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Paul Kochenstein: Ratgeber Sexualität

Cover Paul Kochenstein: Ratgeber Sexualität. Sexuelle Störungen beheben, Leidenschaft neu entdecken, Sexualität lustvoller erleben. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2014. 5., aktualisierte Auflage. 158 Seiten. ISBN 978-3-7815-1976-3. D: 17,90 EUR, A: 18,40 EUR, CH: 25,90 sFr.
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Entstehungshintergrund

Dieses Buch ist ein Exzerpt aus einer mehr als dreissigjährigen einschlägigen Berufspraxis. Es ist ganz bewusst nicht als wissenschaftlicher Erguss, sondern als schlichter „Ratgeber“ konzipiert, schreibt der Autor im Vorwort. Die vorliegende Ausgabe erscheint in 5. Auflage und ist aktualisiert.

Aufbau

Das Buch befasst sich im ersten Teil eher mit allgemeinen Themen der Sexualität

wie beispielsweise:

  • Für Sex bezahlen?
  • Definition der Sexualität, oder gibt es Normen?
  • Selbstbefriedigung
  • Kennzeichen des guten Liebhabers/der guten Liebhaberin
  • Übungen für Fortgeschrittene oder Empfehlungen und Spiele für Neugierige

Im mittleren Teil geht Paul Kochenstein kurz auf Probleme ein wie

  • Guter Sex trotz Kind
  • Sexualität im Alter
  • Sexsucht

Um im letzten Teil dann die häufigsten Störungen aufzugreifen. Dazu gehören:

  • Funktionelle Störungen beim Mann, wie Störungen der Erektion und Ejakulation
  • Der Teufelskreis der Versagensängste
  • Die Störungen beseitigen
  • Die häufigsten Probleme bei der Frau wie Orgasmus- und Libidostörungen, Vaginismus und Dyspareunie
  • Orgasmusstörungen beheben

Inhalt

1. Ideale Grundannahmen – Der Ratgeber geht von einer beinahe idealen Grundannahme aus: Zwei Menschen die sich lieben, die ihre Partnerschaft als glücklich bezeichnen und die sich wünschen, dass es auch im Bett so erfüllend sein sollte, wie in anderen Lebensbereichen. Beide definieren das sexuelle Problem als ein gemeinsames und beide sind entschlossen, daran etwas zu ändern.

2. Zwei Hauptfäden - Kochenstein betont die Bedeutung der Kognition und die Wichtigkeit einer ungestörten Kommunikation.

3. Mangelnde Aufklärung – Wir alle sind ein wenig verklemmt und gehemmt, ist eine Behauptung des Autors, denn eine angemessene Sexualerziehung finde im Elternhaus auch heute in aller Regel nicht statt. So werde beispielsweise mehr gewarnt als darüber aufgeklärt wie Sex lustvoll gelebt werden könne.

4. Zärtlichkeit – Zur sexuellen Befriedigung gehöre auch ein seelischer Anteil. Ausdruck dafür seinen Zärtlichkeiten; für fast alle Menschen ein wichtiger Bestandteil einer sexuellen Begegnung.

5. Sexualität - Sexualität sei ein bedingungsloses Geben und Nehmen auf erotischer Grundlage zum Zweck der Luststeigerung und mit dem Ziel der Lustbefriedigung.

6. Selbstbefriedigung – Das Thema vergleicht Kochenstein mit essen. Genauso unvernünftig wie es wäre zu hungern, weil keine Partnerin da ist mit der man Essen gehen könnte, genau so unvernünftig wäre es, auf körperliche Befriedigung zu verzichten, nur weil momentan kein Sexualpartner da sei.

7. Eigener Weg – Jedes Liebespaar muss den Weg zu seiner eigenen erfüllten Sexualität finden. Es gebe keine Richtlinien oder verbindlichen Normen beispielsweise betreffend Häufigkeit, Menge der Zärtlichkeit, Dauer etc.

8. Mythos Koitus – Im Brennpunkt der männlichen Bemühungen stünde das Zustandekommen eines Koitus zur Lustbefriedigung. Bei der Frau spielten mehr seelische Gründe mit, die zum Koitus führten. Die Suche nach anderen Sexualpraktiken, durch die ein Höhepunkt ausgelöst werden könne, sollte also das bestimmende Element beider Partner in ihrem Liebesspiel sein.

9. Wünsche und Fantasien - Der Autor zeigt auf, wie wichtig es ist, über Wünsche zu reden. Hingegen können Fantasien die ein Gegenüber verletzen oder Praktiken es nicht umsetzen will, getrost verschwiegen werden.

10. Probleme - Von Problemen sollte erst geredet werden, wenn sexuelle Kurz- und Frustbegegnungen die Regel werden. Ein Paar könne beispielsweise seine letzten drei Intimkontakte unter die Lupe nehmen und sich fragen, ob die nächsten drei Begegnungen ähnlich ablaufen können.

11. Ängste - Den meisten sexuellen Problemen lägen versteckte, subtile Ängste zugrunde, welche die Hingabe- und Genussfähigkeit beschneiden.

12. Beide – Ein sexuelles Problem, betreffe niemals nur einen Partner alleine. Meist werde übersehen, dass die sexuelle Begegnung auf einem komplizierten Wechselspiel zwischen dem agierenden Paar beruhe, so Kochenstein. Und hinter jeder sexuellen Funktionsstörung verberge sich weiter auch eine Kommunikationsstörung. Die einzig sinnvolle Feststellung laute deshalb: „Wir haben ein Problem, wir wollen beide daran arbeiten“.

13. Guter Liebhaber - Er ist einfühlsam, streichelt ohne zu drängen, er spüre wie lange, wo und wie intensiv seine Geliebte gestreichelt werden möchte. In seinen Armen erlebe sie Lust, Ekstase, Geborgenheit und Sicherheit zugleich.

14. Gute Liebhaberin – Sie vermittle ihm nachhaltig und glaubwürdig, dass er der Grösste sei und dass sie noch nie so tollen Sex erlebt habe wie mit ihm. Und sie weiss, nur wenn auch sie den Gipfel der Lust erstürmen konnte, ist ihr Geliebter mit seiner Rolle wirklich zufrieden. Andernfalls war er ja nicht gut im Bett.

15. Lust entdecken – Der Autor schlägt diverse Übungen und Spiele vor.

16. Beschrieb der Störungen des Mannes - Erektions- und Ejakulationsstörungen gehören zu den häufigsten Störungen beim Mann und der Autor stellt die Frage, ob diese körperliche oder psychische Ursachen haben und bespricht auch das Thema Viagra und Co.

17. Störungen beseitigen - Kochenstein stellt für Erektions- sowie Ejakulationsstörungen je ein kurzes Programm in drei Lernschritten vor, bei denen das Mitwirken der Partnerin gewünscht ist.

18. Beschrieb der Störungen der Frau – Orgasmusstörungen, Vaginismus, Dyspareunie, (schmerzhafter Geschlechtsverkehr) Libidostörungen.

19. Störungen beheben - Für die Frau stellt der Autor im letzten Kaptitel ein Programm in drei Lernschritten zur Behebung von Orgasmusstörungen vor, denn die Orgasmusfähigkeit sei lernbar wie Radfahren oder Schwimmen.

Diskussion

Grundsätzlich bietet das Buch einen guten ersten Überblick zu Fragen, Themen, Störungen rund um die Sexualität, wie sie sich in jeder längeren Liebesbeziehung stellen können.

Der Ratgeber eignet sich für Paare, die das sexuelle Problem als gemeinsames Problem erkennen können und daran auch gemeinsam arbeiten möchten.

In vielen Punkten kommt das Buch etwas gar zielgerichtet daher. So ist beispielsweise der zentrale Punkt von sexuellen Aktivitäten das Erreichen des Orgasmus. Dass es durchaus auch ziellosere Formen des erotischen Zusammenseins gibt, die von beiden als befriedigend erlebt werden können, bleibt etwas ausser acht. Meiner Erfahrung nach, sorgt gerade dieses zwingende „Orgas-müssen“ bei vielen Paaren für grossen Druck.

Auch wenn Paul Kochenstein betont, dass jedes Paar seinen eigenen Weg gehen muss, bleibt vieles widersprüchlich und leistungsorientiert. Zum Beispiel entsprechen seine beschriebenen „Liebhaberqualitäten“ viel eher Hellseherqualitäten, und die Frau tut, laut ihm, gut daran, einen Orgasmus zu haben, denn sonst gibt sie ihm das Gefühl, kein guter Geliebter zu sein, und somit ist sie ohne Höhepunkt keine gute Geliebte. Mit Selbstverantwortung hat das nichts zu tun.

Wenn der Autor davon ausgeht, dass den meisten sexuellen Problemen versteckte, subtile Ängste zugrunde liegen, welche die Hingabe- und Genussfähigkeit beschneiden, dann scheinen mir viele seiner Anleitungen zu oberflächlich. Wie kann eine Frau, die tiefe Scham empfindet, beispielsweise in die Rolle einer Hure schlüpfen? Oder ein Mann, der sich in der Spirale von Versagensängsten befindet, wie soll er die Anleitung befolgen: „Ihre Begegnung sollte zu einem auf Lust ausgerichteten, heiteren Liebesspiel werden. Bleiben Sie deshalb locker und vielleicht auch ein bisschen witzig.“?

Insgesamt scheint mir, dass sich der Ratgeber zu sehr an den WHO-Klassifikationen psychischer Störungen orientiert, wozu auch Lustverlust etc, gezählt werden. Heutige Sexualtherapie sollte meines Erachtens nicht derart defizit- sondern vielmehr ressourcenorientiert daher kommen. Auch wenn Kochenstein Hinweise zum Finden eines guten Sexualtherapeuten gibt, und als Kriterium nennt, dass er oder sie das vorliegende Buch kennt, scheint mir das doch etwas gar hoch gegriffen, trotz der zweifellos grossen und wertvollen Berufspraxis des Autoren.

Fazit

Ein handliches Buch, kurz gehalten, leicht und schnell lesbar, geeignet für Paare, die ihre sexuellen Schwierigkeiten als gemeinsames Projekt angehen wollen. Ein Buch mit guten Hinweisen, aber auch voller Widersprüche.


Rezensentin
Marlise Santiago
Praxis für Körper, Beziehung, Sexualität
Homepage www.beraten-und-beruehren.ch
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Zitiervorschlag
Marlise Santiago. Rezension vom 24.07.2014 zu: Paul Kochenstein: Ratgeber Sexualität. Sexuelle Störungen beheben, Leidenschaft neu entdecken, Sexualität lustvoller erleben. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2014. 5., aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-7815-1976-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/16935.php, Datum des Zugriffs 18.11.2019.


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