpornografie für den Einzelnen ausmacht und welche Funktion sie für die sexuelle Lust und Befriedigung hat.“ (42) Zumal selbst der anamnestische psychoanalytische Blick zwar Risiken im Blick hat, aber den Medien nicht die Schuld gibt: „Nur sind Pornografie und Cybersex niemals die Ursache der Wirren. Die Ursache liegt im Schicksal des Subjekts!“ (Müller-Pozzi in diesem Band; 74).

Entstehungshintergrund

Die elf Beiträge des Sammelbandes basieren auf drei Arbeitstagungen des Freud-Instituts Zürich in den Jahren 2010, 2011 und 2012.

Aufbau

In sechs Abschnitten geht es um eine Einführung in das Phänomen Cybersex, um die psychologische Dimension der Internetsexualität, um Falldarstellungen psychoanalytischer Behandlungen, in denen der sexualitätsbezogene Gebrauch des Internet eine wesentliche Rolle spielt und um die Darstellung einer ebenfalls auf klinischen Fällen beruhenden entwicklungspsychologischen Sicht. Weitere Beiträge widmen sich dem Thema aus sexualwissenschaftlicher, forensischer sowie kulturwissenschaftlicher Perspektive.

Inhalt

In ihrer Einleitung fasst Merk Cybersex als Synonym für Internetsexualität, als Überbegriff für sowohl die Rezeption von Internetpornografie als auch interaktive Formen sexuellen Handelns, z.B. in Chats, Foren, Dating-Plattformen (die Autorin nennt diese Formen Cybersex im engeren Sinne/ 26).

Im Mittelpunkt der psychoanalytischen Betrachtung menschlicher Sexualentwicklung, so Merk, steht die Entwicklung der erotischen Fantasie. „Die zentralen Bezugsgrößen der Fantasie sind der Wunsch oder das Begehren als treibende Kraft sowie die damit einhergehenden Ängste und ihre Abwehr.“ (30) Diese sich entwickelnden inneren Strukturen stehen in Wechselwirkung mit äußerer Realität, separieren sich zunehmend und bleiben durch „intermediäre Räume“ (Übergangsräume nach Winnicott) verbunden. Gelingende Entwicklung meistert sowohl die Trennung als auch die Verbindung zwischen innen und außen. Virtuelle Räume im Internet werden als biografische Fortsetzung früher kindlicher Übergangsräume konzipiert, in denen ebenso fantasiert werden kann. Merk beschreibt die entwicklungsförderliche Nutzung sexueller Inhalte zur Ausgestaltung und Erweiterung der Fantasie, ebenso wie „Szenarien des Entgleisens“, wenn es nicht gelingt „…eigene Fantasien mit einer äußeren, in bedeutungsvollen Beziehungen gelebten Realität in Verbindung zu bringen und zugleich von dieser getrennt zu halten“ (36).

Müller-Pozzi beschreibt die kindlichen ödipalen Besetzungsfantasien, die im Verlaufe der Entwicklung abgewehrt und durch Gegenbesetzungen ersetzt werden müssen. Bei nicht hinlänglich stabiler (Gegen-)Besetzung, also gestalteter adulter Partnerbeziehung, die angstfreie sexuelle Lust zulässt, bedarf es anhaltender Besetzungsabwehr und entsprechender Fantasien. Aus dieser Perspektive bezeichnet er Pornografie als „ausgelagerte, externalisierte Besetzungsabwehrfantasie“ und als „Teil der Sexualkultur mit möglichst großer momentaner Triebbesetzung und minimaler Objektbesetzung“ (70). Die ausschließliche Nutzung von Pornografie und damit verbundene Masturbation wäre so ein pathologisches, entwicklungshemmendes Verharren in Besetzungsabwehr. Gerade in der Pubertät, so Müller-Pozzi, stehen die Heranwachsenden „im Kampf von Besetzungsabwehr und Gegenbesetzung“ (73), was die Affinität für Pornografie in dieser Lebensphase aus psychoanalytischer Sicht erklärt. In der Pubertät finden genitales Luststreben und Objektbesetzung zusammen, wobei Pornografie bei der Fantasieentwicklung ebenso hilfreich wie behindernd sein kann. Unverständlich an den Ansichten Müller-Pozzis ist allerdings, dass er die Genese genitalen und orgastischen Lusterlebens erst in der Pubertät verortet: „Die Pubertät fordert aber vor allem die Integration des absolut Neuen, des Orgasmus.“ (73) „Die Fähigkeit, zum Orgasmus zu kommen, ist organisch mit dem Erreichen der sogenannten sexuellen Reife gegeben.“ (75) Zumal er selbst in seinem Beitrag das Beispiel eines masturbierenden 6jährigen Mädchens schildert (66). Hier, so scheint es, werden lustvoll-sinnliche sensomotorische Primärprozesse der Kindheit als präsexuell ausgeblendet.

Diese Ansicht findet sich auch bei Quindeau in ihrem Beitrag „Lust und Fantasie im Internet“: „Mir scheint es ein zentrales Kriterium menschlicher Sexualität, dass die sexuelle Erregung prinzipiell unabhängig ist von der konkreten Stimulierung der erogenen Zonen und durchaus auch von Fantasien und Erinnerungen ausgelöst werden kann. Pointiert könnte man sagen: Die Lust entsteht im Kopf und nicht durch Reibung der Genitalien.“ (46) Aus Sicht des Rezensenten wird hier übersehen, dass auch umgekehrt genitale, sensomotorisch erzeugte sexuelle Lust unabhängig von Fantasien entstehen kann, und in der Kindheit auch entsteht. Dass diese körperlichen Sensationen und damit verbundene Handlungen im Lebenslauf zunehmend mit erotischer (Besetzungs-)Fantasie und überhaupt mit Bedeutung aufgeladen und ausgestaltet werden, und dass damit „die eigentliche“ Sexualität Erwachsener entsteht, steht außer Frage. Quindeau erläutert in diesem Zusammenhang das Konzept der „zentralen Onaniefantasie“ (nach Laufer 1976) und formuliert die These „dass die Faszination von Pornografie darin besteht, dass sie unterschiedlichste Ausgestaltungen der zentralen Onaniefantasie anbietet“ (49).

Drei Fünftel des Sammelbandes bestehen aus „rein“ psychoanalytischen Texten. Neben den bereits erwähnten sind das auf Falldarstellungen fußenden Beiträge, die unterschiedliche Facetten der Erkenntnis liefern, dass die Modi cybersexuellen Handelns lebensgeschichtlich angelegte Konflikte widerspiegeln und ihre konkrete Analyse dem klinischen Verstehen dient und darüber hinaus psychoanalytische Theoriebildung befördert (siehe die einleitenden Zitate zu dieser Rezension).

LeserInnen, die weniger an psychoanalytischer Theorie denn an allgemeiner wissenschaftlicher Reflexion des Phänomens Internetsexualität interessiert sind, seien die Beiträge im hinteren Teil des Buches empfohlen. Hier geht Dannecker auf „Die Generierung sexueller Wünsche beim Chatten im Internet“ ein. Die Darstellung und Diskussion empirischer Befunde zum Chat-Verhalten homo- und bisexueller Männer führen den Autoren zur „These einer weitgehenden Entkoppelung von sexueller Erregung und sexueller Befriedigung beim Chatten…“ (169). Dannecker nennt das „Ausdruck der kulturellen Durchsetzung prägenitaler Lust“ (ebd.). Man könnte die im Internet möglichen niederschwelligen Praktiken der Verschränkung sexueller Phantasien und der Beziehungsanbahnung auch als Ausdruck zeitgemäßer Verhandlungsmoral bezeichnen.

Der Beitrag von drei Schweizer Forensikern untersucht den Zusammenhang zwischen Pornografiekonsum und sexueller Aggression. Empirische Basis hierfür ist die sog. Züricher Kinderpornografiestudie aus dem Jahr 2002, in der im Zusammenhang mit polizeilichen Ermittlungen 231 Personen, die im Verdacht des Konsums von Kinderpornografie standen, befragt wurden. Ein Zusammenhang zwischen Pornografiekonsum und offline agierten Fantasien konnte nicht festgestellt werden. Was allerdings gar nicht diskutiert wird, ist, ob sich die als überdurchschnittlich medienkompetent beschriebene Zielgruppe unter den Bedingungen des Web 2.0 nicht andere Möglichkeiten i.S. des interaktiven Cybersex erschließt, was dann auf realen – wenngleich internet-vermittelten - sexuellen Missbrauch hinausliefe.

Den Abschluss des Bandes bilden zwei Essays. Reiches Ausführungen zur „Figuration der sexuellen Grenze“ gehen der Frage nach, was denn nun neu ist bzw. neu sein soll an der internetbasierten Sexualität? Was verändert sich hinsichtlich der Ich- oder der Geschlechtsidentität, was ist neu an virtuellen Räumen, gibt es neue Suchtmodi? Seine Befunde sind dialektisch widersprüchlich, z.B.: einerseits verändert sich unsere Raumwahrnehmung durch elektronische Speichermedien radikal, andererseits sind die virtuellen Räume den qua Romanrezeption seit Jahrhunderten konstruierbaren imaginären Räumen wesensgleich: Es bleibt alles ganz anders.

Pfisters literaturwissenschaftliche Abhandlung zur „Pornosophie des Marquis de Sade…“ erkundet die Beziehung zwischen gesellschaftlicher Wirklichkeit und Fantasie. Er kritisiert den cruden Naturalismus, dem sowohl die Kritiker und Gegner der Pornografie als auch die Produzenten von mainstream-Pornografie anhängen, eine „Auffassung, die davon ausgeht, dass so etwas wie Wirklichkeit direkt und adäquat abgebildet werden kann“ (248). „Nur wenn Pornografie als naturgetreue Darstellung eines natürlichen Trieblebens oder sogar als naturgetreue Manifestation einer sexuellen Norm und nicht als Fiktion, Inszenierung und Spiel mit individuellen Fantasien gelesen wird, besteht nämlich die Gefahr, dass Pornografie die sexuelle Wirklichkeit ihrer Rezipienten maßgeblich beeinflusst und allenfalls schädigt.“ (ebd.) „Was man von Sade…lernen kann: die Distanz zwischen Wirklichkeit und Fantasie offenzuhalten, aber durchaus zuzulassen, dass sich die beiden Bereiche anstecken, beeinflussen.“ (ebd.)

Fazit

Das Buch spiegelt das Bemühen der Psychoanalyse, digitale Medien als Instanz psychosexueller Entwicklung und sexueller Verhaltensregulation zu fassen. Manche Erörterungen sind (zumindest für Nichtanalytiker) zu „linientreu“ der reinen Lehre verpflichtet (und dann auch von den verwendeten Begrifflichkeiten her „schwere Kost“), aber die Beiträge sind insgesamt vielschichtig, so dass der oder die an Cybersex Interessierte auf jeden Fall etwas findet.


Rezensent
Prof. Dr. Konrad Weller
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Zitiervorschlag
Konrad Weller. Rezension vom 30.03.2015 zu: Agatha Merk (Hrsg.): Cybersex. Psychoanalytische Perspektiven. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2014. ISBN 978-3-8379-2252-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16913.php, Datum des Zugriffs 23.10.2019.


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