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Jeanett Radisch, Johanna Baumgardt u.a.: Demenz (ambulante Integrierte Versorgung)

Cover Jeanett Radisch, Johanna Baumgardt, Elina Touil, Jörn Moock, Wolfram Kawohl, Wulf Rössler: Demenz. Behandlungspfade für die ambulante Integrierte Versorgung von psychisch erkrankten Menschen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2015. 117 Seiten. ISBN 978-3-17-024830-4. 49,99 EUR.
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Thema

Die Versorgung Demenzkranker im Sinne einer Pflege, Betreuung und Behandlung umfasst ein weites Spektrum an Leistungsangeboten, das von Beratungsstellen über ambulante Dienste der Pflege und Hauswirtschaft bis hin zu Pflegeheimen reicht. Haus- und Fachärzte komplettieren dieses Gefüge an Hilfe- und Unterstützungsformen. Es kommt nun vorrangig darauf an, eine optimale Verzahnung aller einschlägigen Angebote herzustellen, damit eine bedarfsgerechte Versorgungsstruktur möglichst wohnortsnah und auch flächendeckend geschaffen werden kann. Ärzte haben hierbei eine strategisch wichtige Funktion, denn nur sie können gemäß den Regularien des Gesundheits- und Sozialwesens die Erkrankung diagnostizieren und erforderliche Leistungsangebote verschreiben.

Die vorliegende Arbeit befasst sich schwerpunktmäßig mit der Vernetzung dieser Angebote im Sinne einer ärztlich geleiteten ambulanten Versorgung Demenzkranker.

Autoren und Autorinnen

Jeanett Radisch (Dipl.-Soz.), Johanna Baumgardt (M. A.) und Elina Touil (Diplom-Gesundheitswirtin (FH)) sind wissenschaftliche Mitarbeiterinnen der Leuphana Universität Lüneburg.

Prof. Dr. Wolfram Kawohl ist stellvertretender Chefarzt und Leiter des Zentrums für Soziale Psychiatrie an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich und Privatdozent an der Med. Fakultät der Universität Zürich. Zugleich ist er als Gastprofessor an der Leuphana Universität Lüneburg tätig.

Dr. Jörn Moock (Dipl.-Soz.) ist für die Koordination und operative Leitung des Kompetenztandems „Vernetzte Versorgung“ zuständig und Prof. Dr. Wulf Rössler (Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Dipl.-Psych.) lehrt als Seniorprofessor an der Leuphana Universität Lüneburg und an der Universität Sao Paulo. Vorher war er langjähriger Klinikdirektor der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (PUK).

pAufbau und Inhaltp

Die Publikation ist in zwölf Kapitel unterteilt:

  1. Einleitung
  2. Methodik
  3. Ergebnisse
  4. Der Aufbau des Behandlungspfades und der Module
  5. Vermittlung
  6. Aufklärung
  7. Aufnahme
  8. Intervention
  9. Krisenintervention
  10. Kooperation und Qualitätssicherung
  11. Implementierung
  12. Ausblick

In der Einleitung wird der Gegenstandsbereich der Arbeit dargestellt: Es geht um die Behandlung Demenzkranker in der Arztpraxis im Zusammenwirken mit den ambulanten Diensten. „Behandlungspfade“ beschreiben dabei den idealen Versorgungsverlauf hinsichtlich Terminierung, Reihenfolge und Formen der Interventionen bei allen beteiligten Berufsgruppen und Leistungsangeboten. Es wird auf eine Standardisierung der Abläufe hingearbeitet, so dass eine transparente interdisziplinäre Kooperation aller Leistungserbringer und Kostenträger einschließlich der Patienten und deren Angehörige erzielt werden kann. Denn die Autoren gehen von der Annahme aus, dass bezüglich der Versorgung Demenzkranker gegenwärtig in Deutschland Defizite in der Diagnostik, Behandlung und Unterstützung bestehen.

Die zentralen Fragen bezüglich der Entwicklung eines Behandlungspfades in der ambulanten integrierten Versorgung für Demenzkranke sind die Versorgungsdefizite, Schnittstellenprobleme in der Versorgungsstruktur, die Auswirkungen dieser Mängel und eventuelle Lösungsansätze. Das methodische Vorgehen bei der Erfassung dieses Sujets besteht aus Leitlinien- und Literaturrecherchen, Experteninterviews, einer qualitativen Inhaltsanalyse und anschließenden Abgleichung.

Im Kapitel Ergebnisse werden zu Beginn allgemeine Probleme aus der Sicht der Autoren wie unzureichende Behandlung, Beratung und Unterstützung der Erkrankten und zusätzlich Kompetenz- und Wissensdefizite bei Haus- und Fachärzten angeführt. Als Lösungsansätze werden u. a. eine spezifische gerontopsychiatrische Versorgungsplanung und -steuerung, der Aus- und Aufbau gerontopsychiatrischer Schwerpunktpraxen und die Einführung integrierter Versorgungskonzepte gemäß dem Grundsatz „ambulant vor stationär“ vorgeschlagen. Probleme im Bereich der Diagnostik sollten u. a. mittels des Einsatzes leitliniengerechter Screening-Instrumente und eines geriatrisches Assessments und der Überweisung an einen Facharzt oder eine Spezialklinik behoben werden. Auf Probleme im Bereich der ambulanten Behandlung sollte mit der Einführung verbindlicher Behandlungsleitlinien reagiert werden. Schwierigkeiten bei der interdisziplinären Zusammenarbeit der verschiedenen Dienstleistungsanbieter erfordern ein effizientes „Schnittstellenmanagement“, wofür vor allem der Hausarzt als „Patientenlotse“, „Disease-Manager“, „Pflegeberater“ und „Case-Manager“ nach Ansicht der Autoren geeignet wäre.

Im Kapitel „Der Aufbau des Behandlungspfades und der Module“ werden die einzelnen Behandlungsmodule, die zugleich als Leistungseinheiten klassifiziert werden, aufgeführt:

  • Ziele
  • Voraussetzungen
  • Verordnet / überwiesen durch
  • Patienteneigenschaften
  • Leistungserbringer
  • Aufgaben
  • Ort
  • Aufwand
  • Ergebnisdokumentation
  • Anmerkungen
  • Implementierungshinweise
  • Literatur (Leitlinien, weitere Literatur, Interviews)
  • Anknüpfende Module

Angeführt wird hierbei, dass aufgrund der „begrenzten Heilungsmöglichkeiten“ vor allem die Verbesserung der Lebensqualität der Demenzkranken ein zentrales Thema darstellt (Seite 30).

In den folgenden Kapiteln 5 bis 10 (Seite 32 – 97) werden die einzelnen Aufgaben, Leistungen und Koordinierungsschritte zwischen den beteiligten Institutionen anhand der Behandlungsmodule in tabellenartiger Übersicht konkretisiert:

  • Vermittlung: Hier geht es darum, den Demenzkranken an einen Arzt zur weiteren Diagnostik zu vermitteln.
  • Aufklärung: Informationen u. a. über Untersuchungsbefunde, Diagnose, Krankheitssymptome und entsprechende Umgangsformen und Leistungsangebote (SGB XI).
  • Aufnahme: Aufgabenschwerpunkte sind in diesem Bereich u. a. die hausärztliche Diagnostik, anschließende Differentialdiagnostik, Behandlungsplanung und der Erstkontakt mit einer „psychiatrischen Bezugspflegekraft“.
  • Intervention: Ein umfangreicher Leistungskatalog bestehend u. a. aus den folgenden Elementen wird aufgelistet: somatische/hausärztliche Behandlung, psychiatrische Behandlung, medikamentöse Behandlung, nicht-medikamentöse Interventionen, psychoedukative Intervention, Psychotherapie, ambulante (geronto-)psychiatrische Pflege, häusliche Pflege, ambulante Pflege, Angehörigen- und Umfeldbegleitung, niedrigschwellige Betreuungsangebote, ergänzende teilstationäre Angebote (Kurzzeit-, Tages- und Nachtpflege u. a.), stationäre Behandlung im Allgemeinkrankenhaus, stationäre Pflege nach § 43 SGB XI und spezialisierte ambulante Palliativversorgung.
  • Krisenintervention: Angeführt wird hier u. a. das Krisentelefon, Krisenintervention durch psychiatrische Bezugspflegekraft und Arzt, medikamentöse Krisenintervention, Krisenintervention im häuslichen Umfeld, in einer psychiatrischen Einrichtung und in einem Pflegeheim.
  • Kooperation und Qualitätssicherung: Im Mittelpunkt stehen hier: Behandlungskonferenzen, Konsiliar-, Beratungs- und Vernetzungsarbeit, Qualitätsmanagement, Fort- und Weiterbildung, Arbeitskreis Qualitätssicherung und Netzwerkaufgaben des IV-Netzwerkmanagers.

Diskussion und Fazit

Ein sehr umfangreiches Konzept für „Behandlungspfade“ für Demenzkranke wird hier offeriert. Es zeigt sich deutlich, dass hier Experten der Versorgungsforschung im psychiatrischen Bereich am Werke waren.

Der Rezensent hat den Eindruck, dass all diese beschriebenen Leistungs- und Kooperationsangebote, die vom Hausarzt als „Case-Manager“ überwacht und gelenkt werden, mehr für akute psychiatrische Erkrankungen angemessen sind, nicht jedoch für Demenzkranke. Wenn z. B. die Autoren von „begrenzten Heilungsmöglichkeiten“ (Seite 30) ausgehen, dann liegen sie schon falsch. Primäre Demenzen, die ca. 80 bis 90 Prozent der Erkrankungen ausmachen, sind nach wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht heilbar. Nur bei sekundären Demenzen (ca. 8 – 12 Prozent) kann eine Heilung erreicht werden.

Die Autoren scheinen bezogen auf ihren beruflichen Werdegang und Hintergrund mit dem Alltag der ambulanten Versorgung Demenzkranker durch niedergelassene Ärzte und ambulante Dienste nicht angemessen vertraut zu sein. Demenzen haben ihre eigene Behandlungs- und Versorgungslogik, die nicht mit den Strategien der Akutpsychiatrie in Deckung und Einklang zu bringen sind.

So bleibt das Fazit zu ziehen, dass in dieser Veröffentlichung eine Reihe von Empfehlungen und Vorschlägen unterbreitet werden, die jedoch hinsichtlich ihrer Anwendbarkeit und Praxistauglichkeit im Kontext einer angestrebten Standardisierung noch detailliert überarbeitet werden sollten.


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 29.06.2016 zu: Jeanett Radisch, Johanna Baumgardt, Elina Touil, Jörn Moock, Wolfram Kawohl, Wulf Rössler: Demenz. Behandlungspfade für die ambulante Integrierte Versorgung von psychisch erkrankten Menschen. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2015. ISBN 978-3-17-024830-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16918.php, Datum des Zugriffs 22.11.2019.


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